Ein Projekt aus der Mitte der Netzgemeinde – Calliope

Ein Projekt entsteht aus der Mitte der sog. Netzgemeinde, es nennt sich Calliope, ich bin sehr erfreut, dass ich Teil dieses Projekts sein darf.

Was wir vorhaben

Come up and see me, make me smile!

Wir wollen Kindern und Lehrer*innen in der Grundschule gleichermaßen etwas an die Hand geben, um informatische Prinzipien on the fly in den bestehenden Fächern zu vermitteln. Vorbild war der MicroBit in Großbritannien – jedes Kind ein Board, ohne dass Eltern oder gar das Kind selbst etwas zuzahlen müssen. Zusätzlich wollten wir das in der Grundschule angehen, damit wir Begeisterung für diese Themen bei Mädchen und Jungen gleichermaßen wecken, bevor sie in die verbreiteten Genderstereoptype verfallen. Programmieren ist für Mädchen genauso ein Akt der Weltveränderung wie für Jungen. Oder, wie @SibylleBerg es just formulierte:

Erziehen Sie Ihre Mädchen zu Start-up-erinnen und nicht zu Frauen, die irgendwann mal einen Start-up-Gründer anhimmeln.

Wie kriegt man sowas hin? Wir haben 16 Bundesländer und somit 16 Staatskanzleien und 16 Bildungsministerien, jedes davon mit Geldmitteln ausgestattet wie ein Spatz mit Fleisch am Schienbein. Was braucht man also?

Man braucht ein Board, die Einbettung in die landesspezifischen Lehrpläne und man braucht viel Geld.

Das Board

Es muss für Grundschulkinder geeignet sein, es muss Kinderhänden standhalten, es muss schnell und niedrigschwellig Erfolgserlebnisse ermöglichen, darf aber gleichzeitig nicht nach einer Woche an seinen Grenzen angelangt sein, damit es nicht langweilig wird. Daher haben wir Calliope mini mit Grundschulpädagog*innen designt. Die Pins liegen maximal weit auseinander, daher die Sternform – das stellt sicher, dass auch Kinder der Dritten Klasse dort Kupferklebebänder ankleben können, ohne einen Kurzschluss zu verursachen. Wir haben die Bedienung und Programmierung derart vereinfacht, dass niemand Angst davor haben muss, mit Calliope mini im Unterricht zu arbeiten. Das ist der Grund, warum wir das Projekt eben nicht mit einem Arduino oder einem Raspberry Pi gestartet haben – simply weil alle Grundschulexpert*innen uns unmissverständlich klar gemacht haben, dass kein Kind und kein*e Lehrer*in in der Grundschule auch nur einen Handschlag mit diesen Systemen tun können. Der Lehrauftrag von Lehrenden ist die Vermittlung des Lehrplans und nicht das Erforschen von IT-Systemen. Deswegen musste Calliope mini so einfach sein, dass das mit etwas Begleitmaterial für jede*n Lehrer*in im Rahmen der normalen Unterrichtsvorbereitung möglich ist.

Die Didaktik

Damit sind wir beim nächsten Punkt: Auch wenn die oft gestellt Forderung nach einem Pflichtfach Informatik sehr sehr gute Argumente auf ihrer Seite weiß, hilft es dennoch wenig, ein ambitioniertes Projekt wie „alle Mädchen, alle Jungen, bundesweit, flächendeckend“ mit einer fundamentalen Umwälzung wie der Einführung eines neuen Fachs, zudem in der Grundschule!, zu verbinden. Ein Projekt mit dieser Zielsetzung kann nur zusammen mit dem Bildungssystem gelingen, nicht dagegen. Daher haben wir uns von Anfang an bemüht, Anknüpfungspunkte in den bestehenden Lehrplänen für den Einsatz von Mitteln, die informatische Grundprinzipien vermitteln, zu finden. Wir stehen da noch am Anfang, denn noch nie hat jemand etwas gleichartiges versucht, nicht einmal die Kolleg*innen von MicroBit in Großbritannien. Im Moment arbeiten wir eng mit Lehrer*innen und Medienpädagog*innen im Saarland zusammen, um unsere ersten Entwürfe und Ideen tatsächlich grundschultauglich zu machen. Die Materialien, die wir bisher auf unserer Website anbieten, sind ein erster Wurf, der so gut sein kann, wie vor dem ersten konkreten Versuch nur möglich: Wir haben Didaktiker*innen der Uni Wuppertal eingebunden und diese Konzepte an Grundschulen erprobt. Nichtsdestotrotz wird der flächendeckende Rollout im Saarland Erkenntnisse zutage fördern, von denen niemand im Vorfeld etwas hätte ahnen können. Was wir tun: Wir lassen diese Erkenntnisse ohne Umschweife in unsere Ansätze einfließen. Was Ihr seht, ist ein Prozess, kein Produkt – und in jedem Bundesland wird es andere Hürden und Spezifika geben. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit den Pädagog*innen in den landeseigenen Instituten, unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass wir es dort mit hochkompetenten, versierten und engagierten Männern und Frauen zu tun haben, die uns und unser Projekt entscheidend voranbringen.

Das Geld

In Anlehnung an ein Zitat des unvergessenen Bud Spencer habe ich bereits gesagt, dass die sechzehn Bildungssysteme, die wir in Deutschland haben, qua finanzieller Ausstattung niemals ein Interesse an größeren Erweiterungen entwickeln können, wenn diese mit erheblichen Kosten verbunden sind. Es muss also Kohle her, und zwar nicht zu knapp – und Kohle in diesen Mengen kann derzeit nur die freie Wirtschaft bereitstellen. Wir halten es für ein saugeiles Grundprinzip des deutschen Bildungssystems, dass es sich gerade nicht durch wirtschaftliche Interessen korrumpieren lässt und sind davon überzeugt, dass in unseren Klassenzimmern niemals Werbeveranstaltungen von Marken stattfinden dürfen. Wie aber bewegt man also Dickschiffe wie Google, SAP , Bosch und andere dazu, Geld und nicht unerhebliche Sachmittel bereitzustellen, ohne ihnen einen direkten Eingriff in den Unterricht zu erlauben? Wir haben deswegen eine gemeinnützige GmbH gegründet. Diese erlaubt es uns, Gelder einzusammeln und Geschäfte abzuschließen wie ein normales Wirtschaftsunternehmen – und zwingt uns gleichzeitig, jeden Cent in den Unternehmenszweck zu investieren. Keine verdeckten Gewinnausschüttungen, keine geheimen Auszahlungen an eine*n von uns, no monkeybusiness, verbrieft durch das Finanzamt Berlin (und das sind harte Hunde, wie wir während der Gründungsphase feststellen durften!). Bis auf zwei Kräfte, die für uns Projektmanagement und Koordination und Durchführung von Schulungen übernehmen, arbeiten wir alle bisher ehrenamtlich (strenggenommen haben wir sogar finanziell und zeitlich allesamt ziemlich viel reingebuttert). Alle Gelder, die wir von unseren Partner*innen aus der Wirtschaft erhalten, werden ausschließlich für die Produktion von Boards, von Begleitmaterial und didaktischen Konzepten und zur Durchführung von Schulungen eingesetzt. Steht auch so in unserer Satzung, die wir jüngst öffentlich gemacht haben (PDF). Gleichwohl – nur damit es zu keinen Missverständnissen kommt – werden wir ein Projekt dieser Größe nicht ewig völlig unentgeltlich betreiben können, eines Tages werden wir unsere Aufwände im Rahmen der Gemeinnützigkeit vergüten müssen – für die Miete wird’s reichen, für den Lamborghini nicht.

Wir wollen allen Kindern der dritten Klasse über das Bildungssystem ein Board zur Verfügung stellen – und wir wollen, dass diese Boards in den Schulen benutzt werden – und zwar von allen Kindern, unabhängig von den Möglichkeiten des individuellen Elternhauses. Zur Einführung sollen die wesentlichen Kosten durch Spenden aus der Wirtschaft getragen werden – auf Dauer wollen wir Calliope mini als Lehrmittel etablieren, so dass die Kosten systemisch getragen werden können. Um auch hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es entstehen Kosten. Unser Anliegen ist, diese Kosten möglichst ohne individuelle Zuzahlungen von Eltern zu decken, es liegt aber nicht allein in unseren Händen.

Die Crowdfunding Kampagne

Nichtsdestotrotz wollen ganz ganz viele Initiativen privater Art Calliope mini einsetzen, diese Initiativen sind bereit, für die Boards auch zu bezahlen. Was machen wir mit denen? Wir sind eigentlich voll damit ausgelastet, den oben skizzierten Ansatz über die Bundesländer umzusetzen – aber wollen, dürfen wir den Engagierten, die Calliope kaufen und freiwillig einsetzen wollen, vor den Kopf stoßen und sagen: „Wartet, bis Euer Bundesland ausgerollt hat?“ Wir denken nicht, im Gegenteil halten wir es für förderlich für das Gesamtprojekt, wenn wir von zahlreichen Freiwilligen Initiativen flankiert werden – die Sponsorengelder allein reichen ja bisher nicht einmal für alle Bundesländer, geschweige denn für zusätzliche außerschulische Projekte. Deswegen starten wir gerade eine Crowdfunding-Kampagne, um Calliope mini auch frei verkäuflich verfügbar machen zu können. Ab morgen kann jede*r ein Board für sich und gleichzeitig ein weiteres für ein Schulkind bestellen – ausgeliefert wird im April. Diese Kampagne läuft dabei losgelöst von unseren Bemühungen im Bildungssystem.

Die Lizenzen

Naserümpfen allenthalben, weil wir einen ersten Schulbuchverlag zum Partner haben. Cornelsen. Warum machen wir das, wir als Projekt aus der Mitte der Netzgemeinde? Was wir wollten, war Reichweite tief ins Bildungssystem hinein, dabei wollten wir aber dringend unsere Haltung bewahren: Freie und offene Materialien für alle. Und nun ist es passiert, es ist tatsächlich passiert! Wir haben einen ersten Schulbuchverlag davon überzeugen können, die Materialien für Calliope unter CC BY SA Lizenz zu entwickeln (PDF). Coolster Schulbuchverlagschef aller Zeiten: Mark van Mierle, Pionier, wahrscheinlich in Kürze unsterblich. Das Tor steht weit offen, /cc Klett und all die anderen.

Moi et le projet

Möglicherweise wird es immer welche geben, die uns das alles nicht glauben. Auf die trinke ich jetzt, Sonntag Abend, 23:55 Uhr, ein Bier, das ich mit Geld aus meiner ganz normalen Erwerbstätigkeit, der ich neben dem Calliope Projekt nachgehe, selbst bezahlt habe und wünsche mir, dass sie vielleicht eines Tages in der Lage sein werden, ihre Energie in etwas Produktives umzusetzen. Bis dahin versuche ich, mit Gesche, Stephan und den anderen, meinen eigenen Kindern die Welt ein bisschen besser zu machen. Ich tue dies für Ruhm und Ehre, für Eure Anerkennung. Seid nett zu mir, dann macht mir das unwahrscheinlich viel Spaß hier! Und klickt hier, um uns zu unterstützen oder kauft gleich tonnenweise unser kleines Board!

Mattern wir?

Als ich gerade den D64-Ticker schrieb, konnte ich Angela Merkel mit folgendem Satz zitieren, über den ich mich wirklich sehr sehr gefreut habe:

„Ich glaube, dass die Fähigkeit zum Programmieren eine der Basisfähigkeiten von jungen Menschen wird, neben Lesen, Schreiben, Rechnen. Die werden nicht wegfallen. Aber Programmieren wird nochmal dazu kommen.“

v.l.n.r.: ich, @katti, @thinkberg, Neele, @GescheJoost, Tilda, @birte2go (hinter Tildas Arm), Klaus-Jürgen Buss, Franka Futterlieb, @holadiho (hinter Frankas Arm), Thomas Kern

Und für eine kleine Sekunde dachte ich an den IT-Gipfel zurück, auf dem wir mit Calliope genau solche Aussagen wieder und wieder wiederholt haben. Und für eine Millisekunde dachte ich: „Ach guck! Mattern wir vielleicht doch ein bisschen, dass die Neuland-Kanzlerin nun eigentlich genau das sagt, was wir seit langem propagieren?“ Wahrscheinlich gibt’s da keinen Kausalzusammenhang, aber die allein die Korrelation gefällt mir schon.

IT Gipfel – eine Abrechnung!

Ich glaube, Ihr habt zwischendurch ein bisschen mitbekommen, dass die Kolleg*innen von @CalliopeMini und ich auf dem diesjährigen IT-Gipfel insgesamt ganz gut*) angekommen sind beim Publikum.

Nun ist der IT-Gipfel ja eine Veranstaltung, die völlig zu recht seit zehn Jahren als eine Veranstaltung kritisiert wird, die jedes Mal wie ein Feigenblatt vor den DDR**) gehalten wird und noch bevor der letzte Rollcontainer nach dem Abbau im letzten LKW verschwunden ist, sind die dort vorgestellten Projekte schon wieder vergessen.

v.l.n.r.: ich, @katti, @thinkberg, Neele, @GescheJoost, Tilda, @birte2go (hinter Tildas Arm), Klaus-Jürgen Buss, Franka Futterlieb, @holadiho (hinter Frankas Arm), Thomas Kern
v.l.n.r.: ich, @katti, @thinkberg, Neele, @GescheJoost, Tilda, @birte2go (hinter Tildas Arm), Klaus-Jürgen Buss, Franka Futterlieb, @holadiho (hinter Frankas Arm), Thomas Kern

Dieses Jahr durften wir mit Calliope mitmachen. Uns war sehr bewusst, auf was für einer Veranstaltung wir da ausstellen würden. Und wir wollten das anders machen. Wir wollten den Gipfel als Auftakt, nicht als Ziel. Wir wollten den Gipfel als Donnerschlag, der die Blicke auf uns richtet, damit wir die Unterstützung bekommen, die wir für eines der ambitioniertesten Projekte der Geschichte des Neulands dringend brauchen. Wir fangen jetzt erst an, Leute! Wir wollen nicht vergessen werden, sondern noch viel weiter, wir wollen, dass unser schönes föderales Bildungssystem informatische Kompetenzen vermittelt, statt sie zu verbannen. Wir wollen das mit dem System erreichen und nicht gegen dieses System. Klingt wenig revolutionär, ist es aber.

Stichwort Revolution, ich fange mal beim vielgescholtenen Sigmar Gabriel an. Ohne ihn gäbe es das Projekt Calliope mini schlicht nicht, fullstop. Auch auf die Gefahr hin, dass möglicherweise viele in ihrer Euphorie gebremst werden, wenn sie hören, dass ihr Lieblingsschuldiger Sigmar Gabriel in diesem Fall mal alles richtig gemacht hat, sind wir ihm persönlich zum Dank verpflichtet. Als @holadiho ihm die ersten Prototypen vorgestellt hat, die bei Berührung eine Star Wars Melodie abgespielt haben, hat er gesagt: Macht das! Aber legt mir vor, wie Euer informatisches Curriculum aussehen soll. Ich habe keinen Bock auf ein reines Technologie-Projekt, ich will ein Bildungsprojekt. Das war stark von Dir, Sigmar, echt mal ein Danke, das dicker ist als Du :)!

Der zweite revolutionäre Punkt ist, dass wir mit dem Bildungssystem zusammen arbeiten wollen. Bei aller Kritik ob der Schnarchigkeit des föderalen Bildungssystems, aber wenn man mal in so ein Landesbildungsministerium geht, dann trifft man plötzlich Menschen, die so viel mehr Erfahrungen haben als wir – oder zumindest ich -, die die Strukturen kennen, über die Lehrer*innen erreicht werden, die keineswegs digital bremsen, sondern im Gegenteil keinen Bock mehr darauf haben, neben Sigmar Gabriel die zweiten Defaultschuldigen der Republik zu sein. Die aber auch nur damit arbeiten können, was ihnen zur Verfügung steht. Als ich zusammen mit @katti in Mainz im Ministerium für Bildung unser Konzept in einem noch ziemlich frühen Stadium vorstellen durfte, haben uns die Expert*innen für die Grundschule (!) die Frage gestellt: „Warum in der dritten Klasse?“ und mein innerer Harnisch hatte bereits alle Stacheln ausgefahren, als sie die Frage nachlegten: „Warum nicht in der ersten Klasse? Als Einschulungsgeschenk?“. Mir blieb nichts anderes, als verdattert darum zu bitten, die zweite Frage bitte noch einmal zu wiederholen. Die meinten das ernst und seitdem will ich, dass das Ministerium für Bildung in Mainz meine Frau wird.

Aber nur, weil da noch nicht wusste, wozu das Pendant in Saarbrücken in der Lage sein würde. Wie mutig die dort zugegriffen haben, zu einem Zeitpunkt, als sie noch nichts hatten, als unsere Versprechen. Diesen Mut bewundere ich zutiefst und an dieser Stelle gilt es @r_fries zu danken, der alle Saarbrücken***) geschlagen hat zwischen uns, dem Ministerium und dem LPM. Was für eine saugeile Aktion, liebes Saarland, dass Ihr Euch das getraut habt. Was für eine unfassbar revolutionäre Handlung, lieber Ulrich Commerçon, sich so bold aus dem Fenster zu lehnen und uns damit dazu zu verpflichten, diesem Vertrauensvorschuss unbedingt gerecht werden zu müssen! So ein Support eines Politikers in Regierungsverantwortung motiviert ungemein! Seit dem 15.11.2016, als wir diese unglaublich schöne Veranstaltung in der Wiedheckschule mit den Kindern gemacht haben, bei der Mädchen und Jungen innerhalb weniger Minuten dem Minister das Coden beigebracht haben, will ich, dass Saarbrücken meine Frau wird, neben Mainz. Und Ulrich Commerçon. Und Rüdiger.

Aber ich schweife ab. Der dritte revolutionäre Punkt ist der unglaubliche @holadiho. Was für ein Mensch! Welch revolutionärer Akt, dass er für die Kanzlerin eine Krawatte angelegt hat! Aber mal im Ernst: Da lädt der mich 2013 dazu ein, zusammen mit ihm in eine Grundschule zu gehen, um da einen Projekttag „Internet“ zu machen. Später machen wir Tinkeringkurse mit Grundschüler*innen. Ich sage einfach immer ja, weil ich will, dass Stephan vielleicht eines Tages meine Frau wird. Der aber dreht das Rad einfach immer weiter. Geht zu Sigmar Gabriel ohne Powerpoint, sondern mit zusammengelöteten Boards, die Star Wars Melodien spielen können. Geht da hin mit einer Idee statt mit einem Konzept. Dann fängt der an, Leute zu fragen, ob sie mitmachen wollen (u. a. mich). Verspricht @GescheJoost, dass er ihre Frau werden wird, wenn sie uns hilft. Hat bereits da im Kopf, dass wir das ganze nur schaffen, wenn wir das ehrenamtlich machen und wenn wir eine gemeinnützige GmbH dazwischen schalten. Was für ein Gespür für Menschen, für ökonomische Strukturen und für Befindlichkeiten des Bildungssystems! Hat mit Bernd Poloczek einen Pädagogen an der Hand, der uns von Anfang an gesagt hat, was mit Grundschüler*innen funktioniert und was nicht. Wir verdanken Bernd Poloczek, dass wir wesentliche Defizite des MicroBit vermeiden konnten: „Wenn Ihr die Pins so dicht aneinander legt wie beim MicroBit, könnt Ihr die Stunde in der Grundschule vergessen, da werdet Ihr nur Kurzschlüsse haben und keine einzige leuchtende LED.“ Daher kommt die Sternform der Calliope mini. Aber ich schweife ab, bei Stephan, dem Monster, war ich eigentlich, muss aber vielleicht mal zum Gesamtteam Calliope übergehen.

Wenn ich mir in Bewusstsein rufe, dass wir vor elf Monaten nicht viel mehr hatten als eine Ideenskizze, vor allem große Ambitionen und ein Excel-Sheet, auf dem stand „800.000 Schüler*innen“, wenn ich dann sehe, dass die Hände meines Großen Sohnes einen Landesminister beeindrucken und dass die f2f Begegnung von Neele und  Tilda mit der Kanzlerin breite Euphorie hervorrufen, dann bin ich einfach nur dankbar, dass ich mit diesen Menschen so was tolles machen durfte. Das sind @thinkberg, der alles programmiert hat, @katti, die unermüdlich Workshops durchgeführt hat, @birte2go, die Presse-Events organisiert, von denen ich möchte, dass sie meine Frau werden, und nicht zu vergessen die Ingenieure von Delta Systems in Aachen, die den Abrieb von Sand in Wind oder Nordseebrandung im Kopf rechnen, bevor ich „zwei im Sinn“ gesagt habe.

Und jetzt stehen wir da, mit einem herzergreifend schönen Ergebnis auf dem IT-Gipfel, und was kann ich tun?

Ich packe kleinlaut einen Umschlag und tue, was ich am besten kann: Ich schreibe einen tränenrührenden Brief. Nach Mainz, packe drei Calliope mini in dazu, die ich am Ende des IT-Gipfels krawattetragenden Verächtern aus den Händen gewunden habe, und hoffe, dass wir vielleicht eines Tages alle unsere Frau werden.

 

 

*) Uns war klar, dass unser Thema ganz gut ankommt. Aber dass uns der Google CEO als „hidden star“ bezeichnen würde und dass wir’s in die Tagesschau schaffen würden, hatten wir nicht unbedingt erwartet. Wir freuen uns offengestanden gerade den Arsch weg ob der unfassbar positiven Resonanz. That’s what they call „resounding success“, glaubich.

**) Deutscher Digitaler Rückstand

***) Hammerwortspiel, oder?

Barrieren senken

Ah, wunderbar, die Diskussion über Digitales in Schulen ist in vollem Gange. Gestern hatten wir einen schönen Artikel bei ZEITonline, gerade hat Bundesbildungsministerin Wanka ein 5-Mrd.-Programm für die digitale Ausstattung von Schulen gefordert und heute meldet sich der Lehrerverband zu Wort.

Es gibt wie erwartet Widerstände: Soll „das Digitale“ als Pflichtfach Informatik eingeführt werden? Ist nicht Singen im Unterholz viel wichtiger für die Entwicklung von Kindern? Welche Inhalte sollen rausfliegen, wenn jetzt dieses ganze Digitalgedöns reinkommt? Sitzen die Kinder nicht sowieso schon genug vor „der Kiste“ resp. vor „dem Ding“ (aka Smartphone)? Löst sich alles in Wohlgefallen auf, wenn die bockigen alten Lehrer*innen erst alle weggestorben sind und wie von selbst nur noch Digitalenthusiast*innen nachwachsen?

Was mir zu den einzelnen Punkten derzeit so durch den Kopf geht:

Hier, Kinder! Ihr dürft jetzt über Euren Lehrer nachdenken, witzig, oder?
Hier, Kinder! Ihr dürft jetzt über Euren Lehrer nachdenken, witzig, oder?

Pflichtfach Informatik: Ich halte es für unbestritten, dass wir informatische Grundprinzipien, algorithmisches Denken, das Zerlegen von alltäglichen Abläufen in kleine Unterabläufe, schon in der Grundschule vermitteln sollten. Die Abfolge von Tanzschritten ist genau genommen schon ein Algorithmus. Man kann Kinder bereits im Kindergarten dazu auffordern, sich nach Alter/Größe/Haarfarbe sortiert aufzustellen – und wird dabei Zeug*in eines laufenden Algorithmus, ganz ohne Computer, Bildschirm oder Code. Das kann man sogar singend im Unterholz tun. Das große Problem eines „Pflichtfachs Informatik“ ist die Barriere, die diese beiden Begriffe aufbauen. Bei Pflichtfach denke ich – ganz Kind meiner Zeit – an einen separaten Block von Inhalten, der einen anderen separaten Block von Inhalten verdrängen muss. Nicht gut in der Diskussion und nicht gut in der Denke. Der zweite Begriff „Informatik“ lässt mir spontan den Geruch diverser Weichmacher aus Nadelfilzteppichböden und Batterien von hellgrauen AT-Gehäusen in die Nase steigen. Das Pfiffigste, was meiner Erfahrung nach im Fach Informatik gefordert wurde: Bilde eine Klasse „Mathelehrer“ und zeiche ein Klassendiagramm dazu. Na danke!

Dennoch gibt es auch wichtige Aspekte, die für ein „Pflichtfach Informatik“ sprechen: Wenn junge Menschen, die sich an die Uni begeben und dort vielleicht Informatik auf Lehramt studieren möchten, später keinen Job finden, weil Wahlkurse in ihrem Fach an gefühlt 90% der Schulen nicht zustande kommen, dann enstcheiden sich diese jungen Menschen wohl eher dafür, Deutsch oder Mathe auf Lehramt zu studieren. Die Folge: Alle Inhalte, die tatsächlich nur in der Informatik gelehrt und erforscht werden, bleiben auf der Strecke. Das einzige, wessen ich heute als Informatiklehrer sicher sein kann: Du bist alleine für das Netzwerk von 1000 Schüler*innen und einer Handvoll Kolleg*innen verantwortlich. Ich übertreibe. Aber nur ein bisschen.

Singen im Unterholz: Kinder sollen um Gottes willen gerade nicht in den unsäglichen Computerräumen der 80er und 90er Jahre verblöden. Aber wenn sie schon in den Wald gehen, kann man ihnen doch ein paar Sensoren und ein

Welches Rot hat welche Messwerte? Wie können Farbwerte überhaupt ausgedrückt werden?
Welches Rot hat welche Messwerte? Wie können Farbwerte überhaupt ausgedrückt werden?

einfaches Board mitgeben. Man kann sie Dinge messen lassen, Farbwerte zum Beispiel oder Schritte, vielleicht die Feuchtigkeit in einem Blumentopf. Wenn wir informatisches Wissen wie früher vermitteln („Hier ist der vi-Editor, jetzt lernen wir erstmal fünf Stunden, wie wir aus dem Shiceding wieder rauskommen!“) werden Kinder sicher weniger im Unterholz singen. Wenn wir das neu machen, werden sie sich informatisches Wissen ganz nebenbei aneignen. Das Rot der Schulmauer ist ein ganz anderes als das Rot der Fußnägel meines Lehrers, das kann ich in den Messwerten des Sensors genau erkennen.

Als wir die Tinkering Kurse in der Grundschule gemacht haben, wurde das ganze erst richtig spannend, als wir die Kinder gebeten haben, einer LED, die da nun so sinnlos auf dem Papier leuchtet, eine Bedeutung zu geben. Wenn wir mit der Bedeutung anfangen und uns fragen, wie wir diese informatisch abbilden, geht dem zu 99% eine sinnliche Erfahrung voraus. Das schöne dabei: Die Kinder machen nicht nur die sinnliche Erfahrung, sondern sie hinterfragen sie auch gleich und erhalten eine Erklärung dazu. Ich finde, schöner kann man sich die Welt um sich herum kaum erschließen.

Welche Inhalte sollen für das Digitalgedöns rausfliegen? Wenn wir algorithmisches Denken als etwas verstehen, was uns zusätzliche Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand gibt, müssen wir meiner Einschätzung nach nicht besonders viel von den alten Inhalten wegwerfen – wir müssen sie nur anders vermitteln. So wie Kinder heute ganz selbstverständlich Dinge aufschreiben sollen, könnten sie andere Dinge ganz selbstverständlich in eine Abfolge von Schritten bringen. Das ist dann schon ein Algorithmus, aber ich sage bewusst „Abfolge von Schritten“: In der allgemeinen Wahrnehmung ist ein Algorithmus etwas magisches, geheimes, was in nicht zu öffnenden Gehäusen Dinge tut, die wir nicht verstehen und nicht beeinflussen können. Aber genau diese Wahrnehmung ist ja gerade die falsche. Wenn wir es richtig anpacken, holen wir die Algorithmen aus ihren Gehäusen und gestalten sie – und machen die Erfahrung, dass sie dann genau das tun, was wir wollen. Übrigens eine Erfahrung, die mich jedesmal aufs neue völlig euphorisiert und imho das Zeug dazu hat, Kindern mit geringem Selbstbewusstsein (z. B. aus sozialen Gründen) ein gerüttelt Maß an Selbstvertrauen zu schenken.

„Die Kiste“ und „das Ding“: Wer nicht versteht, dass auf dem Display eines Smartphones höchst wichtige Dinge ablaufen, wird weiterhin denken, dass Kinder offenbar völlig bescheuert sind, weil sie auf eine tote Mattscheibe starren. Ein Smartphone ist aber kein Stück Holz. Es öffnet ein Fenster auf eine ungeheure Zahl höchstkomplexer und höchst wichtiger Dinge: Freundschaften, Wissen, Hilfe, Hilfsmittel, Organisation, Experimente, Gleichgesinnte, Straßenkarten, Wettervorhersagen… (you name it!). Wenn ich als Lehrer*in, als Vater oder Mutter, nicht begreife, was in so einer „Kiste“ vor sich geht, werde ich es schwer haben, damit um die Aufmerksamkeit der Kinder zu konkurrieren. Der einfachste Weg in die Aufmerksamkeit der Kinder ist übrigens, selbst in „dem Ding“ stattzufinden, und sei es nur mit einem Rätsel, dessen Lösung das WLAN-Passwort freigibt. Der Gedanke, dass Kinder sich zu wenig bewegen würden und sich sozial isolieren könnten, entspringt ebenfalls dem nicht sehr attraktiven Bild, das wir uns in der Vergangenheit von all dem Digitalen gemacht haben: Herumsitzen in ungesunder Körperhaltung in einem Raum ohne Tageslicht. Inzwischen laufen die Kinder aber mit Pokémon Go in Massen kilometerweite Strecken und tauschen sich darüber aus. Meine Söhne spielen Wii U online mit ihren Schulfreund*innen und sprechen darüber am nächsten Tag auf dem Schulhof. Sie wechseln sich vor der Konsole ab, wenn nicht genug Controller für alle da sind oder sie spielen gemeinsam. Dabei bewältigen sie höchst wichtige und komplexe soziale Herausforderungen: „Ich will ganz unbedingt dieses Level noch mal versuchen, beinahe hätte ich es geschafft, aber jetzt soll ich den Controller abgeben. Ich weiß, dass der andere eigentlich gerade dran ist, so haben wir’s ja abgemacht, aber ich beginne zu argumentieren und vielleicht lässt sich mein kleiner Bruder ja auch darauf ein. Lässt er nicht, was mach ich nur?“ Manchmal komme ich, der Vater, dann rein und muss helfen einen solchen Konflikt zu lösen, immer öfter ist das nicht mehr erforderlich.

Bockige alte Lehrer*innen und nachwachsende Digitalenthusiast*innen: Nur zweimal mit Lehrer*innen gesprochen, wird sofort klar: Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Es gibt junge Lehrer*innen, die gerade frisch von der Uni kommen und alles das, was ich oben beschrieben habe, für nichtig halten und lieber paukenpaukenpauken wollen. Auf der anderen Seite stehen aufgeschlossene ältere Semester, die Tablets ausprobieren, Flipped Classrooms veranstalten und Internetrecherchen sowieso bereist täglich nutzen. Der Knackpunkt dabei ist, dass einige sich die Freiheit nehmen, Dinge eigeninitiativ auszuprobieren, die sie nicht an der Uni gelernt haben, andere lieber dabei bleiben, was ihnen beigebracht worden ist. Wenn mich eine Materie überfordert, bin ich nicht in der Lage, diese Materie anderen zu vermitteln, schon gar nicht Kindern, die zusätzlich noch besondere didaktische Fähigkeiten erfordern. Wir müssen Lehrer*innen die Dinge beibringen, die sie vermitteln sollen, so unspektakulär, so einfach, so schwierig. Aber wie schaffen wir es, dass Lateinlehrer*innen genug informatische Fähigkeiten haben, um zusammen mit Schüler*innen einen Consecutio-Temporum-Algorithmus programmieren zu können? Eine Frage an die Lehre*innen-Ausbildung einerseits, an das grundsätzliche Selbstverständnis andererseits: Wenn ich bereits in der Grundschule in der ersten Klasse begriffen habe, dass sich beinahe alles in Abläufe zerlegen lässt, dann später begriffen habe, wie mehrere Abläufe miteinander in Beziehung stehen und in Beziehung gesetzt werden können, wenn ich dann noch später gelernt habe, Abläufe zu modellieren, so wie ich gelernt habe, dass Schrift aus Buchstaben besteht, dass ich einen Text wie eine Pressemeldung, einen Essay oder wie einen Tweet verfassen kann, dann wird es auch vielen jungen und den zukünftigen älteren Lehrer*innen viel leichter fallen, genau so etwas zu tun. Also z. B. einen Consecutio-Temporum-Algorithmus zu programmieren und ihn Consecutiotemporummsmotor zu nennen.

Ich bin mir nicht sicher, was ich mit all dem sagen will, aber es geht glaube ich in die Richtung von „wir wollen niemandem etwas wegnehmen“ und „wir müssen auch niemandem etwas wegnehmen“. Wir wollen es nur anders machen. Dafür aber ziemlich anders. Aber es ist eigentlich nicht so schwer, es anders zu machen. Wenn wir alles auf einmal anders machen wollen, dann erscheint es viel, wie ein unüberwindbarer Berg von Dingen, die ich noch nie gehört habe. Aber wenn wir, ganz Beppo Straßenkehrer – ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich – erst einmal damit anfangen, eine LED an eine Knopfzelle zu halten, dann geht’s.

Internationaler Mädchentag, Ada Lovelace Day und Calliope mini

Calliope mini

Es ist ein schöner Zufall (oder vielleicht hat @PatrickBeuth das ja auch ganz bewusst so gemacht? Diese Presseprofis überlassen ja nichts dem Zufall!), dass just heute, am Internationalen Mädchentag und Ada-Lovelace-Day der erste Exklusiv-Artikel über den Calliope mini bei ZEITonline erschienen ist. Das ist ein Projekt, das diese hervorragenden Leute hier ins Leben gerufen haben.

Wir wollen den mini ja vor allem aus zwei Gründen bereits in der Grundschule verteilen: Erstens wollen wir die Barrieren zu informatischem Denken so weit senken, dass weder Lehrende noch Lernende von Berührungsängsten abgeschreckt werden. Deswegen wollen wir in die bestehenden Lehrpläne und zwar schon in der Grundschule. Angefangen hat das Projekt genau genommen mit dem Elektronik-Bastelkursen, die @holadiho und ich in Grundschulen gemacht haben – und genau die stellen wir uns als einfachen Einstieg vor – eine LED an eine Knopfzelle halten, das traut sich jede*r. Und von da aus geht es dann Schritt für Schritt weiter – zunächst ganz ohne Bildschirme und ganz ohne Code.

Zweitens wollen wir dem Gendergap zuvorkommen. In der Grundschule sind Kinder egal welchen Geschlechts zunächst mal alle gleich interessiert. Wenn sie dann informatische Grundprinzipien spielerisch vermittelt bekommen, werden diese etwas ganz selbstverständliches, es kommt ja inzwischen auch niemand mehr auf die Idee, dass Lesen und Schreiben eine reine Jungssache wäre. Als wir das Projekt an diversen Stellen vorgestellt haben, gab es immer wieder den Einwand „Was?! Informatik an der Grundschule?! Ihr wisst schon, dass da nur Frauen unterrichten?“ Als ob Frauen biologisch nicht dazu in der Lage wären, solche Kenntnisse zu vermitteln. Ich glaube eher, dass sich Genderstereotype bereits so fest etabliert haben, dass man sich schon exotisch vorkommt, wenn man behauptet, dass dem nicht so ist. Was aber ein nicht zu unterschätzendes Momentum sein kann: Wenn in der Grundschule informatische Grundlagen gerade von überwiegend Frauen vermittelt werden, könnte das meiner Wahrnehmung nach dazu führen, dass diese Kinder vielleicht resistenter gegen eine spätere „Genderisierung“ technischer Inhalte werden.

 

Kleines Pils on our Wahnsinnserfolge

Der Boden ist karg, die Arbeit hart und die Erträge sind kümmerlich. Aber ab und an schmecken sie sehr süß.

Zum Beispiel hat der unermüdliche @larsklingbeil diese Woche im Deutschen Bundestag nicht nur die Störerhaftung ad acta legen können, sondern hat auch „D64“ gesagt – vor laufender Kamera. <3

Franka, Stephan und Gesche stellen unsere Initiative vor. Stephan hatte sich extra die Haare gemacht.
Franka, Stephan und Gesche stellen unsere Initiative vor. Stephan hatte sich extra die Haare gemacht.

Und auf dem MINT-Gipfel, wo alle schon dachten, es gäbe wieder nur hohle Phrasen zu bemängeln, haben die trefflichen @geschejoost, @holadiho und Franka erstmals öffentlich über unsere Initiative gesprochen, mit der wir allen Kindern der dritten Grundschulklasse in Deutschland ein Bastel- und Programmierboard zur Verfügung stellen wollen, so wie es die BBC in Großbritannien mit dem MicroBit vorgemacht hat. <3

Was man machen muss: Fordern und machen. Sich auslachen lassen und weitermachen. Machen wir.

 

Tinkering Workshop in der Arnold-von-Wied-Schule Bonn

Heute morgen war es soweit, ich habe einen weiteren Tinkering-Workshop mit Grundschüler*innen durchgeführt. Was wir da so generell machen, hat @holadiho ja schon mal vor längerer Zeit verbloggt, wir haben auch die Materialsets von Tinkersoup verwendet.

Stromquelle mit Krokodilsklemmen
Stromquelle mit Krokodilsklemmen

Eine kleine Erweiterung hatte ich noch vorbereitet: Ich hatte Holzklammern mit Kupferklebeband als Batteriehalter präpariert und diese dann mit Kabeln mit Krokodilsklemmen ausgestattet – damit konnten wir unsere Stromquellen sehr flexibel an die verschiedenen Arbeitsblätter anschließen, ohne die Kunstwerke auf den Blättern zu beschädigen. Ein kleiner Nachteil war aber: Alle Kinder wollten diese Stromquellen mit nach Hause nehmen, damit sie dort weiterbasteln konnten. Allerdings haben wir die wieder einsammeln müssen, weil ein weiterer Workshop an der Arnold-von-Wied-Schule stattfinden wird, der diese Stromquellen noch einmal verwenden soll.

Ganz wichtig ist: Der ganze Workshop war von Frau Engels, der Lehrerin der 1a, mit der ich den Kurs veranstaltet habe, exzellent vorbereitet. Wir hatten für jedes Kind eine eigene kleine Tüte mit Materialien (das Teilebuffet, wie wir es in Köln ausprobiert hatten, fand ich im Ablauf etwas chaotisch). Ich fand diese klare Zuteilung sehr hilfreich, weil die Kinder nicht so viel herumlaufen mussten und ihre Teile gleich am Platz hatten. Ausserdem muss ich mich beim Förderverein der Arnold-von-Wied-Schule herzlichst bedanken, weil er die gesamten Kosten für die Materialien übernommen hat – auch das ist ein kleines Manko: Knapp zehn Euro pro Set ist für einen flächendeckenden Einsatz an Schulen u. U. etwas teuer (ohne, dass ich jetzt wüsste, wie man das billiger machen könnte).

So, jetzt aber genug theoretisches Blabla, hier sind die sensationellen Ergebnisse des Wokshops, enjoy!

Das hier sieht ein bisschen nach Walpurgisnacht oder so aus.
Das hier sieht ein bisschen nach Walpurgisnacht oder so aus.
2015-06-10 09.34.50
Bild mit Kuh und Pulizei.
Das Auge des Roboters leuchtet gelb.
Das Auge des Roboters leuchtet gelb.
Ein leuchtender Baum.
Ein leuchtender Baum.
Ein stark leuchtender Stern in einem Garten.
Ein stark leuchtender Stern in einem Garten.
Eine von hinten grün beleuchtete Tanne.
Eine von hinten grün beleuchtete Tanne.
Ein Delfin mit leuchtendem Auge.
Ein Delfin mit leuchtendem Auge.
So sieht so ein Arbeitsplatz in dem Tinkering-Workshop aus.
So sieht so ein Arbeitsplatz in dem Tinkering-Workshop aus.
Ein maritimes Motiv mit Leuchtturm.
Ein maritimes Motiv mit Leuchtturm.
Gut zu sehen: Kupferbandführung und Stromquelle mit Krokodilsklemmen.
Gut zu sehen: Kupferbandführung und Stromquelle mit Krokodilsklemmen.
Ein weiterer Leuchtturm
Ein weiterer Leuchtturm

Kinder vom Wissen fernhalten

In den letzten Wochen war ich ja auf einigen Veranstaltungen, also genaugenommen dem Barcamp #DigitalLEBEN der SPD und der re:publica 15. Als Bildungsnussi vom Dienst bei D64 habe ich immer brav die Bildungspanels gehört und dabei hat sich ein Gedanke verfestigt:

Wir dürfen, finde ich, Kinder und Jugendliche in den Schulen nicht künstlich vom Wissen der Welt fernhalten.

Mir stellt sich das ganze Szenario so dar: In NRW stehen die Abiturprüfungen an und unter quasi polizeilicher Aufsicht wird versucht zu verhindern, dass die Schüler*innen heimlich auf dem Klo die Lösung der Abiaufgaben googeln.
Was sind denn das für Prüfungen, frage ich mich da, die ich mit zwei Minuten googeln auf dem Klo lösen kann? Und wenn ich die so lösen kann, warum soll ich sie dann nicht so lösen? Mich hat man eigentlich immer und zu allen Gelegenheiten in meinem Leben davor gewarnt, das Rad neu zu erfinden und dazu aufgefordert, auf das Wissen der Welt und der Menschheit zurückzugreifen. Das finde ich völlig richtig. Und ich finde, das sollten Schüler*innen auch tun, auch in Abiprüfungen.

Ich finde, es ist eine Qualität, wenn ein*e Schüler*in weiß, wie er/sie Informationen aus dem Internet zu beurteilen hat und wie man verschiedene Informationen verknüpft, um etwas neues daraus abzuleiten und Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn ich nicht weiß, wie eine Integralrechnung gelöst wird, dann google ich das selbstverständlich*) – das ist normales Verhalten bei Erwachsenen, bei Erwerbstätigen, auch bei Schüler*innen – außer, sie befinden sich gerade in der Schule. Das finde ich paradox.

 

*) hab ich jetzt nicht gemacht, es ist halb eins und der VDS-Ticker steckt mir noch in den Knochen, aber das ist eine andere Geschichte…

Bericht vom Barcamp #DigitalLEBEN am 25. April 2015

Gestern hat das Barcamp #DigitalLEBEN der SPD in Berlin stattgefunden und ich bin extra dafür und wegen der Aussicht auf einen schönen Abend mit den D64er*innen nach Berlin gefahren.

Wie es sich für ein ordentliches Barcamp gehört, steht man erstmal mit denen rum, die man kennt und trinkt einen Kaffee auf Parteikosten und macht ein paar Sprüche, um locker zu werden. Schließlich hat Yasmin Fahimi, also die Generalsekretärin der SPD, ein paar eröffnende Worte an uns gerichtet. Ich musste ihr recht geben, als sie sagte, dass DigitalLEBEN mehr ist als nur Vorratsdatenspeicherung.

Dann wurde das Grid gefüllt, allein zur VDS waren glaub ich sechs Sessions eingereicht worden. Nach kurzer Vorstellung der jeweiligen Themen ist dann am Ende dieser Plan dabei rausgekommen: Barcamp #DigitalLEBEN, Sessionplanung, 25.04.2015.

Session 1: Digitale Bildung

Als erstes bin ich natürlich zu Josefine Geib und Niklas Konrad mit dem Thema „Digitale Bildung“ gegangen. Was ich angenehm und für die SPD nicht selbstverständlich fand: Das Wort „Digital Natives“ ist nicht ein einziges Mal gefallen, es gab keine Verweise auf irgendwelche Hirnforschung und die ganze Diskussion war von konstruktivem Gestaltungswillen geprägt. Weder standen Bedrohungs- noch Verblödungsszenarien im Vordergrund, sondern vor allem die Erkenntnis, dass die Digitalisierung das bestehende Bildungssystem nicht „unterstützen“ oder „erweitern“ kann, sondern fundamentalen Einfluss darauf nimmt.

Mein Beispiel in dieser Diskussion war: Wenn Schüler*innen in den Abiturprüfungen mit aller Macht vom Wissen der Welt ferngehalten werden, indem Smartphones verboten und Zugang zum Internet unterbunden und als „mogeln“, Betrug oder Verblödung sanktioniert werden, kann man einerseits die Polizeipräsenz auf Schulklos massiv erhöhen oder vielleicht Aufgaben stellen, die darauf ausgerichtet sind, dass Schüler*innen diese mit Hilfe des Internets und digitalen Technologien lösen.

Insgesamt war die Session ziemlich vollumfänglich, so dass wir sehr sehr viele Aspekte angesprochen, aber nicht diskutiert haben. Die Liste der Themen war diese hier, ich schreib sie einfach mal so ab und denke, dass wir in der D64-Bildungsgruppe öfter noch darauf zurückgreifen werden:

Frühkindliche Bildung:

  • zu hohe Kinderbetreuungskosten
  • zu wenige Lehr- und Betreuungskräfte
  • zu viele Kinder auf eine*n Erzieher*in
Schule:

  • 3gliedriges Schulsystem
  • individuelle Lehrpläne
  • veraltete starre Lehrpläne
  • viele Initiativen in den Bundesländern, dennoch stehen wir nicht gut da
  • 1:1 Austausch Schulbuch:iPad wird der Digitalisierung nicht gerecht
  • uneinheitliche Standards im Informatikunterricht
  • IT-Ausstattung an Schulen, Finanzierung Bund?
  • IT-Fachkräfte an Schulen
  • Transport von Schüler*innen auf dem Land
  • Kontrollverlust durch digitale Medien macht Angst, wie überwinden wir das?
  • Schulbücher oft noch unanschaulich oder unkritisch
  • dass Lehrer*innen nicht von Schüler*innen lernen wollen!
  • inklusive Schule für alle
  • Medienkonsum ≠ Drogenkonsum
Ausbildung:

  • zu viele Unterschiede

Hochschule:

  • Lehrer*innenausbildung
  • begrenzte Kapazitäten / Studienplätze
  • „Verschulte“ Hochschulausbildung
  • fehlende Flexibilität bei Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen
  • Unversal- vs. Spezialwissen, hohe Diversität von Studiengängen
  • Verschulung vom Bachelor

Weiterbildung / Lebenslanges Lernen:

  • lebenslanges Lernen als Grundrecht/-pflicht
  • „seriöse“ Bildungsmöglichkeiten im Netz schwer zu finden
  • Selbstfinanzierung der Weiterbildung
  • barrierefreier Besuch in der VHS
  • Anreize und Freiräume für berufsbegleitendes Lernen
Sideboard:

  • Inklusion oft noch nicht reflektiert umgesetzt
  • negaitv/„Bedrohung“-gesteuerte Debatte
  • verschiedenes Lernverhalten
  • sozial ungleiche Bildungschancen
  • unterschiedliche Standards trotz „gleichem“ Abschluss
  • Bildung bereitet nicht auf das vor, was man braucht
  • Kultushoheit der Länder! einheitliche Lehrpläne?
  • Leistungsdruck statt Persönlichkeitsentfaltung
  • Finanzierung
  • Lernen zum Vergessen
  • Was ist heute Allgemeinbildung?
  • Kindersicherung im Internet
  • Föderalismus
  • Definition der Kompetenzen für #Digital(unleserlich)
  • Bildung 4.0?

Session 2: Bessere Vernetzung

Die zweite Session, die ich besucht habe, hat @kaffeeringe aufs Tableau gehoben, hier ging es darum, wie wir innerhalb der SPD die digitalen Themen auf eine breitere Basis stellen. Wie der D64-Musterantrag gegen die VDS ja gezeigt hat, kommt ja erst so richtig Druck auf die Leitung, wenn in der SPD Anträge beschlossen werden. Das geschieht im Moment hauptsächlich über die Ortsvereine oder die Unterbezirke (so heißen diese Gliederungen bei uns in NRW, woanders haben die andere Bezeichnungen). Das hat jetzt für die VDS ja ganz gut geklappt, viele haben entsprechende Beschlüsse gefasst, aber, sind wir ehrlich, für die VDS kommt das drei Jahre zu spät. Das Problem ist, dass das Thema in der Partei so lange gebraucht hat, um prominent genug zu werden, dass sich die „Standardgliederungen“ einen Beschluss dazu zutrauen. Bei weiteren digitalen Themen werden wir aber nicht wieder jeweils drei Jahre warten können, bis das Parteibewusstsein sich zur Entscheidungsfähigkeit entwickelt hat.

Daher hat Steffen vorgeschlagen, dass wir uns innerhalb der SPD stärker organisieren müssen. „Gründet Arbeitskreise auf UB-Ebene“, war der Tenor dieser Session und ich habe mir fest vorgenommen genau das zumindest erstmal in Bonn zu tun und darüberhinaus die Genoss*innen innerhalb des D64 darum zu bitten, das auch in ihren jeweiligen Gliederungen zu tun. Wenn wir uns schlaue Dinge bei D64 ausdenken, ist es ja umso schöner, wenn wir die dann auch gleich schlagkräftig in die Partei tragen können.

Steffen hat die Session auch gleich selbst noch einmal verbloggt, das könnt Ihr hier nachlesen: „Organisiert Euch!“

Nach der zweiten Session war erstmal Mittagessen, es gab Wurst, selbstverständlich nicht ohne den lieben @horax.

Session 3: Generation Gap in der Schule

Nach dem Mittagessen ging’s dann für mich im Hof weiter. Bei allerschönstem Wetter saßen wir mit @EskenSaskia und @lorenzotural in entspannter Runde und Lorenzo erzählte uns ein wenig aus seinem digitalen Schulalltag. Was mir besonders präsent geblieben ist:

  • Es werden Smartphoneverbote verhängt und die Kinder umgehen diese ebenso selbstverständlich wie mühelos.
  • Guter, interessanter Unterricht unterbindet ungewollten Smartphoneeinsatz ganz von selbst
  • Das Verhältnis Lehrer*in – Schüler*in ist von einem Machtgefälle geprägt, Lorenzo hat das so formuliert: „Die Lehrer haben kein Vertrauen zu den Kindern.“

Ich fand es einerseits sehr angenehm, diese Aspekte einmal von einem 14jährigen direkt ausgesprochen zu hören, auf der anderen Seite hatte ich ja heimlich die Hoffnung gehegt, dass der Schulalltag vielleicht weniger diesem Klischee entsprechen möge.

Aber es ist ja nicht alles schlecht, „Kohärentes Lernen“ (also quasi das, was sie da jetzt in Finnland im großen Stil aufziehen möchten) ist als Thema in der deutschen Bildungsdebatte angekommen – auch wenn wir weit davon entfernt sind, sowas konkret in Angriff zu nehmen.

Fazit

Ich fand das Barcamp eine sehr runde Sache, ich habe viele Bekannte getroffen und einige Netzbekanntschaften jetzt auch mit Gesicht versehen können. Ich finde aber, dass wir uns, zumindest in den Sessions, die ich besucht habe, häufig viel zu einig waren. Ich würde mir wünschen, dass mehr Genoss*innen an solchen Barcamps teilnehmen, die nicht unbedingt meiner Meinung sind und dass wir darüber tiefer gehende Diskussionen führen können. Der digital Divide geht quer durch unsere Partei und wenn digital dransteht, kommen die Alten nicht (um’s mal böse verkürzt darzustellen:)).

Andererseits ist es auch schön zu sehen, dass wir ganz viele digitale und ganz viele junge Genoss*innen in der Partei haben. Was mir immer wieder das Herz erwärmt ist dabei, dass die, die ich gesprochen habe, alle ganz tiefe Überzeugungen haben, die ich teile. Es wird selbstverständlich gegendert, es sind wie selbstverständlich Gebärdendolmetscher da,  alle Themen werden auf soziale Gerechtigkeit hin abgeklopft und es wird versucht, niemanden zu vergessen.

Abschluss mit @horax und @weyhmueller und D64

Nach dem Barcamp, einige haben’s vielleicht schon in der TL gesehen, gingen wir zum gemütlichen Teil über: @horax hat @weyhmueller und mir die schönsten Craft-Beer-Venues von Berlin gezeigt, wir sind dabei durch Gegenden gekommen, in denen ich spontan das Bedürfnis hatte, ein Fahrrad unabgeschlossen stehen zu lassen. Finally, in der StäV, aßen wir mit den D64er*innen etwas Himmel un Ääd, ein letztes Kölsch, und dann war ich um zehn brav in der Poofe.

 

Deutschlandreise mit Internet

Am 14. November fing sie an, meine Deutschlandreise mit Internet. Alle Hotels, alle Reiseverbindungen alle Vorabverabredungen online gebucht, die Bahntickets auf Papier ausgedruckt, denn Zugbegleiter*innen sind die einzigen Menschen, die QR-Codes scannen, und das exzessiv. Ausserdem brauche ich auf dem Bahnsteig alle zehn Sekunden die Rückversicherung, in welchem Wagen ich nochmal sitze und auf welchem Platz. Wagen 12, Platz 29. Zwölfneunundzwanzig, zwölfneunundzwanzig. Wann kommt der Zug? Nochmal nachgucken, ah, 8:29. Achtuhrneunundzwanzig. Gleis zwei, war doch richtig, oder? Zwei, Gleis zwei. Welcher Wagen nochmal? Dafür brauche ich das Papier in diesen digitalen Zeiten.

Als der Zug kommt, steige ich ein und setze mich. Handy im Anschlag. Die Jammerplaylist bei Spotify sicherheitshalber offline verfügbar gemacht, denn das mit dem Internet im Zug, das weiß man ja, ist immer so eine Sache. Es gibt einen Hotspot von T-Online, kostet fünf Tacken, soll ich? Ach komm, ist eine lange Fahrt von Bonn nach Berlin, das Abenteuer wartet, soll heute mal nicht drauf ankommen, raus mit der Kohle, rein mit der Welt in mein Handy und damit in meinen Kopf. Middelhoff und Manuela Schwesig sind am diesem Tag die Themen, der BVB grüßt in die TL und wird aus Brasilien, Saudi Arabien, und Malaysia zurückgegrüßt, und überhaupt aus der ganzen Welt. Ich lese was über die miese Lage der Twitteraktie und haue einen schnellen Tweet raus, der mir eigentlich immer noch gefällt. Die Jammerplaylist kommt bei den White Stripes an und geht über zu Jimi Hendrix:

Als ich in Berlin ankomme, bin ich mit @Rheinwaerts lose verabredet. Erstmal ins Hotel, die Sachen abwerfen, dann eine Message an ihn. In der Zwischenzeit Frage von @horax, ob wir vor der D64-Mitgliederversammlung schon mal ein Bier in der Tschechischen Bierbar im KaDeWe nehmen sollen. Ich sage hocherfreut zu. Ich warte noch ein wenig, ob @Rheinwaerts sich noch mal meldet, aber er hat an diesem Tag im Ministerium zu tun, also einen schnellen Burger in irgendeinem Laden gegen den Hunger. Ist nur so mittel, der Burger, macht aber nichts. Ich befrage Allryder, wie ich am besten zum KaDeWe komme und baldowere eine Route aus.

Im KaDeWe bin ich zu früh, also schlendere ich durch die Luxusabteilungen, mir ist etwas zu warm mit Jacke, Hoodie und T-Shirt drunter. Ich sehe ganz tolle Ittala-Sachen und überlege, ob ich was davon kaufen soll und in völliger Umnachtung und unter dem Einfluss des abwegigen Gedankens, dass ich sicher noch mal wieder her komme in den nächsten Tagen, kaufe ich nichts. Im sechsten Stock muss ich leider alle Gänge vollsabbern, weil es dort alle meine primären Dingse angesprochen werden: Wurst! Fisch! Bier! Porco Iberico! Whisky! Wein! Ich checke, wo genau hier jetzt die Tschechische Bierbar ist und gucke, ob @horax vielleicht auch schon früher da ist. Ein Taptalk von ihm erreicht mich in diesem Moment, es zeigt ein Foto vom KaDeWe von draußen – er ist also gleich da.

Wir bestellen Biere, er Budvar, ich Pilsener Urquell, und reden gleich mal los. Über die Post, die uns ja beide gewissermaßen ernährt und über das Tragen von Anzügen mit Krawatten. Wir sprechen über das Fressen von sauguten Dingen und beweinen, wie @frau_ratte als Vegetarierin mit dem Bio-Grünkohl, den ich unzubereitet zu Hause hatte zurücklassen müssen, umgesprungen ist („Kein Schweineschmalz! Keine Bregenwürste, nicht mal Mettenden! Ach, Bruder im Leid, lass uns trinken!“).

Wir brechen auf zur Mitgliederversammlung von D64. Dort gibt es noch einmal etwas zu essen und die Kollegin von der FES (wo das ganze stattfindet) stellt Flaschenbiere hin. Ich nehme pflichtbewusst erstmal ein Wasser. Alle sind pünktlich, als @EskenSaskia den Raum betritt, brandet etwas Jubel auf ob der zwei Millionen Euro, die sie im Bundeshaushalt für OER verankern konnte@Nico fasst dann schnell die Errungenschaften von 2013 zusammen. Vor meinem inneren Auge steigen die Bilder der Superklausurtagung 2013 auf und ich denke: Wir machen uns. Wir sind mehr. Wir haben mehr Frauen dabei. Unsere Geschlechterquote ist aber immer noch völlig in Missbalance. @valentinakerst bezeichnet @horax und mich, wie wir da so sitzen, ganz hinten am Ende des Tisches, als „Alterspräsidenten“, weil wir es uns ein wenig zu bequem gemacht haben, @Rheinwaerts kommt direkt aus dem Ministerium dazu und trägt noch eine Krawatte. @Nico verliest die Kandidat*innen für den neuen Vorstand und @holadiho schickt uns via Twitter die Aufforderung, ihm eine Flasche Bier durchzureichen. Am Ende ist @kettenritzel_cc froh, dass er den Job des Kassierers an @lutzmache losgeworden ist und ich meine, ich hätte einen verhaltenen Besenrührtanz von ihm gesehen – aber ich kann mich auch täuschen. Nach einer kleinen Anpassung der Beitragsordnung von D64  und der Wahl unseres neuen Vorstands gehen wir rüber in eine Tacobar, um wegen des großen Hungers etwas zu essen und ein paar Biere zu trinken. Wir lernen uns da alle besser kennen, es herrscht eine angenehme Stimmung. Wir sprechen da schon über digitale Themen, über Bildung, über Smartwatches und dürfen alle mal die coolen Dinger von @lutzmache und @domlen (oder war’s die Uhr von @schoemi?!) anlegen. Mit @Rheinwaerts bin ich mir einig, dass man nicht für das bis heute nicht enteignete Schmierblatt schreiben darf und wir finden, dass wir vielleicht besser Kontakt zum WDR knüpfen sollten, damit dieser in Kooperation mit D64 sowas wie den 7. Sinn digital dreht und abends vor der Tagesschau bundesweit ausstrahlt. Und wir fragen uns, ob es eigentlich so netzpolitische Vereine auch anderswo in Europa gibt oder nur in Deutschland und ob wir uns nicht mit denen mal zusammentun könnten. Ich mache Bekanntschaft mit @EskenSaskia und wir beide freuen uns, dass wir uns mal in Echt treffen und ich fühle mich ein wenig gebauchpinselt, dass sie mich aus der TL kennt. Sie sagt mir, dass sie gern, wenn es dazu käme, in einer Arbeitsgruppe „Bildung“ mitmachen würde.

Später, als die Runde sich auflöst, fahren @Rheinwaerts und ich mit dem Taxi in unser Hotel und klemmen uns auf einen Scheidebecher nochmal an die Hotelbar. Da wird’s bei mir nun zugegebenermaßen etwas nebulös mit der Erinnerung, aber ganz fest habe ich mir gemerkt, dass wir uns für den nächsten Morgen um 9:30 in der Lobby verabredet haben, um pünktlich um 10:00 Uhr bei der Superklausurtagung da zu sein.

Pünktlich um 10:00 Uhr sind wir da. Organisiert hat das ganze @kettenritzel_cc, der auch seine beiden Kinder dabei hat und ich denke: Wie schön! Hier sind nicht nur so bekloppte Digital-Nerds, sondern so bekloppte Digitial-Nerds mit Kindern. Die Superklausurtagung beginnt und ich sitze neben @leonidobusch, den ich sowieso schon immer völlig super fand, der mir aber auch ständig Freundlichkeiten entgegenbringt, die mich jeden seiner Beiträge im Netz mit allen mir zur Verfügung stehenden Accounts retweeten lässt.

Wir reden über das Verhältnis von D64 zur SPD. Bei der Frage, wer denn zusätzlich noch SPD-Mitglied ist, zeigen fast alle auf. Wir reden darüber, dass wir aber keinesfalls als SPD-Gliederung verstanden werden wollen. Wir wollen aber durchaus, dass wir als Verein wahrgenommen werden, der sozialdemokratische Werte vertritt. Wir wollen klar haben, dass wir finanziell und organisatorisch völlig unabhängig sind, sowohl von der SPD als auch von irgendwelchen Wirtschaftsunternehmen. Unser neues Vorstandsmitglied @ReichelS haut mal schnell den Spruch raus, dass es viel mehr so ist, dass die SPD den politischen Arm von D64 darstellt. Heiterkeit im Plenum. Aber wir stellen fest, dass es schon ganz gut und richtig ist, dass wir eine gesunde Distanz zur SPD haben und uns immer rausnehmen werden, diese zu kritisieren, wenn das nötig ist (genauso wie ich mir rausnehme, diese zu loben, wenn das nötig ist).

Wir bilden Gruppen, um Themen zu bearbeiten. @kettenritzel_cc gerät ob seiner Kinder, die so langsam etwas gelangweilt sind und sich selbst Beschäftigung suchen, ein wenig ins Schwitzen. Ich bin ganz hingerissen davon, dass sich niemand (ausser @kettenritzel_cc) davon aus der Ruhe bringen lässt und denke: Heja D64, mein Verein! Wir reden über interne organisatorische Dinge, Mitgliederbetreuung, Neumitgliedergewinnung und sowas und ruckedizuckedi ist Mittagspause. Wir gehen zu McDonald’s am Checkpoint Charlie und ich denke bei dem großen Touristenaufkommen dort, wie geil das ist, dass hier heute ein Mäckes ist und dieser Checkpoint nur noch eine Touristenattraktion. @Nico fragt mich ironisch, ob ich mich nicht mit diesen Grenzerstatisten fotografieren lassen will und kurz bin ich versucht, das wirklich zu tun, um @frau_ratte und den Kindern zu Hause ein schönes Taptalk schicken zu können. Aber dann ist mir das ein wenig zu unhip und das hätte auch nicht zu dem supercoolen Tonfall, den ich in dem Moment angeschlagen hatte, gepasst.

Nach dem Mittagessen teilen wir uns abermals in Arbeitsgruppen auf, ich begebe mich in die Gruppe „Bildung“, die ich selbst (neben anderen) vorgeschlagen habe. Wir machen ein Brainstorming. Wir finden ganz viele Aspekte und Themen und was alles so falsch läuft. Und @leonidobusch dängelängt und von den ausgetretenen Pfaden und ich denke daran, dass @EskenSaskia gerne in einer festen Arbeitsgruppe „Bildung“ mitmachen will. Am Ende haben wir vier wesentliche Blöcke da stehen, die wir in den nächsten Wochen und Monaten ausarbeiten wollen. Ich sage in der Gruppe, dass ich gern hätte, wenn wir uns noch heute als Arbeitsgruppe offiziell konstituieren.

Wir kommen wieder alle zusammen und jede Gruppe berichtet, was sie so erarbeitet hat. Ich präsentiere uns. Ich lege Wert darauf, dass wir neben den vielen Aspekten und besprochenen Diskussionsfeldern uns vor allem auch darauf geeinigt haben, dass wir uns mit persönlicher Unterschrift darauf committen, eine echte und institutionalisierte AG Bildung zu gründen. Ich schlage mich als Leiter vor und ich habe den Eindruck, dass alle ganz froh sind, dass ich das tue. Nicht, weil ich so ein Superbildungchecker wäre, sondern nur weil sich überhaupt jemand dazu bereit erklärt, sich den Hut aufzusetzen (um mal etwas Beraterdeutsch einfließen zu lassen). @valentinakerst notiert: Leiter D64 Bildung: Maxim Loick. Ich bin froh und freue mich seit dieser Sekunde darüber, bis heute! Ich kabelte die Neuigkeit gleich nach Bonn an @frau_ratte und per E-Mail bat ich Kommunardin @katharinchen um Unterstützung in ihrer Funktion als Lehrerin. Sie sagte mir alles in ihrer Macht stehende zu.

Um 18:00 Uhr war die Superklausurtagung zu Ende. Ich hatte mich vorher per DM mit @kommandomutti und @moellus verabredet, denn ich wollte den beiden und ihren Kindern ganz dringend meine Aufwartung machen. Sie empfingen mich auf’s allerherzlichste und wir schmierten uns zum Abendbrot herrliche Stullen mit Salami und @moellus riet seinem Sohn, er solle viel davon essen, so gute Wurst gäbe es nur bei Westbesuch. Ich durfte mit @moellus sein erstes Bier seit seinem Unfall trinken und danach mit ihnen allen zusammen Schlag den Raab gucken. Mit @kommandomutti geriet ich gleich wieder ins Politische über Kinderbetreuungsplätze und das Selbstverständnis von Westfrauen als gute Mutter. Im Nachhinein dachte ich, das war vielleicht etwas blöd, denn immerhin hatte @moellus einen ziemlich schweren Unfall gehabt und ich frage nicht nach seinem Wohlbefinden, sondern nach sowas. Mir war aber durch den Kopf gegangen, dass die beiden vielleicht gar keine Lust haben, immer nur über den Unfall zu reden, der ja im Moment, so meine Annahme, auch so schon ziemlich viel Platz in ihrem Leben einnimmt. Darum laberte ich irgendwas politisches und irgendwas anderes daher, ich hoffe, dass die beiden mir das nachsehen. Ich würde sowas gern richtig machen, aber weiß nicht so genau, was da richtig ist. Jedenfalls gehören @moellus und @kommandomutti seit Anbeginn meiner Twitterzeit zu meiner liebsten Twitteria und obschon ich sie eigentlich nur aus der TL kenne sind sie irgendwie ganz wichtig für mich geworden und ich habe viele Sprachelemente von ihnen in meinen aktiven Wortschatz übernommen. Ich möchte gerne für sie da sein, aber ich kann trotzdem nur das Internet für sie sein, aber das zumindest soll warm und gut sein.

Am Ende dieses Tages saß ich wieder mit @Rheinwaerts in der Hotelbar und wir ließen den Tag Revue passieren, während einer der Klitschkos einen anderen Boxer vertrimmt hat. Es wurde sehr spät und am Sonntag morgen ging es mir nicht sehr gut.

Ich hatte, na klar, viel zu viel Alkohol getrunken, aber auch seit Tagen nicht an zu Hause gedacht. Ich hatte @frau_ratte mit den Kindern zurückgelassen, mich wichtig gemacht und nur an mich gedacht, viel zu viel Alkohol getrunken und keine Vorstellung davon, wie es wohl zu Hause ausgesehen haben mag. Ich kam mir ein wenig selbstsüchtig vor und hoffte, dass ich wenigstens genug zu erzählen haben würde, wenn ich nach Hause kam. Aber es lag ja noch die Freiburg-Reise vor mir und dieser idle Sonntag in Berlin war ein Luxus, den ich mir einfach herausgenommen hatte. Hätte ich vielleicht doch zwischendurch zurück nach Bonn fahren sollen? Ich zögerte den Anruf nach Hause ein wenig hinaus, ich wollte, dass meine Stimme wenigstens ein bisschen normal klänge, aber es war nicht viel zu machen. @frau_ratte hörte wahrscheinlich gleich, wie mein Abend zuvor geendet war, aber sie gab sich Mühe, sich das nicht anmerken zu lassen, was ich aber gleich wieder merkte und allein dafür hätte ich zurück nach Bonn fahren wollen. Dieser Sonntag, der so vertan war, machte mir zu schaffen. Ich hatte keine Lust auf Brandenburger Tor und Berliner Postkarten-Sehenswürdigkeiten und ich hatte einen Kater.

Zum Glück gibt’s @klappstulli und ihre aus 100% großartigen Menschen zusammengesetzte Familie, @horax hatte mir schon am Freitag berichtet, um was für eine tolle Person es sich bei @klappstulli handelt. So schrieb ich sie per DM an und tatsächlich konnte ich sie und ihre Familie besuchen. Und wie wunderbar wurde ich empfangen, mit Tee und Keksen, und ich versprach gleich beim Betreten ihrer Wohnung, mich nicht in Politik zu verlieren. Die Kinder spielten und wir tranken Tee und ich durfte dem kleinsten Kind immer die selbstgebackenen Kekse reichen. Wir tauschten unsere TL-Bekanntschaften aus und dann redeten wir doch ein wenig über Politik und machten Pläne für Twitteria-Treffen im Rheinland und in Berlin und an jährlich wechselnden Orten. @klappstulli machte uns, also den Kommunarden in Bonn, Komplimente über die KommuneZwoNull und ich erfuhr, dass @moellus sie zum Twittern gebracht hatte und die Namen ihrer Kinder. Wir redeten über @rudelbildung  und ihr Blog und am Ende fuhr ich mit geweitetem Herzen ins Hotel zurück.

Dort angekommen musste ich mich mal langsam auf meinen Termin in Freiburg vorbereiten. Ich sollte dort auf einem Podium zum Thema „Digitale Realitäten an unseren Schulen“ diskutieren. Der Moderator hatte mich vorher per E-Mail kontaktiert und um ein paar Positionen gebeten. Ich hatte ihm ein paar Zeilen geschrieben und versprochen, ihn später noch mal anzurufen. Im Hotel angelangt, tat ich das nun und sprach fast eine Stunde mit ihm. Er fragte mich Dinge und ich antwortete ausschweifend. Dass ich die angstgetriebene Diskussion in der Schule-Digital-Debatte für schädlich halte. Dass ich der Meinung bin, dass das Internet wegen seiner großen Errungenschaften wie Kollaboration, Kopieren und Verändern und Empowerment so erfolgreich geworden ist. Dass die Gefahren nicht zu leugnen seien, aber dass sie einen erheblich zu großen Anteil im Diskurs einnähmen. Dass ich gern auf die positiven Aspekte eingehen würde, dass ich glaube, dass meine Kinder enorm vom Internet profitieren werden und dass wir politische Veränderung dafür brauchen. Ich kabelte abermals nach Bonn und sprach mit @frau_ratte darüber und sie gab mir viele hilfreiche Hinweise und den Rat, das klassische Lehrpersonal nicht zu überfordern.

Am nächsten Morgen checkte ich aus dem Berliner Hotel aus und lief zum Bahnhof. Allryder hatte mir gesagt, dass ich zu Fuß schnell dort sein würde. Erst als ich in den Zug einstieg, die ausgedruckte Fahrkarte mit Sitzplatzreservierung ständig zu Rate ziehend, bemerkte ich, dass die Bundeszentrale für Politische Bildung, die das Panel in Freiburg organisiert hatte, sich nicht lumpen ließ und erster Klasse für mich gebucht hatte. Aber der Zug hatte kein WLAN, so dass ich auf die Versorgung von O2 über die Luft angewiesen war. Es ging so gerade eben mit der Datenverbindung. Hatte ich auf der Hinfahrt nach Berlin noch frei von der Leber weg getwittert und gelesen und mich des Internets gefreut, war ich nun ganz eingeschüchtert von meiner neuen Aufgabe als Bildungsnussi von D64 und der zu erwartenden Diskussion in Freiburg. Immer wieder wälzte ich meine Argumente hin und her und versuchte mir, den Namen von Antje Bostelmann zu merken. Ich legte mir Pläne zurecht und wie das mit der Wagen. und Sitzplatznummer vergass ich jede Sekunde, was ich zuvor noch gedacht hatte. Der Zug schnurrte durch Nebel, der von oben von der Sonne beschienen wurde und es sah ganz wunderbar aus, aber ich guckte nicht so richtig raus, sondern baute mir Eselsbrücken von Bosseln über Bosteln zu Bostelmann, damit ich mich auf sie würde berufen können am Abend, wenn die Kulturpessimisten auch mich einstürzen würden. Hinter Frankfurt blieb der Zug stehen, es gäbe ein Weichenproblem. Ich guckte auf mein ausgedrucktes Ticket. Keine Zugbindung. Ich guckte in mein allwissendes Smartphone, nächste Verbindung von Mannheim nach Freiburg einfach eine Stunde später. Ich vertiefte mich wieder in Argumentationsketten und Eselsbrücken.

In Freiburg angekommen, lief ich zum Hotel, das man für mich reserviert hatte. Ein kurzer Weg. Frau Reuter vom Veranstalter rief mich kurz nach halb fünf an, ob alles ok sei, ob ich um fünf da sein würde und so weiter und so. Ich sagte alles ok.

Um fünf war ich am Veranstaltungsort. Ich traf die anderen Podiumsteilnehmer und wir fingen schon mal ein bisschen an mit der Diskussion, so als Übung. Meinrad, der Moderator kam und er machte ein paar verbale Lockerungsübungen mit uns. Frau Reuter teilte uns dann mit, dass nur wenige Besucher*innen gekommen waren, daher stellten wir Stühle zu uns auf die Bühne, so dass alle Besucher*innen mit uns auf dem Podium saßen. Wir wollten eine angenehme Atmosphäre und alle gleich behandeln. @HiBenni, der Schüler*innenvertreter auf dem Podium, war ziemlich jung, aber sehr versiert und reflektiert, ein guter Typ. Ich hatte gleich den Impuls, ihn zu fragen, ob er nicht Interesse hätte, bei D64 mitzumachen und uns in der Bildungsgruppe aus Schüler*innensicht zu unterstützen. Mal gucken, vielleicht hat er ja Lust.

Die Debatte verlief wie befürchtet: Bedenken, Cybermobbing und Kinder, die nicht mehr rückwärts laufen können waren diskussionsbestimmend. Ein Ruf nach der Politik wurde als „zu einfacher Ausweg“ angesehen, man traute mir wohl nicht zu, dass ich nicht mit dem Ruf nach der Politik zu stoppen, sondern ernsthaft die Politik in die Pflicht zu nehmen gedachte. Dass ich mich zu organisieren gedachte. Es wurde auf die Eltern verwiesen, die ihre Kinder mit Smartphones ruhig stellen, damit sie sich nicht um sie zu kümmern brauchen. Mein Einwand, dass wir doch hier über die Schule und deswegen über die Möglichkeiten der Schule diskutierten, wurde als zu einfach beiseite geschoben. Meine Positivbeispiele wurden als Einzelfälle abgetan, weil meine Kinder halt gerade Glück hätten, dass sie engagierte Eltern haben. Mein Einwand, dass aber doch genau das das Gebot der Gerechtigkeit sei, dass die Bildungseinrichtungen, seien es KiTas, Kindergärten oder Schulen, genau dort einspringen müssten, wo minderprivilegierte Kinder abgehängt werden, wurde beiseite gewischt, denn schließlich verabredeten sich Schüler*innen in geschlossenen WhatsApp-Gruppen, um sich gegenseitig zu mobben, ob ich davon schon mal gehört habe. Der Schüler*innenvertreter wandte völlig zu recht ein, das sei doch ein uraltes Phänomen, früher habe man die armen Würstchen halt hinter der Hausmeistergarage verprügelt, heute mobbe man sie in WhatsApp-Gruppen, das sei doch eine pädagogische Herausforderung jenseits jeglicher technischer Entwicklung. „Ja, aber was soll ein Lehrer denn da machen?“

Es war die Rede von Zügen, die sich in voller Fahrt befänden, auf die das Lehrpersonal nicht mehr aufspringen könne und ich wand ein, man solle ganz am Anfang, in der KiTa, selber den Zug anfahren und dabei die Kontrolle behalten, aber das ließ man nicht gelten, denn in der KiTa würde man die Kinder gleichsam anfixen mit der Verderbnis Internet und man habe ja keine Handhabe.

Ich wollte gerade „Empowerment der Minderprivilegierten!“ rufen, da war die Zeit um. Auf einem Beistelltisch lag das Machwerk von Manfred Spitzer. Wir hatten wieder die ganze Zeit über Hirnforscher und das Verderben gesprochen. Ich war einigermaßen frustriert und wollte die Diskussion nicht aufhören und flüsterte in die gelichteten Reihen etwas von „Vernetzung, es ist die Vernetzung, die uns empowert“, da mussten wir an die Theke gehen. Ich trank ein Bier und traf @DejanFreiburg. Er ist Lehrer. Und er sagte mir gute Sachen und bestärkte mich. Er hatte zugehört und sagte, dass er die Dinge ähnlich sehe wie ich.

Der Veranstalter hatte uns, die wir als Podiumsteilnehmer eingeladen waren, auch noch zu einem Theaterstück eingeladen, das unmittelbar nach unserer Diskussion stattfand. Ein tolles Stück, es hieß „Past and Present“, glaube ich. Wenn Ihr in Freiburg seid, seht Euch das an, es hat mich sehr beeindruckt, sowohl intellektuell als auch emotional. Es ging um einen Filmemacher aus Bangladesch, der einen Dokumentarfilm über sich und seine über den Globus verteilte Familie macht. Über Distanz und Nähe, über Kameras und Gespräche, über Konflikte zwischen den Generationen und die Horizonte der Menschen.

Nach dem Stück ging ich etwas essen und kabelte nach Bonn. Ich hatte nicht einmal Geschenke für die Kinder gekauft, weder in Berlin noch in Freiburg. Dieses Brauhaus, in dem ich aß, verschenkte Lebkuchenherzen. Ich bat um drei, der Mann hinter der Theke gab mir fünf. Ich ging ins Hotel um zu schlafen. Im Smartphone sah ich, dass noch eine Terminempfehlung in den D64-Ticker sollte, die ich kurzerhand einfügte. Ich wollte nach Hause.

Um 9:57 oder so stieg ich in den ICE nach Bonn. Ich wollte nach Hause. In Bonn/Siegburg stieg ich in die Linie 66. Als ich über dem Rhein war, war ich ziemlich erledigt. @frau_ratte war auf der Arbeit, ich holte den Hund und das Auto bei ihr ab. Dann fuhr ich zum Kindergarten, den Kleinen Sohn abzuholen. Dann holte ich den Großen Sohn aus der OGS ab, er hatte einen Freund dabei und sie spielten den ganzen Tag Lego. Abends brachte ich die Söhne ins Bett und habe ihnen Lieder gesungen und der Große Sohn hat gefragt: „Papa, was heißt Gute Nacht auf Französisch?“.