Rhineland

Heute ist ja der elfte im elften, und schon morgens um 9:00 Uhr laufen hier bärtige Hennen herum und Polizistinnen mit zu großen Mützen und jede Menge Clowns. Ich selbst treibe ja nicht gern so großen Aufwand, um mich zu verkleiden, eine Latzhose und ein Ringelshirt müssen da reichen und mich schminken ist eine kleine Höllenfahrt – nichtsdestotrotz lässt es mein Herz hüpfen vor Freude, wenn die Rheinländer*innen so super super cool aussehen – und sich auf Bahnsteigen und über vierspurige Straßen hinweg gegenseitig Respekt zollen für ihre fabelhaften Kostüme. Ich finde es voll schön hier!

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Politische Strömungen ohne Einfluss (#114)

Der rheinische Mäxismus des frühen 21. Jahrhunderts ist in seiner Wirkung kaum zu überschätzen. Mit der flächendeckenden Ausbreitung der selbstausräumenden Spülmaschine ab 2019 büßte er seine geringe Bedeutung schließlich vollständig ein.

(aus „The Rise and Fall of the selfish Houseman“, Birger Schirmanoff, London 2032, transl. Maxim Loick)

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Das Zuckern von Gebratenem

Ist der Erfolg von Ketchup dem Umstand zu verdanken, dass das Zuckern von Gebratenem bis heute keine gesellschaftliche Anerkennung erfahren hat? Und hat umgekehrt der Erfolg des Ketchups den Anerkennungsprozess nicht entscheidend verlangsamt? Und wer – diese Frage muss an dieser Stelle erlaubt sein – profitiert eigentlich davon?

Beim Essen von Wurstbroten stellt sich ja die Frage, mit welcher Hand man das Brot und mit welcher das Smartphone hält. Eine erste Antwort lieferte mir meine Schwester (an dieser Stelle schnell ein #ff für @Aetideopsis):

https://twitter.com/Aetideopsis/status/473748567988129792

In dieser Form ist mir die Antwort jedoch zu pauschal, ich glaube, es kann keine einfache Antwort darauf geben, denn einfache Antworten werden den spezifischen Gegebenheiten eines jeden Brotes nicht gerecht. Was für ein Brot ist das, das ich da halte? Ist Ketchup drauf? Drohen Salat und Aufschnitt auf eben diesem Ketchup seitlich herauszurutschen? In welcher Situation ist das Ablegen des Brotes, in welcher das des Smartphones angemessen? Gibt es Brote, die gar mit Besteck zu essen sind (so wie es in der Generation meiner Eltern in Westfalen bis heute noch verbreitet ist)? Wohin mit dem Device in diesem Fall? Kein Wunder, dass es in der Generation meiner Eltern in Westfalen so viele Offliner gibt.

Zutaten: Tomatenmark, Rohrohrzucker, Branntweinessig, Meersalz
Zutaten: Tomatenmark, Rohrohrzucker, Branntweinessig, Meersalz

Aber wenden wir unseren Blick nun dem Spiegelei zu. Also dem Spiegelei auf Brot. Auch in meiner eigenen Generation – so lautet zumindest ein Ergebnis meiner empirischen Beobachtungen – werden derlei Brote nicht nur mit Ketchup, sondern vor allem auch vom Teller mit Messer und Gabel verspeist, das Device wird dabei neben dem Teller abgelegt und sporadisch mit dem abgespreizten kleinen Finger bedient. Schlimm ist dabei das ewige Sich-Abschalten des Bildschirms, was zu vielen Wachhalte-Stuppsen auf selbigen führt. Auch das Scrollen mit dem kleinen Finger, während man das Messer hält, kann noch nicht die finale Ausbaustufe des Always-On beim Spiegelei auf Brot essen bedeuten, ich verlange da einfach mehr von mir selbst und von der Gesellschaft.

Ich wage daher die Prognose: Der nächste Hice Shice wird die Portierung der Fähigkeiten von Smartphones auf handlos zu bedienende Devices und somit der Auflösung des Smartphones sein. Nur Ketchup, der bleibt, zumindest sehe ich keinerlei Anzeichen, dass das Zuckern von Gebratenem in absehbarer Zeit salonfähig würde.

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Rettung der Popkultur, Vorschlag 1

Nach der diesjährigen Echo-Verleihung, die ich nicht gesehen habe, habe ich zwei wunderbare Rants lesen dürfen, die völlig zu recht fordern, dass unsere einheimische Rebellionskultur am Abgrund steht und dringend neuer Musik bedarf. Der erste Rant, den ich gelesen habe, stammt vom großen alten Mann des guten Geschmacks, @HuckHaas, der zweite*), nicht minder großartige Ausbruch von keinem geringeren als @nilzenburger.

Und sie haben beide Recht. Wir müssen was tun. Aber was kann ich knapp 40jähriger nun aktiv dazu beitragen? Das einzige, was ich tun kann, ist mein altes Konzeptalbumkonzept „Sorry that I lied to you, but it was for your own safety“ von 2008 (da war ich ja noch erheblich jünger und vielleicht noch nicht so ganz das Establishment), noch einmal hervorzuholen, und die Kreativen in diesem Internet dazu auffordern: Macht was draus. Vielleicht stellt @nilzenburger das Personal (Songwriter und Band!) zusammen und @HuckHaas macht die Gestaltung. Oder wir vergessen die ganze Sache einfach und hören Helene Fischer.

Konzept-Summary:

Andreas und Anita Weber führen eine glückliche, sehr durchschnittliche Ehe, bis Anita eines Tages auffällt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Was sie nicht weiß: Sie ist die erste islamische Weltherrscherin von Allahs Gnaden, aber weil die islamische Welt noch nicht so weit ist, bringt sie diese Tatsache in Gefahr. Ihr Ehe mit Andreas Weber ist eine vom Geheimdienst vorgespielte Scheinwelt, um sie vor islamistischen Eiferern zu schützen.

Als sie zu ahnen beginnt, dass ihr Leben nicht das ist, was es vorgibt zu sein, gerät das ganze Konstrukt des Geheimdienstes ins Wanken. Erschwerend kommt dazu, dass sich der angebliche Andreas wirklich in Anita verliebt hat. Der Geheimdienst schickt seinen Top-Agenten Katamanga, um die Sache wieder gerade zu rücken, aber Anita, die nur die halbe Wahrheit herausbekommen hat, flieht. Durch einen Zufall erfährt sie, wer Andreas wirklich ist. Durch ihre Flucht ist aber auch ihre Tarnung gegenüber den islamistischen Eiferern aufgeflogen, so dass sie in großer Gefahr schwebt. Erst in höchster Gefahr und letzter Sekunde, als Anita und Andreas (alias Carsten Schneider) kurz vor der Ermordung durch die Isalmisten stehen, findet Katamaga, der Top-Agent, die beiden und rettet sie in letzter Sekunde. Die beiden können fliehen (und Katamanga übertritt ein einziges Mal seine geheimdienstlichen Pflichten, als er ihnen durch Wegschauen zur Flucht verhilft). Erst nach der gelungenen Flucht erfährt Anita die ganze Wahrheit von Andreas und die beiden verschwinden auf Nimmerwiedersehen im Sonnenuntergang von Mecklenburg-Vorpommern.

 

Tracklist:

  1. The Webers
  2. No Streit, no Streit, no Streit Again!
  3. Katamanga
  4. Western Islam Wears a Business Suit
  5. The Escape of a Woman
  6. His Name is not Andreas
  7. Extremist Pressure
  8. Katamanga is Back
  9. Reunion in Tears
  10. Sorry that I lied to you, but it was for Your own Safety

 

Details zu den einzelnen Tracks:

The Webers: Es soll eine langweilige Bürgerlichkeit ausgedrückt werden, Einförmigkeit des Alltags. Wichtig: Es muss so geschiegelt daher kommen, dass es zu schön um wahr zu sein ist. Alle Ziele, die die Webers sich setzen, werden in etwas zu kurzer Zeit erreicht. Immer scheint die Sonne, Langeweile auf hohem Niveau.

No Streit, no Streit, no Streit again!: Hier fällt Anita auf, dass alles zu glatt läuft. Hier brauchen wir wieder ein sehr glattes Stück, das dreimal durch von Anita vom Zaun gebrichenen Streits aufgeschüttelt wird. Den ersten Streit bricht sie vom Zaun wegen einer lächerlichen Kleinigkeit, aber Andreas schafft es ganz leicht, alles wieder in die glatten Bahnen zurück zu lenken und das langweilige Leben geht ein wenig weiter. Anita fällt auf, wie leicht das ganze wieder zum Guten gefunden hat, und beginnt zu zweifeln. Den zweiten Streit bricht sie aus dem Nichts vom Zaun, um zu prüfen, ob sie und ihr Mann fähig sind, einen echten Streit zu haben. Als Andreas wieder zu gut reagiert, wird ihr klar, dass etwas nicht stimmt. Sie weiß aber noch nicht, was das ist. Der dritte Streit ist dann echt, als Anita Andreas mit ihren Zweifeln konfrontiert und ihm Fragen stellt, die er nicht beantworten kann.

Katamanga: Aufgeschreckt durch den dritte, den echten Streit, informiert Andreas seinen Kontaktmann beim Geheimdienst, dass Anita anfängt, etwas zu ahnen. Erst an dieser Stelle erfährt auch der Zuhörer, dass Andreas für die Geheimdienst arbeitet. Um die Sache wieder ins Reine zu bringen, schickt der Geheimdienst seinen Top-Agenten Katamanga, einen Hundertprozenter, einer, der nicht nur jede Dienstvorschrift kennt, sondern auch weiß, warum es sie gibt. Eiskalt, tödlich, wo es sein muss, aber hundert Prozent unauffällig. Optisch der Typ Landsteuerberater, unter dessen kleinkariertem Zweireiher eine tödliche Waffe versteckt ist (nämlich sein Körper). Katamanga braucht eine kleine Hookline, an der der Zuhörer ihn erkennen kann.

Western Islam wears a Business Suit: Um dem Zuhörer nun die Hintergründe zu vermitteln, wird der Fokus aufgezogen. Es gibt eine Weltherrscherin von Allahs Gnaden, aber die islamistischen Eiferer würden sie niemals akzeptieren, daher gibt es in der islamischen Welt viele Strömungen. Eine ist der westliche Islam, der eine Säkularisierung zum Ziel hat und eine weibliche Weltherrscherin akzeptieren würde. Der Zuhörer ahnt: Anita ist diese Wetherrscherin.

The Escape of a Woman: Als Katamanga auf den Plan tritt und Anita bemerkt, dass sein Sparkassenoutfit einen unnäturlich trainierten Stahlkörper verbirgt und als sie ein Telefongespräch von Andreas mit dem Geheimdienst belauscht (aber nur Teile dieses Gesprächs versteht), bekommt sie Angst und reißt aus. In wilder Panik flieht sie aus allem, was sie kennt und begibt sich in totale Unsicherheit. Kopfloser, schmutziger Sound ist hier gefragt.

His name is not Andreas: In einer Absteige in Billerbeck kommt Anita zur Ruhe. Aber auch hier hat sie der Geheimdienst schon aufgespürt. Um sie zu beruhigen, entschließt sich der Geheimdienst, ihr einen Teil der Wahrheit und die wahre Identität von Andreas zu offenbaren. Sein wirklicher Name ist Carsten Schneider. In einem rührenden Telefongespräch zwischen Anita und Carsten wird klar: Carsten hat sich wirklich in Anita verliebt, aber die Zeit ist zu knapp, um alle Fragen zu beantworten.

Extremist Pressure: Weil Anita durch ihre Flucht unwissentlich ihre Tarnung aufgehoben hat, haben die islamistischen Extremisten auch Wind davon bekommen, wer Anita wirklich ist. Sie machen Anita in Billerbeck ausfindig, Carsten kann sie gerade noch aus höchster Gefahr retten. Aber keine Zeit zu verschnaufen, die Extremisten sind ihnen immer dicht auf den Fersen. Schließlich flüchten sich die beiden in eine Fabrikhalle, wo es zum Showdown kommt: zweihundert schwer bewaffnete Extremisten gegen Carsten und Anita!

Katamaga is back: Gerade, als sich alle zweihundert Extremisten als Selbstmordattentäter entpuppt haben und gerade ihre Bomben zünden wollen, tritt Katamanga ein zweites Mal persönlich auf den Plan und schafft es, die Extremisten für eine Minute zu gemäßigten islamischen Gläubigen zu machen. Diese Miunte reicht Carsten und Anita, um endlich zu fliehen. Katamanga weiß, dass er Anita eigentlich nicht gehen lassen darf, aber weil ihm auch klar ist, dass die Erste islamische Weltherrscherin noch nicht eingesetzt werden kann, nimmt er in Kauf, dass die beiden jetzt auf Nimmerwiedersehen verschwinden werden. Es ist das einzige Mal, dass er eine Dienstvorschrift ignoriert.

Reunion in tears: Als Carsten und Anita nun endlich in Sicherheit sind, erzählt Carsten Anita endlich auch den zweiten Teil der Wahrheit, und dass er sie trotz allem liebt, auch wenn seine Liebe anfangs nur Teil seines Auftrags war. Anita bittet ihn, ihr etwas Zeit zu geben.

Sorry that I lied to you, but it was for your own safety: In einem herzzerreißenden Brief bittet Carsten Anita um Entschuldigung und bietet ihr an, mit ihm zusammen für immer unterzutauchen, um ein langweiliges bürgerliches Leben fern aller Geheimdienste, Extremisten und Katamangas zu führen. Anita willigt ein und sie gehen in den Sonnenuntergang von Mecklenburg-Vorpommern. Ab da leben sie als fremdenfeindliche Ossis in Bad Doberan, weil das am unauffälligsten ist. Ganz zum Schluss wird dem Zuhörer klar: Alle fremdenfeindlichen Ossis sind in Wirklichkeit getarnte Ex-Geheimdienstler mit einer etwas zu dick aufgetragenen Tarnung.

 

*) Und wie ich gerade eisern recherchiert habe, hat der @nilzenburger seinen Beitrag zu erst geschrieben, aber ich habe den von @HuckHaas zuerst gelesen, aber das ist nichts als eine Randnotiz.

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Hinter den Kulissen des D64-Tickers

Ich bin einer der Schreiberlinge des D64-Tickers. Die anderen sind @lino, @lutzmache und @rjaeger. Früher hat @nico den Ticker alleine gemacht, aber dann wurde das für einen einzelnen zu viel Arbeit. So teilen wir vier uns das jetzt, jeder ist für eine Woche verantwortlich. Und wir lieben es*).

Logo D64 - Zetrum für Digitalen Fortschritt
D64 – Zetrum für Digitalen Fortschritt

Und heute liebe ich den D64-Ticker besonders, der Titel, großartig: „Schon Adenauers Handy wurde von der NSA abgehört“! Die Headline, einfach fabelhaft: „NSA schreckt vor nichts zurück: Wanzen in Brioni-Anzügen“! Dafür schon mal großen Dank an Lutz.

Aber was mir heute am meisten Freude macht, ist die hervorragende Rezeption dieser Ausgabe, el @nico spricht stellvertretend für uns Schreiber unseren Dank aus:

*)In Wirklichkeit ist natürlich ein rücksichtsloser und immens brutaler Wettbewerb unter den Schreibern ausgebrochen: Wer erzielt die höchsten Open Rates? Wer die meisten Klicks? Wer macht die beste Überschrift? Schafft endlich einer den ersten Retweet? Wir gönnen dem anderen keinen gelungenen Witz und tun so, als hätten wir den schon vor Jahren selbst zig-mal gemacht.

Disclaimer: Alles nur Spaß, ich glaub, ich schreib’s besser mal dran. Das Erstellen des Tickers dauert etwa eine Stunde am Abend, wir sind dankbar für Vorschläge und Hinweise auf Artikel/Blogbeiträge/Termine, die netzpolitisch relevant sind. Ihr könnt uns auf Twitter direkt auf Texte aufmerksam machen oder unter http://d-64.org/ticker/ Vorschläge einreichen. Unter der selben Adresse könnt Ihr den Ticker auch abonnieren.

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Blätterteich

Geblättert hab ich den Teich
mit feinem Laube so weich,
damit die Tiere darin
etwas warmes haben.

Sie legen ihre müden Köpfe darauf
Und schieben ihre Flossen darunter
Sie seufzen dankbar
Und ich bin in ihren Träumen mitunter.

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Melodram

Wir schreiben das Jahr 2035. Alle Sozialdemokraten haben eine neue Heimat gefunden, bei den Grünen, in der Linkspartei, bei den Piraten und sogar in der FDP.

Gestern der Anruf: „Heraus, Genosse! Du und ich!“

Ich stehe nun also in diesem verlassenen alten Social Network StudiVZ, es tropft auf den nackten Betonboden, fahles Licht fällt durch die Fenstergitter, die schon lange kein Glas mehr tragen. In einem der Schattengebilde da hinten, wo der alte Koffer liegt, meine ich die Züge von Angela Merkel ausmachen zu können. Was tue ich hier? Wem will ich noch etwas beweisen? Es ist längst eine persönliche Sache geworden, nur noch der Fraktionsvorsitzende und ich. Fraktion, was für ein Wort! In der ganzen Partei sind nur noch er und ich übriggeblieben. Ich stehe mitten im alten StudiVZ, ungedeckt, soll er mich doch treffen aus seinem ewigen Hinterhalt, was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Ich will nur noch, dass es vorbei ist.

Es ist still. Volvic tropft von einem der Stahlträger auf die immer gleiche Stelle, tupp, tupp, tupp, tupp… Dann ein Sirren. Mein Device sagt mir, dass er jetzt da ist. Ich kann ihn nicht sehen. Er ruft: „Ich habe mich erklärt, vor über sechsundzwanzig Jahren habe ich mich erklärt! Ich bin dir nichts schuldig!“ Ich huste, was aber ein Lachen sein sollte. „Komm endlich raus“, rufe ich. „Komm hier her, guck mich an, und sag mir, wie du dich erklärt hast!“

Plötzlich werden meine Knie weich. Vielleicht habe ich das alles über all die Jahre nur nicht hören wollen? Was, wenn ich Unrecht gehabt haben sollte? Wenn ich seine Erklärung einfach nur nicht verstanden habe? „Erklär dich nochmal!“ rufe ich.

Das Sirren. Sein Rollstuhl erscheint direkt in den schmierigen Lichtstrahlen neben dem alten Koffer. Da sitzt er, gebrochen, noch kaputter als ich selbst. Er sagt: „Weißt du, was in diesem Koffer ist?“

Er sagt: „Darin ist, was wir zusammen mal für die Freiheit gehalten haben. Was wir für die Freiheit gehalten haben im Jahr, in dem dein Sohn geboren wurde. Ich habe getan, was ich für notwendig hielt, um deinem Sohn diese Freiheit wahren zu können. Du beschimpfst mich seit ich den Fraktionsvorsitz übernahm.“ Ich gucke ihn schräg an. Ich rufe: „Es wäre an vielen Stellen Zeit gewesen, anderen die Deutungshoheit zu überlassen!“

„Du Narr!“ schallt es durch die Halle zurück, „wir sind gemeinsam daran zugrunde gegangen, dass wir, jeder für sich, geglaubt haben, wir würden die Deutungshoheit kennen! Ich bin alt. Ich sterbe. Ich überlasse sie dir!“ Er zieht umständlich etwas aus seiner Gesäßtasche, er muss sich mühen im seinem Rollstuhl, er ächzt und dann hat er ein Dokument in der Hand. Ich will einen Schritt auf ihn zugehen, aber plötzlich hat er einen kleinen Gegenstand in der Hand, den ich nicht genau erkennen kann, länglich, schwarz, ich stutze. Dann sehe ich, es ist ein Füllfederhalter. Er kritzelt auf das Dokument und wirft es auf den Betonboden. „Da hast du es!“ sagt er, erstaunlich ruhig. Er blickt kurz auf das Dokument, dann dreht sich sein Rollstuhl um und er verschwindet mit diesem Sirren in den toten Weiten von StudiVZ.

Ich stehe da und weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Vorsichtig nähere ich mich dem Dokument, das dort neben dem Koffer liegt. Niemand kommt, niemand ist da. Ich hebe das Dokument auf, es trägt ein altes Zeichen, einen Adler. Der Koffer, sehe ich, ist nicht richtig verschlossen. Ich hebe den Deckel und er ist voll mit Broschüren. Ich nehme eine in die Hand, auf der ersten Seite steht „Beschlossen am 28. Oktober 2007.“ Ich blicke auf das Dokument in meiner anderen Hand. Dort steht: „Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, SPD.“ Ich sehe sein Gekitzel. Dort steht in zittriger Hand sein Name.

Als @frau_ratte mich abholt, frage ich sie, wie es den Kindern geht. Sie antwortet mir nicht. Sie sieht mich an wie an jenem Tag, an dem sie die Koffer aus unserer Wohnung trug.

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Eulen im Glas und Ehrenpodex

Schnell, ich muss noch was bloggen, sonst ist wieder ein Fünfer fällig. Aber es soll nichts mit Partei oder Forderungen zur Verbesserung der Welt zu tun haben (es wurde gemault in meinem Umfeld).

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Eule im Glas

Daher hier ein Bild von einer Eule im Glas. Ausserdem möchte ich kurz von den Bemühungen berichten, die Kinder dazu zu bringen, dicke Hintern in Zukunft bitte weniger offensiv zu benennen. Für den Fall, dass eine Benennung des Offensichtlichen nicht zu umgehen ist, solle doch der Terminus „Ehrenpodex“ verwendet werden. Ich zweifle jedoch, ob die Kinder das bereits so verinnerlicht haben, dass sie diese Sprachregelung in Drucksituationen parat haben.

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Plot Resterampe, #021

hydraIQDie Kommissare stehen vor einem Rätsel, der einzige Anhaltspunkt ist eine Shampooflasche, auf der vom sogenannten Hydra IQ die Rede ist. Fassungslos verweigern die Kriminalisten jegliche weitere Dusche, denn ihnen ist selbstverständlich bekannt, dass die Hydra ein eher unangenehmes Wesen gewesen sein soll, so soll sie unter dem Namen „Lernäische Schlange“ Viehherden gerissen und Felder verwüstet haben. Als sie beim Hersteller unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren, dass dieser erpresst wird, machen sie sich auf die Suche nach dem Täter. Über Zufälle, Knobeleien und kriminalistischen Scharfsinn kommen sie dem Täter schließlich auf die Spur, einem wildgewordenen Bildungsbürger, der den Seifenhersteller unter dem Pseudonym Ovid of Ysdy, Vith and Shuft zwingt, seine Produkte mit dem Hydra IQ zu vermarkten, eine Idee seines kranken Gehirns, nach der er subtil auf die Umweltverschmutzung durch die Produkte des Seifenherstellers aufmerksam machen will. Weil Ovid of Ysdy, Vith and Shuft die Firma in der Hand hat, zwingt er sie zu immer neuen völlig durchgeknallten Produktideen, so muss die Firma nicht nur Diamantenstaub in ein Shampoo mischen, sondern auch eine Maßeinheit für die Strahligkeit von Teints erfinden.

Schließlich stellen die Kommissare den Täter, als dieser gerade in seinem alten Kinderzimmer am Flügel sitzt und eine Fantasie im Stile von  Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow spielt. Da er ganz in sein Spiel versunken ist, haben die Polizisten mit ihm leichtes Spiel. Als der Täter bereits im Gefängnis sitzt, murmelt er, inzwischen völlig zum Kind zurückentwickelt, einen Fluch über die Gesellschaft.

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