{"id":1413,"date":"2014-11-07T10:02:58","date_gmt":"2014-11-07T09:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1413"},"modified":"2014-11-07T10:02:58","modified_gmt":"2014-11-07T09:02:58","slug":"transformation-nicht-neustart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1413","title":{"rendered":"Transformation, nicht Neustart"},"content":{"rendered":"<p>Vor ein paar Tagen\u00a0bin ich \u00fcber den Beitrag &#8222;<a href=\"http:\/\/netzwertig.com\/2014\/11\/05\/verwalter-ohne-visionen-warum-ich-politikverdrossen-bin\/\" target=\"_blank\">Verwalter ohne Visionen: Warum ich politikverdrossen bin<\/a>&#8220; von <a href=\"https:\/\/twitter.com\/martinweigert\" target=\"_blank\">@martinweigert<\/a> bei netzwertig.com gestolpert. Darin bem\u00e4ngelt Martin, dass der Politik die Menschen mit den gro\u00dfen Visionen fehlen, also &#8222;Personen, die Tatsachen \u00fcber den bevorstehenden erforderlichen Neustart von gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Strukturen aussprechen und die es gleichzeitig schaffen, das darin liegende enorme\u00a0Verbesserungspotenzial f\u00fcr die Allgemeinheit zu vermitteln.&#8220;<\/p>\n<p>Dazu ein paar\u00a0Anmerkungen, was mir dazu die letzten Tage\u00a0so durch den Kopf ging.<\/p>\n<h3>Transformation statt Neustart<\/h3>\n<p>Ich glaube nicht nur nicht, dass es keinen Neustart <em>braucht<\/em>, sondern ich glaube vielmehr, dass ein &#8222;Neustart&#8220; sogar kontraproduktiv bis gef\u00e4hrlich\u00a0w\u00e4re, denn die Errungenschaften aus rund 70 Jahren bundesrepublikanischer Demokratie einfach mal so zu skippen und bei Null von vorne anzufangen kann nur im Chaos enden. Die Herausforderung hei\u00dft nicht Neustart, sie hei\u00dft Transformation. Wie kriegen wir es hin, die bestehenden Strukturen so zu wandeln, dass sie den neuen Gegebenheiten gerecht werden? Wie kriegen wir die Transformation hin, ohne die Menschen dabei zu verlieren? Ein &#8222;Neustart&#8220; lie\u00dfe viele, wenn nicht sogar die meisten, zur\u00fcck. Die Transformation ist ungleich schwieriger, weil sie alle Abh\u00e4ngigkeiten im Auge behalten muss und uns langsam und schwerf\u00e4llig vorkommt, aber sie ist notwendig, um die Leute nicht wirtschaftlich und sozial zu entwurzeln.<\/p>\n<h3>Politisches\u00a0Personal<\/h3>\n<p>Der zweite Aspekt, der mir durch den Kopf geht, dreht sich um das politische Personal. Erstens glaube ich nicht, dass unsere Politiker*innen alle so betonk\u00f6pfig sind, wie Martin es in seinem Beitrag suggeriert. Wir haben durchaus engagierte und mit digitaler \u00dcbersicht ausgestattete Politiker*innen, ich nenne mal <a href=\"https:\/\/twitter.com\/larsklingbeil\" target=\"_blank\">@larsklingbeil<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/UlrichKelber\" target=\"_blank\">@UlrichKelber<\/a> und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/c_kampmann\" target=\"_blank\">@c_kampmann<\/a> (alle SPD) und\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/konstantinnotz\" target=\"_blank\">@KonstantinNotz<\/a> (Gr\u00fcne). Nat\u00fcrlich wird es noch dauern, bis Poltiker*innen wie diese in der ersten Reihe angekommen sein werden, nat\u00fcrlich ist ein G\u00fcnther Oettinger ein Fossil im Amt des EU-Kommissars f\u00fcr\u00a0Digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Aber sollen sich die Digitalauskenner pl\u00f6tzlich in diesen \u00c4mtern aus dem Nichts materialisieren? Legitimiert von wem? Von uns\u2122, der Netzgemeinde\u2122? Es ist nun mal so, dass es eines langen Atems bedarf, um &#8222;da oben&#8220; anzukommen, und das ist erstmal auch ganz gut so. Es ist, wenn ich mal einen Text von\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/BoehningB\" target=\"_blank\">@BoehningB<\/a> aus dem Jahr 2012 zitieren darf, n\u00e4mlich ganz und gar nicht so, &#8222;<a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/bjoern-boehning\/10562-politische-arbeit-der-piratenpartei\" target=\"_blank\">als k\u00f6nne und wolle jeder andere Politik besser, nur lasse man sie nicht.<\/a>&#8220; Das zu suggerieren schafft am Ende n\u00e4mlich noch viel mehr Politikverdrossenheit (meine G\u00fcte, was haben die Piraten damals \u00fcber diesen Text von Bj\u00f6rn gesch\u00e4umt und meine G\u00fcte, wie sehr er am Ende recht behalten hat!)<\/p>\n<h3>Politischer Nachwuchs: Ihr!<\/h3>\n<p>Ich finde, dass wir den politisch Interessierten die bestehenden Parteien nicht weiter madig reden d\u00fcrfen, sondern sie im Gegenteil endlich und vehement dazu auffordern m\u00fcssen, sich in diese Parteien einzubringen. Jede*r in \u00a0dem Ma\u00dfe, wie es ihr\/ihm m\u00f6glich ist, jede*r bringt so viel Zeit mit, wie er\/sie \u00fcbrig hat, der\/die eine*r mehr, der\/die andere\u00a0halt weniger.<\/p>\n<p>Aber\u00a0bitte! glaubt nicht, dass Euch so eine Partei gleich geh\u00f6rt, nur weil ihr einer beigetreten seid. Stellt Euch auf ein ganzes Leben mit dieser Partei ein. Kommt in einen Ortsverein und lernt da erstmal alle kennen. Bringt Euch ein, aber erwartet nicht, dass so ein OV gleich gebannt an Euren Lippen h\u00e4ngen wird, in gespannter Erwartung Eurer unfehlbaren Weisheit. Sprecht mit denen, die schon l\u00e4nger dabei sind, sprecht mit denen \u00fcber Eure Themen, sprecht mit ihnen dar\u00fcber, wie man Antr\u00e4ge schreibt und wie man die am besten einbringt. Wo man die am besten einbringt. Schreibt Antr\u00e4ge. Habt keine Angst, dass andere etwas besser wissen, sondern profitiert davon, dass sie es besser wissen. Denn sie wissen vieles besser als Ihr. Und die Strukturen dieser bestehenden Parteien, sind in vielen F\u00e4llen Euer R\u00fcckhalt. Und, das ist meine Erfahrung, die anderen sind nett (zumindest in der SPD Beuel).<\/p>\n<p>Als ich 2011 in die SPD eingetreten bin, hielt ich das f\u00fcr einen gro\u00dfen Schritt. Ich hatte allerlei Bedenken, was w\u00fcrden die Menschen um rum sagen?\u00a0W\u00fcrden mir Nachteile daraus entstehen? Ich arbeite als Selbstst\u00e4ndiger im Konzernumfeld, mein Vorurteil war, dass da alles, was sich \u00fcberhaupt politisch zu positionieren getraut, mit Auftagsentzug und direkt folgendem sozialem Abstieg bestraft werden w\u00fcrde. Wie dumm, aber das war eine meiner subtilen \u00c4ngste. Eine andere: W\u00fcrden mich die um mich rum f\u00fcr Fehlentscheidungen der SPD haftbar machen? Interessanterweise werde ich tats\u00e4chlich oft mit &#8222;wer hat uns verraten&#8220; konfrontiert, es geht dabei meist um die Kriegskredite 1914 (die ich selbstverst\u00e4ndlich abgelehnt h\u00e4tte, wenn nicht zuf\u00e4llig erst zwei Kriege sp\u00e4ter geboren worden w\u00e4re) oder um <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Asylkompromiss\" target=\"_blank\">die Entscheidung zur Asylpolitik 1992<\/a>\u00a0&#8211; die ich f\u00fcr ziemlich verfehlt halte. Wie reagiert man darauf? Einerseits ist es ja durchaus so, dass die Menschen mir als Sozi diese Sachen zu recht vorhalten, denn in einer Partei zu sein bedeutet, nach diesen Dingen gefragt zu werden. Andererseits hei\u00dft in einer Partei zu sein noch lange nicht, diese Positionen zu teilen, sondern viel mehr, sich mit seinen M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr einzusetzen, diese Positionen in der Partei zu \u00e4ndern. Hei\u00dft: Antrag zur Asylpolitik schreiben, zusammen mit anderen Genoss*innen die eigene Position zu sch\u00e4rfen und zu formulieren. Verb\u00fcndete in h\u00f6her gelegenen Gliederungen zu finden und den Antrag einzubringen, abstimmen zu lassen. Verlieren und sich aufregen. Neue Wege suchen. Vielleicht irgendwann einen Antrag durchzubekommen (um dann zu erleben, wie die Mandatstr\u00e4ger der eigenen Partei dann in Regierungsverantwortung wieder was anderes entscheiden, hrmpf!)<\/p>\n<p>Was bringt mir so eine Partei also ausser Frust und Niederlagen? Ich pers\u00f6nlich empfinde es als den gr\u00f6\u00dften Gewinn, was ich in dieser Partei lerne. Die banalsten Dinge waren: Was ist \u00fcberhaupt eine Fraktion, was sind innerparteiliche Gremien und was sind \u00f6ffentliche Gremien? Interessanter wird es bei: Wie gehen die Menschen in der Partei miteinander um, wie gehen sie mit Menschen in anderen Parteien um? Was macht eine Wahlniederlage mit uns? Wie f\u00fchlt sich ein Wahlkampf an?\u00a0Daraus entsteht ein erheblich differenzierteres Politikverst\u00e4ndnis als beim blo\u00dfen auf der Couch sitzen und sich aufregen. Man bekommt ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, was in welchem Tempo m\u00f6glich ist. Man bekommt ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie lange eine Transformation dauern kann, man wei\u00df auf einmal, dass es keine Neustarts gibt, sondern nur Wandel. Man stellt fest, dass man selbst h\u00f6chst fehlbar ist und man stellt fest, dass es sch\u00f6n ist, wenn mich andere, die schon viel l\u00e4nger und viel intensiver \u00fcber ein Thema nachgedacht und diskutiert haben, korrigieren k\u00f6nnen und es ist noch sch\u00f6ner, wenn man sieht, dass man selbst eigene Aspekte in die Diskussion einbringen kann und dass die gemeinsame Position durch mich pl\u00f6tzlich viel stabiler ist. Es ist sch\u00f6n, dass man all den Meckerer*innen sagen kann, dass man tut was man kann &#8211; konstruktiv. Und es ist sch\u00f6n zu sehen, wie viele engagierte Menschen es in so einer Partei gibt, die nur f\u00fcr diese in Heller und Pfennig nicht messbaren Goodies genau dasselbe tun wie ich, das gibt einem ein kleines bisschen den Glauben an die Menschheit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In den paar Jahren in der SPD habe ich wahrscheinlich noch keine einzige meiner eigenen Ideen umgesetzt bekommen. Aber ich habe mich gegen die VDS eingebracht, die ist zwar noch l\u00e4ngst nicht tot, aber zumindest erstmal auf Eis. Ich habe f\u00fcr den Mindestlohn Wahlkampf gemacht und\u00a0der ist jetzt da. Aber was mindestens genau so wichtig ist: Ich bin heute viel schlauer als 2011, in einer Partei zu sein hei\u00dft lernen.<\/p>\n<p>Um jetzt mal auf den Ausgangspunkt zur\u00fcckzukommen:\u00a0Das politische Personal der Zukunft rekrutiert sich aus Euch.\u00a0Und wenn Ihr selbst es auch nicht sein werdet, die 2030 das Wirtschaftsministerium leiten, so habt Ihr in einer Partei zumindest mehr Einfluss darauf als auf der Couch oder auf einer Montagsdemo. Sich aufregen ist ein Anfang, aber da solltet Ihr nicht aus Bequemlichkeit stehen bleiben, sondern zu Handelnden werden. Und eine*r von Euch wird dann 2030 oder 2040 das Wirtschaftsministerium leiten (oder ich, harrharr!!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Tagen\u00a0bin ich \u00fcber den Beitrag &#8222;Verwalter ohne Visionen: Warum ich politikverdrossen bin&#8220; von @martinweigert bei netzwertig.com gestolpert. 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