{"id":1813,"date":"2016-08-13T00:09:54","date_gmt":"2016-08-12T22:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1813"},"modified":"2016-08-13T00:10:45","modified_gmt":"2016-08-12T22:10:45","slug":"frankreich-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1813","title":{"rendered":"Frankreich 2016"},"content":{"rendered":"<p>Wie komisch ist es, dieses Jahr 2016, Terror \u00fcberall, Promis, die meine Kindheit bestimmt haben, sterben wie die Fliegen (und sind\u00a0nicht besonders alt geworden).<\/p>\n<p>Die Frau, die Kinder und ich schnallen uns an und fahren los, in den Urlaub, nach S\u00fcdfrankreich. An der deutsch-franz\u00f6sischen Grenze stehen so rund 20 M\u00e4nner in Tarnfleck und mit automatischen Waffen umgebunden. Wir m\u00fcssen nicht anhalten, Schengen is still a fact, aber der Kleine Sohn fragt, warum die diese Waffen tragen. Wir versuchen zu erkl\u00e4ren und bereits da f\u00e4llt mir auf, wie falsch es ist, M\u00e4nner in Tarnfleck und mit automatischen Waffen an Grenzen aufzustellen. Der Gro\u00dfe Sohn fragt: &#8222;Aber wenn die die Terroristen aufhalten sollen, woher wissen die, dass das Terroristen sind? Warum haben sie uns nicht aufgehalten, woher wussten die, dass wir keine Terroristen sind?&#8220; Die Frau sagt, sie w\u00fcrde sich f\u00fcr die Aufgabenbeschreibung interessieren, die diese M\u00e4nner in \u00a0Tarnfleck und mit automatischen Waffen morgens mitgegeben bekommen. Ich liebe meine Familie, denn sie stellt Fragen, die gut sind.<\/p>\n<p>In Belfort machen wir unseren ersten Halt auf unserem Weg nach S\u00fcden. Es regnet, wir zelten. F\u00fcr 12 Euro darf ich das WLAN des Campingplatzes benutzen, eine kleine w\u00e4rmende Fackel im Regen, wenn ich einige H\u00e4ppchen aus der TL nachlesen kann. Die Nacht ist sehr sehr nass. Das Zelt h\u00e4lt aber, am n\u00e4chsten Morgen packen wir es triefend in seine Tasche und fahren weiter. Auf der A39 sch\u00fcttet es derart, dass die Frau am Steuer nicht schneller als 80 fahren kann. Noch rund 200km bis zu unserem n\u00e4chsten Zwischenstopp &#8211; und ich halte es f\u00fcr unm\u00f6glich, dass es dort, in gerade einmal 200km Entfernung &#8211; nicht auch gie\u00dft wie aus K\u00fcbeln.<\/p>\n<p>200km weiter hat es 28\u00b0C, \u00fcberall stehen Warnhinweise, dass erh\u00f6hte Waldbrandgefahr besteht. Wir bauen unser Zelt abermals auf, die Ausl\u00e4ufer des Mistral der franz\u00f6sischen S\u00fcdk\u00fcste trocknen unser Zelt, das wir tropfnass eingepackt hatten, in Sekunden. Windig ist es, aber warm und sehr trocken. Wir trinken Bier, die Kinder schlafen, der Urlaub f\u00e4ngt an. Als die Frau schlafen gegangen ist, gehe ich noch einmal runter zur Campingplatz-Bar und schaue mir das dort laufende Karaoke an. Niemand kann einen Text, das Rhythmusgef\u00fchl der Darbietenden erinnert mich an den alten Opel Corsa meiner Schwester, der nur noch auf drei Zylindern lief. Ich bin vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag fahren wir weiter, wir wollen Narbonne Plage innerhalb von zwei Stunden erreichen. Stau auf der Route de Soleil, wie erwartet, aber wozu haben wir Google Maps auf unseren allwissenden Devices? Mit traumwandlerischer Sicherheit winkt Google uns raus und sagt, wir sollen weit vor B\u00e9ziers die Autobahn verlassen und \u00fcber Land fahren, Ersparnis von gut einer Stunde wegen des Staus auf der A9.<\/p>\n<p>Dann der Horror: Datenabriss! O2-Deutschland meldet per SMS, dass mein Datenvolumen aufgebraucht sei und dass ich mit 0,00002 Millibit pro Stunde selbstverst\u00e4ndlich kostenlos weitersurfen d\u00fcrfe. Das Google-Phone schlingert, weil es nur noch GPS Daten auf die bereits heruntergeladene Route anwenden kann. Ich spreche lautlos ein Gebet, f\u00fcr das ich in den USA wahrscheinlich ohne Prozess nach Guantanamo verschleppt worden w\u00e4re. Weniger lautlos fluche ich \u00fcber die Shice-Technik, was mir einen mittelschweren Streit mit der Frau einbringt.<\/p>\n<p>Am Ende fahren wir \u00fcber die Hinterstra\u00dfen von St. Pierre nach Narbonne Plage ein, vorbei an einem Etang, der ausgetrocknet ist und der den Kleinen Sohn f\u00fcr kurze Zeit in die Bedr\u00e4ngnis bringt, dass das ganze Mittelmeer ausgetrocknet sein k\u00f6nnte und dass er deswegen vielleicht NIE MEHR im Meer wird baden k\u00f6nnen. Ich liebe meinen Kleinen Sohn daf\u00fcr, dass er nur den wichtigen \u00c4ngsten Bedeutung beimisst und der Frau geht es genauso.<\/p>\n<p>In Nabonne Plage hat es 32\u00b0C, der wilde Mistral tobt mit B\u00f6en von bis zu 80 km\/h, ein herrliches Klima, die Haare gezaust, die F\u00fc\u00dfe nackt, wenn auch bisher ungebr\u00e4unt. Die allerbeste Frau der Welt geht uns bei F\u00fctterer einbuchen, w\u00e4hrend ich mit den Kindern an einem st\u00e4dtischen\u00a0Wasserspiel stehe. In einer Reihe von sagen wir mal 25 Metern kommen 10 kleine Wasserfont\u00e4nen senkrecht aus dem Boden (also einem Gitter). Die Font\u00e4nen sind zu Anfang 35cm hoch, dann variieren sie, manchmal steigen sie bis zu sagen wir 1,20 m hoch f\u00fcr jeweils sechs Sekunden oder so. Die Kinder sind zun\u00e4chst verhalten, versch\u00e4mt darf eine Sandale benetzt werden. Sie laufen \u00fcber die Font\u00e4nen, der Kleine Sohn wird an der Wade etwas nass. Eine Freude! Er guckt mich an, ich sage: Eine Freude! Alle D\u00e4mme brechen, am Ende rennen sie beide einfach durch das Wasser, &#8222;unser Lieblingsbrunnen!&#8220;, rufen sie, und das rufen sie nicht nur Tage sp\u00e4ter noch, ich vermute, sie werden das f\u00fcr den Rest ihres Lebens rufen. Es sa\u00dfen dort andere Eltern mit Kindern und die Kinder guckten trocken und verdutzt und desgleichen ihre Eltern. Ein bisschen stolz bin ich auf mich, dass ich in diesem Moment die L\u00e4ssigkeit meiner eigenen Eltern an meine Kinder weitergeben konnte.<\/p>\n<p>Seit wir hier sind, in Narbonne Plage im August 2016, ist die Lufttemperatur nicht unter 20\u00b0C gefallen, auch nicht nachts. Am Tage haben wir bei 25,5\u00b0C gewitzelt, dass wir uns doch besser eine Jacke mitgenommen h\u00e4tten. Wir trinken jeden Abend Pastis und Rotwein aus der Umgebung (La Clape und Corbi\u00e8res). Ich habe an einer franz\u00f6sischen Fleischtheke Rumpsteak gekauft, was meinen gesamten franz\u00f6sischen Wortschatz gefordert hat. Ich m\u00f6chte eigentlich nur noch bei franz\u00f6sischen Metzgern Fleisch kaufen. Wie leicht das Leben sein kann, gutes Essen, Sonne, guter Wein f\u00fcr wenig Geld aus der n\u00e4chsten Umgebung.<\/p>\n<p>Wir haben die Festung von Salles besucht, eine Burg aus dem 14.\/15. Jahrhundert. Dort angekommen sah ich eine Infotafel, die mehrsprachig und mit Piktogrammen erkl\u00e4rt, wie man\/frau sich im Falle eines terroristischen Anschlags zu verhalten hat. Ducken, hinter den jahrhundertealten Mauern Schutz suchen. Die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf halten. Ich habe die Kinder nicht darauf hingewiesen.<\/p>\n<p>Wir haben hier aufgrund mangelnder Vorbereitung nur punktuell Zugang zum Internet und wir zahlen uns dumm und dusselig daf\u00fcr. Es ist kaum auzuhalten, in einem europ\u00e4ischen Land nicht by default online sein zu k\u00f6nnen. Ich merke, wie anstrengend das heute ist: TL laden, 200 Tweets, mobile Daten ausschalten, um das stark limitierte Volumen zu schonen. In diesem 200 Tweets einen lustigen sehen, mobile Daten an, Reply schicken, mobile Daten aus, weiterlesen. Einen Tweet sehen, der etwas bedeutsames zu einem Bild sagt, Bild ist nicht da, mobile Daten an, Bild ansehen und Tweet verstehen, mobile Daten aus. SMS von O2, dass dennoch alles aufgebraucht ist.<\/p>\n<p>Gehe mit der Frau in Narbonne in die Stadt, um bei der franz\u00f6sichen Telekom namens Orange eine SIM-Karte zu erwerben, damit wir ein bisschen arbeiten k\u00f6nnen, denn wir sind ja Gr\u00fcnder*innen und ein bisschen Arbeit muss man immer machen, auch im Urlaub. Wir wollen ein Bild nach Berlin schicken, damit wir mit trackle auf der IFA gut aussehen. Bild hat 450 MB, zweimal bl\u00f6d daneben geguckt, Datenvolumen um, 14,95 \u20ac verbraten. Ach!<\/p>\n<p>Am Ende sind wir f\u00fcr viel viel Geld online. Ich rufe die TL ab. Der Innenminister hat sich vom kleinen Koalitionspartner die widerw\u00e4rtigsten Ideen gerade noch ausreden lassen, aber schlie\u00dflich\u00a0lese ich f\u00fcr teures Geld viel Shice \u00fcber die CDU. Immerhin, Hillary scheint ihren Vorsprung gegen\u00fcber Trump gerade weit auszubauen. Dann muss ich die Datenverbindung wieder schlie\u00dfen, aus Kostengr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Frau leidet sehr darunter, dass wir st\u00e4ndig offline sein m\u00fcssen, aber ich ebenso. Als wir bei Orange eine Prepaid-SIM kaufen, muss die Frau ihre Personalien hinterlassen und ich witzele nur so halb, dass sie deswegen jetzt wohl auf der Terrorfahndungsliste steht und ihre Konten deswegen wahrscheinlich gescannt werden. Sie lacht nur halbherzig dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Es ist warm. Ich sitze und schreibe frei und unzensiert mit einer Flasche, die den Namen Ch\u00e2teau Capitoul &#8211; La Clape &#8211; Languedoc tr\u00e4gt. Es kann so einfach sein in Frankreich, in Europa. Und doch dringen immer wieder diese Dinge ein, und die Einschl\u00e4ge kommen n\u00e4her: Wird mein Kleiner Sohn seinen zehnten Geburtstag in einer anderen Welt feiern? Wird mein Gro\u00dfer Sohn in eine Armee eingezogen werden? Bleiben die Frau und ich eine der wenigen Generationen der Menschheit, die nie in einen Krieg ziehen mussten? Kann ich etwas tun? Etwas ausrichten? Ist es genug, in Zeiten der Eiferer den Kindern zu sagen, bleibt easy? Werden die Kinder easy bleiben? Gerade mich als Jungsmutter treibt das um.<\/p>\n<p>Wenn ich einen oder zwei W\u00fcnsche frei h\u00e4tte, ich w\u00fcnschte mir dieses: Die einfachen Antworten w\u00e4ren nicht dumm, sondern schlau. Und nicht das besser sein als der Andere w\u00e4re die Auszeichnung, sondern das gemeinsam mit dem Anderen Erreichte.<\/p>\n<p>Was mich so fertig macht ist, dass die Weltformel so einfach ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie komisch ist es, dieses Jahr 2016, Terror \u00fcberall, Promis, die meine Kindheit bestimmt haben, sterben wie die Fliegen (und sind\u00a0nicht besonders alt geworden). Die Frau, die Kinder und ich schnallen uns an und fahren los, in den Urlaub, nach S\u00fcdfrankreich. 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