Zauber

Ein Mangel an Spiritualität wird konstatiert, der digitale Alltag steigert die Sehnsucht nach Huschni-Buschni, heißt es. Ich habe neulich ein Radio-Feature über Schamanismus gehört und die nicht-alltägliche Wirklichkeit (NAW).

Da kriege ich ja nun leider wirklich Anfälle. So ein ausgemachter Humbug und Selbstbetrug, und alles nur, weil den Menschen angeblich der Zauber und die Sehnsüchte fehlten. Was ist los mit Euch, Menschen? Man kann Naturgesetze gelten lassen, man kann aufgeklärt sein und die sozialen Errungenschaften der letzten 150 Jahre gelten lassen, ohne auf so einen Schmu angewiesen zu sein. Man kann gendergerecht sprechen und ein Träumer sein, wenn Ihr das denn unbedingt so tief in Euch drinnen vermisst.

Guck ich meine Kinder an: Zauber! Wie groß die geworden sind und wie fabelhaft geraten, dabei mussten wir gar nicht viel an ihnen herumerziehen! Wie behutsam sie manchmal mit einander umgehen können, da bin ich voll des Zaubers!

Guck ich das erste Lächeln von @frau_ratte nach dem finsteren Zertifizierungswinter 17/18 an, die wiedererstarkende Zuversicht, da zaubert es aber, dass sich die Balken biegen, ganz ohne Jenseits und Transzendenz!

Da grillen wir in Rhade und die Pferde gucken uns dabei zu. Und @antonialoick erfindet lustiges: „Die reden nachher in ihrer Box über uns und sagen dann sicher so Sachen wie: Hast Du den einen da gesehen, wie der geschnaubt hat? Wenn man Menschen beobachtet, ist das faszinierend, besonders, wenn sie sich manchmal wie Pferde verhalten!“

Da höre ich dem leicht trunkenen Gesang an diesem lauen Abend in unserer Straße zu, wie die Nachbarn da hinten eine gute Zeit zusammen haben. Sie schmettern „We are sailing!“

Und ich habe auch kein Bedürfnis, auszusteigen. Kein Verlangen nach Alaska auszuwandern, weil mir dieses Zusammenleben zu anstrengend wird. Keine Flucht vor den Organisierungsquerelen, kein „Macht doch was Ihr wollt, ich bin raus“. Ich finde uns Menschen toll, weil wir das können, uns absprechen, uns organisieren, und Freiräume lassen und uns in die Pflicht nehmen. Ich finde uns toll, weil wir facettenreich sind wie keine andere Lebensform. Wir brauchen uns vielleicht nicht auf das hohe Roß namens „Krone der Schöpfung“ zu setzen, dafür sind wir zu menschlich, aber kraft unserer Gehirne und Empfindungen sind wir die spannendste Spezies unter der Sonne.

Menschen reichen für Zauber, ich für meinen Teil brauche nur Menschen für Zauber.

DSGVO

Ich habe mein Blog nun mit frischen Datenschutzhinweisen (natürlich im generischen Femininum) versehen, auf WordPress 4.9.6 aktualisiert und meine Plugins geprüft. Sollte also jetzt alles ok sein hier.

Viele ranten ja gerade rum, dass die DSGVO jawohl der letzte Shice sei, man müsse jetzt wirklich was ändern an seinen Blogs und Seiten. Ich gestehe, dass mir das auch nicht gerade viel Spaß gemacht hat, aber ich finde: Wenn wir das Mandat der Politik zurückfordern und eben nicht alles „dem Markt“, i.e. den dicken global Playern überlassen wollen, dann ist so ein Gesetz, das wirklich mal etwas ändert, fast schon wohltuend. Das blöde an Veränderung ist ja nun mal, dass man dann auch wirklich was verändern muss, und das gilt für alle. Das finde ich gut. Mir geht dieses „Macht alles besser, also außer ich jetzt, IHR ANDEREN HALT!“ ziemlich auf die Nerven. Und wer eine eigene Seite/Blog/wasAuchImmer betreibt, sollte sich dessen bewusst sein, was er/sie da nun anstellt. Bei mir persönlich hat es immerhin bewirkt, dass ich mir erstmals gezwungenermaßen Gedanken gemacht habe, welche Cookies meine Seite nun genau setzt, mit welchen Drittanbieterinnen ich so herumhantiere und was mit den Daten meiner Besucherinnen auf meiner Seite eigentlich so passiert. Vor dem ganzen DSGVO-Hassle war mir das ehrlich gesagt shiceegal, jetzt nicht mehr. Ich halte das für einen wichtigen ersten Schritt zur Digital Literacy, die wir alle verbessern müssen, damit wir nicht immer so angsterfüllt „das weiß ja inzwischen NIEMAND mehr, wer da was wo hin übermittelt und auswertet!“ herumraunen müssen. Party!

Logik des Krieges

Heute bin ich ganz besonders mies drauf. Ich gucke mir an, wie Arschlöcher die Sprache, die Diskurse, die Agenda bestimmen und wie die normalen Menschen keine Möglichkeit haben, dem etwas entgegen zu setzen, und zwar deswegen, weil das gute, zentrale Prinzip „in Ruhe lassen“ vorsieht, eben nicht einzugreifen. Aktiv und passiv. Das gute Prinzip ist passiv und lässt sein/geschehen. Es schreibt nicht vor und ist dadurch gefährdet. Ich sehe, dass es auf das Schlimmste hinauslaufen wird und dass wir nichts dagegen tun können, selbst wenn wir und noch so anstrengen. Die zersetzenden Wichser*innen werden immer gewinnen, weil sie zersetzen wollen und zersetzen. Das beisammenhalten ist keine aktive Tätigkeit, die man verstärken könnte, um dem entgegenzuwirken. Alles was wir noch tun können, ist zu dokumentieren, dass wir damit nicht einverstanden sind, dass wir das ablehnen und dann darauf hoffen, dass die shice Geschichte uns in 100 Jahren oder so Recht gibt. Zusammenhalten und kein Arschloch sein ist kein aktives Moment, sondern kann nur aushalten.

Wie haben sich die Menschen gefühlt am Vorabend des erstarkenden Nationalsozialismus? Et hätt noch immer joot jejange. Aber, wie Max Frisch es formuliert hat:

„Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Es liegt alles glasklar vor uns. Sie sagen „Traditionshasen haben uns die islamistischen Fundamentalisten aufgezwungen, wo ist unser Osterhase?“ Es ist so offensichtliche Shice, aber wir können es nicht aufhalten. Die Unionsparteien nehmen das alles bereitwillig auf und etablieren es in der allgemeinen Wahrnehmung als etwas normales. Meine Genoss*innen finden kein Rezept, außer Otto Wels und Willy Brandt zu zitieren.

Wir sind keine invasiven Leute. Wir können nichts tun. Wir werden nur den Untergang abwarten können, hoffen, dass ein paar überleben und danach auf unsre Blogposts zeigen und sagen: Ich war dagegen, aber ich konnte nichts tun.

Das Internet ist unsere einzige Hoffnung, dass es diesmal anders läuft. Noch nie konnten weltweit so viele Menschen lesen und schreiben, gleichzeitig konnten sich noch nie so viele Menschen einfach öffentlich äußern. Wählt die ab. Die Unionsparteien, allen voran die CSU. Macht Stimmung gegen die. Und wählt, wo immer es geht, die SPD, die Grünen, von mir aus sogar die Linke.

Ich bin heute so mies drauf, ich fürchte, es geht um alles. Ich will 120 werden und bitte an keinen einzigen Krieg teilnehmen müssen. Und meine Kinder sollen das auch nicht. Ich bin mies drauf.

Once again muss ich dieses Video posten, denn genau so läuft es gerade ab:

Und so sehr wir uns dagegen sträuben, genau das läuft gerade ab. Fuck.

 

2000 Jahre Männlichkeit

Die sehr verehrte @habichthorn trägt in diesen sich in die Länge ziehenden, nahezu elend spahnenden, Tagen den Twitternamen „Seit 2000 Jahren mitgemeint“. Und wie ich heute morgen mit der #Pollykowskaja so über den Rheindeich schreite, denke ich erneut darüber nach, dass wir mit jetzt über 70 Jahren Frieden in Mitteleuropa einer geschichtlichen Singularität beiwohnen dürfen. Und ich denke so bei mir, dass 70 Jahre Frieden vielleicht nicht nur der wichtigste Wirtschaftsfaktor der mitteleuropäischen Geschichte sind, sondern vielleicht auch erstmals ganz neue Anforderungen an die Männlichkeit stellen. Zum ersten Mal überhaupt sind Männer davon entbunden, sich mit „auf die Fresse geben, danach totschießen“ herausreden zu können, wenn sie mal wieder nichts kapieren. Läuft’s zu Hause oder im Job gerade shice, war das früher immer spätestens nach zehn Jahren vorbei, denn da musste Mann ja in den Krieg und überhaupt ging alles über den Jordan, alles wurde kaputtgehauen und totgeschossen, danach Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft, traumatisiert, Rücksichtnahme erforderlich wegen appem Bein und dauerndem Zusammenbrechen bei Silvesterböllerei oder Fehlzündung des Mokicks der Kinder. Seit ungefähr 2000 Jahren geht das schon so (sage ich geschichtlich Ungebildeter mal auf meinem Weg den Rheindeich entlang).

Bis jetzt. Heute kommt erstmal kein Krieg, und das seit 70 Jahren. Ok, auch heute sehnen sich immer mal wieder welche nach einem totalen Reset, aber wir machen das zum Glück nicht. Wir machen weiter, trotz stärker werdender Sehnsucht nach dem dicken Knall und nach dem „alles nochmal von vorne, weil ich gar nichts mehr kapiere“. Und siehe da, nach 70 Jahren Frieden, da gibt es auf einmal ganz viele Männer, die keine Tumben mehr sein wollen (ich kenne mindestens acht!)

Und wie schön ist es, meinen Söhnen sowas vorleben und beibringen zu dürfen. Meine unglaubliche Mutter findet nun schon seit etwas länger als den rd. 70 Jahren Frieden, dass es total Spaß macht, den eigenen Kindern zuzusehen beim Erkennen, Sichentwickeln, Ausprobieren, Verstehen und Kreativsein. Meine Söhne kriegt Ihr nicht (sang schon Reinhard Mey), meine nicht und mich auch nicht! Wir machen nicht mit bei Eurer Logik des Krieges, wir machen lieber Erkennen, Sichentwickeln, Ausprobieren, Verstehen und Kreativsein.

Ich mache Genderwahnsinn und generisches Femininum und erfreue mich meines Penis, ohne tumb zu sein (hoffe ich zumindest). Zweitausend Jahre Männlichkeit heißt zweitausend Jahre allerschlimmste Verkümmerung durch immer wiederkehrendes sich Stürzen in Gewalt, Tod und Trauma. Wie perfide, dass die Logik des Krieges eine männliche Erfindung ist oder zumindest keine weibliche oder die eines anderen Geschlechts.

Und ist das jetzt so, dass die Herrn (außer jetzt jenen 8 oben genannten) nun davon überfordert sind, mal was anderes tun zu müssen als Gewalt auszuüben? Sehe ich das richtig? Oder fühlt sich das nur so an? Wollen die „dem Islam“ auf die Fresse hauen? Oder den Flüchtlingen? Oder den Feminazis? Ist linksgrünversifft nicht ein Ausdruck dessen, dass denen nach zweitausend Jahren „im Zweifel geh ich Militär!“ nichts anderes einfällt als sowas? Wie unkreativ.

Möglicherweise kommt an dieser Stelle der Firma Weber Grill eine entscheidende friedenssichernde Bedeutung zu. „Mach ich halt Feuer und BLUT auf Feuer!“ Immerhin nur aus dem Supermarkt.

Es wird noch ein langer steiniger Weg. Hoffentlich hält der Frieden, der soziale und der militärische, noch ein bisschen. Ich wäre gerne die erste Generation, die mit voller Absicht keine Kriegserfahrung macht. Also gar keine.

Die Macht der Lowperformerinnen mit den dicken Budgets

Wenn die Sparkasse sich sträubt, ihre Formulare auf weibliche Ansprache von Kundinnen anzupassen und dafür Recht bekommt, wenn meine Partei aus #GroKo-Shicegründen den em-effing §219 nicht abzuschaffen in der Lage ist, dann hab ich vermehrt Bock, dass sich trackle nicht nur zu einer prosperierenden Mittelständlerin entwickelt, sondern zu einer richtig dicken, konzernartigen Weltmarktführerin, mit Milliarden Customer Hardware Devices im Feld, mit Apps und Plattformen und all dem Pipapo, den so eine Weltmarktführerin haben muss. Ich hab Bock darauf, dass wir das dadurch erreichen, dass wir volldiversifizert sind, im Management, im Bereich Innovation und Entwicklung, im Bereich Marketing. Dann habe ich richtig Bock darauf, alle Boysclubs dadurch fertig zu machen, dass bei uns diversifizierte Entscheidungen getroffen werden. Dass bei uns Entscheiderinnen sitzen. Dass bei uns Diversifizierung kein Feigenblatt für die Streetcredibility ist, sondern knallharte geschäftliche Kalkulation. Dass unsere Produkte unschlagbar gut sind, weil sie bereits von der Idee her aus allen Perspektive beleuchtet sind. Dass sie über die ganze Entwicklung hinweg aus allen Perspektiven beleuchtet sind. Dass sie im Marketing aus allen Perspektiven beleuchtet sind. Dass sie für Afrika, Asien, Südamerika, Europa und Nordamerika*) die besten sind, weil wir uns Frauen und Männer aller Farben, Neigungen und Herkünfte holen und Boysclubs zum Teufel jagen.

Ich habe Bock darauf, groß und fett zu werden, so fett, dass wir Frauen aller Farben und Herkünfte in die Lage versetzen, die ganz dicken Budgets halbherzig zu verplempern, während sich Männer bei uns nach der Decke strecken müssen. Dass sich bei uns Männer organisieren müssen, weil sie keine Lust mehr haben, vom generischen Femininum mitgemeint zu sein. Dass wir die gefährlichste und unnachgiebigste Waffe für die Gleichberechtigung aller Geschlechter an den Start bringen: Mainstream. Gleichgültigkeit. Nichtdrübernachgedacht. Schonimmersogewesen. Weibliche Lowperformerinnen in höchsten Gremien unseres dicken, schwerfälligen, aber systemrelevanten (DIE ARBEITSPLÄTZE!) Molochs von Konzern, die den engagierten jungen Familienvätern nicht zutrauen, 2,5 Mio. € für die Erweiterung der an die Grenzen stoßenden Nummernkreise unserer Bestellnummern gut zu verwalten und die „die paar Kröten“ daher lieber der lahmen Elsa geben, nur weil wir sie schon kennen.

Will sagen: Ich hab Bock darauf, dass bei uns Frauen und diverse Menschen (also divers im Sinne von divers!) die relevanten Entscheidungen treffen, nämlich die über das em-effing GELD.

Ich habe keinen Bock mehr darauf, dass alle für die nice persönliche politische Agenda nach „MEHR GRÜNDERINNEN!“ rufen und sich damit aus der Affäre ziehen. Ich will ganz ganz laut nach den „INVESTORINNEN!“ rufen. Nach den dicken Budgets, die von Frauen verbrannt werden, wie sie heute ganz selbstverständlich von Männern verbrannt werden.

Ich hab Bock darauf, dass trackle et al. für den ganzen em-effing Wirtschaftssektor insgesamt sowas werden wie die Autoindustrie heute für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Dass sich Politikerinnen nicht leisten können, unser Pendant zu den Pfeffersäcken – nennen wir sie mal Obermöhne – zu ignorieren. Ich hab Bock darauf, dass vielleicht mal jemand anderes für trackle solche Posts wie diesen hier schreibt, also Posts, die dann weniger von dicken Budgets und Allmachtphantasien handeln und „ich hab Bock auf“ Formulierungen verwenden. Die vielleicht viel klüger, weil diverser, sind.

Ok, das wird noch ein langer Weg. Aber für den Anfang könnten wir doch Brigitte Zypries mal fragen, ob sie als Nachfolgejob für den der Wirtschaftsministerin nicht Bock hätte, gegen Bezahlung jeden Morgen Jens Spahn im Bundestag eine reinzuhauen. Das könnte ich mir auch sehr gut vorstellen. Gibt’s dafür kein Budget? Warum eigentlich, wer entscheidet das?

CAPA mit Autovergleich

Gerade lese ich in meiner Timeline, wie @Mama_arbeitet @KuehniKev zitiert:

Und meine Assoziation dazu sind die Begriffsdefinitionen aus unserem brandneuen Qualitätsmanagementsystem für „Korrektur“ und „Korrekturmaßnahme“. Ich hol mal kurz etwas aus…

Am 25. und 26. Januar kam ein Auditor zu uns und hat sich unser Qualitätsmanagementsystem angeguckt und plötzlich mit links hochgezogener Augenbraue über seine Brille hinweg gefragt: „Herr Loick, der Unterschied zwischen „Korrektur“ und „Korrekturmaßnahme“ ist Ihnen doch geläufig, oder?!“

„Ja… äh… klar! Das haben wir ja sogar schriftlich…“ Ich zog geschwind unsere fabelhafte Verfahrensanweisung Korrektur- und Vorbeugemaßnahmen hervor, schlug das Kapitel „Begriffe“ auf und verlas: „Eine Korrektur ist eine Maßnahme zur Behebung des aufgetretenen Fehlers / Problems, z.B. durch Nacharbeit. Korrekturmaßnahme ist eine Maßnahme zur Behebung der Ursache des aufgetretenen Fehlers / Problems, die dafür sorgt, dass der Fehler in Zukunft nicht mehr auftreten wird.“ Aber erst beim Verlesen unter den Augen des gestrengen Auditors entfalteten diese von mir selbst geschriebenen Worte ihre volle Wirkung in meinem Gehirn: Wenn ich eine Roststelle am Auto überlackiere, ist der Lack wieder ok. Korrektur. Wenn ich vorher den Rost wegschleife, das Blech ersetze, grundiere und dann überlackiere, ist auch die Ursache für die Roststelle beseitigt. Korrekturmaßnahme.

Wenn ich eine Mietpreisbremse einführe, steigen die Mieten nicht ganz so schnell. Korrektur. Wenn ich dafür sorge, dass genug Wohnraum gebaut wird und zu bezahlbaren Mietpreisen angeboten wird, dann ist das eine Korrekturmaßnahme. Wenn ich die Essener Tafel dazu bringe, alle Bedürftigen gleich zu behandeln: Korrektur. Wenn ich dafür sorge, dass die Lebenshaltungskosten für Menschen sinken und sie ordentlich bezahlte Jobs bekommen: Korrekturmaßnahme. Wenn ich Bedürftigen die Hartz IV Sätze erhöhe: Korrektur. Wenn ich dafür sorge, dass Spitzenverdiener*innen und Firmen ordentlich ihre Steuern zahlen, so dass ich Geringverdiener*innen entlasten kann: Korrekturmaßnahme.

Wenn ich mit der CDU koaliere, kriege ich eine Menge wirklich schöner Korrekturen hin, aber keine einzige Korrekturmaßnahme. Das liegt in der Natur der Konservativen, die bewegen sich freiwillig keinen Zentimeter. Mit der SPD in der Koalition nur gerade soweit wie sie müssen. Korrekturmaßnahmen kriegen wir nur mit progressiven Kräften (also rot-grün sag ich jetzt mal). Klar ist, dass wir Lichtjahre von einer rot-grünen Mehrheit entfernt sind, aber was wir gerade machen ist, dass wir in umgekehrter Richtung unterwegs sind und sich diese Distanz noch vergrößert statt verkleinert. Diese ganzen Korrekturen, ich zitiere mal Kevin Kühnert:

„Aber all das ist offenbar zu klein, um dafür am Ende gewählt zu werden.“

Um eine Roststelle aus dem Blech zu schneiden, neues Blech einzulöten, zu grundieren, beizuschleifen, nochmal zu grundieren, dann neu zu lackieren – dazu braucht es ein beherztes Eingreifen. Und der Auftrag muss von der Besitzerin der Karre kommen. Wenn die nur eine Korrektur haben will, dann kann sie auch nur eine Korrektur kriegen, denn eine Korrekturmaßnahme ist teurer. Die wird sie nur bezahlen, wenn sie vorher weiß, was es kosten wird und was gemacht werden muss. Und sie wird nur diejenigen damit beauftragen, die nachweisen können, dass sie wissen was zu tun ist und was das dann kosten wird. Wenn wir aber zusammen mit der CDU das Überlackierstiftchen herausholen, sagt sie: Die können das nicht, da gehe ich woanders hin, zum Beispiel zu diesen neuen Hoschis da, die behaupten, dass sie mir das ganze Blech vom Auto reißen. Klingt ganz so, als sei der ganze Rost danach weg (Gut, das Auto ist dann schrottreif, aber es kostet mich FAST NIX!).

CAPA steht im Qualitätsmanagement übrigens für „Corrective and Preventive Action“, ein Thema das mich zahlreiche schlaflose Nächte gekostet hat.

Wie so’n Alexander der Große einfach mal Schwert raus und gordischen Knoten kaputthauen

Jetzt bin ich ja kein Polit-Profi oder so, aber ich habe das ganz starke Gefühl, dass unsere Inhalte keine*n Wähler*in interessieren, bzw. dass die unsere Inhalte als Grundvoraussetzung stillschweigend fordern. Was uns die Wähler*innen nicht glauben: Dass wir die sind, die das umsetzen. Dazu haben viele Zickzack-Kurse von Sigmar Gabriel über die letzt Legislatur beigetragen, das haben die häßlichen 180° Drehungen seit der Bundestagswahl extrem verstärkt.

Wenn es um Inhalte ginge, dann müssten wir bei 56% liegen. Wenn es um Inhalte ginge, wäre die AfD längst in der Versenkung verschwunden. Es geht also um etwas anderes. Es geht um Signale und Führungsstärke. Es geht darum, dass sich die Leute nach jemandem sehnen, der/die das Steuer hält statt dem Wind, dem vermeintlich einzig Machbaren, nachzugeben. Es zählt der Habitus: „Ich mache das! Und zwar so!“ Da muss eine*r stehen, den Arsch rausdrehen und Selbstbewusstsein demonstrieren. Da muss es eine*r krachen lassen und das nicht nur aushalten, sondern darüber lachen, wenn das vermeintliche Establishment angstbeißt. Und ich will, dass das lieber die SPD ist als rechte Wichser.

Ich weiß, dass die Genoss*innen das maximale rausgeholt haben im Koalitionsvertragsentwurf. Ich finde das alles weitgehend gile, aber darum geht es imho nicht. Natürlich mattert die Personalfrage, weil sich keine*r für ein Haigebiss interessiert, um Zähne nachrücken zu sehen, sondern um es beißen zu sehen. Oder so: Dieser gordische Knoten wäre mit der GroKo-SPD immer noch nicht auf. Am Seil rumfummeln reicht nicht, da musste mim Schwert drauhau’n.

Ist vielleicht noch nicht so ganz fertig, der Gedanke, aber ich hau das jetzt schomma so raus, ok?

ÖPNV

Im Karneval, ich im Bus. Es ist voll, alle sind betrunken und verkleidet. Ich finde es gräßlich, dass so viele Jungs sich als S.W.A.T und finstere Brutalos in Tarnfleck verkleiden. Das sind so Typen, die Begriffe der Sexualität als Gewaltausdruck verwenden, glaube ich. Verspiegelte Top-Gun Sonnenbrillen, die wollen aber auch echt so unsympathisch wie möglich rüberkommen, oder? Der Bus hält am Konrad-Adenauer-Platz, Tür geht auf. Eine Oma mit einem Blümchen auf der Wange, einem viel zu kleinen Hut auf dem Kopf und einem Rollator mit dem 2018er Orden der Beueler Wäscherprinzessin will einsteigen.

Der S.W.A.T-Typ nimmt trotz seiner verblödeten Spiegelsonnenbrille den Rollator, eine ziemlich junge Tussi, die sich offenbar zum ersten Mal im Leben geschminkt hat, reicht der Oma die Hand. Sie helfen ihr gemeinsam in den Bus. Alle sind besoffen, aber es ist gar nicht unangenehm (kommt sicher später noch!). Et Oma bedankt sich und die Tussi unterhält sich mit ihr. Der Bus ruckt an, die Oma sitzt noch nicht, der S.W.A.T-Typ fängt sie routiniert auf und hilft ihr auf einen Platz, den ein melancholisch dreinblickender Plüschbär selbstverständlich wortlos räumt. Derweil redet et Tussi weiter auf die Oma ein. Es ist irgendwie routiniert. Eine routinierte Freundlichkeit. Ich lebe gern in der Stadt, zumindest in dieser hier am Rhein. Die Menschen sind geübt darin, dass sie viele sind. <3

Es soll nicht schwer sein, es soll leicht sein

Wir sind ja 2013 quasi mit dem Spruch „besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ in die GroKo gegangen – der Mindestlohn war unser Spatz, ein ziemlich dicker sogar.

Auch 2018 haben wir mit dem Sondierungspapier wieder ein paar Spatzen in der Hand: Die Verhandlungsergebnisse der Genoss*innen zu Europa und zur Bildung sind nicht schlecht.

Aber ich glaube, das reicht nicht. Ich ärgere mich fast, dass unsere Leute so gute Ergebnisse erzielen, denn ich glaube, dass es im gegenwärtigen politischen Klima um etwas anderes geht als um kleine realpolitische Schritte nach vorne. Dieses Gepokere und Geschachere geht den meisten auf den Geist. Dass diese vielen kleinen Schritte ein großes Ganzes ergeben, nimmt inzwischen niemand mehr war. Ich glaube, die Sehnsucht nach Klarheit ist im Moment viel größer als die nach Einzelverbesserungen. Die SPD mit ihren vielen Diskussionen und Abwägungen macht es den Leuten schwer, und da haben sie keine Lust drauf. Es soll nicht schwer sein, es soll leicht sein, dafür sind Politiker*innen schließlich da. Wenn’s schwer wird für die Leute, dann, so die Wahrnehmung, machen die Politiker*innen ihren Job nicht gut.

Immer muss ich googlen, wie das mit dem Rückkehrrecht in Teilzeit (oder war’s Vollzeit?!) eigentlich ist. Was ist eigentlich das Kooperationsverbot? Die Sozis wollen das abschaffen, ist das gefährlich? Und die Antwort, die Sozis geben ist, wie es ihrer Natur entspricht, ehrlich: Da muss man verschiedene Aspekte berücksichtigen, darf der Bund Schulen finanzieren? Warum wurde das irgendwann mal verboten, ach so, damit es eine vielleicht irgendwann mal an die Macht kommende zentralistisch ausgerichtete Nazi-Regierung nicht so leicht hat, alle Schulen ex cathedra gleichzuschalten. Nachteil: Die Schulen dürfen gegen ihre maroden Dächer keine Kohle direkt vom Bund bekommen, weil das ja Einflussnahme wäre. Klingt gefährlich, Nazis sind jetzt mit der AfD im Bundestag vertreten, wollen wir da nicht lieber die Mechanismen aufrecht erhalten, die uns vor so einem Shice wie dem nach der Weimarer Republik schützen?

Und schon habe ich 95% meiner Zuhörer*innen verloren: „Watt?!“

Es reicht nicht, die Sachen so gut wie unter den gegebenen Umständen möglich zu machen. Wir müssen als Sozis mehr fordern, denn das verlangen wir selbst von uns und das verlangen die Leute von uns. Wir haben nunmal den Anspruch, die Guten sein zu wollen und die Leute haben diesen Anspruch an uns – und zwar zu recht. Da werden nur Kantersiege mit „joa, ist ganz ok“ honoriert (im Fall des Mindestlohns, der ein Kantersieg war, haben wir uns nicht mal ein „joa“ zugestanden).

Wir haben am Ende die Ehe für alle möglich gemacht, aber da ist eine Menge Dreck im Drink, denn wir konnten in der GroKo nicht die Triebfeder dafür sein. Obwohl 102% der Partei das immer wollten stehen wir dennoch als Koalitionspartnerin von Merkel als diejenigen da, die das bis zuletzt mit verhindert haben – und erst in einem fatalistischen Anflug von Scheißegalness am Ende der letzten Legislatur auf den Koalitionszwang geschissen…. halt! Wir haben uns erst getraut, als Angela Merkel sich im Fernsehen oder so verplappert hat. Unser Drang nach korrektem und absprachegemäßem Handeln ist manchmal schon fast skurril (aber ich mag das trotzdem, denn ich selbst versuche das auch immer alles so zu machen).

Wir brauchen einen bold Move. Keine GroKo. Platzen lassen den Shice. Man wird uns so oder so „wer hat und verraten“ hinterherrufen. Die Leute brauchen einen bold Move. Eine Großmäuligkeit, die ihnen im Moment nur die Nazis von der AfD bieten. Unsere Großmäuligkeit muss sein: Europa, Bildung, Digitalisierung, ja, auch Gerechtigkeit!, aber volle! Nicht in kleinen Schritten. Das in der GroKo folgende „zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“ wird als Summe der Schritte zurück gezählt, auch wenn’s de facto nicht stimmt.

Ich hoffe, dass Kevin Kühnert bald mehr Einfluss gewinnt in der Partei und nicht nur bei den Jusos. Das ist der erste seit Jahren, der den Eindruck verströmt: Ich weiß wie es ist und ich weiß, wo ich hin will. Und das ist genau das, wie die SPD eben gerade nicht gesehen wird, und zwar seit Ende der Ära Schröder.

Soulfood

„Bleib doch da, du“, sagte der kleine Tiger.
„Der Bär kann ja so gut kochen, dass wir vor Freude immer weinen müssen, ist echt wahr.“
Und der glückliche Maulwurf blieb.

Ich will ja nicht rumjammern, aber die letzten anderhalb Wochen waren ziemlich anstrengend und jetzt jammere ich halt doch ein bisschen, weil ich finde, dass Fabian Hart recht hat und unmännliches Rumjammern Euer Bild von mir als eiskaltem Entscheider entscheidend erweitert. Und wenn ich mit einem Zitat wie dem da oben von Janosch einleite, dann tue ich das als Feminist trotz meines Wissens über die latente Frauenfeindlichkeit von Janoschs Büchern, weil ich in meinem Gejammer wie wahrscheinlich viele andere auch die Flucht in schöne Kindheitserinnerungen suche. Und nicht nur der kleine Bär und der kleine Tiger gehören zu meiner Kindheit, sondern vor allem auch viel Essen, gutes Essen mit vielen Menschen an einem Tisch.

Herbstlich sieht es heute draußen aus, bisschen grau, aber noch trocken, morgens stehen die Nebel schon über den Wiesen und die grünen und blauen Vierradantriebburgen von John Deere und New Holland donnern mit gewaltigen Maiswagen hin und her, die Maishäcksler nehmen mindestens fünf Reihen auf einmal und die Bauern auf den Treckern*) haben heute zum Glück weniger schadhafte Gebisse als die Helfer, die bei meinem Vater die Maschinen gelenkt haben. Wenn die Trecker über unseren Hof rollten – mit den vollen Wagen hinten um den Kuhstall herum, dann entladen auf der Siloplatte hinter dem alten Schweinestall, und vorne neben der weißen Scheune wieder hervokommend, um zurück zum Acker zu fahren – dann durften wir den ganzen Tag nicht raus, weil meine Mutter fürchtete, wir könnten unter die Räder geraten. Aber wir durften auf den Treckern mitfahren, da gab es sogar damals schon so kleine Notsitze für Kinder auf den Schutzblechen über den Hinterrädern. Diese Notsitze bestanden eigentlich nur aus einer gebogenen Metallstange, die als Lehne oder Geländer direkt auf das Schutzblech geschweißt war. So ein Trecker hat ja nun auch das Fahrwerk eines Treckers, so dass ich bei jedem Kiesel mit dem Rücken volles Programm gegen diese Eisenstange geworfen wurde, bequem war das nicht gerade, aber toll. Ein Heidenlärm. Auf dem Feld fuhr der Trecker mit dem großen Maiswagen so neben dem Maishäcksler her, dass der den gehäckselten Mais über diesen anscheinend zweihundert Meter hohen Arm direkt in den Wagen schleuderte, in einem nie versiegenden Strahl gehäckselten Maises. Dieser Maisstrahl war so dick wie die Arme meines Vaters, der nicht nur die leichten Stroh- sondern auch die schwereren Heuballen mit der Gräpe bis auf den Balken schmeißen konnte. Den ohrenbetäubenden Krach des Maishäckslers haben wir Kinder als ein Geräusch versucht wieder zu geben, für das man in der Schriftsprache wohl am ehesten das schwedische Å sehr laut und andauernd einsetzen muss. In Abgrenzung dazu war das Geräusch der Mähdrescher bei der Getreideernte weniger offen und rhythmischer, unterlegt vom zisselnden Schnitzeln der Messerreihe. Ich schweife ab.

So eine Maisernte dauert den ganzen Tag, früher, wir hatten ja nichts, nahm so ein Maishäcksler nämlich nur drei Reihen auf einmal. Wenn es dann schon dunkel war, kamen alle die Helfer (und es waren nur Männer) in unsere Küche und aßen die fünfzig Liter Gulasch, die meine Oma gemacht hatte. Die Helfer hatten tatsächlich schadhafte Gebisse und sprachen rhoaschkes Platt, das sich im Detail vom Erler Platt signifikant unterscheidet, wie man mir später versichert hat. Die Themen waren die Maschinen und er matschige Untergrund auf den Äckern und dass bei Hüls die Ernte vorgestern unterbrochen werden musste, weil der Maishäcksler im Morast stecken geblieben war. Kaputte Drainagen, die die Felder und Wiesen entwässern, waren, fällt mir gerade ein, auch immer Thema. Der Krach am Tisch war meiner Erinnerung nach kaum geringer als auf dem Trecker und die Männer haben meiner Erinnerung nach immer mit beiden Händen gegessen und beim Reden eigentlich gar nicht gestikuliert, weil sie die ganze Zeit gegessen und gegessen haben, bis sie dann den letzten Teil der Ernte einfahren mussten und auf ihre Maschinen zurückgekehrt sind. Ich habe diese Männer nie in PKW gesehen, ich glaube, die bewegen sich bis heute ausschließlich auf Maishäckslern und Treckern fort. Die Verbindung aus gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen gutem Essen als Refugium ist mir geblieben.

In der Szene in Ratatouille, in der der böse Restaurantkritiker den ersten Bissen von Remys Ratatouille nimmt, fährt die Kindheitserinnung in ihn. Ich habe heute Lust, Eintopf zu kochen, ich weiß noch nicht, welchen, aber er muss mit beiden Händen zubereitet und mit beiden Händen gegessen werden. Und ich will Bier und Schnaps dazu und viele laute Menschen und wir sprechen dann eine Sprache über unsere Themen und erlauben uns ein wenig „wir“ und loben uns gegenseitig für die Dinge, die wir gerne tun, denn Lob für Dinge, die wir gerne tun fühlt sich nach Liebe an, während Lob für Dinge, die wir nicht gerne tun, eben Lob bleibt und gerade einmal unser Haar streichelt statt mit dem riesigen Löffel voll in unsere Eingeweide zu fahren.

So war das in Rhade und so machen wir das, lasst alles stehen, ich räume das hinterher mit Vergnügen in den Spüler, wenn Ihr Euch nur auf die Oberarme haut und dabei johlt. Dann weine ich vor Freude und niemand muss super schlau sein oder entscheiden oder bedenken.

 

*) Ich sage so gerne Trecker, weil da das schöne plattdeutsche „trecken“ für „ziehen“ oder „schleppen“ drin steckt – und möchte der Pollykowskaja gleich „vertreck di!“ an den Kopf werfen, wenn sie verbotenerweise ihre Nase auf den Tisch hebt. Dabei kann ich eigentlich gar kein Plattdeutsch, was sehr schade ist.