{"id":1934,"date":"2017-05-05T22:11:00","date_gmt":"2017-05-05T20:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1934"},"modified":"2017-05-05T22:11:00","modified_gmt":"2017-05-05T20:11:00","slug":"dieses-weinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1934","title":{"rendered":"Dieses Weinen"},"content":{"rendered":"<p>Im Teenageralter fing das an bei mir, zun\u00e4chst\u00a0noch eher selten, so selten, dass ich Schwierigkeiten hatte, damit umzugehen, denn ich war \u00fcberrascht. Ich wurde bei Olympia davon \u00fcberw\u00e4ltigt, wenn Sportler*innen, die jahrelang trainiert hatten, dann Gold gewonnen haben und auf dem Podest emotional nicht mehr anders konnten als in Tr\u00e4nen auszubrechen. Da bin ich in die gleichen Tr\u00e4nen mit ausgebrochen. Zur damaligen Zeit nicht gerade das, was man als besonders m\u00e4nnlich empfunden h\u00e4tte. Ich hatte ein zartes Gesicht und lange Haare und wahrscheinlich trage ich bis heute Koteletten, um immer noch und ein f\u00fcr alle mal unter Beweis zu stellen, dass da ein Fitzelchen Testosteron in mir ist.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde es noch etwas schlimmer. Falscher Song im Radio, Tempo verringern m\u00fcssen auf der Autobahn wegen schlechter Sicht bei Sonnenschein. Oder nein, eigentlich m\u00fcsste ich sagen: Richtiger Song. Zum Beispiel &#8222;Cats in the cradle&#8220; in der Version von Johnny Cash, zu einer Zeit abgespielt, zu der der Gro\u00dfe Sohn bereits geboren war und ich mit dem\u00a0Unsinn anfing, auf die Texte zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter\u00a0kam ich etwas besser damit klar. Ich verlese unserem Zertifizierungshelfer Immanuel die Qualit\u00e4tspolitik von trackle, in der ich an unbedingtem Willen, die Welt verbessern zu wollen, nicht gespart habe. Ich bin inzwischen ge\u00fcbt darin, ergriffen zu sein und habe immer noch die Koteletten. Immanuel guckt etwas ungl\u00e4ubig, aber ich sage: &#8222;Das ist, was wir vorhaben. Katrin und ich.&#8220; Und ich ziehe die Nase hoch, als w\u00e4re es gesellschaftlich v\u00f6llig etabliert, von sich selbst ergriffen zu sein.<\/p>\n<p>Doch schlie\u00dflich\u00a0kam die trackle Crowdfunding Kampagne, we went all in. F\u00fcr sechs Wochen wich alles von mir, was mich vormals hat heulen gemacht. Es war ein Ritt. N\u00e4chte in der TL, wie ferngesteuert, immer noch einmal und noch einmal und again und dann wieder: &#8222;Kauft trackle, Leute! Helft uns! Ver\u00e4ndert mit uns die Welt!&#8220; Am Ende mechanisch, mit festem Blick, Haare sprossen auf meinen Unterarmen. Kein Weinen f\u00fcr sechs Wochen. &#8222;Wir sind so bescheuert&#8220;, hat Katrin gerufen, &#8222;at High Noon dieser haarstr\u00e4ubenden Kampagne sind wir in Holland!&#8220;<\/p>\n<p>Donnerstag, der 20. April. Wir sitzen in der Sonne an der M\u00fchle &#8222;De Jonge Johannes&#8220; in Oostkapelle. Ich gehe festen Blicks mit dem Gro\u00dfen Sohn und dem Kleinen Sohn Minigolf spielen. Festen Blicks erkl\u00e4re ich irgendwas, also den Kindern. Wir kommen zur\u00fcck zum Tisch und Katrin sagt: &#8222;Die F\u00fcnfzigtausend sind geknackt.&#8220; Festen Blicks bestellen wir zwei gro\u00dfe Bier. An dem Abend bin ich um 19:45 im Bett.<\/p>\n<p>Das Weinen ist seltener geworden seitdem, meine Haarfarbe heller. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist. Letzten Mittwoch mussten Katrin und ich sehr fr\u00fch nach Berlin fliegen und die Kinder mussten zum ersten Mal alleine aufstehen, sich anziehen, fr\u00fchst\u00fccken, zu den Kommunard*innen r\u00fcber gehen und dann zur Schule. Sie haben das perfekt gemacht und ich habe nicht geweint, ich habe gel\u00e4chelt. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht hat ein neuer Abschnitt begonnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Teenageralter fing das an bei mir, zun\u00e4chst\u00a0noch eher selten, so selten, dass ich Schwierigkeiten hatte, damit umzugehen, denn ich war \u00fcberrascht. Ich wurde bei Olympia davon \u00fcberw\u00e4ltigt, wenn Sportler*innen, die jahrelang trainiert hatten, dann Gold gewonnen haben und auf dem Podest emotional nicht mehr anders konnten als in Tr\u00e4nen auszubrechen. 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