Humano Menetekel – Die Reise zum Mond

Dort oben auf dem schwankenden Turm, dort steht er, dort steht mein Mann, jener, der so bestechend über seine weichen Füße zu schwadronieren weiß, der uns über Cremes erzählt und Nagelpflege und die Welt dabei ein wenig lustig lässt. In zehn Metern Höhe, der Wind tost ihm durchs Haar und ein bisschen Schiß hat er, wie ich sehe, aber er zeigt eine Figur.

Wie er mir die Linien an den Sattelschleppern auf der A61 erklärt, die so wohlig durchhängen, wenn sie voll beladen sind, entweder direkt über der Zugmaschine oder hinten über den drei Achsen des Trailers. Wie das Gewicht der Ladung schwingt, in der Linie des Sattelschleppers auf den wullenden Reifen.

„Hundertzwanzig“, sagt er, will er werden. Sein geweiteter Blick, wenn er davon erzählt, wie die Frau Auto fährt, mit Burgern im Arm und einem Eimer Cola light zwischen den Schenkeln, das Lenkrad nur ganz unten mit eingehängter Hand gehalten.

Wie er für uns singt, über seinen Körper, ungeniert und schief gereimt, und danach behauptet, die Jeans von 1956 passe immer noch. Er wurde viel später geboren, ein Witz, ein Zitat, alles Zitat.

Wie er durch den Garten fliegt, die Mädchen küsst und wieder wegfliegt. Wie er Feuer macht und hineinstarrt, obwohl niemand mitstarren mag, wie er seinen Kindern den Schalk zu vererben sucht. Das ist mein Mann, der so leicht sein kann, der so leicht sein will, der den Wind, der die Richtung seines Flatterns bestimmen will, der sich die Welt aus den Angeln zu heben im Stande glaubt, rot dabei anläuft und „nnnghnn!“ ruft und lachend ablässt. Und es wieder versucht.

Der mit Salto aufs Dach zu springen versucht, an der Fassade herunterrutschen muss und „hat nicht geklappt“ sagt. Der Sekundärliteratur zu „Schmidchen Schleicher“ recherchiert, der Connaisseure für ihre Hals- und Einstecktücher verehrt (aber nur ein bisschen), der dort oben auf dem Turm schwankt. Der, den Du küsst, der sich dann rittlings ins Wasser legt und „Guck mal! Cool-Water-Model!“ ruft. Das ist mein Mann. So will ich sein.

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Subjektive Vergangenheit vs. subjektives Jetzt

In Nizza ist wieder etwas schreckliches passiert, ein LKW ist ungebremst in eine Menschenmenge gerast, über 80 Tote. Wie mich das deprimiert, dass sowas inzwischen mindestens einmal im Monat passiert, die vielen Anschläge in Städten, die nicht in Mitteleuropa liegen, nicht einmal mitgezählt.

Und der geschätzte und überaus kluge @haetscher twitterte heute:

Und ich finde, das sollten wir nicht tun. Ausnahmsweise hat Coach Haetscher nicht recht. Trotz der monatlichen Anschläge, trotz der em-effing Gewalt allenthalben dürfen wir uns nicht ein „alles noch mal von vorne“ wünschen. Der Impuls ist nachvollziehbar, aber er folgt einem Mechanismus, der zurück will, ein Zurückwollen auf’n Arm, weil man es dort warm und sicher vermutet, weil man sich an warm und sicher zu erinnern glaubt.

Aber die Welt ist nicht Deine Mutter. Ein Zurück ist das Gegenteil von Auf-den-Arm, ein Zurück ist das Blauprügeln der Arme, die uns heute halten können. Bei aller Gewalt, bei aller Abscheulichkeit, bei all dem Hass fällt es schwer, das so zu benennen, aber heute ist immer noch das beste Jetzt, das die Welt je gesehen hat.

Vor rund fünf Jahren habe ich mal getwittert:

Und ich glaube das immer noch. Ich glaube, dass die Ereignisse unmittelbarer geworden sind in unserer Wahrnehmung. Es ist alles viel bedrohlicher als es uns in den 70ern, 80ern, 90ern vorgekommen ist. Damals™hatten wir nie Angst (außer bei Tschernobyl jetzt vielleicht. Und bei den RAF-Attentaten. Oder Kubakrise, NATO-Doppelbeschluss oder jetzt, hier na! Waldsterben!). Heute haben wir ständig Angst, weil Nizza uns unmittelbar auf dem Klo erreicht.

Ach, der viel zu viel zitierte Jens Stoltenberg, dessen Worte nie Anwendung gefunden haben, treibt mich wieder um:

Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Und ich schlürfe angsterfüllt mit unbehaglichem Gefühl ein wenig Weißwein aus dem Languedoc auf meiner Terrasse und tippe meine freie Meinung ins Internet und noch nie waren so viele Menschen des Lesens mächtig, die meine kleine private Meinung lesen und verstehen könnten.

Neinein, nie waren die Voraussetzungen besser, dass wir™es schaffen, Gewaltspiralen zu sprengen. Nie waren die Voraussetzungen besser als heute. Es ist glaube ich ganz ganz wichtig, dass wir uns das klar machen. Wir müssen alles dafür tun, dass wir nicht zurück gehen.

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Wie ARD und ZDF das Finale der EM 2016 aufziehen sollten

Das Finale der Euro 2016 wird von der ARD übertragen, als Kommentator ist Gerd Gottlob vorgesehen.

Derweil läuft ja das Turnier bereits, zwei Spiele wurden im ZDF von Claudia Neumann kommentiert. In den Social Media Kanälen ergießt sich eine frauenfeindliche Suppe über diesen Umstand, der in meiner Wahrnehmung im Jahr 2016 eigentlich keines Kommentars würdig wäre. Ich finde, es wäre Zeit für ARD und ZDF ein Zeichen zu setzen und Claudia Neumann jetzt erst recht das Finale kommentieren zu lassen.

Als BVB-Fan und Einwohner des WDR-Sendegebiets gehört Sabine Töpperwien zu meinen alltäglichen Fußballstimmen. Ich könnte mir folgendes gut vorstellen:

  • Sabine Töpperwien und Claudia Neumann kommentieren das Finale in der ARD (auch wenn Frau Neumann eigenlich beim ZDF unter Vertrag steht).
  • In der Halbzeitpause lässt man wahlweise Gerd Delling, Oliver Welke oder Tim Wiese Getränke reichen, während alle Interviews von Frauen geführt werden.
  • Gerd Gottlob, der eigentlich für den Final-Kommentar vorgesehen war, muss man in einer begleitenden Kampagne zum Helden erklären, weil er der erste Mann im Sendebetrieb ist, der vom Baum steigt und Claudia Neumann und Sabine Töpperwien das Feld überlässt. Unmittelbar vor Beginn des Finales muss man ihn im Fernsehen vor einem Millionenpublikum einen Satz sagen lassen, der für die Geschichtsbücher taugt, damit er in alle Ewigkeit in einem Atemzug mit Herbert Zimmermann (1954), Rudi Michel (1974), Gerd Rubenbauer (1990) und Tom Bartels (2014) genannt werden kann.

Zum Glück hat @schoemi auch gleich eine Petition erstellt. Unterschreibt da mal und twittert das @ZDF und @DasErste mal diesbezüglich an.

Bis zum Finale sind’s noch 22 Tage. Das ist zu schaffen!

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Kleines Pils on our Wahnsinnserfolge

Der Boden ist karg, die Arbeit hart und die Erträge sind kümmerlich. Aber ab und an schmecken sie sehr süß.

Zum Beispiel hat der unermüdliche @larsklingbeil diese Woche im Deutschen Bundestag nicht nur die Störerhaftung ad acta legen können, sondern hat auch „D64“ gesagt – vor laufender Kamera. <3

Franka, Stephan und Gesche stellen unsere Initiative vor. Stephan hatte sich extra die Haare gemacht.
Franka, Stephan und Gesche stellen unsere Initiative vor. Stephan hatte sich extra die Haare gemacht.

Und auf dem MINT-Gipfel, wo alle schon dachten, es gäbe wieder nur hohle Phrasen zu bemängeln, haben die trefflichen @geschejoost, @holadiho und Franka erstmals öffentlich über unsere Initiative gesprochen, mit der wir allen Kindern der dritten Grundschulklasse in Deutschland ein Bastel- und Programmierboard zur Verfügung stellen wollen, so wie es die BBC in Großbritannien mit dem MicroBit vorgemacht hat. <3

Was man machen muss: Fordern und machen. Sich auslachen lassen und weitermachen. Machen wir.

 

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Ohne Kompass kostet Menschenleben

Es wurde Zeit. Es ist zum Heulen, aber es wurde Zeit für ein neues Bild. Der tote kleine Aylan hat mir vor Monaten die Tränen in die Augen getrieben, er hätte, wie er da mit dem Gesicht nach unten, tot am Strand lag, mein Kind sein können. Dieses Bild hat mich kalt erwischt, vor nur wenigen Wochen.

Es wurde Zeit, heute dieses Bild von dem toten Baby auf dem Arm des Rettungsmannes. Und wieder heule ich Rotz und Wasser, aber diesmal ist es anders. Ich bin sauer. Wie haben wir als EU versagt! Wie hat die Bundesregierung versagt! Dieses Mal ist bei mir so viel Wut dabei. „Wir schaffen das“ hat nicht gereicht, es hat Europa nicht gezeigt, wie wir das schaffen und es hat zu viel Raum gelassen für jene, die am ganz rechten Rand fischen. Mir kommt in den Sinn, was der viel gescholtene Gerhard Schröder gesagt hat: „Ich hätte gesagt: Wir können das schaffen, wenn wir bereit sind, Voraussetzungen dafür hinzubekommen.

Und ich denke: Auch das wäre noch viel zu wenig gewesen. Wir hätten ganz entschlossen handeln müssen, sofort. Wir hätten sagen müssen: Wir schaffen das, es handelt sich um eine europäische Notsituation, die nur mit vollem Einsatz bewältigt werden kann. Wir müssen allen Flüchtenden helfen, nicht nur einigen, sondern allen, sofort. Jede verfügbare Kraft muss zur Hilfe eingesetzt werden, die vielen freiwilligen Helfer*innen hätten nicht bestaunt, sondern sofort unterstützt werden müssen. Der ganzen rechtsnationalistischen Shice hätte man mit dauerhaften breiten Hilfsprogrammen das Wasser abgraben müssen, Einsatz der Bundeswehr von mir aus, um alle, wirklich alle Flüchtenden sofort zu retten und zu versorgen. Man hätte den europäischen Notstand ausrufen sollen oder sowas.

Vielleicht hätten Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt besser gehandelt als Angela Merkel. Was fehlt, ist Entschlossenheit. Frau Merkel ist doch angeblich die mächtigste Frau der Welt. Wozu eigentlich?

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Quia Chayenne – Tim’s Party

Quia Chayenne - Tim's Party
Quia Chayenne – Tim’s Party aufgenommen am 19. und 20. September 1995 in Dr. Hirschs Rockbüro in Borken (Westf).

Die liebe Kommunardin @katharinchen hat, nachdem wir neulich in der Kommune Zwo Null alte Demotapes meiner früheren Schülerband gehört haben, eines dieser Bänder zu wir-digitalisieren-alles.de getragen und mir gestern eine CD und die digitalen Tracks mitgebracht. Hurra! Da will ich doch gleich mal das originale Booklet aus der schwarzen Kiste holen und hier alles verbloggen!

Alle Lieder sind von Quia Chayenne höchstselbst komponiert + betextet. Aufgenommen + abgemischt von Daniel Reekers im Dr. Hirsch-Studio in Borken am 19.+20. Sept. 1995.

Line-up

Mäx - Drums Felix - Lead Vocal, Guitar + Casoo Tobi - Lead Guitar + Vocal Josh - Bass + Vocal Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17
Mäx – Drums
Felix – Lead Vocal, Guitar + Casoo
Tobi – Lead Guitar + Vocal
Josh – Bass + Vocal
Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17

Unsere Band hieß Quia Chayenne, hier seht Ihr detailgenaue Wiedergaben unserer Antlitze anno 1995. Ich hatte da noch lange Haare und hab noch geraucht.

Die Songs

Lustig, diesen alten Shice wieder zu hören und heute mit Euch teilen zu können. Ich hab mal alles auf Soundcloud hochgeladen. Ich muss sagen, ich schäme mich nicht (auch wenn ich im Jazz-Standard No. 17 an der einen Stelle den Stock statt der Hi-Hats treffe, ein kleiner Fehler, den ich seit 1995 immer genau im Ohr habe, hehehe…)

Fool

Dieser Song handelt von einem Kopf, in dem zwei wohnen und sich gegenseitig als Trottel bezeichnen, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren damals sehr stolz auf den zweistimmigen Gesang.

An Erection

Sehr funky, geht heute immer noch direkt ins Blut, dieses Kleinod. Jung wie wir waren sind wir immer rot geworden, wenn wir gesagt haben, dass der Song „An Erection“ heißt. Schöne Einlage von @botnautzki als „everyday I’ve got!“ und von Felix am Kazoo.

Hier sind „Fool“ und „An Erection“ hintereinander weg:

Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)

Mit diesem Song waren wir sogar auf dem regionalen Sampler „Das Borkener Landleben“ vertreten. Mit Special Appearance unseres damaligen Hundes Leo in der Mitte. Der Zusatz „Winter Comes“ ist ein kleiner Witz in Bezug auf den Chanson „Autumn Leaves„. Eine Version davon von Nat King Cole gibt’s bei YouTube.

Axl

Der Songtitel bezieht sich völlig unverfrohren auf Axl Rose. Der Text wurde bei jeder Aufführung des Stücks neu erfunden und nie aufgeschrieben. Einzige Anforderung, die wir an Felix hatten: Lass es wie Englisch klingen.

Hier kommen „Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)“ und „Axl“ hintereinander weg:

Booklet + Artwork

Aber auch das Artwork aus der Feder von Joscha kann sich sehen lassen, ein niedlicher kleiner Comic im Inneren unseres selbstgemalten Booklets:

Comic aus "Tim's Party"
Comic aus „Tim’s Party“

Der Name Quia Chayenne ist übrigens so entstanden:

In der Schule saßen Felix und ich in Deutsch nebeneinander und waren auf der Suche nach einem Namen für unsere Band. Wir fingen an, abwechselnd einzelene Buchstaben aneinander zu reihen. Weil ich es Felix besonders schwer machen wollte, fing ich mit einem Q an und er musste, ob er wollte oder nicht, mit u weitermachen. Ich setzte ein i und Felix ein a. Quia stand da und wir wussten nicht weiter. Uns wurde klar, dass wir ein zweites Wort brauchen würden. Ich wollte ja eigentlich „Düsenjäger“, also im ganzen dann „Quia Düsenjäger“, aber das wollten die anderen nicht. Felix schlug Chayenne vor. Später haben wir das mit @botnautzki und Joscha abgestimmt und dann ist es dabei geblieben.

Später durften wir auf dem Borkener Musik-Festival „Borken intim“ auftreten und plötzlich stand dieser seltsame Name auf allen Wänden in der Stadt. Das hat sich sehr gut angefühlt.

Da fällt mir ein, wir hatten ja noch ein Demotape, das hießt „Leonard Sun Driver“ (was abgekürzt LSD ergibt, knickknack! Mann, wir waren auch echt ziemlich jung noch damals!). Zum Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes) haben wir auch mal ein Video in Rostock gedreht, das war auch lustig. Ich spiele darin einen Busfahrer, der mit einem Schaf flirtet. Ich muss mal nachforschen, ob das nicht noch einer irgendwo liegen hat, damit wir das auch zu wir-digitalisieren-alles.de bringen können.

 

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Sich selber toll finden

Ich versuche das zu tun, was ich toll finde. Manchmal endet das in Situationen, in denen mir das irgendwie gelingt und ich mich selbst toll finde, was dann im Allgemeinen wieder nicht sehr populär ist: Sich selbst toll finden.

Heute wird Udo Lindenberg 70 und im WDR lief ein Song von ihm, in dem er irgendwas über sich selbst singt, irgendwas mit „ich ändere mich nicht“ und Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an. Das mit dem Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an finde ich saucool, das mit dem „ich ändere mich nicht“ nicht.

Ich versuche, mich kontinuierlich zu ändern. 2012 hatte ich eine Höllenangst davor, mein Gesicht im Internet zu zeigen. Heute nicht mehr. Als Teenager hatte ich Ansichten, für die ich heute ein PAV beantragen würde (mal davon abgesehen, dass ich damals keiner Partei angehört habe). Ich habe in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen wieder so viel gelernt, ich wäre ja völlig borniert, wenn ich mich da nicht ständig ändern würde. Veränderung ist toll und notwendig. Ich habe sogar meine Einstellung zu Musik verändert, seit der Kleine Sohn Songs mitsingt, die eigentlich inakzeptabel sind. Veränderung hat immer mit Erkenntnisgewinn zu tun und damit, Erkenntnisgewinn zuzulassen.

Und manchmal, da merke ich, wie ich eine alte Verstocktheit über Bord werfe, und da finde ich mich selber etwas toll. Sich selber toll finden ist ja – völlig zurecht! – nichts, womit man Sympathien erwirbt. Aber in kleinen Dosen hilft es mir, die Welt weiter umarmen zu wollen. Und zu küssen (was die Welt dann vielleicht wieder eher neutral findet).

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Es muss rummsen, nicht rumpeln

Heute steht in den Zeitungen, dass Sigmar Gabriel mit der Nominierung eine*r Kanzlerkandidat*in bis kurz vor der Bundestagswahl 2017 warten und erst die Landatgswahl NRW im Frühjahr 2017 abwarten möchte.

Das strotzt in meinen Augen nur so von Parteitaktiererei, von Zögerlichkeit und Mal-Abwarten-Dann-Schnell-Ducken – davon haben zu recht alle, mich eingeschlossen, die Schnauze voll. Das schreit schon nach „Was machen wir eigentlich, wenn NRW verloren geht?“ – das hilft uns auch für die NRW-Wahl mal gerade gar nichts, im Gegenteil werden wir als Angsthasen und in die Ecke gedrängte verängstigte Rinderherde wahrgenommen, von denen dann die nächsten auf den LKW in Richtung Schlachthof abgeholt werden. Und wenn der Bauer kommt, gehen wir schnell noch in eine andere Ecke der Weide.

Ich bin ja immer für Knalleffekte zu haben. Wie wärs mit diesem hier?

  • Wir geben uns ein zukunftsgerichtetes Regierungsprogramm links der Mitte: Digitalisierung, Frauen, Bildung, Integration
  • Dazu brauchen wir eine*n Kandidat*in, die für diese Inhalte steht. Ich finde, wir nominieren Manuela Schwesig asap zu unserer Kandidatin.
  • Wir weisen in den nächsten 18 Monaten (oder wie lange ist noch zur BTW?) nach, dass Manuela Schwesig für diese Themen steht und dass sie in der Lage ist, diese durchzusetzen. Immerhin hat sie ja diesen Flexischnexi-Unsinn ihrer Vorgängerin einfach beendet, obwohl alle dachten, das ginge in dieser Männerdomäne „Wirtschaft“ gar nicht.
  • Die Richtung muss klar sein: Junge, ehrgeizige Kandidatin, zukunftsgerichtet mit modernem Familien- und Gesellschaftsbild, unerschrocken.

Dafür hätte ich jetzt gleich schon Bock Wahlkampf zu machen. Dafür würde ich mich sofort heute beschimpfen lassen und mit guten Argumenten und Überzeugung dagegenhalten. Darauf hätte ich zumindest mehr Bock, als ein humpelndes, rumpelndes Stühlerücken erklären zu müssen.

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Wenn der Kleine Sohn hinten im Auto singt

Morgens bringe ich den Kleinen Sohn mit dem Auto zum Kindergarten. Wir hören dann immer seine Lieblingslieder auf Spotify, eine Auswahl die, unter meinem Namen öffentlich einsehbar, meiner Street-Credibility wohl eher abträglich ist. Aber schon immer habe ich gespürt: Diese Musik, so wenig sie meinem eigenen Geschmack entsprechen mag, bewegt Welten in meinem Kind. Wie er plötzlich aufhören muss zu reden, weil er ganz mit zuhören beschäftigt ist.

In letzter Zeit hat er angefangen, leise hinten im Auto mitzusingen, englische Texte, die er nicht versteht, sondern nur lautmalerisch nachbildet – aber in einer Genauigkeit, die mir, der ich die Texte verstehen kann, das Herz zerreißt. Dann sehe ich mich plötzlich selbst, wie ich ABBA und die Beatles in genau dieser Art und Weise mitgesungen habe – und erinnere mich, wie enttäuscht ich war, als ich die Texte plötzlich verstand – diese allzu banalen Frau-Mann-Dinge, Liebe, Beziehungskram. Galaktisches wurde mir ungefragt irdisch und ich habe mir gewünscht, ich hätte nie Englisch gelernt, damals.

Heute, wenn der Kleine Sohn diese banalen Texte mitsingt, werden sie wieder galaktisch, wie er sich darin verliert und sogar dem Großen Sohn contra bietet, wenn der darüber lästert (wie seine Eltern und eigentlich alle um ihn herum auch).

Was für ein außergewöhnlicher Kleiner Sohn, der, entgegen aller Zweifel, immer wieder dafür einsteht, dass er das liebt, was er da hört. Ich versuche, ihm zu vermitteln, dass er das richtige tut. Ich hoffe, das gelingt mir.

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Auf dass wir niemals einer Rebellion bedürfen, die große Opfer verlangt

Habe dieser Tage ein wenig über Rebellion nachgedacht, dabei ist wieder viel verwirrendes Zeug herausgekommen, das ich mal versuche niederzuschreiben. Ich hab ja keine Ahnung und irgendwas mit klassischen und hellenistischen Statuen studiert…

Ich gehöre einer Generation an, die bisher – toitoitoi! – in keinen Krieg musste und sich – toitoitoi! – hoffentlich klug genug anstellt, auch nie in einen zu müssen. Wo unsere Großväter noch in Schützengräben lagen, lag ich auf der Couch, faul, nicht einmal genug Antrieb, alle hellenistischen Stauten namentlich auswendig zu lernen. Kriegsdienst verweigert, aus voller Überzeugung. Ich wollte lieber herumliegen und Bier trinken statt komischen Vorstellungen von Männlichkeit hinterherzujagen. Ich bin Teil einer Generation, die nicht einmal rebelliert hat. Die 68er, die haben noch den Muff von 1000 Jahren aus den Talaren gejagt und die sexuelle Berfreiung erkämpft. Ich habe das nicht, ich habe im gemachten Nest herumgelegen und Bier getrunken. Der krasseste Fall von Rebellion von meinesgleichen ist, sich endlich dazu zu bekennen, dass New Model Army durchschnittlicher Shice ist und in eine Partei einzutreten. Meinesgleichen will nichts einreißen, will nicht die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Meinesgleichen ist der Arsch, den wir jetzt gerade nicht hochkriegen, wo plötzlich wieder braune Strömungen einen stinkenden Sog entwickeln, meinesgleichen setzt Frieden und Demokratie als unumstößlich gegeben voraus.

Ich musste nicht gegen meine Eltern rebellieren, denn sie haben mangels Kriegeinsatz in den 50ern, 60ern, 70ern, 80ern, 90ern, den Nullerjahren und den Zweiotausendzehnern das wesentliche richtig gemacht. Rebellion ist bei meinesgleichen folkloristischer Tand.

Gleichzeitig hat man mir in der Schule beigebracht, was der Gedanke hinter einer 5%-Klausel ist. Was Auszählverfahren nach Hare/Niemeyer oder nach d’Hont sind. Was Erststimme und was Zweitstimme bei Bundestagswahlen bedeuten. Wir haben in Geschichte den Aufstieg des Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen bis zum Erbrechen gelernt – Gleichschaltung und Zentralisierung. Wir haben gelernt, warum der Föderalismus der Bundesrepublik ein Gewinnerkonzept ist. Wir haben gesehen, wo das alles funktioniert und warum. Wir waren uns sicher. Die bundesdeutsche Demokratie ist das sicherste und widerstandsfähigste System seit dem zweiten Weltkrieg, inkl. sozialer Sicherungssysteme und einer unabhängigen Presse.

Wir sind eine gute Generation. Wir wissen ganz viel von dem, was aus der Geschichte zu lernen ist. Wir stehen und unsere Münder öffnen sich ungläubig, wenn braune Kondensationspartikel sich plötzlich zu großen Schauern entwickeln. Und wir stehen da ohne Regenschirm, weil wir uns so verdammt sicher sind, immer noch. Unser größtes Manko ist unser Arsch auf der Couch.

In den Fußballmannschaften, in denen ich bisher mitgespielt habe, war es immer schwierig, wenn’s in der ersten Halbzeit gut gelaufen war und unser Käpt’n dann gesagt hat:“Gut so! Spielt genau so weiter!“ – dann haben wir meistens verloren, weil wir gar nicht wussten, wie wir gespielt hatten.

Wir brauchen Rebellion, aber sie sieht anders aus als 1968. Geht in die demokratischen Parteien. Helft denen. Macht etwas abgefahrenes und lasst Euch auf diese komischen Parteileute ein. Sagt Eure Meinung da. Sagt sie in den Parteien, von mir aus auch bei Facebook, aber vor allem in den Parteien. Bringt Bier mit, dann wird’s etwas erträglicher. Seid lustig und verständig, entwickelt Positionen und Meinungen, glaubt nicht, dass man eine Meinung schnell erlangen könnte. Hört zu, hört ganz viel zu. Fragt. Fragt ganz viel. Fragen sind Meinungsbildung. Bleibt beweglich im Kopf, haltet andere Meinungen aus. Vergesst Werbesprüche wie „Lass Dich nicht verbiegen.“ Der Spruch gilt erst, wenn Ihr eine feste Meinung habt, aber glaubt nicht, dass der erste Impuls nach Bekanntwerden von sagenwirmal #PanamaPapers Eure Meinung ist. Wägt ab. Hört zu. Stellt Fragen. Stellt Euch selbst immer wieder die gleichen Fragen.

Unsere Rebellion sieht anders aus. Wir müssen uns etwas trauen – wir müssen unsere Sofas und unsere schnellen Urteile verlassen. Wir müssen uns der immensen Gefahr aussetzen, dass jemand erfahren könnte, dass Ihr in einer Partei seid. Ihr müsst Eure Angst hinter Euch lassen, dass Euch das zum Nachteil gereichen könnte. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass Euch niemand den Job kündigen wird, wenn Ihr in einer Partei seid. Es braucht nicht viel mehr als diese Rebellion, die im Vergleich zur Rebellion anderer Generationen wirklich armselig ist – zum Glück! Noch bedarf es nicht viel mehr, als verwunderten Nachbar*innen zu erklären, warum Ihr in eine Partei eingetreten seid. Noch geht es mit wenig dieser armseligen Rebellion, und ich wünsche mir für meinesgleichen, dass wir niemals einer Rebellion bedürfen, die viel größere Opfer verlangt.

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