{"id":1260,"date":"2014-05-20T11:49:22","date_gmt":"2014-05-20T09:49:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1260"},"modified":"2014-05-20T11:49:22","modified_gmt":"2014-05-20T09:49:22","slug":"ich-fuehle-mich-nicht-bedroht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1260","title":{"rendered":"Ich f\u00fchle mich nicht bedroht"},"content":{"rendered":"<p>Seit Monaten ist klar, dass wir voll \u00fcberwacht werden, bis heute rei\u00dft der Strom an neuen Enth\u00fcllungen aus den Snowden-Unterlagen nicht ab. NSA, GCHQ und irgendwie alle Geheimdienste der Welt sammeln unsere Daten und&#8230; \u00e4h&#8230; und was? Wir wissen nur, dass sie unsere Daten sammeln. Wir haben kein Gef\u00fchl daf\u00fcr, was sie eigentlich damit anstellen. Wir haben eine breite Batterie an Szenarien, was sie damit anstellen <em>k\u00f6nnten<\/em>, aber was sie wirklich damit machen, das wissen wir nicht. Also ich zumindest wei\u00df das nicht. Und vielleicht ist das ein Grund daf\u00fcr, warum ich mich nicht bedroht f\u00fchle. Theoretische \u00dcberlegungen reichen nicht aus, um auf die Menschen in Massen auf die Stra\u00dfe zu bewegen. Da hilft es auch nichts, wenn Sascha Lobo uns anmotzt und ein markiges &#8222;Durchhalten! Weiter machen, protestieren! Engagieren!&#8220; in den Pudding ruft.<\/p>\n<p>Ich habe keine Angst. Das pauschale Wissen, dass jemand etwas \u00fcber mich wei\u00df, macht mir per se nicht im Geringsten Angst. Noch bevor ich bei Twitter aktiv wurde, habe ich irgendwann angefangen, bei meinen Kolleg*innen ziemlich offen zu erz\u00e4hlen, wie das zu Hause mit dem gerade neu geborenen Gro\u00dfen Sohn so ist. Ich habe damit die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich ist, wenn die Kolleg*innen viel \u00fcber mich wissen, weil sie dann viel verst\u00e4ndnisvoller mit mir umgingen, wenn ich zum Beispiel morgens mit Ringen unter den Augen im B\u00fcro erschien. Wenn ich mit ihnen \u00fcber Kinder und Organisation zu Hause gesprochen habe, haben sie mir auch Sachen von sich erz\u00e4hlt. Die, die allein lebten, erz\u00e4hlten dann ganz andere Dinge, dass sie sich das Leben, das ich f\u00fchre, so gar nicht vorstellen konnten. Es fand Dialog statt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, wenn andere Dinge von mir wissen.<\/p>\n<p>Ich habe dann irgendwann angefangen zu twittern und tue das bis heute mit gro\u00dfer Leidenschaft. Dort bekam mein Mitteilungsbed\u00fcrfnis eine neue Dimension: Ich habe teils sehr pers\u00f6nliche Dinge auf der Kleinkunstb\u00fchne Twitter einer, wenn auch vergleichsweise beschr\u00e4nkten, \u00d6ffentlichkeit kundgetan. Und ich habe damit ebenfalls durchweg positive Erfahrungen gemacht. Ich habe Leute aus der TL dann im RL getroffen, mit \u00fcberw\u00e4ltigendem Effekt: Die kannten mich schon, ich kannte sie schon &#8211; und wir waren immer gleich im Gespr\u00e4ch und hatten immer gleich eine konsensuale Gespr\u00e4chsebene, denn wir kannten unsere Tonlage bereits.<\/p>\n<p>Noch 2012 haben wir es auf der re:publica strikt vermieden, Fotos zu machen, auf denen Gesichter zu erkennen sind. Es gab dort eine Initiative, die Ansteck-Buttons verteilt hat, die von einer Software in Fotoapps erkannt werden sollten und automatisch die Gesichter verpixeln (oder so \u00e4hnlich, das ist schon wieder so lange her und inzwischen gedanklich so weit weg, dass ich mich nicht mehr genau erinnere.) Inzwischen bin ich beinahe der letzte, der in seinem Twitter-Avatar nicht sein echtes Foto zeigt, aber das tue ich auch nur, weil dieser blaue Eierkopp seit Anbeginn der Zeit sowas wie mein Logo ist. Ich habe keine Angst, wenn die Welt mein Gesicht kennt. Ich habe keine Angst, wenn die Welt wei\u00df, dass ich bei den Sozis bin. Ich werde am Infostand w\u00e4hrend des Wahlkampfs auf die Sp\u00fclmaschine angesprochen und finde das gut, denn es gibt mir das Feedback: Das Bild, das ich von mir auf Twitter und in diesem Blog von mir konstruiert habe, funktioniert. Und rein gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig funktioniert es genau deswegen so gut, weil ich freim\u00fctig Dinge preisgebe, die ich wirklich so sehe, tue und f\u00fchle. Ich zensiere mich nicht, wenn ich mich \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfere und erhalte positives Feedback darauf.<\/p>\n<p>Wie ist das jetzt mit der NSA und den Geheimdiensten? Ich f\u00fchle mich nicht bedroht von denen. Ich glaube einfach nicht, dass die an mir pers\u00f6nlich interessiert sind, nicht einmal wenn ich irgendwas von Asyl f\u00fcr Snowden oder in jede E-Mail &#8222;Bombe&#8220; und &#8222;Allah&#8220; schreibe. Ich habe nicht das Gef\u00fchl, dass die eindimensional nur daran interessiert sind, einzelne f\u00fcr Terroristen zu halten (also schon\u00a0auch, aber nicht nur). Sie sind m. E. sogar explizit daran interessiert, gerade solche\u00a0Fehler zu vermeiden, nach denen Menschen f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr Terroristen gehalten werden und zu Unrecht in irgendwelche M\u00fchlen geraten. Ich glaube schon, dass sie paranoid sind und ich glaube schon, dass sie alle diese Daten nicht sammeln sollten, denn wir rennen ja auch nicht hinter jedem her und schreiben alles auf und nehmen jeden Fingerabdruck. Aber ich f\u00fchle mich davon nicht bedroht. Ich \u00fcberlege: W\u00fcrden die mich bei meiner n\u00e4chsten Einreise in die USA beiseite nehmen? Wahrscheinlich nicht, meine Reiset\u00e4tigkeiten nach Bornholm und ins Alte Land bei Hamburg oder mal nach Berlin sind da nicht so besonders kritisch. Was ich habe, ist ein unbestimmt mulmiges Gef\u00fchlchen, aber ich habe keine Angst und ich f\u00fchle mich nicht bedroht.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich auch nicht davon bedroht, dass ja unsere Demokratie ruck-zuck kippen k\u00f6nnte und diese Apparatur sich dann in den H\u00e4nden von Schurken bef\u00e4nde (mal davon abgesehen: Geht am 25. Mai w\u00e4hlen und seht zu, dass diese rechten Schurken dort keine nennenswerten Prozente bekommen!).\u00a0Ich glaube ganz sicher, dass wir Sigmar Gabriel und die derzeit Gew\u00e4hlten davon \u00fcberzeugen m\u00fcssen, dass es besser ist, die B\u00fcrger nicht unter Generalverdacht auf terroristische Handlungen zu stellen, eben damit sich unsere Demokratie nicht heimlich, vorne mit den Gesichtern der Demokraten, hinten rum zu einem Schurkenstaat entwickelt. Aber Angst habe ich nicht und ich f\u00fchle mich nicht bedroht.<\/p>\n<p>Ich glaube auch gar nicht, dass irgendein Geheimdienst daran interessiert ist, welche Bilder ich mir im Netz so angucke oder mir auf dem Klo beim Lesen der TL zuzugucken. Die sind an Big Data interessiert. Wenn Big Data tats\u00e4chlich eines Tages dazu in der Lage sein sollte, vorauszusagen, dass ich demn\u00e4chst ein Verbrechen begehen werde, warum muss die Folge daraus zwangsweise sein, dass ich gleich von einer Polizeiteinheit gekidnappt, gefoltert und eingebuchtet werde? Wenn\u00a0mir mein eigenes Big Data transparent zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, w\u00fcrde mir meine eigene Entwicklung gespiegelt und Einfluss nehmen auf diese\u00a0Entwicklung. Ich glaube ganz sicher nicht, dass in der Zukunft\u2122 die Sonne verdunkelt ist und wir st\u00e4ndig von gepanzerten Polizeieinheiten hochgenommen werden. Ich glaube ganz sicher, dass wir ganz viele Daten hinterlassen und dass wir ganz anders damit umgehen werden als heute und zwar offener und entspannter. Ich glaube, dass wir aus diesen Daten ganz viel Nutzen f\u00fcr uns selbst ziehen werden (das tun wir ja heute schon) und ich glaube aber auch, dass wir es nicht schaffen werden, dass der\/die Einzelne \u00fcber alle seine\/ihre Daten selbst bestimmt.<\/p>\n<p>Ich glaube aber auch \u00a0ganz sicher, dass wir f\u00fcr die Verwendung der Daten verbindliche Regeln brauchen, die aber jenseits dessen sind, was wir uns heute (am 20. Mai 2014) \u00fcberhaupt vorstellen k\u00f6nnen. Ich glaube ganz sicher, dass wir diese Regeln ohne Angst aufstellen k\u00f6nnen. Ich glaube, wir sollten dringend in die kleinteilige Arbeit einsteigen, dieses Datenthema zu ordnen, es auszudifferenzieren und mal endlich ein Gef\u00fchl daf\u00fcr bekommen, was denn nun eigentlich gut ist, was nur ungewohnt ist und sich deswegen komisch anf\u00fchlt und was schlie\u00dflich schlecht ist. Mit der bis jetzt geltenden holzschnittartigen Dualit\u00e4t &#8222;gutes aber \u00fcberfordertes Individuum&#8220; vs. &#8222;b\u00f6se Geheimdienste und Internetfirmen mit b\u00f6sen Absichten&#8220; kommen wir nicht weiter. Ich traue uns da mehr zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Monaten ist klar, dass wir voll \u00fcberwacht werden, bis heute rei\u00dft der Strom an neuen Enth\u00fcllungen aus den Snowden-Unterlagen nicht ab. NSA, GCHQ und irgendwie alle Geheimdienste der Welt sammeln unsere Daten und&#8230; \u00e4h&#8230; und was? Wir wissen nur, dass sie unsere Daten sammeln. 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