{"id":1830,"date":"2016-10-12T12:31:14","date_gmt":"2016-10-12T10:31:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1830"},"modified":"2016-10-12T12:40:34","modified_gmt":"2016-10-12T10:40:34","slug":"barrieren-senken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1830","title":{"rendered":"Barrieren senken"},"content":{"rendered":"<p>Ah, wunderbar, die Diskussion \u00fcber\u00a0Digitales in Schulen ist in vollem Gange. Gestern hatten <a href=\"http:\/\/calliope.cc\/team\">wir<\/a> einen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2016-10\/calliope-mikrocontroller-grundschule-dritte-klasse\">sch\u00f6nen Artikel bei ZEITonline<\/a>, gerade hat <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Wanka-fordert-Digital-Pakt-Milliarden-fuer-Computer-und-WLAN-an-Schulen-3343463.html\">Bundesbildungsministerin Wanka ein 5-Mrd.-Programm f\u00fcr die digitale Ausstattung von Schulen<\/a> gefordert\u00a0und <a href=\"http:\/\/www.swr3.de\/aktuell\/nachrichten\/Lehrerverband-kritisiert-Plaene-zur-Digitalisierung-der-Schule\/-\/id=47428\/did=4162418\/qjo0km\/index.html\">heute meldet sich der Lehrerverband zu Wort<\/a>.<\/p>\n<p>Es gibt wie erwartet Widerst\u00e4nde: Soll &#8222;das Digitale&#8220; als Pflichtfach Informatik eingef\u00fchrt werden? Ist nicht Singen im Unterholz viel wichtiger f\u00fcr die Entwicklung von Kindern? Welche Inhalte sollen rausfliegen, wenn jetzt dieses ganze Digitalged\u00f6ns reinkommt? Sitzen die Kinder nicht sowieso schon genug vor &#8222;der Kiste&#8220; resp. vor &#8222;dem Ding&#8220; (aka Smartphone)? L\u00f6st sich alles in Wohlgefallen auf, wenn die bockigen alten Lehrer*innen erst\u00a0alle\u00a0weggestorben sind und wie von selbst nur noch Digitalenthusiast*innen nachwachsen?<\/p>\n<p>Was mir zu den einzelnen Punkten derzeit so durch den Kopf geht:<\/p>\n<figure id=\"attachment_1831\" aria-describedby=\"caption-attachment-1831\" style=\"width: 342px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1831\" src=\"http:\/\/www.loick.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Unbenannt-1.png\" alt=\"Hier, Kinder! Ihr d\u00fcrft jetzt \u00fcber Euren Lehrer nachdenken, witzig, oder?\" width=\"342\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/www.loick.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Unbenannt-1.png 500w, https:\/\/www.loick.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Unbenannt-1-300x224.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1831\" class=\"wp-caption-text\">Hier, Kinder! Ihr d\u00fcrft jetzt \u00fcber Euren Lehrer nachdenken, witzig, oder?<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Pflichtfach Informatik:<\/strong>\u00a0Ich halte es f\u00fcr unbestritten, dass wir informatische Grundprinzipien, algorithmisches Denken, das Zerlegen von allt\u00e4glichen Abl\u00e4ufen in kleine Unterabl\u00e4ufe, schon in der Grundschule vermitteln sollten. Die Abfolge von Tanzschritten ist\u00a0genau genommen schon ein Algorithmus. Man kann Kinder bereits\u00a0im Kindergarten dazu auffordern, sich nach Alter\/Gr\u00f6\u00dfe\/Haarfarbe sortiert aufzustellen &#8211; und wird dabei Zeug*in eines laufenden Algorithmus, ganz ohne Computer, Bildschirm oder Code. Das kann man sogar singend im Unterholz tun. Das gro\u00dfe Problem eines\u00a0&#8222;Pflichtfachs Informatik&#8220; ist die Barriere, die diese beiden Begriffe aufbauen. Bei Pflichtfach denke ich &#8211; ganz Kind meiner Zeit &#8211; an einen separaten Block von Inhalten, der einen anderen separaten Block von Inhalten verdr\u00e4ngen muss. Nicht gut in der Diskussion und nicht gut in der Denke. Der zweite Begriff &#8222;Informatik&#8220; l\u00e4sst mir spontan den Geruch diverser Weichmacher aus Nadelfilzteppichb\u00f6den und Batterien von hellgrauen AT-Geh\u00e4usen in die Nase steigen. Das Pfiffigste, was meiner Erfahrung nach im Fach Informatik gefordert wurde: Bilde eine Klasse &#8222;Mathelehrer&#8220; und zeiche ein Klassendiagramm dazu. Na danke!<\/p>\n<p>Dennoch gibt es auch wichtige Aspekte, die f\u00fcr ein &#8222;Pflichtfach Informatik&#8220; sprechen: Wenn\u00a0junge Menschen, die\u00a0sich an die Uni begeben\u00a0und dort vielleicht Informatik auf Lehramt studieren m\u00f6chten, sp\u00e4ter keinen Job finden, weil Wahlkurse in ihrem Fach an gef\u00fchlt 90% der Schulen nicht zustande kommen, dann enstcheiden sich diese jungen Menschen wohl eher daf\u00fcr, Deutsch oder Mathe auf Lehramt zu studieren. Die Folge: Alle Inhalte, die tats\u00e4chlich nur in der Informatik gelehrt und erforscht werden, bleiben auf der Strecke. Das einzige, wessen\u00a0ich heute als Informatiklehrer sicher sein kann: Du bist alleine f\u00fcr das Netzwerk von 1000 Sch\u00fcler*innen und einer Handvoll Kolleg*innen verantwortlich. Ich \u00fcbertreibe. Aber nur ein bisschen.<\/p>\n<p><strong>Singen im Unterholz:<\/strong> Kinder sollen um Gottes willen gerade nicht in den uns\u00e4glichen Computerr\u00e4umen der 80er und 90er Jahre verbl\u00f6den. Aber wenn sie schon in den Wald gehen, kann man ihnen doch ein paar Sensoren und ein<\/p>\n<figure id=\"attachment_1832\" aria-describedby=\"caption-attachment-1832\" style=\"width: 287px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1832\" src=\"http:\/\/www.loick.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/rot.png\" alt=\"Welches Rot hat welche Messwerte? Wie k\u00f6nnen Farbwerte \u00fcberhaupt ausgedr\u00fcckt werden?\" width=\"287\" height=\"105\" srcset=\"https:\/\/www.loick.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/rot.png 443w, https:\/\/www.loick.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/rot-300x110.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1832\" class=\"wp-caption-text\">Welches Rot hat welche Messwerte? Wie k\u00f6nnen Farbwerte \u00fcberhaupt ausgedr\u00fcckt werden?<\/figcaption><\/figure>\n<p>einfaches Board mitgeben. Man kann sie Dinge messen lassen, Farbwerte zum Beispiel oder Schritte, vielleicht die Feuchtigkeit in einem Blumentopf. Wenn wir informatisches Wissen wie fr\u00fcher vermitteln (&#8222;Hier ist der vi-Editor, jetzt lernen wir erstmal f\u00fcnf Stunden, wie wir aus dem Shiceding wieder rauskommen!&#8220;) werden Kinder sicher weniger im Unterholz singen. Wenn wir das neu machen, werden sie sich informatisches Wissen ganz nebenbei aneignen. Das Rot der Schulmauer ist ein ganz anderes als das Rot der Fu\u00dfn\u00e4gel meines Lehrers, das kann ich in den Messwerten des Sensors genau erkennen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1578\">Als wir die Tinkering Kurse in der Grundschule gemacht haben<\/a>, wurde das ganze erst richtig spannend, als wir die Kinder gebeten haben, einer\u00a0LED, die da nun so sinnlos auf dem Papier leuchtet, eine Bedeutung zu geben. Wenn wir mit der Bedeutung anfangen und uns fragen, wie wir diese\u00a0informatisch abbilden, geht dem zu 99% eine sinnliche Erfahrung voraus. Das sch\u00f6ne dabei: Die Kinder machen nicht nur die sinnliche Erfahrung, sondern sie hinterfragen sie auch gleich und erhalten eine Erkl\u00e4rung dazu. Ich finde, sch\u00f6ner kann man sich die Welt um sich herum kaum erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Welche Inhalte sollen f\u00fcr das Digitalged\u00f6ns rausfliegen?<\/strong> Wenn wir algorithmisches Denken als etwas verstehen, was uns zus\u00e4tzliche Ausdrucksm\u00f6glichkeiten an die Hand gibt, m\u00fcssen wir meiner Einsch\u00e4tzung nach nicht besonders viel von den alten Inhalten wegwerfen &#8211; wir m\u00fcssen sie nur anders vermitteln. So wie Kinder heute ganz selbstverst\u00e4ndlich Dinge aufschreiben sollen, k\u00f6nnten\u00a0sie andere Dinge ganz selbstverst\u00e4ndlich in eine Abfolge von Schritten bringen. Das ist dann schon ein Algorithmus, aber ich sage bewusst &#8222;Abfolge von Schritten&#8220;:\u00a0In der allgemeinen\u00a0Wahrnehmung ist ein Algorithmus etwas magisches, geheimes, was in nicht zu \u00f6ffnenden Geh\u00e4usen Dinge tut, die wir nicht verstehen und nicht beeinflussen k\u00f6nnen. Aber genau diese Wahrnehmung ist ja gerade die falsche. Wenn wir es richtig anpacken, holen wir die Algorithmen aus ihren Geh\u00e4usen und gestalten sie &#8211; und machen die Erfahrung, dass sie dann genau das tun, was wir wollen. \u00dcbrigens eine Erfahrung, die mich jedesmal aufs neue v\u00f6llig euphorisiert und imho das Zeug dazu hat, Kindern mit geringem Selbstbewusstsein (z. B. aus sozialen Gr\u00fcnden) ein ger\u00fcttelt Ma\u00df an Selbstvertrauen zu schenken.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Die Kiste&#8220; <\/strong>und<strong> &#8222;das Ding&#8220;<\/strong>: Wer nicht versteht, dass auf dem Display eines Smartphones h\u00f6chst wichtige Dinge ablaufen, wird weiterhin denken, dass Kinder offenbar v\u00f6llig bescheuert sind, weil sie\u00a0auf eine tote Mattscheibe starren. Ein Smartphone ist aber kein St\u00fcck Holz. Es \u00f6ffnet ein Fenster auf eine ungeheure Zahl h\u00f6chstkomplexer und h\u00f6chst wichtiger Dinge: Freundschaften, Wissen, Hilfe, Hilfsmittel, Organisation, Experimente, Gleichgesinnte, Stra\u00dfenkarten, Wettervorhersagen&#8230; (you name it!). Wenn ich als Lehrer*in, als Vater oder Mutter, nicht begreife, was in so einer &#8222;Kiste&#8220; vor sich geht, werde ich es schwer haben, damit um die Aufmerksamkeit der Kinder zu konkurrieren. Der einfachste Weg in die Aufmerksamkeit der Kinder ist \u00fcbrigens, selbst in &#8222;dem Ding&#8220; stattzufinden, und sei es nur mit einem R\u00e4tsel, dessen L\u00f6sung das WLAN-Passwort freigibt. Der Gedanke, dass Kinder sich zu wenig bewegen w\u00fcrden und sich sozial isolieren k\u00f6nnten, entspringt ebenfalls dem nicht sehr attraktiven Bild, das wir uns in der Vergangenheit von all dem Digitalen gemacht haben: Herumsitzen in ungesunder K\u00f6rperhaltung in einem Raum ohne Tageslicht. Inzwischen laufen die Kinder aber mit Pok\u00e9mon Go in Massen kilometerweite Strecken und tauschen sich dar\u00fcber aus. Meine S\u00f6hne spielen Wii U online mit ihren Schulfreund*innen und sprechen dar\u00fcber am n\u00e4chsten Tag auf dem Schulhof. Sie wechseln sich vor der Konsole ab, wenn nicht genug Controller f\u00fcr alle da sind oder sie spielen gemeinsam. Dabei bew\u00e4ltigen\u00a0sie h\u00f6chst wichtige und komplexe soziale\u00a0Herausforderungen: &#8222;Ich will ganz unbedingt dieses Level noch mal versuchen, beinahe h\u00e4tte ich es geschafft, aber jetzt soll ich den Controller abgeben. Ich wei\u00df, dass der andere eigentlich gerade dran ist, so haben wir&#8217;s ja abgemacht, aber ich beginne zu argumentieren und vielleicht l\u00e4sst sich mein kleiner Bruder ja auch darauf ein. L\u00e4sst er nicht, was mach ich nur?&#8220; Manchmal komme ich, der Vater, dann rein und muss helfen einen solchen Konflikt zu l\u00f6sen, immer \u00f6fter ist das nicht mehr erforderlich.<\/p>\n<p><strong>Bockige alte Lehrer*innen und nachwachsende Digitalenthusiast*innen:<\/strong> Nur zweimal mit Lehrer*innen gesprochen, wird sofort klar: Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Es gibt junge Lehrer*innen, die gerade frisch von der Uni kommen und alles das, was ich oben beschrieben habe, f\u00fcr nichtig halten und lieber paukenpaukenpauken wollen. Auf der anderen Seite stehen aufgeschlossene \u00e4ltere Semester, die Tablets ausprobieren, Flipped Classrooms veranstalten und Internetrecherchen sowieso bereist t\u00e4glich nutzen. Der Knackpunkt dabei ist, dass einige\u00a0sich die Freiheit nehmen, Dinge eigeninitiativ auszuprobieren, die sie nicht an der Uni gelernt haben, andere lieber dabei bleiben, was ihnen beigebracht worden ist. Wenn mich eine Materie \u00fcberfordert, bin ich nicht in der Lage, diese Materie anderen zu vermitteln, schon gar nicht Kindern, die zus\u00e4tzlich noch besondere didaktische F\u00e4higkeiten erfordern. Wir m\u00fcssen Lehrer*innen die Dinge beibringen, die sie vermitteln sollen, so unspektakul\u00e4r, so einfach, so schwierig. Aber wie schaffen wir es, dass Lateinlehrer*innen genug informatische F\u00e4higkeiten haben, um zusammen mit Sch\u00fcler*innen einen Consecutio-Temporum-Algorithmus programmieren zu k\u00f6nnen? Eine Frage an die Lehre*innen-Ausbildung einerseits, an das grunds\u00e4tzliche Selbstverst\u00e4ndnis andererseits: Wenn ich bereits in der Grundschule in der ersten Klasse begriffen habe,\u00a0dass sich beinahe alles in Abl\u00e4ufe zerlegen l\u00e4sst, dann sp\u00e4ter begriffen habe, wie mehrere\u00a0Abl\u00e4ufe miteinander in Beziehung stehen und in Beziehung gesetzt werden k\u00f6nnen, wenn ich dann noch sp\u00e4ter gelernt habe, Abl\u00e4ufe zu modellieren, so wie ich gelernt habe, dass Schrift aus Buchstaben besteht, dass ich einen Text wie eine Pressemeldung, einen Essay oder wie einen Tweet\u00a0verfassen kann, dann wird es auch vielen jungen und den zuk\u00fcnftigen \u00e4lteren Lehrer*innen viel leichter fallen, genau so etwas zu tun. Also z. B. einen Consecutio-Temporum-Algorithmus zu programmieren und ihn Consecutiotemporummsmotor zu nennen.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, was ich mit all dem sagen will, aber es geht glaube ich in die Richtung von &#8222;wir wollen niemandem etwas wegnehmen&#8220; und &#8222;wir m\u00fcssen auch niemandem etwas wegnehmen&#8220;. Wir wollen es nur anders machen. Daf\u00fcr aber ziemlich anders. Aber es ist eigentlich nicht so schwer, es anders zu machen. Wenn wir alles auf einmal anders machen wollen, dann erscheint es viel, wie ein un\u00fcberwindbarer Berg von Dingen, die ich noch nie geh\u00f6rt habe. Aber wenn wir, ganz Beppo Stra\u00dfenkehrer &#8211; ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich &#8211; erst einmal damit anfangen, eine LED an eine Knopfzelle zu halten, dann geht&#8217;s.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ah, wunderbar, die Diskussion \u00fcber\u00a0Digitales in Schulen ist in vollem Gange. 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