{"id":519,"date":"2012-05-20T21:25:26","date_gmt":"2012-05-20T19:25:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=519"},"modified":"2012-10-11T09:15:55","modified_gmt":"2012-10-11T07:15:55","slug":"humano-menetekel-auf-groser-fahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=519","title":{"rendered":"Humano Menetekel auf Gro\u00dfer Fahrt"},"content":{"rendered":"<p>Eines der wichtigsten Prinzipien in der Literatur ist ja wohl das Scheitern, und als Meister aller Klassen will ich Euch mein neuestes ganz gro\u00dfes Ding darlegen, ein Scheitern interessantester Art.<\/p>\n<p>Vor achtzehn Monaten begann ich mein Werk, vor achtzehn Monaten stellte ich mir die Charaktere zurecht, den Ansager im Fahrgesch\u00e4ft eines Schaustellerbetriebs, der an eine Wohnwagent\u00fcr geklopft hatte, ab der ein Schild hing: \u201cJunger Mann zum Mitreisen gesucht.\u201c Das war vor f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren gewesen. Und jetzt sieht er in seinem Autoscooter eine Frau, die er f\u00fcr seine Frau h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ich hatte den Rastlosen quasi fertig, einundachtzig, vier mal pleite, sechzehn Firmen gegr\u00fcndet und verkauft.<\/p>\n<p>Der Neohippie, der alles hinschmei\u00dft und nach San Francisco auswandert, um Schnittmuster zu lernen und Sachen zu n\u00e4hen.<\/p>\n<p>Ein Reigen sollte es werden, einer tritt in Kontakt zum n\u00e4chsten und so sollte die Geschichte weiter getragen werden, gelehrte Anspielungen sollten meine Kennerschaft Schnitzlers subtil transportieren.<br \/>\nDoch dann habe ich mich \u00fcbernommen. Ich habe zu viel gewollt. Der Schausteller, der Rastlose, der Hippie, tausende Kontakte jeden Tag, ein Reigen ganz von allein. <\/p>\n<p>Ich bin Humano Menetekel, ich wollte mehr.<\/p>\n<p>Ich wollte das besondere, ich suchte die Herausforderung, ich wollte den Kampf. <\/p>\n<p>Ich begann meinen Reigen mit dem Eremiten. Ich beschrieb, wie er aussieht, ich vermied die Klischees, ich gab ihm ein individuelles \u00c4u\u00dferes, ich lie\u00df ihn sich pflegen (jedoch nicht mehr als n\u00f6tig), ich beschwor gro\u00dfe Naturbilder herauf, um minuti\u00f6s sein Habitat zu zeichnen, ich lie\u00df die Jahreszeiten \u00fcber es hinwegziehen und verbiss mich in die Vor- und Nachteile seiner Behausung bei Hitze, Regen und Frost.<br \/>\nIch lie\u00df den Leser in den Kopf des Eremiten schauen, ich lie\u00df ihn teilhaben, wie er die Einsamkeit bek\u00e4mpfte und wie er sein Gel\u00fcbde verteidigte. Ich beschrieb sein Leben davor und seine Beweggr\u00fcnde, ich lie\u00df ihn krank werden und genesen, ich lie\u00df ihn mit seiner Sexualit\u00e4t hadern und Lieder schreiben, ich lie\u00df ihn Sinn finden, verlieren und neu finden, ich lie\u00df ihn Gro\u00dfes erschaffen und in Stumpfsinn versinken, ich lie\u00df ihn fragen und fragen und fragen.<\/p>\n<p>Elfhunderteinundsiebzig Seiten, ich wollte das Spiel immer weiter treiben, ich z\u00f6gerte seine erste Begegnung mit dem n\u00e4chsten Charakter meines Reigens schmerzvoll, aber gen\u00fcsslich hinaus. Jeden Tag der achtzehn Monate war ich drauf und dran, eine der anderen Personen quasi als Deus ex Machina in sein Leben treten zu lassen und jeden Tag f\u00fcgte ich stattdessen seinem Charakter ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu. Nun stehe ich da mit elfhunderteinundsiebzig Seiten.<\/p>\n<p>Das Problem ist diese ungeheure Menge von Text. Das sind elfhunderteinundsiebzig Seiten, aus meinem Kopf auf&#8217;s Papier gebracht in achtzehn Monaten. Es sind elfhunderteinundsiebzig Seiten, die sterbenslangweilig sind, die ich aber ob ihrer schieren Menge nicht wegzuschmei\u00dfen wage. <\/p>\n<p>Ich bin Humano Menetekel und habe ein Scheitern literarischen Ausma\u00dfes vorzuweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der wichtigsten Prinzipien in der Literatur ist ja wohl das Scheitern, und als Meister aller Klassen will ich Euch mein neuestes ganz gro\u00dfes Ding darlegen, ein Scheitern interessantester Art. 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