Ein Wunder, daily, aber geheim

Zu viel Arbeit. Zu fertig am Abend, um noch was mit Substanz ins Blog zu bringen. Dabei ist doch gerade die Hochzeit des Schreien-Wollens und Schreien-Müssens.

Wie soll denn zum Beispiel die Startup-Szene Vorreiterin und Speerspitze der Erneuerung durch Innovation werden, wenn sie wie kaum ein Gebiet von ciswhitemales beherrscht und abgeschottet wird? Da wird ein von Airbus gebautes sogenanntes Flugtaxi als der hice shice schlechthin aufgebauscht, Frank Thelen oder so ruft euphorisch, dass Deutschland endlich mal wieder Innovationsführerschaft übernommen habe. Dabei ist dieses Flugtaxi nichts weiter als ein shice Hubschrauber mit vier Rotoren. Elektrisch, höre ich. Wow. Ein CDU-Hoschi jubiliert, dass das Ding dadurch total viel leiser sei als ein normaler Hubschrauber. Really!? Wo die Lärmemission vor allem von den Rotorblättern stammt? Wo hat der denn noch überall den Knall und sonstiges nicht gehört?

Du stehst im Stau und bist sagenwirmal ein Superchecker aus der Startup-Szene. Klar kommen Dir die ganzen anderen Hoschis in ihren Autos irgendwie als nichtswürdige vor, die DIR IM WEG stehen. Wie gile wäre es, wenn ich mich einfach über diese ganzen menschlichen Hindernisse erheben und über ihre Köpfe hinwegfliegen könnte? HA! Ich bin ja Startup-Supermann! Ich erfinde Flugtaxis! Wie geil das wäre!

Bonn Innenstadt. Bürgersteige von 80cm Breite, der Rest für Autos reserviert. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass hier überall zusätzlich noch Flugtaxis landen. Das mit den Zulassungsbestimmungen ist ja so ein Steckenpferd von deutschen Behörden, das wird sicher kein Problem, mit den Elektroscootern haben wir da ja auch eine schnelle unkomplizierte Lösung auf knapp 750 Seiten gefunden.

Flugtaxi – so eine dermaßen an den Bedarfen vorbeikonstruierte Shice als Innovation zu bezeichnen, da… muss ich so kotzandeutende Handbewegungen vor mich hingestikulieren. Aber das ist genau die hodengewogene Handschrift der Startup-Szene.


Meanwhile bei einem anderen Geschlecht, dem seit der Steinzeit nicht die Sichtbarkeit gewährt wird, die ihm eigentlich qua Bevölkerungsanteil zustünde: Jeden Monat läuft da seit Äonen ein Wunder ab.

„Gehirnanhangdrüse an Eierstock: Schicke fuffzehn Kilo FSH, mach mal bissi Eibläschen, ok?“

„Eierstock an Gehirnanhangdrüse: Eibläschen sind am wachsen!“

„Gehirnanhangdrüse an Eierstock: Allet klar, hab Eure Östrogenwerte im Blick!“

„Gebärmutterhöhle an alle: Ich mach mal neue Tapeten drauf, ok?“

„Gebärmutterhals an alle: Zervixschleim in full production! Ich mach getz auf! Geronimo!“

„Gehirnanhangdrüse an Eierstock: Righty right! Östrogen ist jetzt fabelhaft! Hier sind fuffzehn Kilo LH!“

„Eierstock an alle: LH ist angekommen, Ei springt!“

„Gehirnanhangdrüse an alle: Righty right! Progesteron in the making, haltet Euch alle bereit!“

„Gebärmutterhöhle an alle: Ich stell mal Möbel in’t Kinderzimmer, wa?“

„Gebärmutterhals an alle: Progesteron ist angekommen, ich mach dann wieder dicht, wa?“

[Alle warten gespannt. Dann…]

„Gebärmutterhöhle an alle: Ach Mist. Fehlalarm. Nicht befruchtetet Ei. Bin echt geknickt. Ich schmeiß den ganzen Driss jetzt raus!“ *menstruiert*

„Gehirnanhangdrüse an Eierstock: Mist. Hat nicht geklappt, egal. Ich schick mal fuffzehn Kilo FSH, wa?“


Die bluten jeden Monat? Und jeden Monat produzieren die was, was Zervixschleim genannt wird? Klingt ekelig. Direkt neben mir? Ich dachte, in Binden wird blaues Wasser gebunden?

Warum gibt es für den Zervixschleim nur ein Wort, das auf „-schleim“ endet? Hat die Wissenschaft da versagt? Warum wird Sperma nicht gemeinhin als Pimmelschleim bezeichnet? Investiere ich in Flugtaxis? Ich investiere in Flugtaxis! Damit ich das ganze Elend hinter mir lassen kann, den ganzen Schleim, diese widerwärtigen menschlichen Ausdünstungen, wozu habe ich denn schließlich so viel Kohle angehäuft, wenn ich die nicht genau dafür für mich arbeiten lasse?

Diversität im sexuellen Diskurs

In den letzten 24 Stunden bin ich über zwei Artikel gestolpert, die mir bedeutsam erscheinen und deren Thema Sex ist. Zum einen der hier von @MlleReadOn, in dem sie beschreibt, welche Wirkung sexuelle Aufklärung, insbesondere von Männern, auf Gesellschaften hat. Vor dem Hintergrund, dass irgendwo mal irgendjemand bemerkt hat, dass statistisch gesehen junge Männer eine viel gefährlichere Gruppe sind als Geflüchtete, Ausländer*innen oder sonst wie geartete Gruppen, stelle ich fest: Als hetero cis white male bin ich statistisch gesehen eigentlich ein Gefährder. Viele von meinesgleichen haben massive Defizite, was ihre eigene Sexualität und was die Sexualität ihrer potenziellen Sexualpartner*innen anbelangt. Ich bin damals™in der Schule aufgeklärt worden, das heißt, die biologischen Zusammenhänge sind mir lange bewusst und klar. Was aber die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Menschen angeht, ist mir in seiner ganzen Bandbreite (und wahrscheinlich kenne ich immer noch nicht alles was es gibt) erst bewusst geworden, als ich bei Twitter mit so vielen verschiedenen Menschen in Kontakt gekommen bin*). Viele sind ziemlich offen, was ihre Sexualität angeht und Pornographie spielt offenbar eine viel wichtigere Rolle als sie in meinem Leben gespielt hat. Damit kommen wir zum zweiten Artikel, den ich oben angekündigt habe, er beschäftigt sich mit der Pornoindustrie und wie unterrepräsentiert Frauen in dieser Industrie sind – mit dem Ergebnis, dass die Erzeugnisse dieser Industrie extrem männerzentriert geraten. Erika Lust, eine der wenigen Frauen in Porn, die hinter der Kamera statt davor agiert, sagt:

“Mainstream porn consistently shows sex as a thing that men do to women, or that women do for men, which means misogynistic porn that objectifies women and places unrealistic expectations on both sexes.”

Und wenn ich mir vorstelle, dass ganz ganz viele Menschen Zugang zu dem meisten, was über „das Spermium befruchtet die Eizelle“ hinausgeht, über Pornographie finden, dann scheint mir auch das bedeutsam, vor allem was Rollenklischees von Frauen und von Männern angeht und was Männer und Frauen glauben, was angemessenes Verhalten sein könnte. Vor diesem Hintergrund scheint mir auch bedeutsam, dass es in beiden Artikeln Frauen sind, die das Heft in die Hand nehmen, etwas daran zu ändern.

Update 2017-01-08, 12:20 Uhr: Und wie ich so nachdenklich weiterlese in meiner TL, stoße ich auf diesen Artikel: Frauen der Welt, rettet uns vor diesen Männern! Ich finde, der passt auch noch ganz gut in diesen Themenkomplex.

*) Ich wollte erst „kennengelernt habe“ schreiben, aber sehr viele kenne ich nur über das, was sie so sporadisch in 140 Zeichen immer mal wieder twittern, das ist nicht wirklich kennenlernen. Die emanzipatorische Wirkung von Twitter ist dabei übrigens ein zentrales Moment, weil dadurch Kommunikation immer auf Augenhöhe stattfindet ohne dass soziale Hierarchien eine Rolle spielten. Aber das ist ein anderes weites Feld, darum muss ich mich ein anderes Mal kümmern.