{"id":2179,"date":"2021-03-09T22:49:46","date_gmt":"2021-03-09T21:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=2179"},"modified":"2021-03-09T23:05:42","modified_gmt":"2021-03-09T22:05:42","slug":"grenzgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=2179","title":{"rendered":"Grenzgang"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2009 erschien der Deb\u00fctroman &#8222;Grenzgang&#8220; von Stephan Thome. Damals war mein IBM Think Pad drei Jahre alt, es lief Windows XP darauf. Der Roman und die darin beschriebenen Lebensb\u00f6gen, \u00fcber die alle sieben Jahre reflektiert wird, haben mich damals sehr beeindruckt. Die ver\u00e4nderte Wahrnehmung, die Ver\u00e4nderung und Entwicklung der direkten und der weiteren Umwelt, die im Gegensatz zur t\u00e4glichen Selbstwahrnehmung stehen: Ich bin doch immer noch derselbe! Dachte ich, aber das ist ja gar nicht so. 2009 war S anderthalb Jahre alt, s noch eine abstrakte M\u00f6glichkeit kommender Tage.<\/p>\n<p>2012 habe ich das IBM Thinkpad durch dieses MacBook Pro, auf dem ich gerade schreibe, ersetzt. Ich dachte, dass sechs Jahre f\u00fcr ein Laptop methusalemisch genug seien, Booten hat da unter XP irgendwas zwischen 15 und 35 Minuten gedauert. Die Bildschirmaufl\u00f6sung hatte 1024&#215;768 Pixel betragen.<\/p>\n<p>Heute habe ich ein neues MacBook bestellt. Wir schreiben das Jahr 2021. 13&#8220; Retina hat mich damals aus den Socken gehauen, der alte Bildschirm kam mir vor, als guckte ich durch einen Maschendrahtzaun. Die Kinder freuen sich, dass ich einen neuen Rechner bekomme, denn sie werden dieses MacBook nun bekommen. Es ist ein wenig runtergerockert, hier links, wo ich immer den Handballen der linken Hand auflege, ist das Geh\u00e4use por\u00f6s geworden, wahrscheinlich von dem vielen Angstschwei\u00df der letzten neun Jahre. Ein neuer Rechner ist wie ein Lebensbogen.<\/p>\n<p>2006, als das Thinkpad neu war, war Sommerm\u00e4rchen in Deutschland. Was neu war: Frauen in Fu\u00dfballstadien und England war irgendwie sympathisch, nachdem es in den Jahrzehnten davor sowas wie ein Erzfeind war. Ich habe mit meinem sch\u00f6nen neuen Thinkpad gearbeitet und Geld verdient, ab 18:00 Uhr mit den Kollegen (nicht gegendert, erstens weil ich das damals noch nicht kannte und zweitens, weil das Team, in dem ich gearbeitet habe, tats\u00e4chlich zu 100% aus M\u00e4nnern bestand) zum Fuppes gucken in den Biergarten.<\/p>\n<p>2007 &#8211; S geboren. @frau_ratte und ich die ersten weit und breit, die dieses Kinderdings gemacht haben. Mit 50\/50-Aufteilung.<\/p>\n<p>2009 &#8211; Einzug in die Kommune ZwoNull an Karneval. Ich immer noch auf ThinkPad und wir hatten wilde Fahrzeugtauschkonstruktionen zur Verbringung der Kommunardenkinder in die t\u00e4glichen Betreuungsanstalten und unserer selbst zu den diversen Arbeitsst\u00e4tten mit Wechsel der Fahrer*in in der Tiefgarage des BonnCenters, das ja am 19. M\u00e4rz 2017 gesprengt wurde.<\/p>\n<p>2010 &#8211; s geboren, starke Hitze rund um die Geburt. Sp\u00e4ter bin ich mit s im Tragetuch im Regen von Schwarzrheindorf um die H\u00e4user gelaufen und habe dabei telefoniert auf der Suche nach neuen Projekten. Freelancer mit Thinkpad.<\/p>\n<p>2011 &#8211; Eintritt in die SPD und Beginn eines aufregenden Lebens, weil Bekanntschaften aus dem Internet dazu kamen. D64-Beitritt und SPD-Parteitag im Dezember. Ich durfte was bloggen und @horax hat mir gezeigt, wo Peter Struck die Schnittchen holt. Ich immer noch auf ThinkPad.<\/p>\n<p>2012 &#8211; Wahlkampf f\u00fcr Hannelore Kraft und zusammen mit dem Double des BVB und dem Wahlsieg quasi ein Triple f\u00fcr mich. Anschaffung meines ersten Apple-Ger\u00e4ts, n\u00e4mlich dieses MacBooks hier. Da kam mir das noch nicht so besonders vor, den Rechner auszuwechseln.<\/p>\n<p>2013, Wahlkampf Peer Steinbr\u00fcck und rege Bloggingt\u00e4tigkeit auf meinem schicken MacBook. Irgendwo da muss ich auch mit dem D64-Ticker-Schreiben angefangen haben. War nicht auch 2012 die erste D64-Superklausurtagung in Hamburg? 22 M\u00e4nner und Valentina Kerst? Und wir so: das geht so nicht. Im Dezember ist einer meiner Kompagnons auf dem Fahrrad von einer Autofahrerin im Stra\u00dfenverkehr get\u00f6tet worden.<\/p>\n<p>2014 war glaub ich nichts. Kann mich an nichts Herausragendes erinnern. An Weihnachten haben wir bei @holadiho getrunken und trackle f\u00fcr eine gute Idee befunden. Wir haben \u00fcber das Wort &#8222;R\u00fcckholvorrichtung&#8220; gegiggelt wie die Penn\u00e4ler*innen.<\/p>\n<p>2015 &#8211; @frau_ratte ersinnt Businesspl\u00e4ne f\u00fcr trackle, ich freelance mich mit MacBook durch die Projekte.<\/p>\n<p>2016 &#8211; Calliope auf dem IT-Gipfel in Saarbr\u00fccken mit Kanzlerinnenbesuch. @holadiho mit Schlips. Bei trackle hat meine Schwester Antonia unser erstes Corporate Design zerschmettert: Das sieht ja aus wie&#8217;n Spermium, bei so einem Produkt sollten keine M\u00e4nner in der Mitte stehen.<\/p>\n<p>2017 &#8211; vorbei die Zeit der unbeschwerten Ideenphase, Zertifizierung als Medizinprodukt steht an! Ich in Freelanceprojekten am telefonieren mit der benannten Stelle: Ja, wir sind IIa. Welche Norm? Dreizehn-vier-wieviel? Im Herbst Bezug des B\u00fcros am Bertha, kleines Einweihungsbierchen. @holadiho fragt, ob dieses Zertifizierungsthema im Griff ist, ich zucke die Schultern und sage &#8222;Joa&#8220;. Es folgt der h\u00e4rteste Zertifizierungswinter meines Lebens. Im H\u00e4ngeschrank hat der Vormieter des B\u00fcros eine Flasche Essigessenz stehen lassen, die nicht vollst\u00e4ndig verschlossen war. Der lange Zertifizierungswinter 17\/18 riecht sauer, ich kaufe abends im Netto auf der Oxfordstra\u00dfe Hasser\u00f6der Pilsener, die Nullf\u00fcmwer Pfandflasche f\u00fcr 49 Cent. Nudelsnack mit Wasserkocher. Auf meinem MacBook schreibe ich letztlich rd. 1800 Seiten QM-System und technische Dokumentation.<\/p>\n<p>2018 &#8211; Erstaudit. Erst Jahre sp\u00e4ter begreife ich, dass unser damaliger Auditor gar kein Arsch war, sondern uns im Gegenteil \u00e4u\u00dferst wohlgesonnen &#8211; ohne ihn und seine konstruktive Art (im Rahmen der M\u00f6glichkeiten, die so Auditor*innen haben) w\u00e4re das alles nichts geworden. Ausstellung des Zertifikats am 14.06.2018. Silikonbestellung, die dann von Wacker-Chemie kommentarlos abgek\u00fcndigt wird und wir quasi vor dem Nichts. @frau_ratte mit einem Telefon und hundert Nummern in Europa, Silikon wird nach Protesten von hundert Einkaufsabteilungen mittelst\u00e4ndischer Unternehmen in der Wacker-Hotline doch noch geliefert. Im Juli haben wir unseren ersten Sensor verschickt. Die kaputte Charge, Max im Support, der Kundinnen beschwichtigt, die im Crowdfunding 2017 schon bestellt hatten. Im Oktober das Manual on Borderline: Wir d\u00fcrfen auf keinen Fall Verh\u00fctung sagen! Im Winter, zu Weihnachten, klebe ich Versandkartons auf Vorrat und telefoniere mit meiner Schwester.<\/p>\n<p>2019 &#8211; die Absatzzahl tritt in unser Leben. Investor*innen sind rar, ich \u00f6ffne morgens die Augen und blicke in 13&#8220; Retina, abends schlie\u00dfe ich die Augen. Eines der Kinder geht zur weiterf\u00fchrenden Schule und ist Vegetarier.<\/p>\n<p>2020 &#8211; Umzug nach Vilich-M\u00fcldorf nach Eigenbedarfsk\u00fcndigung, die Kommune ZwoNull er\u00f6ffnet zwei neue Flagshipstores. Wir \u00fcbertreffen ab M\u00e4rz jeden Monat die Sollzahlen. Corona, Homeoffice. Mein MacBook wird langsam langsam.<\/p>\n<p>2021 &#8211; ich nehme meine Koteletten ab, die ich seit meinem Rom-Aufenthalt 1999 aus finanziellen Gr\u00fcnden getragen habe. Unter FFP2-Masken sollte man besser rasiert sein.\u00a0Am Weltfrauentag 2021 sitze ich zu Hause. Die Kolleginnen halten ein Webinar ab und erkl\u00e4ren im Internet den Zyklus, Zervixschleim und trackle. Keine hat Blumen bekommen. Wir machen irgendwie gar keine Werbung am Weltfrauentag. In Social Media kursieren SharePics mit Str\u00e4u\u00dfen und Herzchen, im trackle Webinar stellen Frauen Fragen zur lutealen Phase und unsere Kolleginnen beantworten diese. Ich bin ein bisschen stolz. Wenn die Kolleginnen mir anb\u00f6ten, ob ich zur Anerkennung einen Strau\u00df Blumen oder lieber diesen sch\u00f6nen Stift h\u00e4tte, ich w\u00fcrde glaube ich den Stift nehmen, weil davon hab ich ja l\u00e4nger was.<\/p>\n<p>Am 9. M\u00e4rz bestelle ich ein neues MacBook. Es ist mein dritter Computer (ok, den Atari ST, den ich als Teenager hatte, z\u00e4hle ich nicht mit). Ein Lebensbogen endet, ein neuer beginnt. Meine Kinder wollen das alte MacBook. Sie sind so gro\u00df, dass sie damit umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2009 erschien der Deb\u00fctroman &#8222;Grenzgang&#8220; von Stephan Thome. Damals war mein IBM Think Pad drei Jahre alt, es lief Windows XP darauf. Der Roman und die darin beschriebenen Lebensb\u00f6gen, \u00fcber die alle sieben Jahre reflektiert wird, haben mich damals sehr beeindruckt. 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