{"id":296,"date":"2011-09-23T21:45:21","date_gmt":"2011-09-23T19:45:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=296"},"modified":"2012-10-11T09:22:59","modified_gmt":"2012-10-11T07:22:59","slug":"neun-prozent-kriegst-du-nicht-fur-netzpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=296","title":{"rendered":"Neun Prozent kriegst Du nicht f\u00fcr &#8222;Netzpolitik&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Letzten Sonntag haben die Piraten in Berlin fast neun Prozent der abgegebenen W\u00e4hlerstimmen erhalten. Das ist bemerkenswert und ich stelle mir die Frage, wie sie das geschafft haben.<\/p>\n<p>Ohne das ganze nun genau belegen \u00a0und konkrete Stellen zitieren zu k\u00f6nnen, haben sich bei mir zwei diffuse Ahnungen\/Gef\u00fchle herausgebildet:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Piraten haben die neun Prozent nicht daf\u00fcr erhalten, dass sie sich f\u00fcr Netzpolitik einsetzen.<\/li>\n<li>Die anderen Parteien machen einen Fehler, wenn sie die Piraten auf Netzpolitik reduzieren und die neun Prozent mit einer angeblich speziellen Situation in Berlin zu erkl\u00e4ren versuchen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Was meine ich damit? Zum ersten Punkt: Nat\u00fcrlich verbindet jeder mit den Piraten zu allererst mal das Schlagwort Netzpolitik. Darunter verstehe ich, dass sie sich f\u00fcr Netzneutralit\u00e4t einsetzen, dass Themen wie Datenschutz vs. Postprivacy diskutiert werden und dass sie sich mit diesem ganzen technischen Krams auskennen. Ich glaube aber nicht, dass sie nur damit neun Prozent erhalten haben, auch nicht in Berlin. Ich glaube vielmehr, dass sie im Zuge dieser Besch\u00e4ftigung mit Netzthemen sich zu einer Partei entwickelt haben, die einigen wichtigen Bed\u00fcrfnissen von W\u00e4hlern entgegenkommen:<\/p>\n<p>Sie sprechen die Sprache ihrer W\u00e4hler, sie setzen auf v\u00f6llige Transparenz und sie erm\u00f6glichen direkte Partizipation.<\/p>\n<p>Sie sind \u00fcber Twitter und Facebook 24\/7 ansprechbar und antworten offen, \u00a0ehrlich und direkt. Sie benutzen eine Sprache, die niemanden abkanzelt, jeder traut sich, sie anzusprechen, sie haben keine Prominenten in ihren Reihen, die den W\u00e4hler in Ehrfurcht erstarren lassen. Sie twittern dar\u00fcber, wie sie ihre Wahlplakate kleben und aufstellen und st\u00f6hnen offen \u00fcber diese Plackerei. Sie vermitteln sehr glaubhaft das Bild, dass sie durchaus ziemlich fehlbar sind, aber immer die guten Absichten vertreten. Sie sehen aus wie die tatendurstigen Anf\u00e4nger, die &#8211; huch &#8211; 63 Milliarden auch schon mal als &#8222;viele Millionen&#8220; bezeichnen. Aber ich glaube, dass die W\u00e4hler so einen Fauxpas zu verzeihen bereit sind, weil den meisten W\u00e4hlern selbst dieser Fauxpas genauso h\u00e4tte passieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Piraten sind chaotisch und fachlich in vielen F\u00e4llen sehr angreifbar, aber sie sind emotional und in ihrer Emotionalit\u00e4t ehrlich, sie demonstrieren einen sehr nachdr\u00fccklichen Willen, die Politik selbst zu ver\u00e4ndern. Sie schaffen, dass ein W\u00e4hler, der ihnen seine Stimme gegeben hat, glaubt, unmittelbarer an politischen Meinungsfindungs- und -bildungsprozessen teilgenommen zu haben als bei anderen Parteien. Durch ihren &#8222;Dilettantismus&#8220; kommen sie daher, wie das \u00e4nderungswillige Volk selbst: &#8222;Ich will unbedingt alles besser machen, ich habe zwar keinen Masterplan daf\u00fcr und wei\u00df viele Sachen nicht, aber ich setze meine ganze Energie daf\u00fcr ein und fange jetzt sofort damit an!&#8220;<br \/>\nDas alles sind nach meiner subjektiven Wahrnehmung viel st\u00e4rkere Faktoren, die f\u00fcr die Piraten sprechen, als ein Sachthema &#8222;Netzpolitik&#8220;. Ich glaube, dass vor allem die beachtliche Leistung, rund 20.000 Nichtw\u00e4hler f\u00fcr sich zu mobilisieren, daf\u00fcr spricht, dass die Piraten eine Ansprache gefunden haben, bei der sich mancher von den etablierten Parteien Verdrossener verstanden f\u00fchlt und deswegen seine Stimme f\u00fcr nicht vergeudet h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Zum zweiten Punkt: Ich bef\u00fcrchte, dass die SPD (um die es mir nat\u00fcrlich in erster Linie geht, aber ich vermute, dass die Tendenzen, die ich im folgenden zu beschreiben versuche, auch bei anderen etablierten Parteien anzutreffen sein d\u00fcrften) diese neun Prozent der Piraten zu leichtfertig mit dem Begriff &#8222;Netzpolitik&#8220; und einer angeblich speziellen Situation in Berlin zu erkl\u00e4ren versucht. Ich bin der festen \u00dcberzeugung, dass wir keine neuen W\u00e4hler f\u00fcr die SPD damit mobilisieren werden, wenn wir allein das Thema Netzpolitik st\u00e4rker in den Vordergrund stellen (was selbstverst\u00e4ndlich auch richtig und wichtig ist), sondern wir m\u00fcssen uns bei den Piraten abgucken, wie man kommuniziert: mit dem W\u00e4hler und innerhalb der Partei.<\/p>\n<p>Ottonormalverbraucher (oder wie auch immer man &#8222;den W\u00e4hler&#8220; auch nennen m\u00f6chte) muss sich immer dazu eingeladen f\u00fchlen und immer dazu eingeladen sein, uns zu beschimpfen und mit uns zu schimpfen, uns zu ermahnen und mit uns zu mahnen, sich \u00fcber uns emp\u00f6ren zu d\u00fcrfen und sich mit uns gemeinsam zu emp\u00f6ren, mit uns zu lachen, \u00fcber uns zu lachen, weil wir selber \u00fcber uns lachen k\u00f6nnen, uns seine Ideen mitzuteilen und unsere Ideen anzuh\u00f6ren, er muss uns immer antreffen k\u00f6nnen und er muss immer eine ehrliche Reaktion erhalten. Dann wird er uns auch unterst\u00fctzen, wenn wir das Richtige tun.<\/p>\n<p>Und mit &#8222;ehrliche Reaktion&#8220; meine ich, dass man auch mal uninformiert ist und das nicht zu vertuschen sucht, dass man auch mal emotional ist und das durchaus auch zeigen sollte, eine ehrliche Reaktion beinhaltet auch, dass man auch mal &#8222;Ich habe gerade keine L\u00f6sung parat&#8220; sagt. Emotionen sind nicht nur erlaubt, sie sind m. E. notwendig, denn sie binden einen W\u00e4hler nicht nur an eine Partei, sie binden einen W\u00e4hler an die Politik generell.<\/p>\n<p>Die W\u00e4hler m\u00fcssen immer sehen k\u00f6nnen, wie wir zu einer Meinung gekommen sind, die wir in politischen Entscheidungen vertreten, sie m\u00fcssen immer sehen k\u00f6nnen, welche Kontroversen wir dabei innerhalb der Partei durchlaufen haben und welche Argumente und welche Zugest\u00e4ndnisse dabei zur Meinungsbildung gef\u00fchrt haben. Das ganze muss in einer Sprache erfolgen, die nicht nur jeder versteht, sondern die auch jeder selber spricht.<\/p>\n<p>Jetzt habe ich so viel salbadert, um zu diesem platt klingenden Fazit zu kommen: Transparenz schafft Glaubw\u00fcrdigkeit und Glaubw\u00fcrdigkeit bringt W\u00e4hlerstimmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzten Sonntag haben die Piraten in Berlin fast neun Prozent der abgegebenen W\u00e4hlerstimmen erhalten. Das ist bemerkenswert und ich stelle mir die Frage, wie sie das geschafft haben. 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