{"id":1669,"date":"2015-10-19T01:17:58","date_gmt":"2015-10-18T23:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1669"},"modified":"2015-10-19T01:17:58","modified_gmt":"2015-10-18T23:17:58","slug":"wo-mache-ich-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1669","title":{"rendered":"Wo mache ich mit?"},"content":{"rendered":"<p>Vor tausenden von Jahren habe ich Abitur gemacht, also kurz davor muss es gewesen sein, dass mir ein oder zwei engagierte Geschichtslehrer*innen was erz\u00e4hlt haben \u00fcber die Situation in der Weimarer Republik und dar\u00fcber, wie die Stinknazis an die Macht gekommen sind und sie so lange halten konnten, bis am Ende die ganze Welt brannte. Ich fand das als Sch\u00fcler irgendwie langweilig, es hatte mit meinem Leben auf dem Bauernhof in Rhade wenig zu tun. Dort, in Rhade, ging es wenig politisch zu. Wir haben uns \u00fcber die Strohernte gefreut, weil wir auf den Strohwagen mitfahren durften und weil es warm war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich mich aber immer mal wieder zaghaft gefragt, zun\u00e4chst seltener, sp\u00e4ter \u00f6fter: Wie h\u00e4tte ich mich damals verhalten, in dieser Nazizeit, oder vielmehr kurz davor? Was h\u00e4tte ich getan? W\u00e4re ich ein Nazi-Mitl\u00e4ufer geworden oder vielleicht gar ein ideologischer Eiferer? Oder w\u00e4re ich von Anfang an in Opposition gegangen? Eine Frage, die mich eigentlich immer besch\u00e4ftigt hat und die ich bis heute nicht beantworten kann, weil sie rein hypothetisch ist. Ich habe damals nicht gelebt. Ich habe die Verh\u00e4ltnisse nicht am eigenen Leib erfahren. Ich kann diese Frage nicht beantworten, denn ich kann das Wissen aus meinem Geschichtsunterricht nicht ausblenden. Es ist in diesem Moment, da wir in einer Gemengelage leben, die Antworten jetzt, heute, in diesem Moment erfordert, auch nur zweitrangig. Welche Entscheidungen treffen wir heute? Sind wir uns \u00fcberhaupt dessen bewusst, dass wir an einem Scheideweg stehen?<\/p>\n<p>Gerade vor zwei Tagen hat ein rechtes Dreckssubjekt ein Mordattentat auf Henriette Reker, der OB-Kandidatin f\u00fcr K\u00f6ln, ver\u00fcbt. Einige Tage zuvor wollten\u00a0kaum\u00a0minder verabscheuensw\u00fcrdige Arschl\u00f6cher auf widerw\u00e4rtigen Pegida-Versammlungen Angela Merkel und Sigmar Gabriel am Galgen h\u00e4ngen sehen. Dass dieser Tage jeden Tag Vertriebenenunterk\u00fcnfte brennen, ist den Medien kaum noch eine Meldung wert, es ist zur Normalit\u00e4t geworden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/michaelbittner.info\/2015\/10\/13\/pegida-und-nsdap-ein-vergleich\/\" target=\"_blank\">In seinem Blogbeitrag hat Michael Bittner hergeleitet, dass sich weite Teile unserer heutigen Gesellschaft bereits voll auf genau demselben Holzweg befinden wie Deutschland bereits kurz vor 1933<\/a>. Die Argumentationslinien stehen in einer\u00a0Linie mit denen von Joseph Goebbels (f\u00fcr die ohne Geschichtsunterricht: Das war der Chef-Hetzer Adolf Hitlers.)<\/p>\n<p>Ich habe mich in all den friedlichen Jahren gefragt: W\u00e4re ich in Zeiten der Nationalsozialisten ein Mitl\u00e4ufer gewesen? H\u00e4tte ich sie vielleicht sogar aufgrund meiner pers\u00f6nlichen hypothetischen Lebenssituation unterst\u00fctzt oder w\u00e4re ich vielleicht gar ein gl\u00fchender Anh\u00e4nger gewesen? Ich wei\u00df es nicht. Aber wir haben heute, im Jahr 2015, das Gl\u00fcck, dass\u00a0wir es besser wissen. Dass wir es besser wissen m\u00fcssen, ist unsere Verpflichtung gegen\u00fcber den Millionen Todesopfern, die die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gefordert hat. Wir m\u00fcssen erkennen, dass die Brunnenvergifter sich genau derselben Mechanismen bedienen wie damals. Damals hatte niemand eine Referenz, niemand oder zumindest nur wenige konnten absehen, wie tief diese Entwicklungen\u00a0die ganze Welt in den Abgrund rei\u00dfen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Heute stehen wir da und kennen die Geschichte. Heute sind wir verpflichtet, es besser zu wissen. Heute wissen wir, dass wir diesen Tendenzen fr\u00fch begegnen m\u00fcssen. Das tun wir, das tun vornehmlich diejenigen, die sich nicht zu schade sind, sich f\u00fcr eine Haltung zu entscheiden. Das tun auf kontinuierliche Weise vor allem die, die in den demokratischen Parteien organisiert sind. Es sind in vorderster Front Jusos, Sozis, Linke und Gr\u00fcne, die\u00a0neben kirchlichen und sozialen Verb\u00e4nden\u00a0auf dem Marktplatz stehen, um hier in Bonn die Spacken von Bogida nach zwei Versuchen derart in die Schranken weisen, dass die sich hier nicht wieder haben blicken lassen.<\/p>\n<p>Und dennoch werden diejenigen, die sich in den demokratischen Parteien engagieren, im besten Fall bestaunt, im Normalfall gemieden, im schlechtesten\u00a0Fall wie Unzeug behandelt. Das ist vor dem Hintergrund des Wissens, das wir alle \u00fcber die finsterste Zeit der Menschheit haben, zutiefst alarmierend. Wie viele Konjunktivkonstruktionen sind geschrieben worden \u00fcber die Zivilgesellschaft der Weimarer Republik und der darauf folgenden Nazi-Herrschaft? Wann h\u00e4tten die aus unseren Augen normalen menschlichen Regulative greifen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>H\u00e4tte h\u00e4tte Fahrradkette, was die Geschichte angeht, die \u00e4ndert sich nicht mehr. Aber heute stehen da welche mit offener Nazi-Rhetorik, mit offener Ablehnung gegen\u00fcber\u00a0demokratischen Mechanismen, die einmalig\u00a0in der Geschichte der Menschheit 70 Jahre Frieden in Europa gesichert haben, und wir als Zivilgesellschaft m\u00fcssen in der Lage sein, das zu erkennen und dem entgegenzutreten, denn wir kennen die Geschichte.<\/p>\n<p>(Ey, Loick, Nazivergleich, geht&#8217;s nicht eine Etage drunter?) Nein! Ich bin in meiner schulischen Laufbahn dar\u00fcber informiert worden, wie subversiv ein menschenverachtendes Regime zur Macht gelangen konnte und ich m\u00f6chte, dass meine Enkel, sollte es zum Schlimmsten kommen, sagen k\u00f6nnen: Mein Opa hat sich dem von Anfang an entgegengestellt, denn wir begeben uns gerade auf genau diesen Weg. Der Anfang ist jetzt.<\/p>\n<p>Aber noch mehr w\u00fcnsche ich mir, dass meine Enkel keinen Gedanken an die Spinner von Pegida und AfD verschwenden m\u00fcssen, weil hoffentlich in ein paar Jahren niemand mehr dar\u00fcber sprechen muss. Dass die Zivilgesellschaft und die Politik gemeinsam eng genug zusammenstehen, um eine erneute Eskalation dieses Ausma\u00dfes zu verhindern.<\/p>\n<p>Aber damit das Wirklichkeit wird, muss in der Gesellschaft viel passieren. Es darf nicht l\u00e4nger Konsens bleiben, dass Politiker*innen der demokratischen Parteien per se als korrupt wahrgenommen werden. Es darf nicht l\u00e4nger Konsens bleiben, dass Parteien als Hort des B\u00f6sen, der Vercheckung, des gesellschaftlichen Ausverkaufs wahrgenommen werden. Die demokratischen Parteien sind dies alles nicht. Es mag gern genommene einzelne F\u00e4lle geben, f\u00fcr meine Partei nehme ich in Anspruch: Die allermeisten, die sich mit mir engagieren, treiben Anstand, der Wille zur Gestaltung zum Besten f\u00fcr alle und der Wille zur Verbesserung der Verh\u00e4ltnisse an.<\/p>\n<p>(Kaum habe ich das hingeschrieben, werde ich \u00e4ngstlich: Traust Du Dich wirklich, das zu sagen, \u00f6ffentlich, im Internet, lesbar f\u00fcr alle, auch f\u00fcr die, die eine Minute nach dem Klick auf &#8222;publish&#8220; \u00fcber Dich herfallen werden? Wer schreit als erstes &#8222;Sarrazin!&#8220;? Wer als erstes &#8222;Wer hat uns verraten?&#8220; Wird mein VDS-Count dem Ansturm standhalten oder muss Google f\u00fcr mich mitz\u00e4hlen?)<\/p>\n<p>Ich bleibe dabei. Die Mehrheit der parteipolitisch Engagierten und Organisierten sind von hehren Idealen getrieben, so wie ich. Fallt \u00fcber mich her, nennt mich einen Naivling, lacht mich aus oder verwehrt mir jede politische Karriere: Das wird immer mein politischer Antrieb bleiben, so wie von hunderten Sozis, die ich kennengelernt habe. Das sind die, die neben\u00a0den Aufgebrachten um die Klosch\u00fcssel stehen, das sind die, die genau wie die anderen sehen, dass da unten in der Klosch\u00fcssel der Schl\u00fcssel liegt, der dort gerade hineingefallen ist. Das sind die, die nicht nur rufen: Guck! Da liegt der Schl\u00fcssel, ganz unten! Da liegt er! Das sind die, die hingehen und hineingreifen in die Klosch\u00fcssel und den verdammten Schl\u00fcssel da raus holen. Das sind die, von denen sich alle angewidert abwenden, weil ihre H\u00e4nde komisch riechen. Aber das sind die, die f\u00fcr Euch den shice Schl\u00fcssel da rausgeholt haben.<\/p>\n<p>Da steht ein Ergebnis, Asylversch\u00e4rfungen, Shice-SPD, Mann! Ihr h\u00e4ttet einfach NEIN sagen m\u00fcssen! Wenn es so einfach w\u00e4re, w\u00e4ren alle\u00a0Probleme gel\u00f6st. Die Wahrheit ist aber: wenn eine Bev\u00f6lkerung 25% SPD w\u00e4hlt und 42% Union, dann stehen in so einem Asyl-Kompromiss auch 42% Union und nur 25% SPD. Und wenn Frau Merkel pl\u00f6tzlich das erste Mal in ihrer Kanzlerschaft einen Kurs erkennen l\u00e4sst, der auch nur im entferntesten sowas wie Haltung erkennen l\u00e4sst &#8211; und ihre bis dato fantastischen Umfragewerte stante pede in sich zusammenbrechen\u00a0&#8211; dann frage ich mich, ich ganz pers\u00f6nlich: Haben wir ein Problem, Zivilgesellschaft? Und liegt dieses Problem wirklich in den Parteien? What is your drive, Deutschland?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor tausenden von Jahren habe ich Abitur gemacht, also kurz davor muss es gewesen sein, dass mir ein oder zwei engagierte Geschichtslehrer*innen was erz\u00e4hlt haben \u00fcber die Situation in der Weimarer Republik und dar\u00fcber, wie die Stinknazis an die Macht gekommen sind und sie so lange halten konnten, bis am Ende die ganze Welt brannte.&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1669\"><span class=\"screen-reader-text\">Wo mache ich mit?<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54,51,48,14,19],"tags":[],"class_list":["post-1669","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutschland","category-haltung","category-nazis","category-politik","category-spd","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1669"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1670,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions\/1670"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}