Quia Chayenne – Tim’s Party

Quia Chayenne - Tim's Party
Quia Chayenne – Tim’s Party aufgenommen am 19. und 20. September 1995 in Dr. Hirschs Rockbüro in Borken (Westf).

Die liebe Kommunardin @katharinchen hat, nachdem wir neulich in der Kommune Zwo Null alte Demotapes meiner früheren Schülerband gehört haben, eines dieser Bänder zu wir-digitalisieren-alles.de getragen und mir gestern eine CD und die digitalen Tracks mitgebracht. Hurra! Da will ich doch gleich mal das originale Booklet aus der schwarzen Kiste holen und hier alles verbloggen!

Alle Lieder sind von Quia Chayenne höchstselbst komponiert + betextet. Aufgenommen + abgemischt von Daniel Reekers im Dr. Hirsch-Studio in Borken am 19.+20. Sept. 1995.

Line-up

Mäx - Drums Felix - Lead Vocal, Guitar + Casoo Tobi - Lead Guitar + Vocal Josh - Bass + Vocal Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17
Mäx – Drums
Felix – Lead Vocal, Guitar + Casoo
Tobi – Lead Guitar + Vocal
Josh – Bass + Vocal
Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17

Unsere Band hieß Quia Chayenne, hier seht Ihr detailgenaue Wiedergaben unserer Antlitze anno 1995. Ich hatte da noch lange Haare und hab noch geraucht.

Die Songs

Lustig, diesen alten Shice wieder zu hören und heute mit Euch teilen zu können. Ich hab mal alles auf Soundcloud hochgeladen. Ich muss sagen, ich schäme mich nicht (auch wenn ich im Jazz-Standard No. 17 an der einen Stelle den Stock statt der Hi-Hats treffe, ein kleiner Fehler, den ich seit 1995 immer genau im Ohr habe, hehehe…)

Fool

Dieser Song handelt von einem Kopf, in dem zwei wohnen und sich gegenseitig als Trottel bezeichnen, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren damals sehr stolz auf den zweistimmigen Gesang.

An Erection

Sehr funky, geht heute immer noch direkt ins Blut, dieses Kleinod. Jung wie wir waren sind wir immer rot geworden, wenn wir gesagt haben, dass der Song „An Erection“ heißt. Schöne Einlage von @botnautzki als „everyday I’ve got!“ und von Felix am Kazoo.

Hier sind „Fool“ und „An Erection“ hintereinander weg:

Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)

Mit diesem Song waren wir sogar auf dem regionalen Sampler „Das Borkener Landleben“ vertreten. Mit Special Appearance unseres damaligen Hundes Leo in der Mitte. Der Zusatz „Winter Comes“ ist ein kleiner Witz in Bezug auf den Chanson „Autumn Leaves„. Eine Version davon von Nat King Cole gibt’s bei YouTube.

Axl

Der Songtitel bezieht sich völlig unverfrohren auf Axl Rose. Der Text wurde bei jeder Aufführung des Stücks neu erfunden und nie aufgeschrieben. Einzige Anforderung, die wir an Felix hatten: Lass es wie Englisch klingen.

Hier kommen „Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)“ und „Axl“ hintereinander weg:

Booklet + Artwork

Aber auch das Artwork aus der Feder von Joscha kann sich sehen lassen, ein niedlicher kleiner Comic im Inneren unseres selbstgemalten Booklets:

Comic aus "Tim's Party"
Comic aus „Tim’s Party“

Der Name Quia Chayenne ist übrigens so entstanden:

In der Schule saßen Felix und ich in Deutsch nebeneinander und waren auf der Suche nach einem Namen für unsere Band. Wir fingen an, abwechselnd einzelene Buchstaben aneinander zu reihen. Weil ich es Felix besonders schwer machen wollte, fing ich mit einem Q an und er musste, ob er wollte oder nicht, mit u weitermachen. Ich setzte ein i und Felix ein a. Quia stand da und wir wussten nicht weiter. Uns wurde klar, dass wir ein zweites Wort brauchen würden. Ich wollte ja eigentlich „Düsenjäger“, also im ganzen dann „Quia Düsenjäger“, aber das wollten die anderen nicht. Felix schlug Chayenne vor. Später haben wir das mit @botnautzki und Joscha abgestimmt und dann ist es dabei geblieben.

Später durften wir auf dem Borkener Musik-Festival „Borken intim“ auftreten und plötzlich stand dieser seltsame Name auf allen Wänden in der Stadt. Das hat sich sehr gut angefühlt.

Da fällt mir ein, wir hatten ja noch ein Demotape, das hießt „Leonard Sun Driver“ (was abgekürzt LSD ergibt, knickknack! Mann, wir waren auch echt ziemlich jung noch damals!). Zum Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes) haben wir auch mal ein Video in Rostock gedreht, das war auch lustig. Ich spiele darin einen Busfahrer, der mit einem Schaf flirtet. Ich muss mal nachforschen, ob das nicht noch einer irgendwo liegen hat, damit wir das auch zu wir-digitalisieren-alles.de bringen können.

 

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Sich selber toll finden

Ich versuche das zu tun, was ich toll finde. Manchmal endet das in Situationen, in denen mir das irgendwie gelingt und ich mich selbst toll finde, was dann im Allgemeinen wieder nicht sehr populär ist: Sich selbst toll finden.

Heute wird Udo Lindenberg 70 und im WDR lief ein Song von ihm, in dem er irgendwas über sich selbst singt, irgendwas mit „ich ändere mich nicht“ und Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an. Das mit dem Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an finde ich saucool, das mit dem „ich ändere mich nicht“ nicht.

Ich versuche, mich kontinuierlich zu ändern. 2012 hatte ich eine Höllenangst davor, mein Gesicht im Internet zu zeigen. Heute nicht mehr. Als Teenager hatte ich Ansichten, für die ich heute ein PAV beantragen würde (mal davon abgesehen, dass ich damals keiner Partei angehört habe). Ich habe in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen wieder so viel gelernt, ich wäre ja völlig borniert, wenn ich mich da nicht ständig ändern würde. Veränderung ist toll und notwendig. Ich habe sogar meine Einstellung zu Musik verändert, seit der Kleine Sohn Songs mitsingt, die eigentlich inakzeptabel sind. Veränderung hat immer mit Erkenntnisgewinn zu tun und damit, Erkenntnisgewinn zuzulassen.

Und manchmal, da merke ich, wie ich eine alte Verstocktheit über Bord werfe, und da finde ich mich selber etwas toll. Sich selber toll finden ist ja – völlig zurecht! – nichts, womit man Sympathien erwirbt. Aber in kleinen Dosen hilft es mir, die Welt weiter umarmen zu wollen. Und zu küssen (was die Welt dann vielleicht wieder eher neutral findet).

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Es muss rummsen, nicht rumpeln

Heute steht in den Zeitungen, dass Sigmar Gabriel mit der Nominierung eine*r Kanzlerkandidat*in bis kurz vor der Bundestagswahl 2017 warten und erst die Landatgswahl NRW im Frühjahr 2017 abwarten möchte.

Das strotzt in meinen Augen nur so von Parteitaktiererei, von Zögerlichkeit und Mal-Abwarten-Dann-Schnell-Ducken – davon haben zu recht alle, mich eingeschlossen, die Schnauze voll. Das schreit schon nach „Was machen wir eigentlich, wenn NRW verloren geht?“ – das hilft uns auch für die NRW-Wahl mal gerade gar nichts, im Gegenteil werden wir als Angsthasen und in die Ecke gedrängte verängstigte Rinderherde wahrgenommen, von denen dann die nächsten auf den LKW in Richtung Schlachthof abgeholt werden. Und wenn der Bauer kommt, gehen wir schnell noch in eine andere Ecke der Weide.

Ich bin ja immer für Knalleffekte zu haben. Wie wärs mit diesem hier?

  • Wir geben uns ein zukunftsgerichtetes Regierungsprogramm links der Mitte: Digitalisierung, Frauen, Bildung, Integration
  • Dazu brauchen wir eine*n Kandidat*in, die für diese Inhalte steht. Ich finde, wir nominieren Manuela Schwesig asap zu unserer Kandidatin.
  • Wir weisen in den nächsten 18 Monaten (oder wie lange ist noch zur BTW?) nach, dass Manuela Schwesig für diese Themen steht und dass sie in der Lage ist, diese durchzusetzen. Immerhin hat sie ja diesen Flexischnexi-Unsinn ihrer Vorgängerin einfach beendet, obwohl alle dachten, das ginge in dieser Männerdomäne „Wirtschaft“ gar nicht.
  • Die Richtung muss klar sein: Junge, ehrgeizige Kandidatin, zukunftsgerichtet mit modernem Familien- und Gesellschaftsbild, unerschrocken.

Dafür hätte ich jetzt gleich schon Bock Wahlkampf zu machen. Dafür würde ich mich sofort heute beschimpfen lassen und mit guten Argumenten und Überzeugung dagegenhalten. Darauf hätte ich zumindest mehr Bock, als ein humpelndes, rumpelndes Stühlerücken erklären zu müssen.

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Wenn der Kleine Sohn hinten im Auto singt

Morgens bringe ich den Kleinen Sohn mit dem Auto zum Kindergarten. Wir hören dann immer seine Lieblingslieder auf Spotify, eine Auswahl die, unter meinem Namen öffentlich einsehbar, meiner Street-Credibility wohl eher abträglich ist. Aber schon immer habe ich gespürt: Diese Musik, so wenig sie meinem eigenen Geschmack entsprechen mag, bewegt Welten in meinem Kind. Wie er plötzlich aufhören muss zu reden, weil er ganz mit zuhören beschäftigt ist.

In letzter Zeit hat er angefangen, leise hinten im Auto mitzusingen, englische Texte, die er nicht versteht, sondern nur lautmalerisch nachbildet – aber in einer Genauigkeit, die mir, der ich die Texte verstehen kann, das Herz zerreißt. Dann sehe ich mich plötzlich selbst, wie ich ABBA und die Beatles in genau dieser Art und Weise mitgesungen habe – und erinnere mich, wie enttäuscht ich war, als ich die Texte plötzlich verstand – diese allzu banalen Frau-Mann-Dinge, Liebe, Beziehungskram. Galaktisches wurde mir ungefragt irdisch und ich habe mir gewünscht, ich hätte nie Englisch gelernt, damals.

Heute, wenn der Kleine Sohn diese banalen Texte mitsingt, werden sie wieder galaktisch, wie er sich darin verliert und sogar dem Großen Sohn contra bietet, wenn der darüber lästert (wie seine Eltern und eigentlich alle um ihn herum auch).

Was für ein außergewöhnlicher Kleiner Sohn, der, entgegen aller Zweifel, immer wieder dafür einsteht, dass er das liebt, was er da hört. Ich versuche, ihm zu vermitteln, dass er das richtige tut. Ich hoffe, das gelingt mir.

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Auf dass wir niemals einer Rebellion bedürfen, die große Opfer verlangt

Habe dieser Tage ein wenig über Rebellion nachgedacht, dabei ist wieder viel verwirrendes Zeug herausgekommen, das ich mal versuche niederzuschreiben. Ich hab ja keine Ahnung und irgendwas mit klassischen und hellenistischen Statuen studiert…

Ich gehöre einer Generation an, die bisher – toitoitoi! – in keinen Krieg musste und sich – toitoitoi! – hoffentlich klug genug anstellt, auch nie in einen zu müssen. Wo unsere Großväter noch in Schützengräben lagen, lag ich auf der Couch, faul, nicht einmal genug Antrieb, alle hellenistischen Stauten namentlich auswendig zu lernen. Kriegsdienst verweigert, aus voller Überzeugung. Ich wollte lieber herumliegen und Bier trinken statt komischen Vorstellungen von Männlichkeit hinterherzujagen. Ich bin Teil einer Generation, die nicht einmal rebelliert hat. Die 68er, die haben noch den Muff von 1000 Jahren aus den Talaren gejagt und die sexuelle Berfreiung erkämpft. Ich habe das nicht, ich habe im gemachten Nest herumgelegen und Bier getrunken. Der krasseste Fall von Rebellion von meinesgleichen ist, sich endlich dazu zu bekennen, dass New Model Army durchschnittlicher Shice ist und in eine Partei einzutreten. Meinesgleichen will nichts einreißen, will nicht die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Meinesgleichen ist der Arsch, den wir jetzt gerade nicht hochkriegen, wo plötzlich wieder braune Strömungen einen stinkenden Sog entwickeln, meinesgleichen setzt Frieden und Demokratie als unumstößlich gegeben voraus.

Ich musste nicht gegen meine Eltern rebellieren, denn sie haben mangels Kriegeinsatz in den 50ern, 60ern, 70ern, 80ern, 90ern, den Nullerjahren und den Zweiotausendzehnern das wesentliche richtig gemacht. Rebellion ist bei meinesgleichen folkloristischer Tand.

Gleichzeitig hat man mir in der Schule beigebracht, was der Gedanke hinter einer 5%-Klausel ist. Was Auszählverfahren nach Hare/Niemeyer oder nach d’Hont sind. Was Erststimme und was Zweitstimme bei Bundestagswahlen bedeuten. Wir haben in Geschichte den Aufstieg des Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen bis zum Erbrechen gelernt – Gleichschaltung und Zentralisierung. Wir haben gelernt, warum der Föderalismus der Bundesrepublik ein Gewinnerkonzept ist. Wir haben gesehen, wo das alles funktioniert und warum. Wir waren uns sicher. Die bundesdeutsche Demokratie ist das sicherste und widerstandsfähigste System seit dem zweiten Weltkrieg, inkl. sozialer Sicherungssysteme und einer unabhängigen Presse.

Wir sind eine gute Generation. Wir wissen ganz viel von dem, was aus der Geschichte zu lernen ist. Wir stehen und unsere Münder öffnen sich ungläubig, wenn braune Kondensationspartikel sich plötzlich zu großen Schauern entwickeln. Und wir stehen da ohne Regenschirm, weil wir uns so verdammt sicher sind, immer noch. Unser größtes Manko ist unser Arsch auf der Couch.

In den Fußballmannschaften, in denen ich bisher mitgespielt habe, war es immer schwierig, wenn’s in der ersten Halbzeit gut gelaufen war und unser Käpt’n dann gesagt hat:“Gut so! Spielt genau so weiter!“ – dann haben wir meistens verloren, weil wir gar nicht wussten, wie wir gespielt hatten.

Wir brauchen Rebellion, aber sie sieht anders aus als 1968. Geht in die demokratischen Parteien. Helft denen. Macht etwas abgefahrenes und lasst Euch auf diese komischen Parteileute ein. Sagt Eure Meinung da. Sagt sie in den Parteien, von mir aus auch bei Facebook, aber vor allem in den Parteien. Bringt Bier mit, dann wird’s etwas erträglicher. Seid lustig und verständig, entwickelt Positionen und Meinungen, glaubt nicht, dass man eine Meinung schnell erlangen könnte. Hört zu, hört ganz viel zu. Fragt. Fragt ganz viel. Fragen sind Meinungsbildung. Bleibt beweglich im Kopf, haltet andere Meinungen aus. Vergesst Werbesprüche wie „Lass Dich nicht verbiegen.“ Der Spruch gilt erst, wenn Ihr eine feste Meinung habt, aber glaubt nicht, dass der erste Impuls nach Bekanntwerden von sagenwirmal #PanamaPapers Eure Meinung ist. Wägt ab. Hört zu. Stellt Fragen. Stellt Euch selbst immer wieder die gleichen Fragen.

Unsere Rebellion sieht anders aus. Wir müssen uns etwas trauen – wir müssen unsere Sofas und unsere schnellen Urteile verlassen. Wir müssen uns der immensen Gefahr aussetzen, dass jemand erfahren könnte, dass Ihr in einer Partei seid. Ihr müsst Eure Angst hinter Euch lassen, dass Euch das zum Nachteil gereichen könnte. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass Euch niemand den Job kündigen wird, wenn Ihr in einer Partei seid. Es braucht nicht viel mehr als diese Rebellion, die im Vergleich zur Rebellion anderer Generationen wirklich armselig ist – zum Glück! Noch bedarf es nicht viel mehr, als verwunderten Nachbar*innen zu erklären, warum Ihr in eine Partei eingetreten seid. Noch geht es mit wenig dieser armseligen Rebellion, und ich wünsche mir für meinesgleichen, dass wir niemals einer Rebellion bedürfen, die viel größere Opfer verlangt.

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Die Unendlichkeit befragen

Warum hat man eigentlich Kinder? Manchmal ist es ganz einfach:

Kleiner Sohn: „Papa, warum weiß das Internet alles?“

Ich: „Das Internet weiß glaube ich gar nicht alles.“

Kleiner Sohn: „Was weiß das Internet denn nicht?“

Ich: (muss überlegen) „Das Internet weiß zum Beispiel nicht, warum alles so ist, wie es ist.“

Kleiner Sohn: (muss nicht überlegen) „Die Unendlichkeit wüsste das wahrscheinlich. Aber die können wir ja nicht fragen.“

Später, viel später, kommt mir der Gedanke, dass wir vielleicht schon alles wissen, aber nicht zufrieden genug damit sind. Diese alberne Unendlichkeit, die haben wir doch auch nur erfunden, weil uns die Endlichkeit erheblich unvorstellbarer ist. Ich fordere hiermit, dass s die größte Zahl ist. s+1 ist eine genauso unzulässige Rechenoperation wie die Division durch Null. Fertig ist die Laube.

(Hat das echt noch nie jemand gefordert?)

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Wer traut sich noch zu den Nichtwähler*innen?

Eigentlich fühle ich mich zu schwach, um über die Wahlergebnisse in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zu bloggen. Wie schön, dass wenigstens noch eine überzeugende Politikerin wie Malu Dreyer es schafft, die Wähler*innen doch noch zu erreichen. Wie bitter aber sind die Ergebnisse in den beiden anderen Ländern. Andererseits: Unsere Kandidaten dort kenne nicht mal ich als Sozi so richtig: Nils Schmid in Baden-Württemberg und Katrin Budde in Sachsen-Anhalt, ok?

Bei Malu Dreyer wusste ich das, weil sie bei D64 im Beirat ist und ich sie auf der re:publica kennenlernen durfte – was für eine fantastische Person! Und wie schön, dass diese fantastische Politikerin sich gegen die Weinkönigin durchsetzen konnte, das rettet mein Vertrauen in die Menschheit.

Die/der Kandidat*in ist das A & O, will mir scheinen. Bei Peer Steinbrück 2013 hatten wir ein großartiges Programm, von dem ich mir gewünscht hätte, dass meine Filterbubble das damals genauso rauf- und runterzitiert hätte wie dieser Tage das der AfD. Aber man hat Peer dieses Programm nicht abgenommen. Zu viel Gestolper, zu viele Altlasten aus Zeiten der Deregulierung der Märkte, zu dünnhäutige Auftritte (dabei waren auch ein paar richtig starke dabei, aber Schwamm drüber…)

Bei Malu Dreyer passt alles, sehr gute Politik gemacht, sehr gute in Aussicht gestellt, das ganze mit Haltung und Rückgrat vertreten, dabei fröhlich geblieben. Wenn so jemand nicht gewonnen hätte, dann wäre es das wirklich gewesen mit der Demokratie. Allein, allzu viele von solchen Leuten kannste Dir auch nicht einfach backen.

Noch ein Wort zu den vielen Zitaten aus den diversen AfD-Wahlprogrammen in den letzten Tagen: Die sollten ja die Ekelhaftigkeit dieser Ansammlung von Demokratiefeind*innen entlarven, aber ich glaube, wir haben damit das Gegenteil dessen bewirkt, was wir erreichen wollten. Diese rechten Hetzer*innen haben das ja nun mal ganz offen in ihr Programm geschrieben, weil sie damit auf Stimmenfang gehen wollten. Und wir haben ihnen den riesigen Gefallen getan, das in epischer Breite publik zu machen. Viel zu wenig haben wir verbreitet, wofür die anderen Parteien stehen. Die haben auch seitenweise Programme geschrieben, die sind aber nicht für umme von uns geteilt worden. Das würde ich mir wünschen. Ich bin davon überzeugt, dass die Parteien ihren Job nämlich gar nicht so schlecht machen, wenn es darum geht, Positionen zu erarbeiten. Aber es interessiert sich niemand so recht dafür, wenn die Positionen ganz ok oder gut sind. Damit holste keinen Extraklick auf dein Blog.

Nicht falsch verstehen, ich finde es wichtig, dass alle wissen, was rechte Hetzer*innen da nun fordern, damit man sie darauf festnageln kann. Aber wir hätten das vielleicht besser in Beziehung setzen müssen zu den Positionen, die die anderen Parteien vertreten.

Und noch etwas: Wer bin eigentlich ich und wer hört mir zu? Jemand, der jeden Pfennig zweimal umdrehen muss, soll mir zuhören, der ich immer so fröhlich mit meinem Apple MacBook Pro für 1500,00 Euro nach Berlin reise und zurück? Mir, der ich Zeit und Ressourcen habe, ein Coder Dojo nebenbei zu veranstalten? Mir, der ich gerade ein Start-up gründe? Ich bin von denen, die sich abgehängt fühlen, so weit weg wie nur irgendwas, genau wie so viele andere Sozis, die zwar alle super sind und immer ganz viel recht haben und vieles richtig durchschauen – die aber auch allesamt als arriviert wahrgenommen werden. Diese coolen Mathias Richels, Nico Lummas und sagenwirmal Sebastian Reichels. Ich bin wirklich Fan von jedem einzelnen der aufgezählten, aber ich fürchte, dass die, die wir als Sozis einsammeln sollten, regelrecht Angst vor uns haben: Immer einen lockeren Spruch drauf, auf alles eine Antwort, jeden Gedanken schon zweimal gehabt, von drei Seiten beleuchtet und mit fester Meinung im besten Sinne ausgestattet. Ich glaube, was so ein*e sich als abgehängt Empfindende*r braucht, ist mehr Gemeinsamkeit.

Gerade hat Armin Nassehi einen Artikel darüber geschrieben, dass die Sozis diejenigen sein müssen, die alle unter einen Hut bringen. Wir Sozis müssen den rechten Parolen stimmige und glaubwürdige demokratische Konzepte entgegensetzen. Auch wenn Sigmar Gabriel wieder einmal den Ton nicht richtig getroffen hat und den Zeitpunkt eher blöd getroffen hat: Er hat natürlich recht damit, dass Investitionen in Wohnungsbau und Bildung getätigt werden müssen und dass diese natürlich gleichermaßen bereits hier lebenden wie neu ankommenden zugute kommen müssen. Bei den NRW Jusos hat das neulich Frederick Cordes ganz hübsch beschrieben, ich musste erst ein wenig lachen, aber am Ende bin ich doch etwas nachdenklich geworden, denn dieser Text bringt das Dilemma ganz gut auf den Punkt: Wo wir eine gute Idee umsetzen, reißen wir mit dem Hintern drei andere wieder ein.

Aber will ich im aktuellen politischen Klima eigentlich irgendwas gemeinsam haben mit solchen, die der AfD ihre Stimme geben oder auch nur im Verdacht stehen, das zu tun? Die Fronten sind bereits derart verhärtet, dass kaum noch gesprochen werden kann, Etiketten sind geklebt und können nicht so einfach wieder abgezogen werden, vielleicht über Jahre behutsam wieder abgeknibbelt. Wie finden wir eine Sprache, in der wir glaubhaft und authentisch darüber sprechen können? Ob man mit einer Blume mal jemanden besucht, der/die sich zu Hause verkrochen hat und sagt: „Hier ist eine Blume, die schenke ich Dir. Erzähl mir.“ Und sich erstmal den ganzen Sermon anhören, mit allen Ressentiments und Ungeheuerlichkeiten. Und sagen: „Ich höre Dich.“ Und dann: „Komm mit. Wir gehen hin zu den Geflüchteten. So wie ich Dir zugehört habe, so hören wir jetzt den Geflüchteten zu. Lass uns vielleicht eine Blume mitnehmen.“ Ob das klappen kann? Ob sich jemand findet, der sich das traut und wirklich probiert? Und der das nochmal probiert, wenn es nicht klappt? Der die Ruhe bewahren kann und dabei nicht aussieht wie ein Fähnchen im Wind? Der es schafft, zu sagen „ich höre dich“, ohne zu sagen „ich verachte dich“? Der es schafft, die Äußerungen von der Person zu trennen und den Mut hat, den Versuch zu wagen, diese Person nicht aufzugeben und ihr andere Positionen zu vermitteln? Der die Muße hat, das behutsam zu tun? (Ich klinge schon wie so ein Geistlicher, herrje!)

Ich gehe davon aus, dass ich mich auf einige heftige Kommentare gefasst machen kann, weil wahrscheinlich einige diesen Text als „AfD-Wähler-Verstehen“ deuten werden, und somit als Relativierung der ungeheuren Forderungen dieser Hetzer*innen.

Aber ich bin ganz im Gegenteil der Überzeugung, dass wir gerade den Hetzer*innen die vielen Nichtwähler*innen eben nicht überlassen dürfen, dass gerade wir Sozis zu den Nichtwähler*innen hingehen müssen. Ich weiß ganz sicher, dass wir hervorragende Ideen haben, denen sie viel lieber folgen würden als der plumpen Ausgrenzung und den brutalen Forderungen der AfD. Ich bin sogar sicher, dass sie unsere bestehenden Positionen bereits voll unterstützen würden, aber es kümmert sich niemand um sie, es spricht niemand ihre Sprache und es will sich niemand eine Blöße geben.

Wer soll das tun?

 

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Das Ritual

Heute waren Kommunalwahlen in Hessen und nicht sonderlich überraschend, aber deswegen keineswegs weniger schockierend hat die AfD nahezu flächendeckend erschreckend hohe Ergebnisse erzielt – einhergehend mit abermals gesunkener Wahlbeteiligung.

Es ist schon zu einem Ritual geworden: Wahlkampf, miese Beteiligung, shice Ergebnisse. Das nervt mich. Die TL quillt über von Leuten, die alle „Tja!“ rufen – und dabei schön Tatort gucken und mit dem Finger auf die zeigen, die sich getraut haben, in eine der demokratischen Parteien einzutreten und dort zu bleiben. „Habt ihr nicht gut genug performt, Daumen runter, ceterum censeo Sigmar Gabriel ist doof.“ Da werden die, die sich ehrenamtlich den Arsch aufreißen, noch dafür gegeißelt, dass sie versuchen, sich solchen Tendenzen wie den jüngsten Ergebnissen aus Hessen entgegenzustellen. Und allein gelassen. Aus der Ferne werden Urteile über Parteiarbeit gefällt, mit unerträglich uninformierter Selbstverständlichkeit wird behauptet, das läge alles immer nur daran, dass alle in der SPD (oder welcher anderen Partei auch immer) einfach viel zu doof sind.

Und weil, das sieht man ja!, die alle so doof sind, kann man die natürlich auch nicht wählen. Das Nichtwählen wird sogar zum zivilen Ungehorsam hochstilisiert, als eine revolutionäre Handlung geheiligt, und wenn ich diesen Text gleich publiziere, werden sicher einige amüsiert darüber fliegen und bei einem guten Tröpfchen in sich hinein schmunzeln, wie dieser Sozi sich wieder einen abstrampelt, nur weil seine Partei wieder einmal Stimmen verloren hat.

Ich habe es schon öfter mal verbloggt, dennoch an dieser Stelle erneut der Hinweis: Es heißt Demokratie, das kommt von demos und kratein – also die Herrschaft derer, die das Wahlrecht genießen. Demos, das seid Ihr. Das anstrengende dabei ist: Alles muss man selber machen. Es gibt keine Dienstleister*innen, die Ihr beauftragen könnt. Ihr müsst alles selber machen. Ihr müsst selber in die Parteien eintreten.

Aber es hapert, will mir scheinen, schon viel früher: Ihr müsst Position beziehen und diese beibehalten. Das dauert. Allein das Beziehen einer eigenen Position dauert Wochen – also eine Position so zu beziehen, dass man sich fest genug darin fühlt, sie ernsthaft verteidigen zu können. Dazu muss man ziemlich lange diversen Diskursen zuhören und erstmal nichts sagen (da fliegen schon die ersten aus der Kurve). Dann muss man sich vorsichtig äußern und anfangen, mitzudiskutieren, ohne eine feste Position zu haben – denn die entsteht da nämlich gerade erst.

Und dann hab ich endlich meine Position, hurra! und dann gibt es in der Partei doch glatt welche, die haben eine ganz andere, ja shice! Gleich mal keinen Bock mehr! Abhauen, lieber Piratenpartei gründen und schön im Bällebad über Zeitreise-Anträge diskutieren (ok, ich werde unsachlich…).

Wenn wir hier einen Reboot wollen, dann müssen wir da anfangen, wo’s weh tut und wo die meiste Arbeit auf Euch wartet: Ihr müsst in die SPD eintreten (oder in eine andere der demokratischen sog. Altparteien). Lest das Hamburger Programm von 2007, legt es beiseite und kommt zu uns. Ihr haltet die SPD für unwählbar, also verändert sie, im Hamburger Programm steht, in welche Richtung (PDF). Ihr haltet das Personal der SPD für untragbar dämlich, kommt, und werdet selber das Personal! Jeder rechtsradikale Spinner kriegt sich aufgerafft, um seine Zeit bei der NPD, der AfD oder sonstwo zu verbrennen, und Ihr sitzt und sagt „Tja. Haben der Loick und seine Genoss*innen halt shice performt. Ist der doch selber Schuld, was ficht’s mich an?“

(Ist der eigenlich so bescheuert, merkt der das nicht? Was schreibt der denn da hin!? Das soll ich mir antun? Arbeitarbeitarbeit und dann dafür beschimpft werden? Da müsste ich ja malle sein, mich freiwillig in eine Partei zu begeben und dann ständig angefeindet zu werden. Von so Leuten wie… äh… mir. Und dann machste und tuste, und dann sagen alle immer nur „Tja!“, schreibt der doch selber! Nee, nee, das soll der Yrre mal schön alleine machen…)

Liebe Leute, et is ja nun auch so: Es ist bedeutsam, sich in einer Partei zu engagieren. Es ist wichtig. Und Ihr könnt dann mit Fug und Recht andere beschimpfen, die nur auf der Couch sitzen und „Tja!“ sagen. Ihr könnt zu Euren Kindern sagen: Ich habe mir den Arsch aufgerissen, ich habe auch nicht alles besser gewusst, aber ich habe gestrampelt und gerudert und ich habe versucht, Menschen in Position zu bringen, die zwar möglicherweise eine Vorratsdatenspeicherung für eine gute Idee gehalten haben, die aber eine klare Haltung gegen rechte und nationalistische Strömungen eingenommen haben.

Epilog

Teil des Rituals ist ja nun inzwischen auch, dass ich nach jeder Wahl so einen Text wie diesen hier schreibe. Das ist ja meinem eigentlichen Ziel nicht zuträglich, denn eigentlich macht es ja Spaß, in der SPD zu arbeiten. Aber ich bleibe dabei: Sich in der SPD zu engagieren ist bedeutsamer, als sie nicht zu wählen. So ein bisschen Sinnstiftung tut ziemlich gut!

 

 

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Immer wollen alle stehenbleiben

Kaum hat man mal was erreicht, wollen immer alle stehenbleiben. Man habe sich das verdient, sich nicht mehr anstrengen zu müssen. Man habe ja schließlich was geleistet und nun sei ja auch mal gut. Erstmal setzen. Die Sehnsucht danach, irgendwo angekommen zu sein und endlich nur noch auf der Couch zu sitzen. Und lebten glücklich auf der Couch bis ans Ende ihrer Tage. Was für ein Irrsinn.

Setzt Euch zwischendurch mal hin, trinkt ein Bier (oder von mir aus einen ganzen Kasten), nehmt Euch drei Tage Zeit, um Euren Kater loszuwerden, aber dann stellt bitte Eure Nase wieder in den Wind. Ändert immer was. Macht es so, dass es Euch nicht überfordert, aber ändert immer was, bleibt nicht stehen. Glücklich am Ende Eurer Tage werdet Ihr nur sein, wenn Ihr immer etwas ändert, bis Ihr tot seid.

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Denkdistanzen

Als mein Schwager mal von Bonn nach Düsseldorf gezogen ist, habe ich ihm beim Umzug geholfen. Wir haben in seiner neuen Wohnung auch die Spüle der Küche neu installiert. Dazu haben wir ein Loch in die Arbeitsplatte geschnitten, das Becken dort eingepasst und die Armatur darüber angebracht und angeschlossen. Das Abflussrohr aber noch nicht, wir haben einen Eimer unter das Becken gestellt – denn wir haben ja aufgepasst!

Test Wasserhahn, kalt läuft, warm läuft, alles super! Das Testwasser lief in den Eimer. Hurra, wir waren fertig für den Tag.

Es kam wie es kommen musste, so sicher wie die Forderungen nach Obergrenzen und nach dem Aussetzen des Mindestlohns. Wohin mit dem im Eimer aufgefangenen Wasser? Die Grenzen dicht! Den Eimer natürlich in die Spüle kippen!

Aber das ist ja lange her.

Heute morgen: Hektischer Aufbruch wie so oft. Und wie so oft „Wo zum Henker ist mein Handy?! Gerade habe ich es doch noch in der Hand gehabt?!“ Kinder scharren in ihren dicken Jacken mit den Hufen und wollen los, ihr konstruktiver Impuls droht sich jede Sekunde in „Ach, dann gehen wir halt so lange im Garten noch etwas spielen“ aufzulösen. „Wo zefack! ist das Handy!“ – „Warte, ich ruf Dich schnell an.“ Düdelüüü, Handy gefunden, Kinder nicht in den Garten, sondern ins Auto abgebogen. Eins in der Schule, eins im Kindergarten abgegeben. Entspannung. Alles erledigt. Kurz mal aufs Display gucken, „Oh, ein Anruf!“ Gleichmal zurückrufen, die Frau meldet sich. „Du hast mich angerufen? Ich hab Deine Nummer im Display.“

„Well, yes… Du hattest Dein Handy gesucht. Wir haben es offenbar gefunden.“

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