„Selber denken“, wann ist aus Dir eigentlich „traue nichts und niemandem mehr“ geworden?

Neulich schrob @_drsarkozy diesen Tweet hier:

Zuerst wollte ich ihn, ganz meiner Gewohnheit folgend, einfach so faven und retweeten, schließlich hat man mir vor über tausend Jahren, als ich noch zur Schule ging, in nahezu allen Fächern sowas gesagt. Sei kritisch, glaub nicht der Bildzeitung, denke selbst. Doch plötzlich dachte ich: Das ist wahrscheinlich genau das, was Pegidist*innen und AfD-Wähler*innen zu tun glauben, dass sie glauben, sie hinterfragten kritisch und stellten einfach nur mal die unangenehmen Fragen. Dass das, was sie da tun, gar kein kritisches Hinterfragen ist, weil sie nämlich gar keine Argumente abwägen, sondern pauschal alles scheiße finden, ist ihnen womöglich nicht einmal bewusst.

Das ist womöglich genau der Grund, warum die Volksparteien mehr und mehr an Rückhalt verlieren. Was früher™ als kritische Würdigung medialer Berichterstattung gemeint war, scheint mir in ein völliges Misstrauen umgeschlagen zu sein. Egal, was die Volksparteien sagen, by default wird das für Verrat, Vetternwirtschaft, Selbstbereicherung und Betrug gehalten. Das „nicht mehr hinhören“ und das kategorische Abwerten und Ablehnen wird als „ich bilde mir kritisch meine eigene Meinung“ missverstanden.

Heute hat meine Partei auf dem Konvent in Wolfsburg einen Kompromiss zu CETA beschlossen (PDF) und meine TL geht steil, „Wer hat uns verraten?“ allenthalben, wieder einmal. Dabei scheinen mir einige Punkte in diesem Kompromiss ganz ordentlich:

  • Einbeziehung der Zivilgesellschaft in die Beratungen über CETA vor Beschlussfassung im europäischen und in den nationalen Parlamenten (S. 3 und nochmal auf S. 4)
  • öffentlich-rechtlicher Handelsgerichtshof statt privater Schiedsgerichte (S. 4)
  • Sicherung der Entscheidungshoheit der Parlamente „in vollem Umfang“ (S. 5)
  • weitreichende Schutzregelungen für Bereiche wie Wasserversorgung, Bildung, Gesundheit oder soziale Dienstleistungen (S. 6)
  • Diskussion des Abkommens im Bundestag vor Beratung und Entscheidung im EU-Ministerrat (S. 8)
  • der Wille, die weiteren kritische Punkte im weiteren Prozess zu gestalten (S. 7)

Ich finde meine Partei gut, weil sie sich bis in Detail mit diesem Abkommen auseinandersetzt und um jedes Komma streitet, immer mit dem Willen, ein positives Ergebnis zu erzielen, das uns alle voranbringt – auch dann, wenn 300.000 auf der Straße eine pauschale Ablehnung fordern. Die SPD ist die einzige Partei, die sich eben nicht holzschnittartig auf ein „ganz oder gar nicht“ beschränkt, sondern den Scheißtext von A bis Z durchackert und an jeder Scheißstelle konstruktiv den Stift ansetzt und Anpassungen einfordert. Ich finde gut, dass Matthias Miersch, immerhin Sprecher der Parlamentarischen Linken in der SPD-Bundestagsfraktion, zur konstruktiven weiteren Mitarbeit aufruft. Ich finde, die SPD tut hier genau das, was für TTIP immer wieder eingefordert wurde: Ein Abkommen verhandeln, politisch zu bearbeiten, für Verbesserungen zu streiten. Ich finde richtig gut, dass in meiner Partei das „Denken Sie selbst! Bewahren Sie Ruhe und sich stets Ihre Skepsis.“ in einer Art und Weise ernstgenommen wird, wie ich es damals™, vor tausend Jahren in der Schule, auch verstanden habe. Diese Retro-Sozis, ey!

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Wimmelbilder gucken

Als Kind habe ich, wie wahrscheinlich 99% von Euch auch, ganz oft die Wimmelbilder von Ali Mitgutsch angeguckt. Darin passieren so viele Dinge! Eine Katze klaut gerade einen Fisch auf dem Markt, am Strand liegt ein dicker Mann mit Goldketten und hat sein Revier abgesteckt während Kinder durchs Wasser rennen und mit einem aufblasbaren Krokodil spielen. Zu jeder dieser kleinen Episoden denkt man sich, während man es selbst als Kind betrachtet, was wohl für ein Charakter hinter jedem dieser vielen Menschen stecken könnte. Man erfindet eine Skizze, ein Fragment von einem Charakter, die sich aus den wenigen Informationen zusammensetzt – Handlung, Aussehen, Kontext. Was könnte diesen Menschen dazu bewegt haben? Und die Skizze bleibt unvollständig.

Wenn es im ÖPNV mal wieder voll wird und mir Menschen näher kommen als ich zulassen würde, wenn ich nicht gerade im ÖPNV unterwegs wäre, oder wenn wir uns durch Menschenmassen auf sagenwirmal Pützchensmarkt schieben, hilft es mir ungemein, wieder die Position meines 5jährigen Ichs vor dem Wimmelbuch einzunehmen. Und zack! Muss ich keinen Menschen mehr hassen – im Gegenteil, die Skizzen, gerade weil sie so lückenhaft sind und genug Platz lassen für weitere gute und schlechte Eigenschaften, lassen mich den- oder diejenige*n irgendwie gut finden.

Und guess what! Das funktioniert sogar mit eine kompletten Gesellschaft! Ich hasse keine Menschen, ich finde sie faszinierend.

(Ok, heute ist ein sonniger Morgen, mal gucken wie’s aussieht, wenn die Nachrichten des Tages wieder eintrudeln mit ertrunkenen Geflüchteten, Mordanschlägen und vermöbelten Kindern.)

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Frankreich 2016

Wie komisch ist es, dieses Jahr 2016, Terror überall, Promis, die meine Kindheit bestimmt haben, sterben wie die Fliegen (und sind nicht besonders alt geworden).

Die Frau, die Kinder und ich schnallen uns an und fahren los, in den Urlaub, nach Südfrankreich. An der deutsch-französischen Grenze stehen so rund 20 Männer in Tarnfleck und mit automatischen Waffen umgebunden. Wir müssen nicht anhalten, Schengen is still a fact, aber der Kleine Sohn fragt, warum die diese Waffen tragen. Wir versuchen zu erklären und bereits da fällt mir auf, wie falsch es ist, Männer in Tarnfleck und mit automatischen Waffen an Grenzen aufzustellen. Der Große Sohn fragt: „Aber wenn die die Terroristen aufhalten sollen, woher wissen die, dass das Terroristen sind? Warum haben sie uns nicht aufgehalten, woher wussten die, dass wir keine Terroristen sind?“ Die Frau sagt, sie würde sich für die Aufgabenbeschreibung interessieren, die diese Männer in  Tarnfleck und mit automatischen Waffen morgens mitgegeben bekommen. Ich liebe meine Familie, denn sie stellt Fragen, die gut sind.

In Belfort machen wir unseren ersten Halt auf unserem Weg nach Süden. Es regnet, wir zelten. Für 12 Euro darf ich das WLAN des Campingplatzes benutzen, eine kleine wärmende Fackel im Regen, wenn ich einige Häppchen aus der TL nachlesen kann. Die Nacht ist sehr sehr nass. Das Zelt hält aber, am nächsten Morgen packen wir es triefend in seine Tasche und fahren weiter. Auf der A39 schüttet es derart, dass die Frau am Steuer nicht schneller als 80 fahren kann. Noch rund 200km bis zu unserem nächsten Zwischenstopp – und ich halte es für unmöglich, dass es dort, in gerade einmal 200km Entfernung – nicht auch gießt wie aus Kübeln.

200km weiter hat es 28°C, überall stehen Warnhinweise, dass erhöhte Waldbrandgefahr besteht. Wir bauen unser Zelt abermals auf, die Ausläufer des Mistral der französischen Südküste trocknen unser Zelt, das wir tropfnass eingepackt hatten, in Sekunden. Windig ist es, aber warm und sehr trocken. Wir trinken Bier, die Kinder schlafen, der Urlaub fängt an. Als die Frau schlafen gegangen ist, gehe ich noch einmal runter zur Campingplatz-Bar und schaue mir das dort laufende Karaoke an. Niemand kann einen Text, das Rhythmusgefühl der Darbietenden erinnert mich an den alten Opel Corsa meiner Schwester, der nur noch auf drei Zylindern lief. Ich bin versöhnt.

Am nächsten Tag fahren wir weiter, wir wollen Narbonne Plage innerhalb von zwei Stunden erreichen. Stau auf der Route de Soleil, wie erwartet, aber wozu haben wir Google Maps auf unseren allwissenden Devices? Mit traumwandlerischer Sicherheit winkt Google uns raus und sagt, wir sollen weit vor Béziers die Autobahn verlassen und über Land fahren, Ersparnis von gut einer Stunde wegen des Staus auf der A9.

Dann der Horror: Datenabriss! O2-Deutschland meldet per SMS, dass mein Datenvolumen aufgebraucht sei und dass ich mit 0,00002 Millibit pro Stunde selbstverständlich kostenlos weitersurfen dürfe. Das Google-Phone schlingert, weil es nur noch GPS Daten auf die bereits heruntergeladene Route anwenden kann. Ich spreche lautlos ein Gebet, für das ich in den USA wahrscheinlich ohne Prozess nach Guantanamo verschleppt worden wäre. Weniger lautlos fluche ich über die Shice-Technik, was mir einen mittelschweren Streit mit der Frau einbringt.

Am Ende fahren wir über die Hinterstraßen von St. Pierre nach Narbonne Plage ein, vorbei an einem Etang, der ausgetrocknet ist und der den Kleinen Sohn für kurze Zeit in die Bedrängnis bringt, dass das ganze Mittelmeer ausgetrocknet sein könnte und dass er deswegen vielleicht NIE MEHR im Meer wird baden können. Ich liebe meinen Kleinen Sohn dafür, dass er nur den wichtigen Ängsten Bedeutung beimisst und der Frau geht es genauso.

In Nabonne Plage hat es 32°C, der wilde Mistral tobt mit Böen von bis zu 80 km/h, ein herrliches Klima, die Haare gezaust, die Füße nackt, wenn auch bisher ungebräunt. Die allerbeste Frau der Welt geht uns bei Fütterer einbuchen, während ich mit den Kindern an einem städtischen Wasserspiel stehe. In einer Reihe von sagen wir mal 25 Metern kommen 10 kleine Wasserfontänen senkrecht aus dem Boden (also einem Gitter). Die Fontänen sind zu Anfang 35cm hoch, dann variieren sie, manchmal steigen sie bis zu sagen wir 1,20 m hoch für jeweils sechs Sekunden oder so. Die Kinder sind zunächst verhalten, verschämt darf eine Sandale benetzt werden. Sie laufen über die Fontänen, der Kleine Sohn wird an der Wade etwas nass. Eine Freude! Er guckt mich an, ich sage: Eine Freude! Alle Dämme brechen, am Ende rennen sie beide einfach durch das Wasser, „unser Lieblingsbrunnen!“, rufen sie, und das rufen sie nicht nur Tage später noch, ich vermute, sie werden das für den Rest ihres Lebens rufen. Es saßen dort andere Eltern mit Kindern und die Kinder guckten trocken und verdutzt und desgleichen ihre Eltern. Ein bisschen stolz bin ich auf mich, dass ich in diesem Moment die Lässigkeit meiner eigenen Eltern an meine Kinder weitergeben konnte.

Seit wir hier sind, in Narbonne Plage im August 2016, ist die Lufttemperatur nicht unter 20°C gefallen, auch nicht nachts. Am Tage haben wir bei 25,5°C gewitzelt, dass wir uns doch besser eine Jacke mitgenommen hätten. Wir trinken jeden Abend Pastis und Rotwein aus der Umgebung (La Clape und Corbières). Ich habe an einer französischen Fleischtheke Rumpsteak gekauft, was meinen gesamten französischen Wortschatz gefordert hat. Ich möchte eigentlich nur noch bei französischen Metzgern Fleisch kaufen. Wie leicht das Leben sein kann, gutes Essen, Sonne, guter Wein für wenig Geld aus der nächsten Umgebung.

Wir haben die Festung von Salles besucht, eine Burg aus dem 14./15. Jahrhundert. Dort angekommen sah ich eine Infotafel, die mehrsprachig und mit Piktogrammen erklärt, wie man/frau sich im Falle eines terroristischen Anschlags zu verhalten hat. Ducken, hinter den jahrhundertealten Mauern Schutz suchen. Die Hände über den Kopf halten. Ich habe die Kinder nicht darauf hingewiesen.

Wir haben hier aufgrund mangelnder Vorbereitung nur punktuell Zugang zum Internet und wir zahlen uns dumm und dusselig dafür. Es ist kaum auzuhalten, in einem europäischen Land nicht by default online sein zu können. Ich merke, wie anstrengend das heute ist: TL laden, 200 Tweets, mobile Daten ausschalten, um das stark limitierte Volumen zu schonen. In diesem 200 Tweets einen lustigen sehen, mobile Daten an, Reply schicken, mobile Daten aus, weiterlesen. Einen Tweet sehen, der etwas bedeutsames zu einem Bild sagt, Bild ist nicht da, mobile Daten an, Bild ansehen und Tweet verstehen, mobile Daten aus. SMS von O2, dass dennoch alles aufgebraucht ist.

Gehe mit der Frau in Narbonne in die Stadt, um bei der französichen Telekom namens Orange eine SIM-Karte zu erwerben, damit wir ein bisschen arbeiten können, denn wir sind ja Gründer*innen und ein bisschen Arbeit muss man immer machen, auch im Urlaub. Wir wollen ein Bild nach Berlin schicken, damit wir mit trackle auf der IFA gut aussehen. Bild hat 450 MB, zweimal blöd daneben geguckt, Datenvolumen um, 14,95 € verbraten. Ach!

Am Ende sind wir für viel viel Geld online. Ich rufe die TL ab. Der Innenminister hat sich vom kleinen Koalitionspartner die widerwärtigsten Ideen gerade noch ausreden lassen, aber schließlich lese ich für teures Geld viel Shice über die CDU. Immerhin, Hillary scheint ihren Vorsprung gegenüber Trump gerade weit auszubauen. Dann muss ich die Datenverbindung wieder schließen, aus Kostengründen.

Die Frau leidet sehr darunter, dass wir ständig offline sein müssen, aber ich ebenso. Als wir bei Orange eine Prepaid-SIM kaufen, muss die Frau ihre Personalien hinterlassen und ich witzele nur so halb, dass sie deswegen jetzt wohl auf der Terrorfahndungsliste steht und ihre Konten deswegen wahrscheinlich gescannt werden. Sie lacht nur halbherzig darüber.

Es ist warm. Ich sitze und schreibe frei und unzensiert mit einer Flasche, die den Namen Château Capitoul – La Clape – Languedoc trägt. Es kann so einfach sein in Frankreich, in Europa. Und doch dringen immer wieder diese Dinge ein, und die Einschläge kommen näher: Wird mein Kleiner Sohn seinen zehnten Geburtstag in einer anderen Welt feiern? Wird mein Großer Sohn in eine Armee eingezogen werden? Bleiben die Frau und ich eine der wenigen Generationen der Menschheit, die nie in einen Krieg ziehen mussten? Kann ich etwas tun? Etwas ausrichten? Ist es genug, in Zeiten der Eiferer den Kindern zu sagen, bleibt easy? Werden die Kinder easy bleiben? Gerade mich als Jungsmutter treibt das um.

Wenn ich einen oder zwei Wünsche frei hätte, ich wünschte mir dieses: Die einfachen Antworten wären nicht dumm, sondern schlau. Und nicht das besser sein als der Andere wäre die Auszeichnung, sondern das gemeinsam mit dem Anderen Erreichte.

Was mich so fertig macht ist, dass die Weltformel so einfach ist.

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Humano Menetekel – Die Reise zum Mond

Dort oben auf dem schwankenden Turm, dort steht er, dort steht mein Mann, jener, der so bestechend über seine weichen Füße zu schwadronieren weiß, der uns über Cremes erzählt und Nagelpflege und die Welt dabei ein wenig lustig lässt. In zehn Metern Höhe, der Wind tost ihm durchs Haar und ein bisschen Schiß hat er, wie ich sehe, aber er zeigt eine Figur.

Wie er mir die Linien an den Sattelschleppern auf der A61 erklärt, die so wohlig durchhängen, wenn sie voll beladen sind, entweder direkt über der Zugmaschine oder hinten über den drei Achsen des Trailers. Wie das Gewicht der Ladung schwingt, in der Linie des Sattelschleppers auf den wullenden Reifen.

„Hundertzwanzig“, sagt er, will er werden. Sein geweiteter Blick, wenn er davon erzählt, wie die Frau Auto fährt, mit Burgern im Arm und einem Eimer Cola light zwischen den Schenkeln, das Lenkrad nur ganz unten mit eingehängter Hand gehalten.

Wie er für uns singt, über seinen Körper, ungeniert und schief gereimt, und danach behauptet, die Jeans von 1956 passe immer noch. Er wurde viel später geboren, ein Witz, ein Zitat, alles Zitat.

Wie er durch den Garten fliegt, die Mädchen küsst und wieder wegfliegt. Wie er Feuer macht und hineinstarrt, obwohl niemand mitstarren mag, wie er seinen Kindern den Schalk zu vererben sucht. Das ist mein Mann, der so leicht sein kann, der so leicht sein will, der den Wind, der die Richtung seines Flatterns bestimmen will, der sich die Welt aus den Angeln zu heben im Stande glaubt, rot dabei anläuft und „nnnghnn!“ ruft und lachend ablässt. Und es wieder versucht.

Der mit Salto aufs Dach zu springen versucht, an der Fassade herunterrutschen muss und „hat nicht geklappt“ sagt. Der Sekundärliteratur zu „Schmidchen Schleicher“ recherchiert, der Connaisseure für ihre Hals- und Einstecktücher verehrt (aber nur ein bisschen), der dort oben auf dem Turm schwankt. Der, den Du küsst, der sich dann rittlings ins Wasser legt und „Guck mal! Cool-Water-Model!“ ruft. Das ist mein Mann. So will ich sein.

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Subjektive Vergangenheit vs. subjektives Jetzt

In Nizza ist wieder etwas schreckliches passiert, ein LKW ist ungebremst in eine Menschenmenge gerast, über 80 Tote. Wie mich das deprimiert, dass sowas inzwischen mindestens einmal im Monat passiert, die vielen Anschläge in Städten, die nicht in Mitteleuropa liegen, nicht einmal mitgezählt.

Und der geschätzte und überaus kluge @haetscher twitterte heute:

Und ich finde, das sollten wir nicht tun. Ausnahmsweise hat Coach Haetscher nicht recht. Trotz der monatlichen Anschläge, trotz der em-effing Gewalt allenthalben dürfen wir uns nicht ein „alles noch mal von vorne“ wünschen. Der Impuls ist nachvollziehbar, aber er folgt einem Mechanismus, der zurück will, ein Zurückwollen auf’n Arm, weil man es dort warm und sicher vermutet, weil man sich an warm und sicher zu erinnern glaubt.

Aber die Welt ist nicht Deine Mutter. Ein Zurück ist das Gegenteil von Auf-den-Arm, ein Zurück ist das Blauprügeln der Arme, die uns heute halten können. Bei aller Gewalt, bei aller Abscheulichkeit, bei all dem Hass fällt es schwer, das so zu benennen, aber heute ist immer noch das beste Jetzt, das die Welt je gesehen hat.

Vor rund fünf Jahren habe ich mal getwittert:

Und ich glaube das immer noch. Ich glaube, dass die Ereignisse unmittelbarer geworden sind in unserer Wahrnehmung. Es ist alles viel bedrohlicher als es uns in den 70ern, 80ern, 90ern vorgekommen ist. Damals™hatten wir nie Angst (außer bei Tschernobyl jetzt vielleicht. Und bei den RAF-Attentaten. Oder Kubakrise, NATO-Doppelbeschluss oder jetzt, hier na! Waldsterben!). Heute haben wir ständig Angst, weil Nizza uns unmittelbar auf dem Klo erreicht.

Ach, der viel zu viel zitierte Jens Stoltenberg, dessen Worte nie Anwendung gefunden haben, treibt mich wieder um:

Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Und ich schlürfe angsterfüllt mit unbehaglichem Gefühl ein wenig Weißwein aus dem Languedoc auf meiner Terrasse und tippe meine freie Meinung ins Internet und noch nie waren so viele Menschen des Lesens mächtig, die meine kleine private Meinung lesen und verstehen könnten.

Neinein, nie waren die Voraussetzungen besser, dass wir™es schaffen, Gewaltspiralen zu sprengen. Nie waren die Voraussetzungen besser als heute. Es ist glaube ich ganz ganz wichtig, dass wir uns das klar machen. Wir müssen alles dafür tun, dass wir nicht zurück gehen.

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Wie ARD und ZDF das Finale der EM 2016 aufziehen sollten

Das Finale der Euro 2016 wird von der ARD übertragen, als Kommentator ist Gerd Gottlob vorgesehen.

Derweil läuft ja das Turnier bereits, zwei Spiele wurden im ZDF von Claudia Neumann kommentiert. In den Social Media Kanälen ergießt sich eine frauenfeindliche Suppe über diesen Umstand, der in meiner Wahrnehmung im Jahr 2016 eigentlich keines Kommentars würdig wäre. Ich finde, es wäre Zeit für ARD und ZDF ein Zeichen zu setzen und Claudia Neumann jetzt erst recht das Finale kommentieren zu lassen.

Als BVB-Fan und Einwohner des WDR-Sendegebiets gehört Sabine Töpperwien zu meinen alltäglichen Fußballstimmen. Ich könnte mir folgendes gut vorstellen:

  • Sabine Töpperwien und Claudia Neumann kommentieren das Finale in der ARD (auch wenn Frau Neumann eigenlich beim ZDF unter Vertrag steht).
  • In der Halbzeitpause lässt man wahlweise Gerd Delling, Oliver Welke oder Tim Wiese Getränke reichen, während alle Interviews von Frauen geführt werden.
  • Gerd Gottlob, der eigentlich für den Final-Kommentar vorgesehen war, muss man in einer begleitenden Kampagne zum Helden erklären, weil er der erste Mann im Sendebetrieb ist, der vom Baum steigt und Claudia Neumann und Sabine Töpperwien das Feld überlässt. Unmittelbar vor Beginn des Finales muss man ihn im Fernsehen vor einem Millionenpublikum einen Satz sagen lassen, der für die Geschichtsbücher taugt, damit er in alle Ewigkeit in einem Atemzug mit Herbert Zimmermann (1954), Rudi Michel (1974), Gerd Rubenbauer (1990) und Tom Bartels (2014) genannt werden kann.

Zum Glück hat @schoemi auch gleich eine Petition erstellt. Unterschreibt da mal und twittert das @ZDF und @DasErste mal diesbezüglich an.

Bis zum Finale sind’s noch 22 Tage. Das ist zu schaffen!

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Kleines Pils on our Wahnsinnserfolge

Der Boden ist karg, die Arbeit hart und die Erträge sind kümmerlich. Aber ab und an schmecken sie sehr süß.

Zum Beispiel hat der unermüdliche @larsklingbeil diese Woche im Deutschen Bundestag nicht nur die Störerhaftung ad acta legen können, sondern hat auch „D64“ gesagt – vor laufender Kamera. <3

Franka, Stephan und Gesche stellen unsere Initiative vor. Stephan hatte sich extra die Haare gemacht.
Franka, Stephan und Gesche stellen unsere Initiative vor. Stephan hatte sich extra die Haare gemacht.

Und auf dem MINT-Gipfel, wo alle schon dachten, es gäbe wieder nur hohle Phrasen zu bemängeln, haben die trefflichen @geschejoost, @holadiho und Franka erstmals öffentlich über unsere Initiative gesprochen, mit der wir allen Kindern der dritten Grundschulklasse in Deutschland ein Bastel- und Programmierboard zur Verfügung stellen wollen, so wie es die BBC in Großbritannien mit dem MicroBit vorgemacht hat. <3

Was man machen muss: Fordern und machen. Sich auslachen lassen und weitermachen. Machen wir.

 

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Ohne Kompass kostet Menschenleben

Es wurde Zeit. Es ist zum Heulen, aber es wurde Zeit für ein neues Bild. Der tote kleine Aylan hat mir vor Monaten die Tränen in die Augen getrieben, er hätte, wie er da mit dem Gesicht nach unten, tot am Strand lag, mein Kind sein können. Dieses Bild hat mich kalt erwischt, vor nur wenigen Wochen.

Es wurde Zeit, heute dieses Bild von dem toten Baby auf dem Arm des Rettungsmannes. Und wieder heule ich Rotz und Wasser, aber diesmal ist es anders. Ich bin sauer. Wie haben wir als EU versagt! Wie hat die Bundesregierung versagt! Dieses Mal ist bei mir so viel Wut dabei. „Wir schaffen das“ hat nicht gereicht, es hat Europa nicht gezeigt, wie wir das schaffen und es hat zu viel Raum gelassen für jene, die am ganz rechten Rand fischen. Mir kommt in den Sinn, was der viel gescholtene Gerhard Schröder gesagt hat: „Ich hätte gesagt: Wir können das schaffen, wenn wir bereit sind, Voraussetzungen dafür hinzubekommen.

Und ich denke: Auch das wäre noch viel zu wenig gewesen. Wir hätten ganz entschlossen handeln müssen, sofort. Wir hätten sagen müssen: Wir schaffen das, es handelt sich um eine europäische Notsituation, die nur mit vollem Einsatz bewältigt werden kann. Wir müssen allen Flüchtenden helfen, nicht nur einigen, sondern allen, sofort. Jede verfügbare Kraft muss zur Hilfe eingesetzt werden, die vielen freiwilligen Helfer*innen hätten nicht bestaunt, sondern sofort unterstützt werden müssen. Der ganzen rechtsnationalistischen Shice hätte man mit dauerhaften breiten Hilfsprogrammen das Wasser abgraben müssen, Einsatz der Bundeswehr von mir aus, um alle, wirklich alle Flüchtenden sofort zu retten und zu versorgen. Man hätte den europäischen Notstand ausrufen sollen oder sowas.

Vielleicht hätten Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt besser gehandelt als Angela Merkel. Was fehlt, ist Entschlossenheit. Frau Merkel ist doch angeblich die mächtigste Frau der Welt. Wozu eigentlich?

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Quia Chayenne – Tim’s Party

Quia Chayenne - Tim's Party
Quia Chayenne – Tim’s Party aufgenommen am 19. und 20. September 1995 in Dr. Hirschs Rockbüro in Borken (Westf).

Die liebe Kommunardin @katharinchen hat, nachdem wir neulich in der Kommune Zwo Null alte Demotapes meiner früheren Schülerband gehört haben, eines dieser Bänder zu wir-digitalisieren-alles.de getragen und mir gestern eine CD und die digitalen Tracks mitgebracht. Hurra! Da will ich doch gleich mal das originale Booklet aus der schwarzen Kiste holen und hier alles verbloggen!

Alle Lieder sind von Quia Chayenne höchstselbst komponiert + betextet. Aufgenommen + abgemischt von Daniel Reekers im Dr. Hirsch-Studio in Borken am 19.+20. Sept. 1995.

Line-up

Mäx - Drums Felix - Lead Vocal, Guitar + Casoo Tobi - Lead Guitar + Vocal Josh - Bass + Vocal Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17
Mäx – Drums
Felix – Lead Vocal, Guitar + Casoo
Tobi – Lead Guitar + Vocal
Josh – Bass + Vocal
Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17

Unsere Band hieß Quia Chayenne, hier seht Ihr detailgenaue Wiedergaben unserer Antlitze anno 1995. Ich hatte da noch lange Haare und hab noch geraucht.

Die Songs

Lustig, diesen alten Shice wieder zu hören und heute mit Euch teilen zu können. Ich hab mal alles auf Soundcloud hochgeladen. Ich muss sagen, ich schäme mich nicht (auch wenn ich im Jazz-Standard No. 17 an der einen Stelle den Stock statt der Hi-Hats treffe, ein kleiner Fehler, den ich seit 1995 immer genau im Ohr habe, hehehe…)

Fool

Dieser Song handelt von einem Kopf, in dem zwei wohnen und sich gegenseitig als Trottel bezeichnen, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren damals sehr stolz auf den zweistimmigen Gesang.

An Erection

Sehr funky, geht heute immer noch direkt ins Blut, dieses Kleinod. Jung wie wir waren sind wir immer rot geworden, wenn wir gesagt haben, dass der Song „An Erection“ heißt. Schöne Einlage von @botnautzki als „everyday I’ve got!“ und von Felix am Kazoo.

Hier sind „Fool“ und „An Erection“ hintereinander weg:

Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)

Mit diesem Song waren wir sogar auf dem regionalen Sampler „Das Borkener Landleben“ vertreten. Mit Special Appearance unseres damaligen Hundes Leo in der Mitte. Der Zusatz „Winter Comes“ ist ein kleiner Witz in Bezug auf den Chanson „Autumn Leaves„. Eine Version davon von Nat King Cole gibt’s bei YouTube.

Axl

Der Songtitel bezieht sich völlig unverfrohren auf Axl Rose. Der Text wurde bei jeder Aufführung des Stücks neu erfunden und nie aufgeschrieben. Einzige Anforderung, die wir an Felix hatten: Lass es wie Englisch klingen.

Hier kommen „Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)“ und „Axl“ hintereinander weg:

Booklet + Artwork

Aber auch das Artwork aus der Feder von Joscha kann sich sehen lassen, ein niedlicher kleiner Comic im Inneren unseres selbstgemalten Booklets:

Comic aus "Tim's Party"
Comic aus „Tim’s Party“

Der Name Quia Chayenne ist übrigens so entstanden:

In der Schule saßen Felix und ich in Deutsch nebeneinander und waren auf der Suche nach einem Namen für unsere Band. Wir fingen an, abwechselnd einzelene Buchstaben aneinander zu reihen. Weil ich es Felix besonders schwer machen wollte, fing ich mit einem Q an und er musste, ob er wollte oder nicht, mit u weitermachen. Ich setzte ein i und Felix ein a. Quia stand da und wir wussten nicht weiter. Uns wurde klar, dass wir ein zweites Wort brauchen würden. Ich wollte ja eigentlich „Düsenjäger“, also im ganzen dann „Quia Düsenjäger“, aber das wollten die anderen nicht. Felix schlug Chayenne vor. Später haben wir das mit @botnautzki und Joscha abgestimmt und dann ist es dabei geblieben.

Später durften wir auf dem Borkener Musik-Festival „Borken intim“ auftreten und plötzlich stand dieser seltsame Name auf allen Wänden in der Stadt. Das hat sich sehr gut angefühlt.

Da fällt mir ein, wir hatten ja noch ein Demotape, das hießt „Leonard Sun Driver“ (was abgekürzt LSD ergibt, knickknack! Mann, wir waren auch echt ziemlich jung noch damals!). Zum Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes) haben wir auch mal ein Video in Rostock gedreht, das war auch lustig. Ich spiele darin einen Busfahrer, der mit einem Schaf flirtet. Ich muss mal nachforschen, ob das nicht noch einer irgendwo liegen hat, damit wir das auch zu wir-digitalisieren-alles.de bringen können.

 

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Sich selber toll finden

Ich versuche das zu tun, was ich toll finde. Manchmal endet das in Situationen, in denen mir das irgendwie gelingt und ich mich selbst toll finde, was dann im Allgemeinen wieder nicht sehr populär ist: Sich selbst toll finden.

Heute wird Udo Lindenberg 70 und im WDR lief ein Song von ihm, in dem er irgendwas über sich selbst singt, irgendwas mit „ich ändere mich nicht“ und Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an. Das mit dem Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an finde ich saucool, das mit dem „ich ändere mich nicht“ nicht.

Ich versuche, mich kontinuierlich zu ändern. 2012 hatte ich eine Höllenangst davor, mein Gesicht im Internet zu zeigen. Heute nicht mehr. Als Teenager hatte ich Ansichten, für die ich heute ein PAV beantragen würde (mal davon abgesehen, dass ich damals keiner Partei angehört habe). Ich habe in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen wieder so viel gelernt, ich wäre ja völlig borniert, wenn ich mich da nicht ständig ändern würde. Veränderung ist toll und notwendig. Ich habe sogar meine Einstellung zu Musik verändert, seit der Kleine Sohn Songs mitsingt, die eigentlich inakzeptabel sind. Veränderung hat immer mit Erkenntnisgewinn zu tun und damit, Erkenntnisgewinn zuzulassen.

Und manchmal, da merke ich, wie ich eine alte Verstocktheit über Bord werfe, und da finde ich mich selber etwas toll. Sich selber toll finden ist ja – völlig zurecht! – nichts, womit man Sympathien erwirbt. Aber in kleinen Dosen hilft es mir, die Welt weiter umarmen zu wollen. Und zu küssen (was die Welt dann vielleicht wieder eher neutral findet).

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