Hirschkeule

Extra für @La_fishy hier das Rezept meiner Hirschkeule gestern:

Meine Schwester hat mir eine schöne kleine Hirschkeule aus den Rhader Wiesen besorgt, hatte so ca. 1kg inkl. Knochen. Ich habe die Keule unter fließendem Wasser abgespült und danach mit Küchenkrepp trocken getupft. Dann mit Salz und Pfeffer eingerieben, rundum. In meiner größten Pfanne habe ich neutrales Öl (also kein Olivenöl!) sehr sehr heiß gemacht, es muss ordentlich Blasen werfen, wenn man einen Holzlöffel reinhält. Als das Öl so richtig heiß war, habe ich die Keule heftig angebraten und zwar von drei Seiten – die Schnittseite und jeweils… äh… wie nennt man das jetzt… von links und rechts. Wichtig, dass sich das Fleisch von allein vom Pfannenboden löst, dann sind die Poren zu. Dann die Temperatur runterdrehen (bei meinem Herd auf 5 von 9 Stufen) und – das ist der großartige Paul-Bocuse-Moment! – mit einem Viertelliter Rotwein ablöschen. Es zischt und dampft und riecht herrlich, aber man kann den Küchenschrank an der Wand gegenüber u. U. nicht mehr erkennen. Dann habe ich drei Möhren geschält und in grobe Stücke geschnitten und zum Fleisch in die Pfanne gelegt. Dazu noch fünf angequetschte Wacholderbeeren, ein Lorbeerblatt und zwei (auf keinen Fall mehr!) Nelken. Bis da habe ich mich akribisch an die Vorgaben meiner Mutter gehalten, zusätzlich habe ich aber noch fünf Stückchen Speck dazugegeben, weil Speck die Soße so lecker macht. Deckel drauf. In einer Kanne habe ich einen halben Liter Rindfleischbrühe aus einem Biobrühwürfel aufgegossen, von der Brühe habe ich ab und zu, wenn der Sud zu weit eingekocht war, etwas in die Pfanne gegeben, damit nichts anbrennt. Interessanterweise kommen keine Zwiebeln in die Pfanne. Das ganze habe ich rund eine bis anderthalb Stunden schmoren lassen. Dann war es fertig. Gegen Ende habe ich keine Brühe mehr dazugegeben, so dass die Soße von sich aus eingekocht und etwas angedickt ist. Man hätte die, weil sie so stark eingekocht und dadurch ziemlich kräftig war, auch durchaus noch etwas verlängern können, aber mir war sie gerade recht so.

Nicht in der Beschreibung: Das Kochen der Kartoffeln.

Gute Lebensmittel, schlechte Lebensmittel

Es wird Zeit, dass ich mal einen Zwischenstand zu meiner Biofleisch-Challenge liefere. Ich bin da, durchaus bewusst, etwas nachlässiger geworden. Beim Auswärtsessen habe ich die Biofleisch-Challenge quasi verloren, ich esse Currywurst und Burger, auch wenn sie nicht aus Bioproduktion stammen. Immerhin, zu Hause konsumieren wir tatsächlich nach wie vor ausschließlich Biofleisch. Ich habe aber aufgehört, mir deswegen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Aber der eigentliche Aspekt, der mir auf der Seele liegt, ist die derzeit vorherrschende Bipolarität in der Wahrnehmung von Lebensmittelproduktion. Mir scheint die öffentliche Wahrnehmung vorzuherrschen, dass Fleisch entweder bio XOR in Massentierhaltung produziert wird. Ich glaube, dass diese Schwarz-Weiß-Malerei zu unterkomplex ist. In mehreren Gesprächen mit meiner ältesten Schwester, die immerhin studierte Agrar-Irgendwas und als Journalistin für den Landwirtschaftsverlag in Münster tätig ist, ist mir klar geworden, dass unter „konventionell“ nicht gleich Massentierhaltung zu verstehen ist, sondern eine Vielzahl von Produktionsweisen. Dieses „konventionell“, das so negativ belegt ist, gilt es einmal differenzierter zu beleuchten (das kann ich jetzt in diesem Moment nicht leisten, aber ein guter Vorsatz ist, das 2014 hin und wieder mal genauer zu betrachten).

EDEKA Echt Hällische Coppa vom schwäbisch hällischen Landschwein
EDEKA Echt Hällische Coppa vom schwäbisch hällischen Landschwein

So habe ich zum Beispiel „Echt Hällische Coppa“ von Edeka gekauft, ein Produkt mit dem Siegel „geschützte geografische Angabe“ – ist mir das bio genug? Es ist ja soweit, dass die Unternehmen inzwischen auf die Packung schreiben können, was sie wollen, man (also ich) habe immer starke Zweifel daran. Dabei ist doch die Förderung alter Haustierrassen eigentich eine gute Sache, es gibt da doch dieses Prinzip „erhalten durch aufessen“ oder so ähnlich. Aber kann das klappen, wenn ein Großanbieter wie Edeka das vertreibt? Wie billig kann korrekt produziertes Fleisch sein? Und gibt es eine natürliche Maximalmenge, die davon hergestellt werden kann?

Ich finde, dass das, was ich mal als das Dilemma der SPD versucht habe zu umschreiben, immer noch eine Herausforderung ist. Wir können m. E. nicht zurück zum Selbstversorgertum (schon allein aus Mangel an Platz), aber wir dürfen auch nicht die Augen vor unsäglichen Produktionsbedingungen in Großställen verschließen. Ausserdem, das hat meine älteste Schwester mMn zurecht moniert, sollten wir nicht alle Nicht-Biobauern als nazihafte Tierquäler brandmarken, sondern wir sollten die Rahmenbedingungen, unter denen produziert wird, erstmal genauer kennenlernen. Einerseits scheine mir Lebensmittelproduzenten ziemlich undifferenziert auf die Barrikaden zu gehen, wenn man nur das Wort Tierschutz im Munde führt, andererseits scheinen mir Umweltaktivisten die oben beschriebene Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben und die Fronten sind verhärtet.

Also mal angucken, diesen Themenkomplex.

Über Doofe zu ranten

Der @ion_tichy ist ein kluger Mensch, denn er hat gesagt, dass man immer so diskutieren muss, dass die Kommunikation am Laufen gehalten wird (natürlich hat er das mit viel besseren Worten gesagt, aber das ist jetzt mal gerade egal). Ich finde das sehr klug und wichtig.

Und jetzt rein in die Sozialen Medien:

„Vollidioten, Euer Bus fährt!“ lese ich da. Und dass immer alle so dumm sind. Und dass, wer Fertiglasagne für 1,59 € kauft und isst, so dumm ist, dass sie/er es verdient, dass man ihm/ihr Pferdefleisch unterjubelt. Und überhaupt, diese Lasagne hat ja in meiner Timeline niemand gekauft und immer schon haben alle ausschließlich Biofleisch gegessen oder sind Vegetarier, denn nur ausgewiesen Doofe essen ja Nahrungsmittel aus dem Supermarkt. Was sind das für dumme dumme Menschen, die dieses und jenes tun, wo sie doch viel schlauer und mit ein bisschen Nachdenken doch so und so handeln könnten, das ist doch wohl nicht zu viel verlangt.

Warum nennen die Menschen andere Menschen dumm? Das ist doch nicht zielführend. Wenn ich, ohne jemand bestimmtes direkt zu adressieren, angeblich Dumme darauf hinweise, dass diesunddas zu tun ja wohl völlig dumm sei, wer fühlt sich denn davon angesprochen? Wer steht denn da und denkt sich: „Ah, der meint Dumme, also mich!“?

Oder schlimmer: Ich adressiere jemanden direkt und nenne sie/ihn dumm. Da wird mir die betroffene Person sicher gleich aufmerksam zuhören und große Lust verspüren, meiner Weisheit angesichtig zu werden.

Es ist nicht schlau, andere dumm zu nennen, aber manchmal macht man das ja doch, nur warum? Weil man sich für einzwei Sekunden auch mal überlegen fühlen möchte. Und dann kommen andere dazu, die mir beipflichten, denn durch das Beipflichten dürfen sich die Beipflichtenden auch etwas überlegen fühlen. Und je mehr beipflichten, desto stärker wird das Überlegenheitsgefühl, was sich ja offen gestanden erstmal toll anfühlt. Das Problem an der Sache ist, dass die Sache gar keine Rolle mehr spielt und mit den Doofen jegliche Kommunikation abgebrochen wurde, noch bevor sie überhaupt begonnen werden konnte. Die Doofen werden sich also weiter doof verhalten, weil sie sich entweder gar nicht angesprochen fühlen oder mir gleich schon nicht mehr zuhören.

Und ab wann ist denn eine Person doof? Wieviele dumme Handlungen darf ich begehen, bis ich als Person als doof da stehe? Und kann ich durch kluge Handlungen doofe wieder relativieren? Ab wann bin ich eine irreversibel dumme Person? Und schon rede ich nur über Personen, aber nicht über die Sache, derenwegen ich überhaupt erst die Kommunikation begonnen (und gleich abgebrochen) habe. Was mache ich denn da eigentlich, wenn ich über die Doofen rante?

Ist das wirr, was ich da schreibe? Das ist wirr, denn ich nenne ja selbst gerade Menschen dumm, die andere als dumm bezeichnen. Was nun?

Pferde verspeisen

Wie ich so im Mitteltrakt unseres Anwesens im Herzen der Kommune ZwoNull sinnend auf und ab flaniere und dort draußen ein wütender Sturm ob falsch deklarierter Fertiglasagne tost, überkommt mich ein leichtes Hungergefühl. Pferdefleisch.

Ich rufe nach der Mamsell und frage, ob das Tiefkühlhaus noch über Teile des berühmten Acatenango verfügt. Acatenango wäre inzwischen leider aus und von Ahlerich wären auch nur noch Bug und eine Beinscheibe übrig.

Verärgert weise ich die Mamsell an, sie möge den Butler darüber in Kenntnis setzen, dass ich unverzüglich den  Auktionskatalog aus Handorf zu studieren wünsche.

Feuergrube

Aus dem famosen Buch „Cool Camping Cookbook“ aus dem Tolkemitt Verlag habe ich die Idee, etwas in einer Feuergrube garen zu wollen. Als ich dann letzte Woche für ein paar Tage in Rhade war, gab es den Platz, das Material und die Zeit, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Morgens um neun hob ich also zuerst einmal ein Loch in der Größe 40x90x40 cm (BxLxT) aus. Den Boden der Grube legte ich dann mit Backsteinen aus, die später die Wärme gut halten sollten.

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Backsteine in der Grube

Auf diesen Backsteinen brannte ich über mehrere Stunden ein Holzfeuer ab, bis sich eine 20 cm dicke Schicht aller feinster Glut gebildet hatte.

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Rhader Holz

Kleine Erkenntnis am Rande: Besser viel Holz in großen Scheiten auf einmal verbrennen, sonst dauert es zu lange, bis man genug Glut zusammen hat. Glücklicherweise liegt in Rhade sehr viel Holz herum.

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Die fertige Glut

In dem Buch haben sie eine ganze Ente zubereitet, was laut Buch eine Backzeit von 10 Stunden erfordert. Das war mir zu lange, daher habe ich folgende Rechnung angestellt: Eine Ente mag so rund drei Kilo wiegen, also müsste ich die Garzeit bei entsprechend kleinerem Bratgut dich reduzieren. Daher habe ich zwei Rinderbraten á ein Kilo ausgewählt. Diese habe ich zunächst in Alufolie, dann mit Stroh umwickelt und das ganze mit unbeschichtetem Rosendraht fest gezurrt. Was ich beim nächsten Mal anders machen muss: Statt des einfachen Rinderbratens muss man Roastbeef nehmen und es muss vor dem Einwickeln gesalzen werden (pfeffern kann man hingegen gut erst hinterher).

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Die eingewickelten Braten

Nun muss man die Strohkugeln auf die Glut legen und schnell schnell schnell mit Erde zuschütten, damit das Stroh nicht einfach verbrennt. Sieht übrigens super cool aus, wenn anfangs noch Rauch aus der Erde dringt. Am Ende muss aber alles so gut verbuddelt sein, dass kein Rauch mehr herausdringt, die Feuergrube muss luftdicht verschlossen sein. Die Bratenstücke, so empfiehlt es das Buch, sollten mit einem Stöckchen markiert werden, damit man sie später auch wieder findet.

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Die zugeschüttete Grube

Nach der eigentlichen Berechnung hätten meine Braten nach drei Stunden fertig sein sollen, aber ich habe mich nicht getraut, weil mir die zehn Stunden aus dem Buch so vorkamen, als sei das Garen in der Feuergrube immer ein sehr langer Prozess. Deswegen habe ich das Fleisch sicherheitshalber sechs Stunden drin gelassen. Ich hätte meiner Berechnung vertrauen sollen, so war das Fleisch leider etwas hart geworden (wenn auch geschmacklich völlig super).

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Direkt aus der Grube genommen

Die Erkenntnisse nochmal zusammen gefasst:
– man braucht viel Platz und viel Zeit und sollte auch zwischendurch schon mal was essen
– das Holzfeuer größer machen, damit schneller genug Glut zusammen kommt
– Roastbeef nehmen und vorher salzen
– die Zubereitungszeit ist nicht länger als in einem Backofen

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Fertig!

Der Mercedes ist weg

Heute habe ich meinen schönen alten Mercedes (C123 – 230CE, silberdistel mit grünem Velours, hier links in einem Bild aus besseren Tagen, aber mit schlechterer Kamera, mit altem Recklinghäuser Kennzeichen) einem dieser Typen überlassen, die einem diese „Kaufe jede Schrottkarre“-Karten an die Scheibe heften. War zu kaputt, der Wagen. Rost allenthalben, das Automatikgetriebe ruckelte heftig unter Volllast, für eine neuerliche TÜV-Plakette hätte ich nochmal mindestens zwölfhundert Euro investieren müssen.

Ich hätte nicht gedacht, dass einen beim Verkauf eines Autos plötzlich ganz viele Erinnerungen heimsuchen, so wurde ich völlig überraschend doch ein wenig wehmütig, als ich mit einer Hand voll Fünfzig-Euro-Scheinen wieder zurück ins Büro fuhr.

Was mich da erwischte, waren Bilder von der Cote d’Azur und aus den mediterranen Alpen, wohin @frau_ratte und ich in diesem Wagen vor ein paar Jahren gefahren waren; das kleine Gefühl, als ich kurz nach Erwerb des Wagens in der Abenddämmerung hinter dem Stern her erstmals über die Bonner Nordbrücke fuhr; das Einladen von vierhundert Einkaufstüten in den riesigen Kofferraum; @frau_ratte’s „Hier einzusteigen ist immer Urlaub“ erst kürzlich noch.

Dieses Angesprungenwerden von Sentimentalitäten erwischte mich unvorbereitet. Der Wagen musste einfach weg, zu kaputt, zu hoher Verbrauch, Knöllchengefahr ohne gültige TÜV-Plakette im öffentlichen Raum. Und noch etwas spielte eine gewichtige Rolle: Da kauft der @Pausanias nur noch Biofleisch. Da tritt er in die SPD ein mit keinem geringeren Anspruch, als die Welt zu verbessern. Da krakeelt er nach Nachhaltigkeit und korrektem Verhalten. Und bläst alle 100 Kilometer fünfzehn Liter allerfeinstes Erdölderivat in die Atmosphäre. Das geht nicht. Auch nicht für grünes Velours und silberdistel metallic. Ausserdem war der Stern ab.

Einer meiner Lieblingstwitterer, @pramesan, hat mich direkt gefragt, was ich denn als Ersatz anschaffen würde. Nichts. Ein Jobticket. Es ist mir durchaus ernst mit dem Statussymbol „Low Carbon Footprint“. Und wie @frau_ratte und ich den Autoeinsatz reduziert haben in unserem Alltag, das macht mich wirklich froh und das ist ein kleines Mosaiksteinchen zu meiner festen Überzeugung, dass wir, die Menschheit, es schaffen können, das ganze mit der guten Welt und so.

Und wer weiß, vielleicht verschachert dieser halbseidene Typ den Wagen nach Afrika oder in den Nahen Osten, vielleicht werde ich die Karre eines Tages in der Tagesschau wiedersehen, wenn die befreite arabische Welt einen kleinen Autokorso um ein neues arabisches Parlament macht oder so. Und diese Freude wird dann auch – zumindest temporär – aufwiegen, dass mein Mercedes schon immer fünfzehn Liter Super gesoffen hat.

Ein paar Sätze zum Fachgespräch „Wie sozial ist ökologische Nachhaltigkeit?“ der SPD am 15.11.2011 in Bonn

Am Dienstag, dem 15. November 2011 habe ich ein Gespräch der SPD zum Thema „Wie sozial ist ökologische Nachhaltigkeit?“ besucht, auf dem Podium saßen und sprachen

  • Ulrich Kelber, stellv. Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für Klima & Energie
  • Bernd Schleich, Leiter Bereich Deutschland GIZ
  • Renate Hendricks, stellv. Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion NRW
  • Jens Martens, Geschäftsführer Global Policy Forum Europe

Eigentlich hätte ich es ja durchaus erwarten müssen, dass unter dem Titel „Wie sozial ist ökologische Nachhaltigkeit?“ hauptsächlich „klassische“ Nachhaltigkeits- und entwicklungspolitische Themen zur Sprache kommen, jedoch hinterließ mich die Veranstaltung mit einer gewissen Unzufriedenheit. Trotz der Hinweise von Renate Hendricks auf die wichtige Rolle der Bildung hier bei uns zur Förderung eines Bewusstseins ob der ungleichen Verteilung von Nahrungsmitteln, Wasser, Energieverbrauch und wirtschaftlicher Bedeutung und trotz der Ermahnungen von Jens Martens dazu, dass das althergebrachte Konzept der „Entwicklungshilfe“ nicht nur überholt, sondern auch weitgehend gescheitert ist, konzentrierte sich das Gespräch für meinen Geschmack weiterhin zu sehr auf „die Länder des Südens“ und was man „dort“ so alles tut und tun müsste und wie das Engagement der Friedrich Ebert Stiftung in Nordafrika denn nun zu bewerten sei.

Ausgehend von der Forderung Jean Zieglers (guckstu bei Jean Ziegler: „Der Hass auf den Westen“), dem „Süden“ endlich auf Augenhöhe zu begegnen und diese Länder mit ihren Bevölkerungen auf diplomatischer und wirtschaftlicher Ebene endlich einmal ernst zu nehmen, fehlt mir bei all diesen schönen Ideen und Ansätzen immer noch, dass wir uns in den Industrienationen vor allem als Teil eines Gesamtsystems verstehen müssen, dass dieses Gesamtsystem ziemlich Schlagseite hat und dass der Grund für diese Schieflage zu weiten Teilen im Lebensstil der Industrienationen zu finden sein dürfte.

Der unreflektierte Lebensstil in den Industrienationen hat m. E. zwei schwerwiegende Aspekte:

Erstens entstehen viele der Probleme erst durch das falsche Verhalten der Menschen in den Industrienationen: Wir verbrauchen all das schöne Erdöl, um damit über die Autobahn zu pesen, wir verbrauchen Unmengen Wasser für alles mögliche, wir lassen Lebensmittel in ungeahnten Mengen erzeugen, von denen zeimlich viele bereits auf dem Müll landen, bevor sie überhaupt einen Haushalt erreicht haben (und wenn sie dann am Ende doch dort angekommen sind, schmeißen wir nochmal einen nicht unerheblichen Teil ungegessen und ungenutzt weg), wir produzieren Unmengen von Fleisch, damit dieses statt 25 Euro das Kilo nur fünf Euro kostet etc. pp. und die ganze Leier von der Verschwendung der Ressourcen.

Zweitens haben wir dadurch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wie soll uns denn ein Schwellenland oder ein Entwicklungsland abnehmen, dass wir ihnen die Rettung und Lösung all ihrer Probleme bringen, wenn wir uns so verhalten? Da muss ich gestehen, da glaube ich uns selbst ja kein Wort und die letzten Klimagipfelergebnisse zeigen ja auch deutlich, dass weder wir selbst noch die Schwellen- und Entwicklungsländer uns auch nur für einen Pfennig über den Weg trauen. Aus berechtigten Gründen.

Was gedenkt der schöne Herr Pausanias (also ich) denn nun von seinen sozialdemokratischen Genossen zu fordern? Einerseits denke ich: Ja, geht dahin, geht nach Zentralafrika und guckt Euch alles ganz genau an und lindert was zu lindern ist, ich will auf keinen Fall, dass die sowieso schon stiefmütterlich behandelte Entwicklungspolitik noch weiter an Bedeutung verliert und die Budgets noch kleiner werden.
Andererseits denke ich, dass sozialdemokratische Politik sich dafür einsetzen muss, dass wir uns hier zu Hause erstmal richtig verhalten. Zu Recht wurde die derzeitige Politik der unsäglichsten Fehlbesetzung eines Ministerpostens seit… achwas seit! Herr Niebel setzt eine neue Baseline für Fehlbesetzungen von Ministerämtern! – als „Projektitis“ gegeißelt, aber für meinen Geschmack hebt sich das, was mir an diesem Abend vermittelt wurde, nicht deutlich genug davon ab. 

Ich finde Gespräche und Podiumsdiskussionen über Nachhaltigkeit immer dann besonders kraftvoll, wenn systemisch und ganzheitlich gezeigt wird, was besser gemacht werden kann. Dieser systemische/ganzheitliche Blick hat mir gefehlt an diesem Abend, ich habe in erster Linie nur Projekte wahrgenommen und Sachen, die sich als Engagement vor Ort bezeichnen lassen.

Ich hätte gern viel unmittelbarer auf das hier bezogene Fragen gestellt gehabt, z. B. wie man es schafft, dass Nahrungsmittel bei uns einen Preis haben, den sie haben müssen, wenn man sie nachhaltig und fair produziert? Und wie etabliert man diese Preise in unserer Gesellschaft? Wie schafft man es, dass man dabei die sozial und wirtschaftlich Benachteiligten nicht ausgrenzt? Wie kriegen wir es in unsere Köpfe, dass nicht 263PS einen langen Schwanz bedeuten, sondern ein möglichst kleiner persönlicher Carbon Footprint? Wie kriegen wir es hin, dass die Leute sich nicht mehr große Teile ihrer Gehälter in Form von überdimensionierten Dienstwagen auszahlen lassen, sondern sich ihr Geld aushändigen lassen und damit die Preise für nachhaltige Nahrungsmittel bezahlen? Wie kommen wir von diesem immer etwas sauertöpfischen und wie spaßbefreit daherkommenden Image weg, das nachhaltigem Verhalten immer noch anhaftet?

Wenn ich erst der Demografische Wandel geworden bin

Mein Leben, das geht so ab gerade. Da sind die Kinder, die zu betreuen sind, ich muss mit ihnen reimen und ihnen die Zähne putzen, da ist Politik zu verfolgen und es ist daran teilzunehmen, dann muss gearbeitet und die Buchhaltung gemacht werden, da muss Biofleisch ausgesucht und zubereitet werden und mitten in der Woche spielt plötzlich der BVB wieder in der Champions League – abends! Kurz: Ich befinde mich derzeit in der Rush Hour des Lebens. So sagt man. (Ist nicht eigentlich zur Rush Hour immer am meisten Stau? Naja, steht wohl auf einem anderen Blatt…)

Und manchmal, wenn ich in einem Aufzug mit Spiegel stehe, dann habe ich eine Minute, in der denke ich: Was kommt danach? Wozu diese Hektik, dieser Leistungsdruck, dieses ewige Spülmaschine-Ausräumen-to-Death? Und dann wird mir klar: Unmittelbar nach der Rush Hour des Lebens werde ich der Demografische Wandel sein. Und alle so: Oh Schreck!

Aber der Demografische Wandel wird anders sein als die Fratze, die wir heute allenthalben an die Wand malen, denn ich werde mit meiner Rush Hour des Lebens dafür sorgen, dass meinesgleichen sich anders verhält. Ich und meinesgleichen werden uns, bis wir zum Demografischen Wandel geworden sind, einen Alltag geschaffen haben, der ausgewogen ist, in dem zu gleichen Teilen Arbeit, Familie, Politik und Freizeit ihren Platz gefunden haben werden, wir werden dieses Leben führen, bis wir sterben. Wir werden nicht sechzig Jahre in einem langweiligen Job vertan haben, um danach die letzten dreißig Jahre damit zu verschwenden, gar nichts mehr zu tun. Wir werden die Rush Hour des Lebens zähmen und in einem Strom der Zufriedenheit alt werden. Und dann werden wir was ganz Tolles tun, nämlich das, was @Pia_Poulain vor einiger Zeit mit seherischen Fähigkeiten geweissagt hat:

Tweet von @Pia_PoulainDas wird toll!

„Weniger wegschmeißen“ fängt mit „weniger kaufen“ an

Habe gerade alle Einkäufe in unserem Bio-Supermarkt „Momo“ erledigt. Hier mein Kassenbon:

Produkt Menge Preis Anmerkung
Kartoffeln 2,5 kg €7,00 Verkäufer hat mich aber darauf hingewiesen, dass sie noch billigere haben, ich brauchte aber unbedingt mehligkochende
Nektarinen 0,430 kg €1,72
Salami Toscanella 80g €4,29
Butter 250g €1,89
Blumenkohl 1 €1,99 Aktionsware
Bananen 1,10 kg €2,19
Birnen 0,4 kg €1,41
Kakaogetränk „Tiger Quick“ 400g €4,99
Speck 250g €4,69
Mettenden 400g €6,69
Äpfel 650g €1,97
Möhren 1,2 kg €2,17
Spülmittel 0,5 l €2,29 Biologische Spülmittel
Nussschokolade 100g €1,99 Fair gehandelt
Papiertüte 1 €0,25
SUMME €45,53

Leute, das sind schon ziemliche Kosten, wenn man sein ganzes Leben auf Bioprodukte umstellen will. Wo hole ich das am besten wieder rein?

Vielleicht beim Essen selbst: Mehr selber kochen, bewussterer Umgang mit Lebensmitteln – also weniger umkommen lassen und somit weniger wegschmeißen. Die Erkenntnis des Tages dazu ist: „weniger wegschmeißen“ fängt mit „weniger kaufen“ an. Dabei helfen diese Biopreise ungemein ;-)

Im Wesentlichen ist der Schlüssel dazu das Kochen und die Kochplanung. Klar ist, dass das Kochen muss geübt werden muss, aber das schöne ist: Es stellen sich sehr schnell kleinere und größere Erfolge ein, je öfter man das macht. Dabei ist Zeit ein kleinerer Faktor als ich gedacht habe, es geht vielmehr um die Überwindung, es einfach zu tun.

Das ist ähnlich wie mit dem Englischsprechen: Wenn man ungeübt ist, traut man sich nicht so recht und hat große Angst etwas falsch zu sagen. Aber man muss es einfach tun, Fehler sind manchmal lustig, nur selten stiften sie ernsthaftes Ungemach, in den meisten Fällen aber fallen sie gar nicht auf. Und je mehr man spricht, desto einfacher wird’s und desto größer wird der Spaß daran. Ist beim Kochen genauso.

Und dann bringe ich den Müll raus. Vorher, also bevor ich den ganzen Biofleisch-Challenge Krempel angefangen habe, bestand der nicht selten aus schlecht gewordenen Produkten, die ich so im Vorbeigehen gekauft hatte, dann aber nicht verwendet habe, weil ich abends doch den Pizzamann habe kommen lassen. Heute besteht der Müll vorwiegend aus Kartoffel-, Zwiebel- und Obstschalen, aus leeren Verpackungen und erheblich seltener aus Verdorbenem.

Tupperdosenabbitte

Wie ich bei Twitter las, scheinen Plastikbehältnisse mit Deckel bei vielen einen Kreditkartenreflex auszulösen. Kaum in irgendeinem Supermarkt gesehen, wird die Karte gezückt und zombiegleich trägt man wieder fünfzehn weitere Tupperdosen (bzw. die billige Kopie davon) nach Hause.

Im Küchenschrank sammeln diese sich dann, aber weil sie aus Plastik sind und alle unterschiedlicher Form, können sie nicht gestapelt werden. Das hat zur Folge, dass man nach dem Öffnen des Schranks vor einem labilen Gebilde fein austarierter Kunstftofftürme steht, die über einem zusammenbrechen, sobald man es aufgibt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt zu halten. Und das schlimmste: Die Scheißdinger werden im Spüler nie richtig trocken und man muss immer mit einem Lappen nachtrocknen.

Nun habe ich ja  für mich vor einiger Zeit die Biofleisch-Challenge ausgerufen und mich tatsächlich dazu durchgerungen, mein Essen für’s Büro selbst zuzubereiten und mitzunehmen. Das funktioniert ganz prächtig, hier eine Liste der Vorteile:

  • schmeckt gut – und wenn nicht, dann bringt einen das zumindest wieder einen Schritt weiter, wie man’s beim nächsten Mal nicht machen sollte (man kann zum Beispiel sehr wohl zu viel Rotwein an Rind geben, aber das ist jetzt nicht das Thema).
  • man bestimmt die Portionsgröße selbst
  • die Mittagspause verkürzt sich um mindestens eine halbe Stunde – was für Freelancer 30 Minuten mehr fakturierbare Zeit bedeutet – oder 30 Minuten früher gehen, was auch nicht zu verachten ist

Allein, ich musste nun leider feststellen, dass wir in Wirklichkeit gar nicht genug Plastikdosen mit Deckel haben. Leiste also Abbitte.