Keine Fragen, keine Vorbehalte

Gerade hat @TantePolly bei Twitter diese Frage gestellt:

Und da erinnere ich mich an eine ca. 8 Tage zurückliegende Episode… Ich fuhr den Großen Sohn zu seinem Freund L in Oberkassel, auf dem Rückweg wollte ich auf die B42 auffahren, als da am Rand der Auffahrt ein Typ fuchtelnd neben seinem ziemlich alten Mercedes stand und mich rechts ranwinkte. Ich ließ das Fenster der Beifahrerseite runter und in hektischem gebrochenem Englisch bedeutete mir der Mann, dass er kein Benzin mehr habe und irgendwas mit seinem Baby und seiner Frau sei, Klinik! Durchs Fenster hatte ich gesehen, dass er einen etwa neun oder zehn Jahre alten Jungen hinten im Auto hatte. Der Mann fragte mich nach Geld und bot mir seine vergoldete Uhr an, seine Stimme überschlug sich und nur wenige Worte ergaben einen Sinn in meinem Kopf. Jedenfalls habe ich ihm einfach die 30 Euro gegeben, die ich noch im Portemonnaie hatte. Er hat mir die Hand mehrfach geküsst, schien mir aufrichtig dankbar und emotional immer noch sehr aufgewühlt. Die vergoldete Uhr, die er mir durchs Fenster schon auf den Beifahrersitz gelegt hatte, habe ich ihm selbstverständlich zurückgegeben und ihm gesagt, dass ich ihm das Geld schenke, weil er in Not sei und ich ihm dafür seine kostbare Uhr nicht abnehmen wolle.

Er hat sich so bedankt!

Als ich weiterfuhr dachte ich: Der steht ohne Benzin in der Auffahrt… nützen ihm da 30 Euro in bar überhaupt was? Kommt er noch bis zur nächsten Tanke? Oder hat der mir was vorgespielt? Vielleicht hatte er gar keine Frau in der Klinik? Aber kann man so eine Aufgewühltheit eigentlich spielen, für 30 Euro?

Ich habe beschlossen, dass ich ihm glaube. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass vielleicht eine ganze Familie sich auf ewig daran erinnern wird, dass ihnen mal ein ganz fremder Mensch in höchster Not 30 Euro geschenkt hat, ohne Fragen, ohne Gegenleistung, in Sekunden. Das macht mir ein gutes Gefühl, allein dafür sind 30 Euro eigentlich ein ziemlich fairer Preis.

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Charakterschwächensourcecodes initialisieren

Bei Twitter twittere ich viel dummes Zeug, so wie viele andere auch. Ein paar Bösartigkeiten sind vielleicht manchmal dabei. Wenn man alle die miesen Jokes, die im Konjunktiv verfassten Gemeinheiten zusammennimmt, könnte man Teile von Twitter auch als das Github der nickeligen fiesen Ideen ansehen, eine Sammlung von Charakterschwächensourcecodes.

Es ist denkbar, dass sich ein oder zwei überarbeitete Banker vielleicht eine Charakterschwäche erlaubt haben mögen wie „Ich piss von meinem Geldberg auf Euch da unten!“ Soweit so mies bis hier, aber im Rahmen von innergehirnlichen Vorgängen, die ich laienhaft für irgendwie noch normalpsychologisch erklärbar halte, nichts außergewöhnliches.

Aber jetzt gehen welche da hin und beauftragen eine*n Architekt*in, das hier zu entwerfen:

Das wird also entworfen, dann irgendeinem Gremium zur Abnahme vorgestellt. Die beraten über den Entwurf für sowas. In dem Moment initialisieren die ihre Charakterschwächensourcecodes, die führen das wirklich aus, die wollen das wirklich bauen. Die nehmen eine Handvoll Geld von dem Haufen, auf dem sie sitzen, und schreiben ihre Bösartigkeit in Aufträge. Das ist kein gedankenloser Tweet, was die da schreiben, die lassen Menschen und Material kommen, um einen Witz zu bauen. Die sind so weit weg, dass ihnen der Unterschieb wahrscheinlich nicht mehr auffällt. Die sind so weit weg, dass sie ihren letzten Rest Gewissen dadurch zu retten versuchen, dass sie irgendwas von „wenn Ihr da unten die Möglichkeit hättet, würdet Ihr das auch machen“ faseln, wegen „der schönen Aussicht“. Das mit dem „wir pissen auf Euch“ kommt doch von Euch, nicht von uns! Das spricht der Neid aus Euch, Ihr hattet diesen Gedanken, nicht wir!

Ich reg mich auf! Hoffentlich werden wir mit trackle unermesslich reich, nur zu dem Zweck, allen auf der Welt zu zeigen, dass man dann nicht so werden muss wie die!

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Sich selber toll finden

Ich versuche das zu tun, was ich toll finde. Manchmal endet das in Situationen, in denen mir das irgendwie gelingt und ich mich selbst toll finde, was dann im Allgemeinen wieder nicht sehr populär ist: Sich selbst toll finden.

Heute wird Udo Lindenberg 70 und im WDR lief ein Song von ihm, in dem er irgendwas über sich selbst singt, irgendwas mit „ich ändere mich nicht“ und Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an. Das mit dem Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an finde ich saucool, das mit dem „ich ändere mich nicht“ nicht.

Ich versuche, mich kontinuierlich zu ändern. 2012 hatte ich eine Höllenangst davor, mein Gesicht im Internet zu zeigen. Heute nicht mehr. Als Teenager hatte ich Ansichten, für die ich heute ein PAV beantragen würde (mal davon abgesehen, dass ich damals keiner Partei angehört habe). Ich habe in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen wieder so viel gelernt, ich wäre ja völlig borniert, wenn ich mich da nicht ständig ändern würde. Veränderung ist toll und notwendig. Ich habe sogar meine Einstellung zu Musik verändert, seit der Kleine Sohn Songs mitsingt, die eigentlich inakzeptabel sind. Veränderung hat immer mit Erkenntnisgewinn zu tun und damit, Erkenntnisgewinn zuzulassen.

Und manchmal, da merke ich, wie ich eine alte Verstocktheit über Bord werfe, und da finde ich mich selber etwas toll. Sich selber toll finden ist ja – völlig zurecht! – nichts, womit man Sympathien erwirbt. Aber in kleinen Dosen hilft es mir, die Welt weiter umarmen zu wollen. Und zu küssen (was die Welt dann vielleicht wieder eher neutral findet).

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Denkdistanzen

Als mein Schwager mal von Bonn nach Düsseldorf gezogen ist, habe ich ihm beim Umzug geholfen. Wir haben in seiner neuen Wohnung auch die Spüle der Küche neu installiert. Dazu haben wir ein Loch in die Arbeitsplatte geschnitten, das Becken dort eingepasst und die Armatur darüber angebracht und angeschlossen. Das Abflussrohr aber noch nicht, wir haben einen Eimer unter das Becken gestellt – denn wir haben ja aufgepasst!

Test Wasserhahn, kalt läuft, warm läuft, alles super! Das Testwasser lief in den Eimer. Hurra, wir waren fertig für den Tag.

Es kam wie es kommen musste, so sicher wie die Forderungen nach Obergrenzen und nach dem Aussetzen des Mindestlohns. Wohin mit dem im Eimer aufgefangenen Wasser? Die Grenzen dicht! Den Eimer natürlich in die Spüle kippen!

Aber das ist ja lange her.

Heute morgen: Hektischer Aufbruch wie so oft. Und wie so oft „Wo zum Henker ist mein Handy?! Gerade habe ich es doch noch in der Hand gehabt?!“ Kinder scharren in ihren dicken Jacken mit den Hufen und wollen los, ihr konstruktiver Impuls droht sich jede Sekunde in „Ach, dann gehen wir halt so lange im Garten noch etwas spielen“ aufzulösen. „Wo zefack! ist das Handy!“ – „Warte, ich ruf Dich schnell an.“ Düdelüüü, Handy gefunden, Kinder nicht in den Garten, sondern ins Auto abgebogen. Eins in der Schule, eins im Kindergarten abgegeben. Entspannung. Alles erledigt. Kurz mal aufs Display gucken, „Oh, ein Anruf!“ Gleichmal zurückrufen, die Frau meldet sich. „Du hast mich angerufen? Ich hab Deine Nummer im Display.“

„Well, yes… Du hattest Dein Handy gesucht. Wir haben es offenbar gefunden.“

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Beweglich

Im Moment ist ja dieser weinerliche Song so populär, wo einer rumjammert, dass er lieber auf Wolke vier mit wem anderen sitzt als wieder von Wolke sieben abzustürzen. Von den Tunes her, der Melodie und so, finde ich den Song eigentlich völlig gut, aber der Text geht ja mal gar nicht. Darin spiegelt sich imho ein anscheinend weit verbreitetes falsches Verständnis von Beziehung wider. Also das, das die Pärchen dazu treibt, sich auf der Hohenzollernbrücke in Köln symbolisch aneinanderzuketten und den Schlüssel in den Rhein zu werfen, das Verständnis von Beziehung, das beide unbeweglich macht. Das Verständnis, nach dem man, wenn man sich für einander entschieden hat, davon ausgeht, dass sich dieses Beziehungsding irgendwie in einem Zustand von „ist fertig jetzt“ befindet und man „glücklich bis an sein Lebensende“ nichts mehr macht. Da bleibt ja nur zu hoffen, dass man bis zum Lebensende nicht mehr so lange zu warten braucht.

Ich geh nochmal zu diesem Song zurück. Also. Auf Wolke sieben aufgestiegen, runtergefallen (sich also in der Person geirrt), hat volle wehgetan, deswegen jetzt nur noch Durchschnitt auf Wolke vier, nicht zu viel bewegen. Komische Kategorien irgendwie. In dieser Denke ist das hoch und runtergehen zwischen den diversen Wolkenebenen fest mit „zusammensein“ XOR „trennen“ verbunden. Schlüssel in den Rhein geworfen, also bleibt nur noch der Bolzenschneider. Ist das kacke.

Ich stelle mir eine romantische Beziehung anders vor. „Unten“ zum Beispiel bin ich manchmal auch ganz allein, dann sagt @frau_ratte vielleicht was nettes über ein Blogpost von mir. Zack. Gleich besser. Zusammen auf Wolke sieben sind wir ganz oft, zum Beispiel wenn die Kinder in Gummistiefeln vor uns her zum Auto rennen und dabei untereinander Kinderkonversationen betreiben. Manchmal bin ich auch ganz alleine auf einer Wolke sieben (zum Beispiel, wenn die Rouladensoße gut geworden ist), dann ruf ich der Frau was runter auf Wolke vier oder so, manchmal hilft es ihr, manchmal nicht. Auf Wolke vier sind wir auch oft, da räume ich meistens den Spüler aus und @frau_ratte macht die Wäsche.

Ich finde, dieser Sänger*) sollte seinen Song nochmal mit einem anderen Text versehen. Dann fänd ich den gut.

 

*) Der heißt Philipp Dittberner, wie ich jetzt ergoogelt habe.

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Beschenkt

Gestern hatte ich Geburtstag, ich bin 41 geworden. Viele Menschen haben mir über Twitter und Facebook gratuliert – und ich find’s toll. So viele, die mir eine Freundlichkeit zukommen lassen und mir tolle Sachen wünschen und dass ich reich beschenkt werden möge.

Aber was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Ich bin doch schon so wunderbar beschenkt, gesund, glücklich, zwei gesunde glückliche Kinder und eine tolle Partnerin, mit der ich just heute ohne mit der Wimper zu zucken eine neue Firma gegründet habe. Und wir essen immer so gut! Wir trinken was wir mögen! Ich kann mich bei den Sozis so einbringen, dass die mich sogar manchmal um Rat fragen. Ich darf den D64-Ticker schreiben und ab und zu sagt einer: „Danke! Danke für die Haltung, Baby!“ Das alles macht mich sehr glücklich, nicht nur an meinem Geburtstag. Ich bin ein glücklicher Mensch (außer jetzt die Auswärtsniederlage des BVB beim HSV am Freitag, aber ok!).

 

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Die Wildecker Herzbuben, Helene Fischer, die Flippers: Reach out, touch faith!

Man soll ja nicht für die Bild-Zeitung schreiben, sie nicht lesen, sie nicht kaufen und ihr auch keine Klicks gönnen. Das stimmt ja immer noch. Ich habe mich mit @Nico darüber hin und wieder etwas gestritten, weil er ja trotzdem für sie schreibt. Sein Argument: Dort erreiche ich die, für die unsere Standpunkte neu sind. Über Twitter/FB/Blogs und so weiter und so weiter erreichen wir nur die, die sowieso schon wissen, was wir wollen. Immer noch ein Dilemma.

Heute ging ich mit der Pollykowskaja (also unserem Hund) ein wenig spazieren, während in Köln 10.000 anständige Demokrat*innen einigen versprengten Rechtsauslegern die Stirn geboten haben. Ich war ein bisschen stolz auf das Rheinland, wieder mal war die Zivilgesellschaft in zehnfacher Stärke den Rassist*innen und Brunnenvergifter*innen entgegengetreten.

Dennoch, kaum macht die Kanzlerin mal was mit Haltung, Rückgrat und was richtig, schmelzen die 42% der Union plötzlich ab. 36% Unterstützung für die CDU. Ich halte das keineswegs für ein gutes Signal, das bedeutet doch eher: Wenn die Union auf einen Kurs einschwenkt, der dem der SPD entspricht, gehen sogar Angela Merkel die Unterstützer*innen von der Fahne. Das beängstigt mich. Das bedeutet, dass die breite Masse da draußen erheblich weiter rechts steht als uns (oder mir zumindest) lieb ist.

Wie ich nun also mit der Pollykowskaja so gehe, denke ich: Die Wildecker Herzbuben. Helene Fischer. Die Flippers. Und wer in diesen Musikantenscheunen derzeit sonst noch gerade der hice shice ist. Die! Die müssten mal ein klares Bekenntnis „Refugees welcome“ abgeben. Die müssten mal mit ein paar Fakten ein Statement abgeben. Hat da jemand von Euch Verbindungen hin? Kann das mal wer anleiern? Die Bildzeitung ist, wie wir inzwischen wieder feststellen müssen, eine gar zu unzuverlässige Partnerin. Sind hier Gatekeeper*innen unter meinen Leser*innen? Leiert doch mal was an, bitte!

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Zwischenmenschliche Schulden abbauen

Diese Blume ist trotz ihrer offensichtlichen Unvollkommenheit schön.
Diese Blume ist trotz ihrer offensichtlichen Unvollkommenheit schön.

Heute morgen hab ich gedacht: Wir schieben seit Jahrtausenden etwas vor uns her, was ich mal arbeitstitelhaft als „zwischenmenschliche Schulden“ bezeichnen will. Damit meine ich, dass wir im Umgang miteinander noch längst nicht die Grenzen des Machbaren erreicht haben. Freundlichkeit ist eine willkommene, aber seltene Ausnahme vom Default Misstrauen. Über Jahrtausende haben wir uns angewöhnt, dass man besser immer erstmal vorsichtig sein muss, weil der/die andere uns by default erstmal was wegnehmen will. Unsere Grundhaltung ist: Sei nicht blauäugig, sei misstrauisch, selbst Schuld, wenn Du blauäugig und nicht misstrauisch bist. Misstrauen gebiert neues Misstrauen.

Wir haben das nur über die Jahrtausende ausgehalten, weil wir, wenn’s uns zu viel wurde, einfach weggehen konnten, in die Höhle, aufs Klo oder ins Bett.

Jetzt werden wir immer vernetzter. Wir entkommen dem dauernden Misstrauen, den Shitstorms und Hetzereien immer seltener, das Internet kommt inzwischen mit aufs Klo und ins Bett und das stresst uns. „Dann mach doch Dein dämliches Smartphone aus, Du Honk!“, sagt Ihr und das mache ich ja auch manchmal.

Aber das ist ja wie weglaufen und durch Weglaufen erhöhen sich die Schulden. Wir haben es uns über Jahrtausende geleistet, nicht in unsere Zwischenmenschlichkeit zu investieren. Durch Jahrhunderte des Mangels (an Nahrung, Wohnraum, Grundversorgung) entstanden, durch die Einfachheit des Sich-Entziehen-Könnens verfestigt, hat sich an der Grundhaltung „Misstrauen“ nie substanziell etwas geändert.

Jetzt erreichen wir ein Entwicklungsstadium auf technischer Ebene, dass uns vor die wichtigste Aufgabe seit Bändigung des Feuers stellt: Toleranz nicht als „aushalten, bis ich zu Hause bin“ misszuverstehen, sondern in unserem Inneren tolerant zu sein. Es wirklich ok finden, wenn jemand etwas anders macht als ich, nicht insgeheim die Augen rollen und der/dem anderen innerlich den Vogel zeigen. Meine eigene Wertung als meine subjektive Wertung erkennen und nicht als objektives Faktum missverstehen.

Wir müssen ans Eingemachte. Digitale Vernetzung macht das nicht nur evident, sondern notwendig. Die eiskalten Entscheidungen treffen Maschinen viel besser als unsere Manager*innen und Politiker*innen, Maschinen sind im „Tja! Kann man nichts machen!“ sagen viel besser als Menschen.

Es geht jetzt darum, dass wir uns um einander kümmern. Es geht darum, dass wir den Maschinen sagen: „Kann man wohl was machen, weil wir Menschen sind und ihr nicht!“ Ich klinge, als tanzte ich in Batikwallegewändern um ein Feuer, aber ich bin ganz ernst: die Ratio, seit Menschengedenken bejubelte Fähigkeit Nummer eins unserer Gehirne, verliert an Bedeutung, weil Maschinen das besser können. Was Maschinen nicht können ist „Mach ich aber trotzdem anders, einfach weil ich den/die andere*n mag!“ sagen. Weil ich mich gut fühle, wenn mein Gegenüber im Bus morgens nicht mehr grimmig schauen muss, weil der kleine Sohn ihm/ihr ein Kompliment gemacht hat. Weil „sich gut fühlen“ zu einem Wert werden muss, der nicht länger als selbstsüchtig gelten darf, sondern als Notwendigkeit begriffen werden muss. Weil „sich gut fühlen“ nicht länger auf Kosten anderer entstehen darf, sondern im gemeinsamen Erleben.

Wenn die Netzeffekte auf „sich shice fühlen“ treffen, entstehen Shitstorms (was ja noch vergleichsweise leicht auszuhalten wäre) oder, viel schlimmer, Pogrome. Wenn Netzeffekte auf „sich gut fühlen“ und „sich gut fühlen wollen“ treffen, stehen tausende an den Bahnhöfen und bringen Klopapier, Zahnpasta und Windeln.

Sicher findet Ihr ganz viele Abers und GehtNichte. Ich bin nur ein Duscher und kein Denker, der sich dank seiner bullerbühaften Kindheit im Stroh von Rhade erlauben kann, die Menschen zu mögen. Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht privilegiert bin, und Privilegien beinhalten auch immer eine Pflicht. Meine Pflicht ist, die Menschen zu mögen und das kann ich.

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Kein Ding

Helfen ist ganz einfach:

  • Fragt bei Eurer örtlichen Flüchtlingshilfe nach, was gebraucht wird
  • geht in den Supermarkt und kauft eine Hand voll davon oder holt was aus dem Keller
  • bringt es dorthin, wo die Flüchtlingshilfe es entgegennehmen kann
  • Erzählt das anderen

Das mit dem Erzählen wird, so ist mein Gefühl, oft nicht gemacht. „Kein Ding, diese Hilfe, nicht wert, dass ich das erzähle, denn das ist doch selbstverständlich“, denken viele vielleicht. Ich hatte auch diesen Impuls. Sachen abgeben und gut is.

Aber ich habe mich überwunden und trotzdem darüber geschrieben, denn ich habe eine Erfahrung gemacht: Helfen ist tatsächlich kein Ding. Es ist einfach. Es ist so einfach, dass man allen sagen muss, wie einfach es ist. Es ist kein Ding, zu helfen und es ist kein Ding, bei Twitter, Facebook und bei Freund*innen und Bekannten zu sagen: Hab ich gemacht, war kein Ding. Kannst Du auch machen. Und vielleicht sagt dann der oder die nächste: „Stimmt, ist ja kein Ding. Ich geh mal eben auf die Internetseite vom örtlichen DRK.“

Viele haben vielleicht Manschetten, darüber zu sprechen, wenn sie geholfen haben, aber Ihr sollt ja auch gerade keine Heldengeschichten erzählen. Ihr sollt dokumentieren, was es ist: Kein Ding.

 

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250kg Sand

Heute morgen las ich in der Timeline von den ekeligen Übergriffen in #Heidenau auf die dortige Flüchtlingsunterkunft. Zwischen all den Tweets dann einer von @Medididi:

In der Ermekeilkaserne sind in Bonn die Flüchtlinge untergebracht, @Medididi organisiert dort vor Ort die Spenden und das ganze überhaupt irgendwie. Ich denke kurz nach (liege noch im Bett und bin ernstlich aufgebracht ob der Ereignisse in #Heidenau in der letzten Nacht), der Caddy steht da und fasst locker acht bis zehn Säcke Spielsand – also den Spielsand, den ich jedes Jahr für die Kommunenkinder im Baumarkt kaufe. Ich denk: „Hier, mach ich! Nehmt das, Nazis von Heidenau! Ich will sie willkommen heißen, die Flüchtlinge in meiner Stadt!“. Auf den Tweet geantwortet.

Sand gekauft, zehn Säcke, also 250 kg (was nicht wirklich viel ist, wenn man die mal auskippt, aber immerhin). Zur Ermekeilkaserne gefahren. An der Pforte dort eine Frau und ein Mann, die mich erst ein wenig argwöhnisch angucken. Dann erzähle ich ihnen, dass ich Sand für die Flüchtlingskinder bringe. Sie haben etwas Angst, dass ich möglicherweise Schüttgut im Kofferraum habe und ihnen auf den Hof kippen will. „In Säcken?“, fragt die Kollegin. „Ja“, sage ich, „Ich habe mit Frau… äh… also der von Twitter gespro… also getwittert… Sie sagt, sie habe Sie informiert.“ „In Säcken, warten Sie mal, fahren Sie mal hier vor, wir laden das auf diesen Wagen hier.“

Wir laden aus. Zehn Säcke mit dem Aufdruck „wehrt Hunde und Katzen ab“ oder so ähnlich. Die Kollegin fragt, wie das denn gehe. Ich sage: „Keine Ahnung, das steht da halt so drauf auf so Säcken aus dem Baumarkt.“ „Sie haben die aus dem Baumarkt?“ „Ja klar“, sage ich. Sie lobt mich und sagt, das wäre nicht selbstverständlich und macht einen Diener. Mir ist das einerseits etwas unangenehm, denn schließlich resultiert die ganze Aktion ja daraus, dass ich mich wegen der Lektüre meiner TL am Morgen schlecht gefühlt habe und mich besser fühlen wollte und deswegen Sand gekauft habe. Gleichzeitig, denke ich, wenn jemand dankbar ist, dann muss man diese Dankbarkeit anerkennen und nicht kleinreden. Und die Kollegin und auch der Kollege sind so aufrichtig dankbar waren, dass ich dachte, dass ich vielleicht das Richtige getan habe.

Als ich mit dem Auto bereits wieder auf der Reuterstraße auf dem Rückweg bin, rufe ich @Medididi noch mal an, um ihr zu sagen, dass ich den Sand und etwas Spielzeug abgeben habe. Sie ist anscheinend gerade dabei, irgendwas zu organisieren und ich möchte nicht lange stören. Sie bedankt sich und ich denke: Ich habe nur ein paar Säcke Sand mit dem Auto vorbeigebracht, Du organisierst und machst und tust den ganzen Tag und morgen wieder. Ich bin eigentlich Dir dankbar, dafür, dass der Hashtag #Bonn mit allem möglichen verbunden wird, aber nicht mit Hass, Gewalt oder Rassismus, dass #Bonn nicht #Freital und nicht #Heidenau ist.

Epilog I

Wenn ich das hier verblogge, dann klingt das möglicherweise wie „Ach, der selbsternannte Held, schön mal fishing for compliments“ und es fühlt sich tatsächlich komisch an, über eine eigene gute Tat zu schreiben. Der Iss-doch-klar-jede*r-andere-an-meiner-Stelle-hätte-genauso-gehandelt-Rudi-Völler in mir winkt ab. Aber ich habe zuletzt auch viele Artikel und Blogbeiträge gelesen, die uns, die Normalos, die schweigende Mehrheit, dazu auffordern, uns zu äußern. Deswegen schreibe ich das hier mal hin, damit Ihr das lesen könnt, damit die Flüchtlinge das lesen können, damit irgendwo steht, dass Deutschland nicht nur aus Nazis, Rassist*innen und Arschlöchern besteht.

Epilog II

Suchbild: Finde das Flugzeug und das Schiff, mit besten Grüßen vom Großen Sohn und vom Kleinen Sohn, die als Babys damit gespielt haben!

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