{"id":1980,"date":"2017-07-11T23:49:27","date_gmt":"2017-07-11T21:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1980"},"modified":"2017-07-11T23:49:27","modified_gmt":"2017-07-11T21:49:27","slug":"ueber-die-gute-alte-zeit-abgeschweift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1980","title":{"rendered":"\u00dcber die gute alte Zeit abgeschweift"},"content":{"rendered":"<p>Sitze in der K\u00fcche, lasse &#8222;Nirvana &#8211; MTV Unplugged In New York&#8220; laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Gro\u00dfeltern in schwarzwei\u00df stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzwei\u00df gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen \u00fcbersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.<\/p>\n<p>&#8222;Was treibt Dich an?&#8220; sollte ich vor ein paar Tagen beantworten f\u00fcr ein Video, das die gute <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sarahlange.privat\">Sarah vom Digitalhub Bonn<\/a> gedreht hat. Ich wei\u00df nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja \u00fcber den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.<\/p>\n<p>1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_gute_Mensch_von_Sezuan\">Der gute Mensch von Sezuan<\/a>&#8220; gelesen haben m\u00fcssen. Ein St\u00fcck, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht \u00fcberzeugt. Kann nat\u00fcrlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach &#8211; vielleicht tr\u00fcgt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit&#8230;). Seit wir &#8222;Der gute Mensch von Sezuan&#8220; gelesen und sogar einmal in einer Auff\u00fchrung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem St\u00fcck nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er\/sie vorhatte, scheitern. Und &#8222;letztlich daran zerbrechen&#8220;, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realit\u00e4t und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das \u00fcberhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Ged\u00e4chtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja \u00fcber den Radweg gegangen bin, denke ich: Was f\u00fcr ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die F\u00e4higkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu k\u00f6nnen. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie \u00fcberhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht sp\u00e4ter nochmal nach).<\/p>\n<p>Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fr\u00f6hlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (\u00e4chtz, was f\u00fcr ein Satz!), dann macht mich das tiefgl\u00fccklich. Und dann f\u00fchle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gef\u00fchl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Fr\u00fcher war alles besser, W\u00e4hlscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was f\u00fcr eine Shice! &#8222;Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys&#8220;, so eine Shice, Mann! Ich hab st\u00e4ndig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzubl\u00e4ttern oder weil was passiert ist? Muss ich mich \u00fcber ihn \u00e4rgern oder muss ich ihm eher noch den R\u00fccken st\u00e4rken, weil ihm vom l\u00f6chrigen \u00d6PNV im Westm\u00fcnsterland \u00fcbel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zur\u00fcckspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zur\u00fcckspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!<\/p>\n<p>Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, &#8222;Die Opodeldoks&#8220;, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert w\u00e4re, wenn da nicht der Opadeldok w\u00e4re, der immer &#8222;Fr\u00fcher war alles schlechter!&#8220; sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenw\u00e4rtigen &#8222;Fr\u00fcher war alles besser&#8220;. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit \u00fcber vierzig, ist mir aufgefallen, was f\u00fcr ein saucooler Hippie so ein Opa w\u00e4re, der ernsthaft &#8222;Fr\u00fcher war alles schlechter!&#8220; zu seinem Mantra gemacht hat. Was f\u00fcr ein starker Charakter das wohl w\u00e4re.<\/p>\n<p>Da fallen mir auch gerade die Vorw\u00fcrfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder \u00fcberall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockger\u00e4ten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, w\u00e4hrend wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich \u00fcbrigens tats\u00e4chlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit &#8222;Heja BVB&#8220;, &#8222;Annes Schlaflied&#8220; und &#8222;Der Mond ist aufgegangen&#8220;. Das alles machen wir\u2122mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier \u00fcberall Plakate in der Stadt, auf denen stand: &#8222;Mehr Zeit f\u00fcr Kinder!&#8220;. Heute m\u00fcssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder h\u00e4tten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir m\u00fcssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos \u00fcberfahren lassen. Wir m\u00fcssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung \u00fcber 70 Jahre erm\u00f6glicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine S\u00f6hne m\u00fcssen nicht mit Patronenh\u00fclsen in Kratern spielen, wir k\u00f6nnen ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.<\/p>\n<p>Und doch: Meine Gef\u00fchle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged h\u00f6re. Es macht ein gutes Gef\u00fchl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gef\u00fchlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal geh\u00f6rt habe, sehr pr\u00e4sent ist. Es f\u00fchlte sich damals gut an, es f\u00fchlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt:<a href=\"http:\/\/www.ennopark.de\/2017\/06\/24\/identitaetssedimente-ausmisten\/\"> Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass fr\u00fcher irgendwie doch alles schlechter war<\/a>. Aber unsere Gef\u00fchle waren echt. Meine Gef\u00fchle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche &#8211; und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen F\u00fc\u00dfen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Ger\u00e4usch der M\u00e4hdrescher oder Maish\u00e4cksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.<\/p>\n<p>Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verst\u00fcmmelten Seelen misshandelter Kinder gro\u00dfe Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder \u00fcberlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen k\u00f6nne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das R\u00fcstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was nat\u00fcrlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich F\u00e4higkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerst\u00f6rbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Bl\u00f6dheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele \u00dcbersch\u00fcsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben k\u00f6nnen? Was ich \u00fcbrig habe, das k\u00f6nnt Ihr haben! W\u00e4re doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schl\u00e4nge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/schleswig-holstein\/Luebecker-Forscher-Schenken-macht-gluecklich,studie316.html\">Heute habe ich von einer Studie geh\u00f6rt, dass Teilen gl\u00fccklich macht<\/a>. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in drei\u00dfig Jahren eines meiner Kinder sowas \u00e4hnliches bloggt, dann f\u00fchre ich einen Besenr\u00fchrtanz um meinen Rollator auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sitze in der K\u00fcche, lasse &#8222;Nirvana &#8211; MTV Unplugged In New York&#8220; laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Gro\u00dfeltern in schwarzwei\u00df stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=1980\"><span class=\"screen-reader-text\">\u00dcber die gute alte Zeit abgeschweift<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,29,26,53,51,7,52,13,36],"tags":[],"class_list":["post-1980","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-kinder","category-energie","category-folklore","category-freundlichkeit","category-haltung","category-musik","category-rhade","category-schopfung-und-schicksal","category-zusammenleben","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1980","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1980"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1980\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1981,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1980\/revisions\/1981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}