{"id":1304,"date":"2014-07-03T23:06:42","date_gmt":"2014-07-03T21:06:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1304"},"modified":"2014-07-03T23:06:42","modified_gmt":"2014-07-03T21:06:42","slug":"schule-muss-so-dick-finanziert-sein-dass-schule-allen-beteiligten-nichts-anderes-als-spass-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1304","title":{"rendered":"Schule muss so dick finanziert sein, dass Schule allen Beteiligten nichts anderes als Spa\u00df macht"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstag hatte ja mein freundlicher kleiner SPD Ortsverein Beuel eine <a href=\"http:\/\/spd-beuel.de\/termin\/25765\/753913\/TurboAbi---TurboStress-G8G9---Rueckkehr-zum-Abitur-in-9-Jahren-auch-in-NRW.html\" target=\"_blank\">Veranstaltung mit Renate Hendricks und diversen anderen Vertreter*innen organisiert, um \u00fcber das Thema &#8222;Turboabi &#8211; Turbostress?&#8220; zu diskutieren<\/a>.<\/p>\n<p>Ich muss zugeben, dass ich zu dem Thema derzeit gar nicht mal so viel sagen kann, denn die S\u00f6hne sind ja noch l\u00e4ngst\u00a0nicht so weit. Irgendwas mit 265 Stunden ist da irgendwie wichtig und irgendwas mit Th\u00fcringen und G8 in allen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Oder so.<\/p>\n<p>Viele Teilnehmer*innen waren sehr nachvollziehbar sehr erbost dar\u00fcber, dass die Kinder f\u00fcr das Abitur wahnsinnig viel Zeit aufwenden m\u00fcssen und keinerlei Freizeit mehr haben. Das finde ich auch schlimm. Ich bin mir aber nicht sicher, ob einzig G8 der Grund f\u00fcr diese ma\u00dflose \u00dcberstrapazierung unserer Sch\u00fcler*innen ist. Ich fand stark, als\u00a0Dr. Ulrich Meier von der Stadtschulpflegschaft Bonn zu erkennen gegeben hat, dass es zu kurz greift, wenn man die Ursachen ausschlie\u00dflich\u00a0in der Verk\u00fcrzung der Schulzeit auf G8 sucht. Er war der einzige (zumindest in\u00a0meiner Wahrnehmung), der gefordert hat, die Lehrpl\u00e4ne grunds\u00e4tzlich zu hinterfragen\u00a0und die Probleme der Sch\u00fcler*innen in einem breiteren Kontext zu sehen.<\/p>\n<p>Die Rolle der Eltern und der Vertreter*innen der <a href=\"http:\/\/www.g-ib-8.de\/\" target=\"_blank\">Initiative &#8222;G-IB-8&#8220;<\/a> erschien mir &#8211; aber das mag daran gelegen haben, dass ich mich bisher noch nicht tiefer damit auseinandergesetzt habe &#8211; ein wenig schizophren: Einerseits will man v\u00f6llig zu recht und mit allen Argumenten auf seiner Seite die \u00dcberforderung und \u00dcberarbeitung der Sch\u00fcler*innen unterbinden. Dieses Ziel unterschreibe nicht nur ich, dieses Ziel hatten\u00a0alle im Saal anwesenden einm\u00fctig. Gleichzeitig aber, so schien es mir, wollten &#8222;G-IB-8&#8220; und viele der\u00a0anwesenden Eltern (zumindest gef\u00fchlt) keinen Millimeter vom Stoff f\u00fcr das Abitur abweichen und der Unterton dabei erschien mir von bildungsb\u00fcrgerlichen Abgrenzungsbestrebungen bestimmt. Du musst den Ovid gelesen haben, damit man dich nicht mit den Versagern von der Hauptschule in einen Topf wirft.<\/p>\n<p>Nun kann ich als Sozi gut verstehen, dass man Bildung als Mittel zum\u00a0sozialen Aufstieg sieht und daher nach dem bestm\u00f6glichen Schulabschluss f\u00fcr seine Kinder strebt, das ist ja per se eine der \u00e4ltesten sozialdemokratischen Forderungen und Anliegen. Ich habe\u00a0aber derzeit nicht das Gef\u00fchl, dass die Lehrpl\u00e4ne, wie sie momentan ausgestaltet sind, die bestm\u00f6gliche Ausbildung garantieren, sondern vielmehr der sozialen Abgrenzung dienen. Der Grund daf\u00fcr liegt m. E. weniger in der Frage, ob man nun acht oder neun Jahre zum Abitur braucht, sondern ist erheblich vielschichtiger. Das f\u00e4ngt schon mal damit an, dass Kinder nach vier Jahren Grundschule das erste Mal ausgesiebt werden, quasi die Bl\u00f6den an Haupt- und Realschule, und\u00a0wer es schafft, rettet sich aufs\u00a0Gymnasium. Zu recht hat Ulrich\u00a0Meier das Gymnasium als die neue Volksschule bezeichnet, denn wer heute nicht aufs Gymnasium geht, der verliert. So zumindest scheint die Wahrnehmung zu sein. Ich meine auch gelesen\/geh\u00f6rt\/gesehen zu haben, dass durch Studien belegt sei, dass das deutsche Schulsystem ganz besonders stark die sozialen Verh\u00e4ltnisse verfestigt. Von daher halte ich ein einfaches &#8222;zur\u00fcck zu G9&#8220;, wie an dem Abend von vielen\u00a0gefordert, f\u00fcr unzureichend.<\/p>\n<p>Ich glaube vielmehr, dass wir am Grundsatz des dreigliedrigen Schulsystems r\u00fctteln m\u00fcssen und dass wir modernere Lehrpl\u00e4ne brauchen. Verk\u00fcrzt gesagt glaube ich, dass wir weniger Latein- und mehr IT-Kenntnisse vermitteln m\u00fcssen. Ich glaube, dass wir Kinder nicht in &#8222;Dumm&#8220; (Hauptschule), &#8222;Kriegst vielleicht sp\u00e4ter nochmal &#8217;ne Chance&#8220; (Realschule) und &#8222;Ok, kannst durch&#8220; (Gymnasium) separieren d\u00fcrfen. Ich glaube, dass wir eine runderneuerte Lehrer*innenausbildung brauchen. Ich glaube, dass die Lerninhalte prinzipiell\u00a0anders ausgerichtet sein sollten:\u00a0Die Wichtigkeit von Faktenwissen ist erheblich geschwunden seitdem dieses\u00a0nur noch einen Searchrequest entfernt ist.\u00a0Ich glaube, dass Schule Wege vermitteln muss, wie Kompetenzerwerb \u00fcberhaupt vonstatten geht und wie dieser Kompetenzerwerb mit heute g\u00e4ngigen Mitteln vonstatten geht. Dabei k\u00f6nnte\u00a0man &#8211; als Beispiel &#8211; vielleicht\u00a0Filtermechanismen auf verschiedenen Ebenen vermitteln: Was gebe ich von mir in welcher Form preis\u00a0und wie reagiere ich auf andere? Wie ist andererseits das Verhalten anderer mir gegen\u00fcber zu bewerten? Welche Metadaten generiere ich und was sagen sie \u00fcber mich aus? Welche Daten habe ich unter Kontrolle und welche nicht?<\/p>\n<p>Ich glaube, dass wir den sozialen Druck, den das dreigliedrige Schulsystem auf Eltern, Sch\u00fcler*innen und Lehrpersonal aus\u00fcbt, reduzieren m\u00fcssen und ich glaube nicht, dass das eine Frage von acht oder neun Jahren bis zum Abitur ist. Ich glaube vielmehr, dass massiv in Bildung investiert werden muss. Ich halte zum Beispiel die Inklusion f\u00fcr ein epochales Projekt, das mit allen Geldmitteln zum Erfolg gemacht werden muss. Ich glaube, dass neben hervorragend ausgebildetem Lehrpersonal massiv in schulische Infrastrukturen investiert werden muss, und damit meine ich nicht nur Mobiliar und IT-Infrastrukturen, sondern auch die Organisation von Lerneinheiten an unterschiedlichen Orten, denn\u00a0ich habe das Gef\u00fchl, dass moderne Lernmittel es vor allem auch erm\u00f6glichen, die Orte, an denen gelernt wird,\u00a0zu variieren.\u00a0Das bedarf nat\u00fcrlich einer nicht unerheblichen Organisation, und die\u00a0darf selbstverst\u00e4ndlich nicht einfach den Lehrer*innen\u00a0zus\u00e4tzlich aufgeb\u00fcrdet, sondern muss durch zus\u00e4tzliches Personal gew\u00e4hrleistet werden. Schule muss so dick finanziert sein, dass Schule allen Beteiligten nichts anderes als Spa\u00df macht. Schule muss allen Kindern unabh\u00e4ngig von elterlichen F\u00e4higkeiten, Einsatzbereitschaft und Geldbeutel erm\u00f6glichen, einen den F\u00e4higkeiten des Kindes entsprechenden Abschluss abzulegen.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass die Diskussion &#8222;G8 oder G9&#8220; f\u00fcr sich genommen erheblich zu kurz greift und unn\u00f6tig Energien bindet, die viel besser daf\u00fcr eingesetzt w\u00e4ren, die strukturellen Probleme des deutschen Schulsystems anzugehen, damit Bildung vielleicht tats\u00e4chlich eines Tages\u00a0eine emanzipierende Wirkung erzielen kann.<\/p>\n<p>Aber ich fordere hier mal einfach so ins Blaue. Renate Hendricks hat&#8217;s gesagt: Die Geldmittel wachsen nicht in den Himmel. Die Diskussion wird sehr erhitzt und aus tiefen ideologischen Gr\u00e4ben heraus gef\u00fchrt. Derweil\u00a0lehne ich mich auf meinen Privilegien zur\u00fcck, stamme ich doch aus einem Elternhaus, in dem Bildung immer sehr hoch gesch\u00e4tzt und gelebt wurde und habe\u00a0ich doch selbst einen\u00a0Haushalt mitgeschaffen, in dem unseren Kindern vom S\u00e4uglingsalter an vorgelesen wird. Aber gerade ich, als Privilegierter, muss ja erst\u00a0recht die Maximalforderungen stellen, denn ich m\u00f6chte nicht zu denen geh\u00f6ren, die froh sind, sich endlich von dem ganzen Gesindel abgegrenzt zu haben. Ich m\u00f6chte meine Steuermittel sehr sehr gern darin\u00a0investiert sehen, dass vermeintlich schwierige Kinder in ein System kommen, in dem sie es weniger schwer haben und in dem sich ihrer angenommen wird, wo sie sich nicht beweisen m\u00fcssen, sondern sich entwickeln k\u00f6nnen, wo sie nicht unter Druck gesetzt, sondern interessiert werden. Dazu braucht&#8217;s Personal, viel Personal &#8211; und das kostet viel Geld, das ich gern zu zahlen bereit bin.<\/p>\n<p>Ach, ich wei\u00df nicht. Ich hab das mal so runtergeschrieben. Wahrscheinlich wei\u00df ich so viel Zeug gar nicht. Wahrscheinlich kann ich gar nicht beurteilen, warum alle so tief in den ideologischen Gr\u00e4ben verschanzt sind. Ich wei\u00df, dass es meinen Privilegien geschuldet ist, dass ich f\u00fcr mich genommen erstmal zu mehr Gelassenheit aufrufen w\u00fcrde. Aber wie gelassen kann man schon sein, wenn die eigenen Kinder in ein System gepresst werden, das sie gesellschaftlich und in der eigenen Wahrnehmung tief brandmarkt, wenn sie nicht mit allen, zur Not auch repressiven Mitteln ins gelobte Land, also zum\u00a0Abitur, gepeitscht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag hatte ja mein freundlicher kleiner SPD Ortsverein Beuel eine Veranstaltung mit Renate Hendricks und diversen anderen Vertreter*innen organisiert, um \u00fcber das Thema &#8222;Turboabi &#8211; Turbostress?&#8220; zu diskutieren. Ich muss zugeben, dass ich zu dem Thema derzeit gar nicht mal so viel sagen kann, denn die S\u00f6hne sind ja noch l\u00e4ngst\u00a0nicht so weit. 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