{"id":391,"date":"2012-01-02T21:19:11","date_gmt":"2012-01-02T20:19:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=391"},"modified":"2012-10-11T09:20:25","modified_gmt":"2012-10-11T07:20:25","slug":"california-dreamin-auf-nordrheinwestfalisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=391","title":{"rendered":"California Dreamin&#8216; auf nordrheinwestf\u00e4lisch"},"content":{"rendered":"<p>Heute morgen, also am Montag, dem 2. Januar 2012, war&#8217;s schlimm. Erster Tag zur\u00fcck in den Alltag nach den Weihnachtsferien, verdrehte Kinder, Regen.<\/p>\n<p>Timeline checken, alle anderen Twitterer sind noch zu Hause, haben ihre Ferien noch etwas verl\u00e4ngert. Mit nassen F\u00fc\u00dfen betrete ich das B\u00fcro. Irgendjemand hat mir diesen wunderbaren Ausruf von <a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/becker_boris\" target=\"_blank\">Boris Becker<\/a> in die Auslage retweetet: &#8222;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/becker_boris\/status\/78457050815934464\" target=\"_blank\">Vergangenheit ist OVER !!!<\/a>&#8220;<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich in meinem Kopf &#8222;Advantage Becker&#8220;, Schiedsrichterstimme, herausgerutschte und m\u00fchsam zur\u00fcckgeholte Jubler aus dem Publikum am Center Court von Wimbledon.<\/p>\n<p>Und dann ist die Sonne da, warm, wir laufen in kurzen Hosen und barfu\u00df in Tennisschuhen herum. Mein Vater lebt noch, er hat gerade seinen von ihm mit seinen Tennisfreunden gebauten Tennisplatz gew\u00e4ssert, das kleine Turnier kann losgehen. Im Fernsehen spielt Boris Becker und revolutioniert das deutsche Tennis. Ein Freund aus dem Tennisverein (in dem mein Vater und wir Kinder Mitglied sind) arbeitet irgendwas in der Industrie im Ruhrgebiet und hat einen selbstgeschwei\u00dften Stahlgrill angekarrt, ein ganzes Schwein wird sich daran drehen. Viele Freunde, Verwandte und Bekannte der Verwandten kommen auf unseren Hof, Sommerwetter at its best. Wir haben alle G\u00e4ste in Gruppen eingeteilt und spielen ein Turnier, immer Doppel, immer nur einen Satz (weil wir nur einen Tennisplatz haben und wir sonst nicht alle durchk\u00e4men). Ich bin irgendwas um die neun oder zehn Jahre alt. Unser Hof ist gro\u00df, der Tennisplatz liegt rechts von dem Weg, der von der Hauptstra\u00dfe zu unserem Hof hinunter f\u00fchrt. Auf dem Hof angekommen, steht links die wei\u00dfe Scheune, in der mein Vater seine landwirtschaftlichen Ger\u00e4te unterbringt, die er aber f\u00fcr das Fest beiseite ger\u00e4umt hat. Der monstr\u00f6se Grill steht vor dieser Scheune, falls es Regen geben sollte und man schnell in die Scheune umziehen muss. Aber es regnet kein bisschen, es ist Kaiserwetter. Meine Gro\u00dfmutter lebt auch noch, sie hat ihren Butterkuchen gebacken, dessen Rezept sie Jahre sp\u00e4ter kurz vor ihrem Ableben exklusiv meiner \u00e4ltesten Schwester weitergegeben hat. Die aus D\u00fcsseldorf und Umgebung angereisten G\u00e4ste lobpreisen diesen Kuchen hymnisch. Alle tragen wei\u00dfe Tennissachen und alle sind fr\u00f6hlich. Mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, der derjenige ist, \u00fcber den die ganzen D\u00fcsseldorfer zu uns gefunden haben, ist der lustigste. Mein Vater spielt gerade sein erstes Match, niemand hat so einen harten Aufschlag wie er (au\u00dfer Boris Becker im Fernsehen, der hat einen so harten Aufschlag wie noch nie jemand vor ihm. So an die 200 Sachen!)<\/p>\n<p>Ich bin mir gerade nicht sicher, ob der alte Spieker noch vollst\u00e4ndig steht oder ob der Brand schon war, dem die H\u00e4lfte des Geb\u00e4udes irgendwann zum Opfer gefallen ist. In diesem Feuer hatte ein Pferd derartig schwere Verbrennungen und Vergiftungen davongetragen, dass es notgeschlachtet werden musste.<\/p>\n<p>Der ganze Hof steht voller Autos mit Recklingh\u00e4user, D\u00fcsseldorfer und Borkener Kennzeichen, mein Onkel (der Bruder meiner Mutter) zapft das erste Bier, nat\u00fcrlich wurde auf einer Feier wie dieser eine Theke von Finke, der lokalen Kneipe gleich hinter den Bahnschienen, herbeigeschafft und es wurde Bier vom Fass getrunken. Ich trinke nur Mineralwasser, weil ich noch ein Kind bin, vielleicht darf meine \u00e4lteste Schwester schon mal etwas Sekt probieren. Alle G\u00e4ste bleiben \u00fcber Nacht, sie haben sich in allen irgendwie verf\u00fcgbaren Ecken unseres Hauses eingerichtet, einige zelten auf dem Rasen. Der Hof ist staubig, wenn man barfu\u00df dar\u00fcber l\u00e4uft, merkt man, wie warm er ist.<\/p>\n<p>Eine Frau ist unter den G\u00e4sten aus D\u00fcsseldorf, die Melitta mit Vornamen hei\u00dft, wir Kinder lachen uns kaputt, die hei\u00dft ja wie das Filterpapier! Ich spiele auch Tennis, ich spiele im Doppel mit Florian, ein Freund meines Cousins aus D\u00fcsseldorf oder so (die genauen Beziehungen der G\u00e4ste untereinander und zu uns sind mir fast alle nicht klar). Ich spiele gar nicht schlecht, aber leider verlieren wir unser Spiel. Mein Vater gewinnt alle Spiele und schw\u00e4rmt von Boris Becker. Wenn mein Vater nicht spielt, macht er an der Seite nach, wie Boris Becker ANSATZLOS &#8211; zupp!- einen Stop spielen kann. Er erz\u00e4hlt, dass er im Fernsehen gesehen hat, dass Boris Becker hundert B\u00e4lle zugespielt bekommt und jeden dieser hundert B\u00e4lle genau auf eine Zeitung zur\u00fcckspielen kann, alle hundert. Und dass sie dann die Zeitung halbiert haben und Boris Becker wieder alle hundert B\u00e4lle auf die Zeitung gesetzt hat. Und so weiter. Wir treffen die B\u00e4lle oft nicht richtig und sie eiern in hohem Bogen \u00fcber den hohen Maschenzaun in die Brombeerb\u00fcsche oder noch weiter bis in den Bach. St\u00e4ndig sind Gesandschaften aus Kindern und Erwachsenen im Geb\u00fcsch und im Bach unterwegs, um die vielen B\u00e4lle wieder einzusammeln. Dabei essen wir Brombeeren (auch die roten sauren).<\/p>\n<p>Boris Becker hat wie ich am 22. November Geburtstag. Boris Becker ist ein Ph\u00e4nomen, das ich mit offenem Mund bewundere. Meine Schwester (also die dritte von uns Kindern, die direkt \u00fcber mir) ist bereits in einem L\u00e4steralter und malt h\u00e4mische Bilder, wie Boris Becker Pommes isst und ganz fett wird. Das hat mich damals gekr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Zwischen dem alten Spieker (von dem ich immer noch nicht wei\u00df, ob er zu dieser Feier nun schon abgebrannt war oder nicht) und dem gro\u00dfen Kuhstall stehen zwei riesige Kastanienb\u00e4ume. Meine \u00e4lteren Schwestern haben eine H\u00e4ngematte dazwischen geh\u00e4ngt. Ich liege mit meiner Tante oder irgendwem anderen in dieser H\u00e4ngematte und gucke in die Kastanienbl\u00e4tter, wir lachen \u00fcber den Namen der Filterpapierfrau und die Filterpapierfrau lacht mit uns. Ich wei\u00df nicht mehr, wie der Tag f\u00fcr mich zu Ende ging, vielleicht bin ich irgendwann irgendwo auf jemandes Scho\u00df eingeschlafen. An dem riesigen Grill dreht sich das ganze Schwein, viele sind inzwischen aus dem Turnier ausgeschieden und trinken Bier und reden und machen so eine Sommerabendger\u00e4uschkulisse. Die letzten Spiele auf dem Tennisplatz finden sp\u00e4t und bereits im Halbdunkel statt.<\/p>\n<p>Aber Vergangenheit ist OVER !!! Nur hin und wieder nicht so ganz. Und Ihr k\u00f6nnt alle sagen was Ihr wollt, aber Boris Becker, den mag ich immer noch.<\/p>\n<p>Die Arbeit rief, ich klappte den Rechner auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen, also am Montag, dem 2. Januar 2012, war&#8217;s schlimm. Erster Tag zur\u00fcck in den Alltag nach den Weihnachtsferien, verdrehte Kinder, Regen. Timeline checken, alle anderen Twitterer sind noch zu Hause, haben ihre Ferien noch etwas verl\u00e4ngert. Mit nassen F\u00fc\u00dfen betrete ich das B\u00fcro. 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