{"id":734,"date":"2013-03-08T17:20:13","date_gmt":"2013-03-08T16:20:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=734"},"modified":"2013-05-13T11:06:09","modified_gmt":"2013-05-13T09:06:09","slug":"zum-weltfrauentag-uber-das-selbstverstandnis-von-mannern-in-der-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.loick.de\/blog\/?p=734","title":{"rendered":"Zum Weltfrauentag: \u00dcber das Selbstverst\u00e4ndnis von M\u00e4nnern in der Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"<p>Heute ist Weltfrauentag. Ich komme leider gerade nicht dazu, meiner Frau Rosen zu kaufen, aber sie w\u00fcrde mich wahrscheinlich auch komisch angucken, wenn ich&#8217;s t\u00e4te.<\/p>\n<div>\n<p>Ich hole mal eben etwas aus: Wie Ihr ja sicher alle wisst, haben wir (also <a href=\"https:\/\/twitter.com\/frau_ratte\" target=\"_blank\">@frau_ratte<\/a> und ich) zwei kleine Kinder und sind beide voll berufst\u00e4tig. Das war, noch bevor wir uns f\u00fcr Kinder entschieden haben, eine Abmachung zwischen uns: Wir nehmen alle Verpflichtungen zu je 50% wahr, also sowohl die beruflichen als auch die famili\u00e4ren. Punkt.<\/p>\n<p>Als ich meiner Frau darauf mein Wort (und zur Besiegelung die Hand) gab, musste ich zugegebenerma\u00dfen innerlich erstmal schlucken. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Kunden reagieren w\u00fcrden, wenn ich denen einfach knallhart und undiskutierbar vorhalten musste, dass ich an drei Tagen nur halbtags zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Einerseits kann man sagen: Gerade ich als Selbstst\u00e4ndiger habe es da ja leicht, denn meine Kunden sind mir nicht direkt weisungsbefugt. Andererseits stehe ich im offenen Wettbewerb und kann es mir nicht leisten, die wenigen guten Kunden, die ich habe, zu verprellen. Diese Abmachung war also ganz zu Beginn zun\u00e4chst mal ein Wagnis.<\/p>\n<p>Wie sich dann sp\u00e4ter herausgestellt hat, konnten wir das aber tats\u00e4chlich sehr gut umsetzen, dazu bedurfte es einer minuti\u00f6sen Planung. Meine Frau und ich haben also einen Wochenstundenplan aufgestellt, wer wann ins B\u00fcro und wer sich wann um die Kinder k\u00fcmmern darf. Diesen Plan haben wir, also ich bei meinen Kunden und meine Frau bei ihrem Arbeitgeber, rechtzeitig kommuniziert und mit den arbeitsm\u00e4\u00dfigen Gegebenheiten abgestimmt. An dieser Stelle der Erz\u00e4hlung kommt dann von Zuh\u00f6rern in der Regel der Einwand: &#8222;Toll, wie Ihr das macht, aber bei dem Job von meinem Mann ginge das nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Diesen Einwand halte ich f\u00fcr eine Schutzbehauptung, meine These ist, dass sich jeder so organisieren kann und dass jeder das mit einer transparenten und offenen Planung auch mit seinem Chef und seinen Kollegen umsetzen kann. Meine These ist, dass Chefs daf\u00fcr mehr Verst\u00e4ndnis aufbringen, als ihnen gemeinhin zugetraut wird. Meine These ist, dass viele M\u00e4nner aus Bequemlichkeit den Job als nicht diskutierbares Scheinargument ins Feld f\u00fchren, um sich den unbekannten Herausforderungen der Familienarbeit nicht stellen zu m\u00fcssen. Denn nach meiner eigenen Erfahrung ist es f\u00fcr M\u00e4nner in der Regel einfacher, sich ins B\u00fcro zu verdr\u00fccken (oder gar Dienstreisen anzutreten! &#8222;Schatz, sorry,aber der Chef hat mich nach Singapur geschickt, ich habe versucht, es abzuwenden, aber da l\u00e4sst sich echt nichts machen!&#8220;) als sich das erste Mal alleine um ein Neugeborenes zu k\u00fcmmern. Auf der Arbeit wei\u00df Mann meistens n\u00e4mlich einigerma\u00dfen, was auf ihn zukommt und wie er damit umzugehen hat. Dazu kommt das &#8222;harte&#8220; Argument, dass diese Arbeit ja den Lebensunterhalt der Familie sichert, was als Schutzschild vor sich hergetragen wird. Auf der anderen Seite hat jeder Mann (so auch ich) nat\u00fcrlich m\u00e4chtig Respekt vor der Aufgabe, erstmals ein Neugeborenes alleine zu betreuen. Wie geht das mit dem Windeln wechseln? Iih, das ist ja auch ekelig! Stinkt das nicht? Versaue ich mir mein Hemd mit Kinderkacke? Was, wenn es schreit und nie mehr aufh\u00f6rt? Kann ich was kaputtmachen? Ich kann doch gar nicht kochen! Was muss ich dem Kind denn anziehen? &#8211; Mir pers\u00f6nlich hat dabei die Erkenntnis geholfen, dass es meiner Frau in der Situation auch nicht anders ging und sie sich v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich dieser Herausforderung gestellt hat, ohne Murren, ohne Nebelkerzen.<\/p>\n<p>Was M\u00e4nner dar\u00fcberhinaus davon abh\u00e4lt, eine 50\/50-Regelung umzusetzen: Sie haben schlicht Angst, dass die berufliche Karriere unter einer 50\/50-Aufteilung leidet. Wie begegnet man diesem Problem? Erstmal bleibt ja ohne Ausfl\u00fcchte zu konstatieren, dass die berufliche Karriere tats\u00e4chlich darunter leidet. Je weniger man im Job ist, desto mehr leidet die Karriere. Die Frage, die sich allerdings dabei stellt, ist die nach dem Sinn oder der Erf\u00fcllung, die einem eine 120%-Karriere am Ende bietet. Hier muss eine Werteabw\u00e4gung einsetzen. Will ich in 10 Jahren Chef des Konzerns sein und bin ich dann gl\u00fccklich? Oder muss ich dann einsehen, dass der gr\u00f6\u00dfte Fehler meines Lebens war, keine Zeit f\u00fcr meine Kinder gehabt zu haben? Das ist ein besonders schwieriger Punkt, denn noch immer ist der Hard-Working-Man ein Idealbild, dem die meisten M\u00e4nner hinterherlaufen. &#8222;Ich hatte mal eine Familie, ich musste sie dem Beruf opfern, weil ein Mann tun muss, was ein Mann tun muss.&#8220; (Nebenbei dann Frau und Kinder durch eine 20 Jahre j\u00fcngere Fachkraft aus der Buchhaltung austauschen.) Sch\u00f6nen Dank, John Wayne und all ihr Betonk\u00f6pfe! Ihr seid keine harten Kerle, Ihr seid dumme Penner, die in den archaischen Denkmustern der Steinzeit h\u00e4ngen geblieben sind! Ich will nicht als so einer wahrgenommen werden, nur weil ich ein Mann bin, ich will dokumentieren, dass auch M\u00e4nnergehirne mitbekommen haben, dass wir das Jahr 2012 haben. Aber ich schweife ab&#8230;<\/p>\n<p>Warum muss denn eigentlich meine Karriere unter einer 50\/50-Regelung leiden? M\u00fcssen wir nicht den Begriff der Karriere neu denken? Kann ich nur Chef des Konzerns werden, wenn ich 78h die Woche runterkloppe und mit 56 sieben Byp\u00e4sse habe? K\u00f6nnen nicht Frau Kollegin X und ich die Teamleitung gemeinschaftlich \u00fcbernehmen? Wie geht das, wie organisiert man Arbeit so, dass man mit 30h\/Woche auskommt? Wie kriegen wir den M\u00e4nnern beigebracht, dass nicht allein der Beruf das m\u00e4nnliche Ideal verk\u00f6rpert? Wie kriegen wir es hin, dass die Kollegen einem Mann, der zu 50% Familienarbeit \u00fcbernimmt, h\u00f6chste Anerkennung zuteil werden lassen (die ihm zweifelsohne mehr geb\u00fchrt als einem Workaholic, der 78h\/Woch abrei\u00dft?). Was m\u00fcssen wir tun, damit 50\/50-Regelungen als anzustrebendes Ideal wahrgenommen werden? Wie kriegen wir das hin, dass die Partner die Entscheidung selbst f\u00fcr sich treffen? Was sind genau die konkreten H\u00fcrden und wie kann man die verringern? Welche Infrastrukturen brauchen wir daf\u00fcr? (Logisch: U3-Betreuungspl\u00e4tze f\u00fcr alle, aber was brauchen wir noch?) Wie gut muss Arbeit bezahlt sein, damit man in 30h genug Geld verdient, um sein Leben bequem einrichten zu k\u00f6nnen? Und wenn dann die Denke einsetzt &#8222;Von 30h kann ich gut leben, dann kann ich von 60h noch besser leben&#8220;, wie begegnet man dem? Nochmal die Wertediskussion: Wie kriegen wir es hin, dass nicht der monatliche Betrag, der mir \u00fcberwiesen wird, mein Selbstbewusstsein bestimmt, sondern die funktionierende Organisation meines Lebens? Wie kriegen wir es hin, dass man den einen Tollen Hecht nennt, der die perfekte Mischung aus Familie und Job hinbekommt? Wie kommen wir von diesem blo\u00dfen Zeitfaktor in der Arbeitswelt weg, warum werde ich nach Stunden bezahlt und nicht nach gel\u00f6sten Aufgaben?<\/p>\n<p>Was hindert die Superm\u00e4nner der Arbeitswelt, die ja sonst auch alles prozessgetrieben organisiert kriegen, die Prozesse im Arbeitsleben derart auszugestalten, dass alle Tasks getan sind, auch wenn der einzelne nur 30h\/Woche arbeitet? K\u00f6nnen zwei in je 30h nicht vllt. sogar effizienter sein als einer in 60h? K\u00f6nnen wir in die K\u00f6pfe der Kollegen kriegen, dass ich mich nicht auf die Couch lege und Bier trinke, wenn ich um 15:00 das B\u00fcro verlasse? Kann ich nicht Anerkennung daf\u00fcr bekommen, dass ich Familie und Job gewuppt kriege? Ist das nicht das viel bessere M\u00e4nnlichkeitsideal im Vergleich zu den verbretterten Hard-Working-Men?<\/p>\n<p>Ach so, noch ein anderer Aspekt: Eine 50\/50-Regelung ist was ganz tolles f\u00fcr die Beziehung. Nehmen wir die klassische Situation: Einer kommt nach 11h Meeting-Marathon nach Hause, der andere dr\u00fcckt dem Partner das schreiende Kind in den Arm und sagt &#8222;Mir reicht&#8217;s, ich muss jetzt erstmal raus hier, ich geh einkaufen.&#8220; In der 50\/50-Regelung kennen beide Partner beide Perspektiven auf diesen Sachverhalt. Das hat den sch\u00f6nen Nebeneffekt, dass man nicht bei seinem Partner um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr irgendwas werben muss, denn das Verst\u00e4ndnis ist bereits da. Wenn man es tats\u00e4chlich hinbekommt, dass wirklich alles zu 50% von beiden gemacht wird, entsteht ein sehr starkes Wir-Gef\u00fchl. Nat\u00fcrlich ist es dazu n\u00f6tig, dass auch der Herr des Hauses die Haushaltstasks verinnerlicht hat und nicht nur ein Pro-Forma-Wickelpraktikum macht. Es reicht nicht, wenn Mann mal die Windeln wechselt (und stolz noch verk\u00fcndet: &#8222;Ich hab&#8217;s ganz alleine gemerkt und OHNE Aufforderung den Pamper gewechselt! Komm ich jetzt ins Fernsehen?&#8220;).<\/p>\n<p>Zu der wirklichen Haushaltsarbeitsteilung geh\u00f6rt, dass beide immer wissen, wie viele Windeln noch im Haus sind, ob noch genug Brot f\u00fcr die Kindergartenbrotdosen morgen fr\u00fch da ist, ob die W\u00e4scheberge das Badezimmer verdunkeln und dass man rote Socken nicht mit wei\u00dfen Hemden waschen darf. Dazu geh\u00f6rt, dass man immer wei\u00df, ob noch Paracetamol 250 im Haus ist und dass die ganz kleinen das noch nicht bekommen d\u00fcrfen (sondern nur das 125er&#8230;), dazu geh\u00f6rt, dass man erkennt, wann die Betten frisch bezogen werden m\u00fcssen und dass das Sp\u00fclmaschinensalz alle ist. Dazu geh\u00f6rt, dass man auf dem Schirm hat, dass die Oma morgen kommt und man ihr einen Essensplan f\u00fcr den morgigen Tag hinlegen muss und dass morgen die Restm\u00fclltonne geleert wird.<\/p>\n<p>Das wei\u00df man nat\u00fcrlich nicht auf Anhieb. Das wissen die Frauen aber auch nicht auf Anhieb, wenn man gerade so eine Familie gr\u00fcndet. Man muss sich das zusammen erarbeiten. Und man muss diese Erkenntnisse teilen. Und zumindest nach meiner Erfahrung kommt am Ende dabei ein sehr starkes Gef\u00fchl heraus, dass man zusammen mit seinem Partner am selben Seil zieht. Das ist in der Tat sehr erf\u00fcllend.<\/p>\n<p><em>Disclaimer: Diesen Text hatte ich im November 2012 in leicht gr\u00f6berer Fassung als Eingabe an @miinaa geschickt, als diese angek\u00fcndigt hatte, in der SPD das\u00a0Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie st\u00e4rker in den Fokus r\u00fccken zu wollen. Ich finde, er passt ganz gut zum Weltfrauentag. Und jetzt kaufe ich vielleicht doch noch ein paar Bl\u00fcmchen.<\/em><\/p>\n<p>Lese-Tipp: <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/ipad\/leben\/Wenn-der-Vater-Vollzeit-arbeitetbr-hat-die-Mutter-schon-verloren\/story\/15397378\" target=\"_blank\">Hier hat Bettina Weber im Tagesanzeiger aus Z\u00fcrich dokumentiert, wie bl\u00f6d es sein kann, wenn Mann wie selbstverst\u00e4ndlich eben keine Abstriche im Beruf macht.<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist Weltfrauentag. Ich komme leider gerade nicht dazu, meiner Frau Rosen zu kaufen, aber sie w\u00fcrde mich wahrscheinlich auch komisch angucken, wenn ich&#8217;s t\u00e4te. Ich hole mal eben etwas aus: Wie Ihr ja sicher alle wisst, haben wir (also @frau_ratte und ich) zwei kleine Kinder und sind beide voll berufst\u00e4tig. 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