Das Dorf nach drei Monaten Hitze

L’Autobahn rauscht von fern herüber. La Madre hat ihr Auge operieren lassen. Der Regenwassertank hinten im Garten ist hochgebockt, er wartet nur noch auf Regen. Der Rasen ist verbrannt und trocken, aber die Schildkröte lächelt, glaube ich. In dem alten Stall, der jetzt mein Homeoffice ist, steht ein Papierkorb, aber da ist gar kein Papier drin, sondern nur Kronenkorken von Bieren. „Kenn ich Sie nicht, sind Sie nicht so ein kleiner Dicker?“ floatet eine Kindheitserinnerung an einen Diether Krebs Sketch in meinen Kopf, mit dem Hund war ich schon ums Feld, es ist bereits abgeerntet.

Mein erfolgreichster Tweet der letzten Tage war, dass ich gedroht habe, nur noch dem Tagebuch-Account von Thomas Mann zu folgen. Die Ahr erreicht den Rhein nicht mehr. Der Rhein bei Emmerich hat den Pegelstand minus vier Zentimeter. Was fehlt sind Literatur und Poesie. Ist Zuversicht. Soll ich was reimen?

Ein Bübchenschön, das ritt zu Pferde
mit seinem blonden Schopfe weich,
sagt „Liebe Fee, mach, dass ich werde
außer schön jetzt auch noch reich!“
Die Fee röhrt „Bübchen, Bübchen!
Alles klar im Oberstübchen?
Reit nach Hause, blondes Häschen,
sei mal froh und puder’s Näschen!

Ich reimete das vor über 100 Jahren. Es war eine gute Zeit. Und es ist ein guter Reim. Die Terrassenstühle sind Hochlehner wie bei meinen Eltern, aber die hatten sich zusätzlich zu uns sechs Kindern um Rinder, Stroh, die Klassen eins bis vier und die Ernte zu kümmern. Und 1983 hat ein russischer Offizier die Welt gerettet, weil er einem falschen Atomraketenalarm nicht geglaubt hat, er hat dem einfach nicht geglaubt.

Wir könnten so schön sein, so dick sein, so richtig schön dick sein und uns in den Speck greifen. Und manche*r tut das und das ist richtig.

L’Autobahn rauscht immer noch rüber. La Madre wird morgen von meiner Schwester auf dem Krankenhaus abgeholt, die OP ist super easy verlaufen. Ich trink ein Kölsch und weil alle anderen schon im Bett sind, proste ich halt dem Olivenbaum zu, den wir zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Meine Haare sind immerhin länger als seine.

 

Von Maxim Loick

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