Soulfood

„Bleib doch da, du“, sagte der kleine Tiger.
„Der Bär kann ja so gut kochen, dass wir vor Freude immer weinen müssen, ist echt wahr.“
Und der glückliche Maulwurf blieb.

Ich will ja nicht rumjammern, aber die letzten anderhalb Wochen waren ziemlich anstrengend und jetzt jammere ich halt doch ein bisschen, weil ich finde, dass Fabian Hart recht hat und unmännliches Rumjammern Euer Bild von mir als eiskaltem Entscheider entscheidend erweitert. Und wenn ich mit einem Zitat wie dem da oben von Janosch einleite, dann tue ich das als Feminist trotz meines Wissens über die latente Frauenfeindlichkeit von Janoschs Büchern, weil ich in meinem Gejammer wie wahrscheinlich viele andere auch die Flucht in schöne Kindheitserinnerungen suche. Und nicht nur der kleine Bär und der kleine Tiger gehören zu meiner Kindheit, sondern vor allem auch viel Essen, gutes Essen mit vielen Menschen an einem Tisch.

Herbstlich sieht es heute draußen aus, bisschen grau, aber noch trocken, morgens stehen die Nebel schon über den Wiesen und die grünen und blauen Vierradantriebburgen von John Deere und New Holland donnern mit gewaltigen Maiswagen hin und her, die Maishäcksler nehmen mindestens fünf Reihen auf einmal und die Bauern auf den Treckern*) haben heute zum Glück weniger schadhafte Gebisse als die Helfer, die bei meinem Vater die Maschinen gelenkt haben. Wenn die Trecker über unseren Hof rollten – mit den vollen Wagen hinten um den Kuhstall herum, dann entladen auf der Siloplatte hinter dem alten Schweinestall, und vorne neben der weißen Scheune wieder hervokommend, um zurück zum Acker zu fahren – dann durften wir den ganzen Tag nicht raus, weil meine Mutter fürchtete, wir könnten unter die Räder geraten. Aber wir durften auf den Treckern mitfahren, da gab es sogar damals schon so kleine Notsitze für Kinder auf den Schutzblechen über den Hinterrädern. Diese Notsitze bestanden eigentlich nur aus einer gebogenen Metallstange, die als Lehne oder Geländer direkt auf das Schutzblech geschweißt war. So ein Trecker hat ja nun auch das Fahrwerk eines Treckers, so dass ich bei jedem Kiesel mit dem Rücken volles Programm gegen diese Eisenstange geworfen wurde, bequem war das nicht gerade, aber toll. Ein Heidenlärm. Auf dem Feld fuhr der Trecker mit dem großen Maiswagen so neben dem Maishäcksler her, dass der den gehäckselten Mais über diesen anscheinend zweihundert Meter hohen Arm direkt in den Wagen schleuderte, in einem nie versiegenden Strahl gehäckselten Maises. Dieser Maisstrahl war so dick wie die Arme meines Vaters, der nicht nur die leichten Stroh- sondern auch die schwereren Heuballen mit der Gräpe bis auf den Balken schmeißen konnte. Den ohrenbetäubenden Krach des Maishäckslers haben wir Kinder als ein Geräusch versucht wieder zu geben, für das man in der Schriftsprache wohl am ehesten das schwedische Å sehr laut und andauernd einsetzen muss. In Abgrenzung dazu war das Geräusch der Mähdrescher bei der Getreideernte weniger offen und rhythmischer, unterlegt vom zisselnden Schnitzeln der Messerreihe. Ich schweife ab.

So eine Maisernte dauert den ganzen Tag, früher, wir hatten ja nichts, nahm so ein Maishäcksler nämlich nur drei Reihen auf einmal. Wenn es dann schon dunkel war, kamen alle die Helfer (und es waren nur Männer) in unsere Küche und aßen die fünfzig Liter Gulasch, die meine Oma gemacht hatte. Die Helfer hatten tatsächlich schadhafte Gebisse und sprachen rhoaschkes Platt, das sich im Detail vom Erler Platt signifikant unterscheidet, wie man mir später versichert hat. Die Themen waren die Maschinen und er matschige Untergrund auf den Äckern und dass bei Hüls die Ernte vorgestern unterbrochen werden musste, weil der Maishäcksler im Morast stecken geblieben war. Kaputte Drainagen, die die Felder und Wiesen entwässern, waren, fällt mir gerade ein, auch immer Thema. Der Krach am Tisch war meiner Erinnerung nach kaum geringer als auf dem Trecker und die Männer haben meiner Erinnerung nach immer mit beiden Händen gegessen und beim Reden eigentlich gar nicht gestikuliert, weil sie die ganze Zeit gegessen und gegessen haben, bis sie dann den letzten Teil der Ernte einfahren mussten und auf ihre Maschinen zurückgekehrt sind. Ich habe diese Männer nie in PKW gesehen, ich glaube, die bewegen sich bis heute ausschließlich auf Maishäckslern und Treckern fort. Die Verbindung aus gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen gutem Essen als Refugium ist mir geblieben.

In der Szene in Ratatouille, in der der böse Restaurantkritiker den ersten Bissen von Remys Ratatouille nimmt, fährt die Kindheitserinnung in ihn. Ich habe heute Lust, Eintopf zu kochen, ich weiß noch nicht, welchen, aber er muss mit beiden Händen zubereitet und mit beiden Händen gegessen werden. Und ich will Bier und Schnaps dazu und viele laute Menschen und wir sprechen dann eine Sprache über unsere Themen und erlauben uns ein wenig „wir“ und loben uns gegenseitig für die Dinge, die wir gerne tun, denn Lob für Dinge, die wir gerne tun fühlt sich nach Liebe an, während Lob für Dinge, die wir nicht gerne tun, eben Lob bleibt und gerade einmal unser Haar streichelt statt mit dem riesigen Löffel voll in unsere Eingeweide zu fahren.

So war das in Rhade und so machen wir das, lasst alles stehen, ich räume das hinterher mit Vergnügen in den Spüler, wenn Ihr Euch nur auf die Oberarme haut und dabei johlt. Dann weine ich vor Freude und niemand muss super schlau sein oder entscheiden oder bedenken.

 

*) Ich sage so gerne Trecker, weil da das schöne plattdeutsche „trecken“ für „ziehen“ oder „schleppen“ drin steckt – und möchte der Pollykowskaja gleich „vertreck di!“ an den Kopf werfen, wenn sie verbotenerweise ihre Nase auf den Tisch hebt. Dabei kann ich eigentlich gar kein Plattdeutsch, was sehr schade ist.

Über die gute alte Zeit abgeschweift

Sitze in der Küche, lasse „Nirvana – MTV Unplugged In New York“ laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Großeltern in schwarzweiß stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzweiß gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen übersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.

„Was treibt Dich an?“ sollte ich vor ein paar Tagen beantworten für ein Video, das die gute Sarah vom Digitalhub Bonn gedreht hat. Ich weiß nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja über den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.

1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen haben müssen. Ein Stück, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht überzeugt. Kann natürlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach – vielleicht trügt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit…). Seit wir „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen und sogar einmal in einer Aufführung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem Stück nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er/sie vorhatte, scheitern. Und „letztlich daran zerbrechen“, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realität und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das überhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Gedächtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja über den Radweg gegangen bin, denke ich: Was für ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die Fähigkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu können. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie überhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht später nochmal nach).

Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fröhlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (ächtz, was für ein Satz!), dann macht mich das tiefglücklich. Und dann fühle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen müsste.

Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein schönes Gefühl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gefühl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Früher war alles besser, Wählscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was für eine Shice! „Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys“, so eine Shice, Mann! Ich hab ständig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzublättern oder weil was passiert ist? Muss ich mich über ihn ärgern oder muss ich ihm eher noch den Rücken stärken, weil ihm vom löchrigen ÖPNV im Westmünsterland übel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zurückspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zurückspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!

Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, „Die Opodeldoks“, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert wäre, wenn da nicht der Opadeldok wäre, der immer „Früher war alles schlechter!“ sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenwärtigen „Früher war alles besser“. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit über vierzig, ist mir aufgefallen, was für ein saucooler Hippie so ein Opa wäre, der ernsthaft „Früher war alles schlechter!“ zu seinem Mantra gemacht hat. Was für ein starker Charakter das wohl wäre.

Da fallen mir auch gerade die Vorwürfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder überall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockgeräten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, während wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich übrigens tatsächlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu können, während man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit „Heja BVB“, „Annes Schlaflied“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Das alles machen wir™mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier überall Plakate in der Stadt, auf denen stand: „Mehr Zeit für Kinder!“. Heute müssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder hätten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir müssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos überfahren lassen. Wir müssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung über 70 Jahre ermöglicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine Söhne müssen nicht mit Patronenhülsen in Kratern spielen, wir können ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.

Und doch: Meine Gefühle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged höre. Es macht ein gutes Gefühl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal gehört habe, sehr präsent ist. Es fühlte sich damals gut an, es fühlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt: Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass früher irgendwie doch alles schlechter war. Aber unsere Gefühle waren echt. Meine Gefühle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche – und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen Füßen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Geräusch der Mähdrescher oder Maishäcksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.

Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verstümmelten Seelen misshandelter Kinder große Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder überlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen könne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das Rüstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich Fähigkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerstörbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Blödheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele Überschüsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu können.

Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben können? Was ich übrig habe, das könnt Ihr haben! Wäre doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schlänge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) Heute habe ich von einer Studie gehört, dass Teilen glücklich macht. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in dreißig Jahren eines meiner Kinder sowas ähnliches bloggt, dann führe ich einen Besenrührtanz um meinen Rollator auf.

Quia Chayenne – Tim’s Party

Quia Chayenne - Tim's Party
Quia Chayenne – Tim’s Party aufgenommen am 19. und 20. September 1995 in Dr. Hirschs Rockbüro in Borken (Westf).

Die liebe Kommunardin @katharinchen hat, nachdem wir neulich in der Kommune Zwo Null alte Demotapes meiner früheren Schülerband gehört haben, eines dieser Bänder zu wir-digitalisieren-alles.de getragen und mir gestern eine CD und die digitalen Tracks mitgebracht. Hurra! Da will ich doch gleich mal das originale Booklet aus der schwarzen Kiste holen und hier alles verbloggen!

Alle Lieder sind von Quia Chayenne höchstselbst komponiert + betextet. Aufgenommen + abgemischt von Daniel Reekers im Dr. Hirsch-Studio in Borken am 19.+20. Sept. 1995.

Line-up

Mäx - Drums Felix - Lead Vocal, Guitar + Casoo Tobi - Lead Guitar + Vocal Josh - Bass + Vocal Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17
Mäx – Drums
Felix – Lead Vocal, Guitar + Casoo
Tobi – Lead Guitar + Vocal
Josh – Bass + Vocal
Guestmusician: Leo, the Dog; Background Vocal on Jazz-Standard No. 17

Unsere Band hieß Quia Chayenne, hier seht Ihr detailgenaue Wiedergaben unserer Antlitze anno 1995. Ich hatte da noch lange Haare und hab noch geraucht.

Die Songs

Lustig, diesen alten Shice wieder zu hören und heute mit Euch teilen zu können. Ich hab mal alles auf Soundcloud hochgeladen. Ich muss sagen, ich schäme mich nicht (auch wenn ich im Jazz-Standard No. 17 an der einen Stelle den Stock statt der Hi-Hats treffe, ein kleiner Fehler, den ich seit 1995 immer genau im Ohr habe, hehehe…)

Fool

Dieser Song handelt von einem Kopf, in dem zwei wohnen und sich gegenseitig als Trottel bezeichnen, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren damals sehr stolz auf den zweistimmigen Gesang.

An Erection

Sehr funky, geht heute immer noch direkt ins Blut, dieses Kleinod. Jung wie wir waren sind wir immer rot geworden, wenn wir gesagt haben, dass der Song „An Erection“ heißt. Schöne Einlage von @botnautzki als „everyday I’ve got!“ und von Felix am Kazoo.

Hier sind „Fool“ und „An Erection“ hintereinander weg:

Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)

Mit diesem Song waren wir sogar auf dem regionalen Sampler „Das Borkener Landleben“ vertreten. Mit Special Appearance unseres damaligen Hundes Leo in der Mitte. Der Zusatz „Winter Comes“ ist ein kleiner Witz in Bezug auf den Chanson „Autumn Leaves„. Eine Version davon von Nat King Cole gibt’s bei YouTube.

Axl

Der Songtitel bezieht sich völlig unverfrohren auf Axl Rose. Der Text wurde bei jeder Aufführung des Stücks neu erfunden und nie aufgeschrieben. Einzige Anforderung, die wir an Felix hatten: Lass es wie Englisch klingen.

Hier kommen „Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes)“ und „Axl“ hintereinander weg:

Booklet + Artwork

Aber auch das Artwork aus der Feder von Joscha kann sich sehen lassen, ein niedlicher kleiner Comic im Inneren unseres selbstgemalten Booklets:

Comic aus "Tim's Party"
Comic aus „Tim’s Party“

Der Name Quia Chayenne ist übrigens so entstanden:

In der Schule saßen Felix und ich in Deutsch nebeneinander und waren auf der Suche nach einem Namen für unsere Band. Wir fingen an, abwechselnd einzelene Buchstaben aneinander zu reihen. Weil ich es Felix besonders schwer machen wollte, fing ich mit einem Q an und er musste, ob er wollte oder nicht, mit u weitermachen. Ich setzte ein i und Felix ein a. Quia stand da und wir wussten nicht weiter. Uns wurde klar, dass wir ein zweites Wort brauchen würden. Ich wollte ja eigentlich „Düsenjäger“, also im ganzen dann „Quia Düsenjäger“, aber das wollten die anderen nicht. Felix schlug Chayenne vor. Später haben wir das mit @botnautzki und Joscha abgestimmt und dann ist es dabei geblieben.

Später durften wir auf dem Borkener Musik-Festival „Borken intim“ auftreten und plötzlich stand dieser seltsame Name auf allen Wänden in der Stadt. Das hat sich sehr gut angefühlt.

Da fällt mir ein, wir hatten ja noch ein Demotape, das hießt „Leonard Sun Driver“ (was abgekürzt LSD ergibt, knickknack! Mann, wir waren auch echt ziemlich jung noch damals!). Zum Jazz-Standard No. 17 (Winter Comes) haben wir auch mal ein Video in Rostock gedreht, das war auch lustig. Ich spiele darin einen Busfahrer, der mit einem Schaf flirtet. Ich muss mal nachforschen, ob das nicht noch einer irgendwo liegen hat, damit wir das auch zu wir-digitalisieren-alles.de bringen können.

 

Rhineland

Heute ist ja der elfte im elften, und schon morgens um 9:00 Uhr laufen hier bärtige Hennen herum und Polizistinnen mit zu großen Mützen und jede Menge Clowns. Ich selbst treibe ja nicht gern so großen Aufwand, um mich zu verkleiden, eine Latzhose und ein Ringelshirt müssen da reichen und mich schminken ist eine kleine Höllenfahrt – nichtsdestotrotz lässt es mein Herz hüpfen vor Freude, wenn die Rheinländer*innen so super super cool aussehen – und sich auf Bahnsteigen und über vierspurige Straßen hinweg gegenseitig Respekt zollen für ihre fabelhaften Kostüme. Ich finde es voll schön hier!

Peter and the Test Tube Baby

Jetzt hat ja dieser Beau aus Königswinter die ganze Stadt mit seinem herrlichen Anblick geschmückt und die Genoss*innen haben sich darüber mokiert, was ich eigentlich unnötig finde, aber ein bisschen lustig ist das ja dann auch, wenn man sich mal die Postings auf seiner Facebookseite anguckt: Da finde ich bei der Lichtgestalt von der Union seit dem 1. Juni bis heute Abend 12 Postings. Fünf davon handeln von seinem Poster. Er sieht aber auch gut aus, dieser schöne Mann aus dem Siebengebirge, das muss man ihm schon wirklich lassen! Und ist wirklich gut getroffen auf seinen vielen Bildern, da möchte man Ball sein!

Und Peter? Ok, 30 Postings seit dem ersten Juni, wohl mehr so Masse statt Klasse, was? Auf jedem Bild muss man ihn suchen, da sind immer so lästige andere Leute um ihn rum, die Haare nicht richtig gemacht und was für eine Körperhaltung hat der eigentlich?! Ist das jetzt der mit der weißen Hose oder der mit der Jeans? Ich nähere mich mit meinem prüfenden Auge dem Bildschirm – ah, das muss er sein, der mit der weißen Hose. 30 Postings, die meist davon berichten, wie er in allen Teilen der Stadt unterwegs ist und mit Leuten spricht. Seit dem 1. Juni war er in Dottendorf, Tannenbusch, Brüser Berg, Bonn Mitte, Bad Godesberg, Pützchen, Pennenfeld, Lannesdorf, in der Altstadt, Plittersdorf, Rüngsdorf, Lengsdorf und in Graurheindorf am Hafen.

Ständig mit so vielen Menschen, ich könnte das nicht. Die stellen doch Fragen, am Ende noch unangenehme! Ich würde auch das beschauliche Leben in den Fotostudios dieser Welt vorziehen, genau wie der Schmalspur-Guttenberg aus Königswinter. Nicht, dass dem das am Ende alles zu viel wird!

Mein erster Vorsitzender

Am Dienstag hat Andreas aka @Rheinwaerts seine letzte Vorstandssitzung der SPD Beuel als ihr Vorsitzender geleitet, er wird im April nach Berlin gehen, auf der kommenden Jahreshauptversammlung werden wir eine*n neue*n Vorsitzende*n wählen müssen.

Und wenn ich mir meine ganze Sozi-Glückseligkeit der letzten Jahre hier in diesem Blog angucke, mein fassungsloses Kopfschütteln, wenn Sozis anderswo aus der Partei austreten, dann muss ich mal festhalten, dass das ganz ganz viel mit Andreas zu tun hat. Er ist keiner, der laut ist, keiner, der mit der Genossenfaust die laute Rede schwingt, sondern einer, der überlegt ist und überzeugt ist. Der Jurist ist (was manchmal zu lustigen Formulierungen führt, hehehe…), einer, der mich aktiviert hat und mich motiviert hat, von dem ich viel gelernt habe. Der gesagt hat: „Machen wir ’ne Veranstaltung mit Uli Kelber draus!“ als wir uns über die VDS unterhalten haben.

Wenn ich dereinst im Alter von 120 Jahren ins Grab sinken und wenn ich dann das Parteibuch noch immer fest umklammert halten sollte, dann wird seine Prägung ihren festen Anteil daran gehabt haben.

Dafür kann ich ihn hier ruhig mal ein bisschen belobhudeln.

Ein Mähdrescher fuhr vorbei

Heute ist der 27. Juli 2014, soeben war ich mit Polly nochmal zum Pipimachen draußen, es sind gerade, also um 21:45 Uhr an diesem Sonntag, noch angenehme 22ºC, der viele Asphalt der Großstadt Bonn gibt noch Wärme ab. Auf der Niederkasseler Straße fuhr gerade ein riesiger John Deere Mähdrescher an mir vorbei, der sein Mähwerk, wie heute üblich, auf einem kleinen Anhänger hinter sich her zog.

Ich bin ja vom Land, genauer gesagt sogar „vom Hoff“, wie das in westfälischem Deutsch gesagt wird. Mein Vater hat auch Kornfelder bestellt und einmal im Jahr den Lohnunternehmer Terhardt (schreib der sich so? Keine Ahnung, ich kenne den Namen nur gesprochen) beauftragt, sein Korn mit einem seiner drei Claas Mähdrescher zu ernten. Das lief in etwa so ab:

Ab Anfang Juli fuhr mein Vater in seinem weißen W123-Mercedes mit variablen Besetzungen aus 1-6 seiner Kinder auf der Rücksitzbank seine Kornfelder ab, immer den Blick in den Himmel, um abzuschätzen, ob und wie lange es trocken bleiben wird. Dann am Feld anhalten, aussteigen, die Fahrertür offen stehen lassen, mitten auf der Straße. Ein paar Meter ins Feld reingehen. Ein paar Körner abpiddeln und auf eines draufbeißen. Er hat mir das mal gezeigt und auch ein Korn gegeben, das den Ernteanforderungen entspricht: Es muss ganz gelb sein, steinhart und wenn man es durchbeißt, muss es innen ganz weiß sein. Wenn das Korn so weit war, dann wurde der Lohnunternehmer bestellt und ein paar Tage später fuhr ein Claas-Mähdrescher auf unsere Felder. Damals™ waren sie Mähwerke noch nicht so breit, dass sie hinter dem Gerät hergezogen werden mussten, sondern fuhren gleichsam mit offenen Armen über die Straßen von Rhade. Der Mähdrescherfahrer, ein ganz dicker Mann mit einem Gebiss, das unten nur noch einen Zahn hatte, saß auf einer offenen Kommandobrücke und erntete das ganze Korn ab, meist hat mein Vater Gerste angebaut, keine Ahnung warum. Ich durfte das ein oder andere Mal mitfahren auf dem staubigen Mähdrescher, direkt hinter dem Fahrer gab es so eine Art Bullauge, durch das man in die Kornkammer oder wie auch immer das Ding in der Fachsprache heißen mag, gucken konnte. Und da sah man, wie sich über eine Archimedes’sche Schnecke von unten hochgepumpt das gerade ausgedroschene Korn in dieser Kammer sammelte. Wenn dieser Korntank im Mähdrescher voll war, kam mein Vater mit dem Trecker und einem Anhänger, dessen Wände in den Ecken mit Kartoffelsäcken abgedichtet waren, angefahren und der Mähdrescher fuhr seinen Arm aus. Das ganze Korn wurde auf den Anhänger geleitet, es hat mich immer beeindruckt, wie die Fahrer es hinbekommen haben, dass der Trecker so gefahren ist, dass der Anhänger erst hinten und dann nach und nach vorne befüllt wurde und kein Körnchen je daneben gefallen ist. Ich sehe die schwarzen Streifen im Schweiß am Hals meines Vaters vor mir, in dieser Hitze und dem ganzen Staub und seine gute Laune, denn Ernte war was gutes.

In den früheren Jahren, an die ich mich erinnern kann, hat mein Vater das geerntete Korn in der weißen Scheune bei uns auf dem Hof zwischengelagert, keine Ahnung warum. Später hat er dann die Ernte meist direkt zur Genossenschaft nach Lembeck gefahren. An der Genossenschaft fuhr man den Trecker mitsamt vollbeladenem Anhänger auf die große Waage. Ich blieb auf dem Trecker sitzen. Dann wurde das Korn in ein unglaubliches Bodengitter gekippt, von wo es wahrscheinlich irgendeinem Trockungs- und Lagerungsprozess anheim gegeben wurde. Dann wurde der Trecker mitsamt Anhänger und mir nochmal gewogen. Mein Vater, dieser Antiverbrecher, hat immer Wert darauf gelegt, dass ich bei der Abfahrt wieder mitgewogen wurde, nicht mal diese fünfundzwanizg, dreißig Kilo wollte er schuldig bleiben.

Die weiße Scheune steht ja heute noch und meine Schwester lagert darin heute das Heu und das Stroh für die paar Pferde, die heute auf unserem Hof stehen. Die Kornberge, die es in der Scheune mal gab, sind eine starke Erinnerung für mich, als Kind sind wir in kurzen Hosen in diese Kornberge gestiegen. Das warme Korn an meinen Beinen, der Geruch und die Temperatur werden auf ewig eines der Sinnbilder für meine Kindheit bleiben. Wie man das Korn durch die Finger rieseln lassen konnte und wie sich der Geruch, dieser ganze Sommer und dessen ganze Sonne, dadurch verbreiteten.
Meine Mutter erzählt heute manchmal noch die Geschichte, wie sie mal den weißen Mercedes in der Scheune geparkt hat, nachdem sie von einem großen Fest nach Hause gekommen war, in der festen Überzeugung, sie sei durchaus noch fahrtüchtig gewesen. Am nächsten Morgen hat sie die Radkästen aus dem duftigen Korn graben müssen, um den Wagen wieder aus der Scheune zu bekommen. Eine Anekdote.

Nach der Korn-Ernte dauerte es immer ein paar Tage, bis dann das Stroh eingefahren wurde. Mein Vater bestellte dann seinem „Freund Bernd Hülsdünker“, der eine Hochdruckpresse mit Ballenschleuder besaß. Mir kam es immer so vor, als habe Bernd Hülsdünker für meinen Vater das Stroh aus reiner Freundschaft gepresst, aber wahrscheinlich hat er Geld dafür bekommen. Anyway, die Hochdruckpresse mit Ballenschleuder der Marke Welger hatte öfter mal Probleme mit der Bindung, also dem Zusammenbinden der Strohbänder, die die Ballen zusammenhalten sollen, was sich darin äußerte, dass keine Strohballen (ca. 50x40x80 cm) auf den angehängten Strohwagen flogen, sondern weit hinaus stäubende Fontänen trockenen Einstreumaterials den Himmel verdunkelten. Dann musste immer auf irgendeinen Typen gewartet werden, der die Hochdruckpresse der Marke Welger an entscheidender Stelle reparieren konnte oder ein spezifisches Ersatzteil bringen musste oder so. In diesen Wartepausen haben sich die Männer über Trecker unterhalten, da habe ich gelernt, dass Schlüter die besten und vor allem wendigsten Trecker baut und Massey-Ferguson aber so gute Motoren hat. John Deere hat damals noch keine Rolle gespielt. Mein Grundschulklassenkamerad Jan-Bernd Heßling hat hingegen behauptet, dass Fendt so gute Trecker gebaut habe, dass die mit dem Treckerbauen aufhören mussten, weil die zu gut waren und das unfair gegenüber den anderen Treckerherstellern gewesen sei. Ich weiß gar nicht, neulich habe ich einen Fendt gesehen, der sah mir so aus, als sei der nach 1983 gebaut worden, aber das war sicher nur so ein Retro-Nostalgieding für so Romantiker wie mich. Von einem reichen Investor nochmal aufgelegt oder so. Die meisten Bauern in Rhade hatten jedoch International Harvester (IH) Trecker, weil der dörfliche Trecker-Reparateur Rubbert das Schild davon an seiner Werstatt hängen hatte. Keine Ahnung, ob das sowas wie so ein Brauerei-Knebelvertragsdingen war, wie man das von Kneipen kennt, nur für Treckerwerstätten halt.

Zurück zur Strohernte. Irgendwann war so ein Strohwagen voll mit wild durcheinander geschmissenen Strohballen (ca. 50x40x80 cm) und wir Kinder durften ganz oben darauf mit nach Hause fahren, unter den Ästen der höchsten Obstbäume von Winkelmann und Brahmert (schreibt man die so? Ich kenne die Namen nur gesprochen) durch, wo wir uns in vier Metern Höhe beim Tempo von ca. 25 km/h unreife Birnen abrissen und die anbissen, mit nackten Beinen auf den pieksigen Strohballen. Auf der Lembecker Straße musste mein Vater dann links auf unseren Hof abbiegen und keiner der Strohwagen hatte einen funktionierenden Blinker, so dass wir Kinder angehalten waren, den nachfolgenden Kraftfahrzeugen per Handzeichen zu signalisieren, dass die vier Meter hohe Strohwand vor ihnen nun abzubiegen gedachte. Immerhin, es ist nie zu einem Unfall gekommen. Auf unserem eigenen Hof kamen wir an unserem Birnenbaum vorbei, von dem wir uns auch eine unreife Birne pflückten und am Schluss unter den beiden dicken Kastanien. Komisch, letzten Frühling sind beide Kastanien umgefallen und vor ein paar Tagen wurde der Birnenbaum gefällt, weil meine Schwester eine neue Mistplatte für den Pferdemist bauen musste, damit die Umweltschutzauflagen erfüllt sind – kein Bashing der Umweltschutzauflagen, bitte! Ich finde das richtig, dass unser Mist den aktuellen Erkenntnissen und Auflagen entsprechend gesammelt und dann entsorgt wird!

Der Strohwagen wurde vor dem Heuaufzug abgestellt und wir Kinder und viele fleißige Helfer haben dann die zig Strohballen auf den Heuaufzug gelegt, der diese einzeln auf den Balken (also das Obergeschoss des Kuhstalls) befördert hat. Dieser Heubalken war etwas ganz spannendes. Wenn der voll mit Stroh war, hat da oben die Hofkatze Noni ihre Jungen geboren und großgezogen. Wir haben dort auch im Stroh übernachtet. Dieser Balken ist riesig und wenn er voll war, war er sicher. Aber gegen Ende des Winters, wenn das Stroh zur Neige ging, konnte es passieren, dass man vereinzelt auf den Boden des Heubodens stieß, der an manchen Stellen Holzluken besaß, deren Bretter löchrig und morsch waren. Wir hatten eine Heidenangst, da durch zu fallen und auf die Betonplatte der sich im Erdgeschoss befindenden Deele zu landen und dann tot zu sein. Daher haben wir immer darauf geachtet, dass wir nur auf Ballen kletterten und nie den Boden berührten.
Wenn der Strohwagen abgeladen war, blieb immer ein Haufen loses Stroh übrig, denn die Welger Hochdruckpresse mit Ballenschleuder hat auch nach Montage des heilbringenden Ersatzteils immer mal wieder einen einzelnen Ballen zerfetzt und auf den Wagen geworfen. Die ganze Strohernte mag aus so fünf bis acht dieser Strohwagen bestanden haben (meine älteren Geschwister oder die damaligen Rhader Helfer oder meine Mutter mögen das genauer einschätzen können), am Ende lag immer ein riesiger Haufen loses Stroh vor dem Kuhstall, just zu Füßen des Heuaufzugs. Beim letzten Wagen konnten wir immer aus vier Metern Höhe von der Leiterwand des Wagens in den Strohhaufen springen. Unsere nackten Beine waren dann fürchterlich zerstochen vom Stroh, und Staub und Dreck hatten sich in die Wunden gedrückt und wir sprangen dann in unseren Pool (jajaja, ich merke selbst, das klingt zu schön um wahr zu sein und Privilegien und so, aber zum Henker, so war’s!), was zu Folge hatte, dass unsere Arme und Beine mit dick angeschwollenen roten Kratzern übersät waren, die wegen des Chlorwassers höllisch brannten.

Was diesen Haufen losen Strohs angeht, bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ich meine, dass zumindest einmal Bernd Hülsdünker mit der Welger nochmal auf unseren Hof kam und, die Ballenschleuder abmontiert, das Zeug nochmal gepresst hat, wobei mein Vater das Stroh dann mit der Grepe in dieses Aufsammeldingen der Presse schaffen musste. Eine andere Erinnerung geht dahin, dass mein Vater den Strohhaufen mit dem Kleinen Trecker mit Frontlader in den Stall geschafft hat und wir vom Balken in diesen Haufen gesprungen sind. Wir hatten zwei Trecker, beides Massey Ferguson (weil die ja so gute Motoren hatten), den Großen Trecker und den Kleinen Trecker. Der Große Trecker war ein MF 575, der Kleine Trecker ein MF 135 ohne Kabine, aber mit Frontlader und orangenem Stahlbalken als Überrollbügel. Die Fotos, die ich hier im Internet gefunden habe, treffen meines Vaters Geräte schon ganz gut, für den Großen Trecker eigentlich voll, aber nicht für den Kleinen. Der Kleine Trecker war nämlich schon völlig hinüber, es gab keine Bremse mehr, man musste rechtzeitig auskuppeln und ein Gefühl dafür haben, wie weit er im Matsch/auf dem Hof/auf der Wiese dann noch rollen würde. Man konnte ihn nur noch mit einem großen Schraubenschlüssel starten, mit dem man zwei Pole kurzschloss, die dann den Anlasser starteten oder so. Keine Ahnung, was die technischen Zusammenhänge sind, aber ich könnte Euch heute noch zeigen, wo man den dicken Schraubenschlüssel dranhalten muss. Wenn das Ding dann ansprang, Funkenflug am Schraubenschlüssel, kam eine unfassbare Rußwolke aus dem Auspuff (oder vielmehr dem „Treckerturm“, wie ich das als Kind nannte).

Und jetzt hebe ich den Blick von meinem Laptop, in den ich das hier gerade reingetippt habe, es ist dunkel geworden in  Bonn. Ach, menschliches Gehirn, zu was Du fähig bist. Da fährt ein Mähdrescher an mir vorbei und ich hab kurze Hosen an und es ist warm und ich schweife derart ab. Ach, menschliches Gehirn, welche Erinnerungen Du zu speichern in der Lage bist, mit Bildern, Temperaturen und Gerüchen.

Ich gehe mit Polly wieder nach Hause und erst da fällt mir auf, dass meine Eltern mal zwei Charolais-Kälber hatten, eins hieß Friedchen und eins hieß Polly. Die Zucht, für die die beiden vorgesehen waren, kam leider nicht mehr zustande, weil mein Vater krank wurde, aber das schreibe ich vielleicht ein andermal ins Internet.

Versuch eines neuen Arbeiterlieds

Sie haben uns gesagt:
„Baut die Seite so:
schwarz und Arial den Text
die Links bitte in rot.“
Sie gaben uns ein PID,
doch kein gescheites BRS,
sie sagten dann „Auf Wiederseh’n
wir seh’n uns im August.“

Wir bauten und entwickelten,
und fragten dann und wann
nach einer Detailspezifikation
doch sie schickten uns davon.

Und dann im August,
die Texte schwarz in Arial,
die Links in schönem Rot,
sollt‘ plötzlich alles anders sein,
einen von uns schlugen sie tot.