Soulfood

„Bleib doch da, du“, sagte der kleine Tiger.
„Der Bär kann ja so gut kochen, dass wir vor Freude immer weinen müssen, ist echt wahr.“
Und der glückliche Maulwurf blieb.

Ich will ja nicht rumjammern, aber die letzten anderhalb Wochen waren ziemlich anstrengend und jetzt jammere ich halt doch ein bisschen, weil ich finde, dass Fabian Hart recht hat und unmännliches Rumjammern Euer Bild von mir als eiskaltem Entscheider entscheidend erweitert. Und wenn ich mit einem Zitat wie dem da oben von Janosch einleite, dann tue ich das als Feminist trotz meines Wissens über die latente Frauenfeindlichkeit von Janoschs Büchern, weil ich in meinem Gejammer wie wahrscheinlich viele andere auch die Flucht in schöne Kindheitserinnerungen suche. Und nicht nur der kleine Bär und der kleine Tiger gehören zu meiner Kindheit, sondern vor allem auch viel Essen, gutes Essen mit vielen Menschen an einem Tisch.

Herbstlich sieht es heute draußen aus, bisschen grau, aber noch trocken, morgens stehen die Nebel schon über den Wiesen und die grünen und blauen Vierradantriebburgen von John Deere und New Holland donnern mit gewaltigen Maiswagen hin und her, die Maishäcksler nehmen mindestens fünf Reihen auf einmal und die Bauern auf den Treckern*) haben heute zum Glück weniger schadhafte Gebisse als die Helfer, die bei meinem Vater die Maschinen gelenkt haben. Wenn die Trecker über unseren Hof rollten – mit den vollen Wagen hinten um den Kuhstall herum, dann entladen auf der Siloplatte hinter dem alten Schweinestall, und vorne neben der weißen Scheune wieder hervokommend, um zurück zum Acker zu fahren – dann durften wir den ganzen Tag nicht raus, weil meine Mutter fürchtete, wir könnten unter die Räder geraten. Aber wir durften auf den Treckern mitfahren, da gab es sogar damals schon so kleine Notsitze für Kinder auf den Schutzblechen über den Hinterrädern. Diese Notsitze bestanden eigentlich nur aus einer gebogenen Metallstange, die als Lehne oder Geländer direkt auf das Schutzblech geschweißt war. So ein Trecker hat ja nun auch das Fahrwerk eines Treckers, so dass ich bei jedem Kiesel mit dem Rücken volles Programm gegen diese Eisenstange geworfen wurde, bequem war das nicht gerade, aber toll. Ein Heidenlärm. Auf dem Feld fuhr der Trecker mit dem großen Maiswagen so neben dem Maishäcksler her, dass der den gehäckselten Mais über diesen anscheinend zweihundert Meter hohen Arm direkt in den Wagen schleuderte, in einem nie versiegenden Strahl gehäckselten Maises. Dieser Maisstrahl war so dick wie die Arme meines Vaters, der nicht nur die leichten Stroh- sondern auch die schwereren Heuballen mit der Gräpe bis auf den Balken schmeißen konnte. Den ohrenbetäubenden Krach des Maishäckslers haben wir Kinder als ein Geräusch versucht wieder zu geben, für das man in der Schriftsprache wohl am ehesten das schwedische Å sehr laut und andauernd einsetzen muss. In Abgrenzung dazu war das Geräusch der Mähdrescher bei der Getreideernte weniger offen und rhythmischer, unterlegt vom zisselnden Schnitzeln der Messerreihe. Ich schweife ab.

So eine Maisernte dauert den ganzen Tag, früher, wir hatten ja nichts, nahm so ein Maishäcksler nämlich nur drei Reihen auf einmal. Wenn es dann schon dunkel war, kamen alle die Helfer (und es waren nur Männer) in unsere Küche und aßen die fünfzig Liter Gulasch, die meine Oma gemacht hatte. Die Helfer hatten tatsächlich schadhafte Gebisse und sprachen rhoaschkes Platt, das sich im Detail vom Erler Platt signifikant unterscheidet, wie man mir später versichert hat. Die Themen waren die Maschinen und er matschige Untergrund auf den Äckern und dass bei Hüls die Ernte vorgestern unterbrochen werden musste, weil der Maishäcksler im Morast stecken geblieben war. Kaputte Drainagen, die die Felder und Wiesen entwässern, waren, fällt mir gerade ein, auch immer Thema. Der Krach am Tisch war meiner Erinnerung nach kaum geringer als auf dem Trecker und die Männer haben meiner Erinnerung nach immer mit beiden Händen gegessen und beim Reden eigentlich gar nicht gestikuliert, weil sie die ganze Zeit gegessen und gegessen haben, bis sie dann den letzten Teil der Ernte einfahren mussten und auf ihre Maschinen zurückgekehrt sind. Ich habe diese Männer nie in PKW gesehen, ich glaube, die bewegen sich bis heute ausschließlich auf Maishäckslern und Treckern fort. Die Verbindung aus gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen gutem Essen als Refugium ist mir geblieben.

In der Szene in Ratatouille, in der der böse Restaurantkritiker den ersten Bissen von Remys Ratatouille nimmt, fährt die Kindheitserinnung in ihn. Ich habe heute Lust, Eintopf zu kochen, ich weiß noch nicht, welchen, aber er muss mit beiden Händen zubereitet und mit beiden Händen gegessen werden. Und ich will Bier und Schnaps dazu und viele laute Menschen und wir sprechen dann eine Sprache über unsere Themen und erlauben uns ein wenig „wir“ und loben uns gegenseitig für die Dinge, die wir gerne tun, denn Lob für Dinge, die wir gerne tun fühlt sich nach Liebe an, während Lob für Dinge, die wir nicht gerne tun, eben Lob bleibt und gerade einmal unser Haar streichelt statt mit dem riesigen Löffel voll in unsere Eingeweide zu fahren.

So war das in Rhade und so machen wir das, lasst alles stehen, ich räume das hinterher mit Vergnügen in den Spüler, wenn Ihr Euch nur auf die Oberarme haut und dabei johlt. Dann weine ich vor Freude und niemand muss super schlau sein oder entscheiden oder bedenken.

 

*) Ich sage so gerne Trecker, weil da das schöne plattdeutsche „trecken“ für „ziehen“ oder „schleppen“ drin steckt – und möchte der Pollykowskaja gleich „vertreck di!“ an den Kopf werfen, wenn sie verbotenerweise ihre Nase auf den Tisch hebt. Dabei kann ich eigentlich gar kein Plattdeutsch, was sehr schade ist.

Über die gute alte Zeit abgeschweift

Sitze in der Küche, lasse „Nirvana – MTV Unplugged In New York“ laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Großeltern in schwarzweiß stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzweiß gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen übersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.

„Was treibt Dich an?“ sollte ich vor ein paar Tagen beantworten für ein Video, das die gute Sarah vom Digitalhub Bonn gedreht hat. Ich weiß nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja über den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.

1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen haben müssen. Ein Stück, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht überzeugt. Kann natürlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach – vielleicht trügt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit…). Seit wir „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen und sogar einmal in einer Aufführung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem Stück nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er/sie vorhatte, scheitern. Und „letztlich daran zerbrechen“, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realität und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das überhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Gedächtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja über den Radweg gegangen bin, denke ich: Was für ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die Fähigkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu können. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie überhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht später nochmal nach).

Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fröhlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (ächtz, was für ein Satz!), dann macht mich das tiefglücklich. Und dann fühle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen müsste.

Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein schönes Gefühl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gefühl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Früher war alles besser, Wählscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was für eine Shice! „Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys“, so eine Shice, Mann! Ich hab ständig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzublättern oder weil was passiert ist? Muss ich mich über ihn ärgern oder muss ich ihm eher noch den Rücken stärken, weil ihm vom löchrigen ÖPNV im Westmünsterland übel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zurückspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zurückspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!

Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, „Die Opodeldoks“, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert wäre, wenn da nicht der Opadeldok wäre, der immer „Früher war alles schlechter!“ sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenwärtigen „Früher war alles besser“. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit über vierzig, ist mir aufgefallen, was für ein saucooler Hippie so ein Opa wäre, der ernsthaft „Früher war alles schlechter!“ zu seinem Mantra gemacht hat. Was für ein starker Charakter das wohl wäre.

Da fallen mir auch gerade die Vorwürfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder überall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockgeräten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, während wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich übrigens tatsächlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu können, während man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit „Heja BVB“, „Annes Schlaflied“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Das alles machen wir™mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier überall Plakate in der Stadt, auf denen stand: „Mehr Zeit für Kinder!“. Heute müssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder hätten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir müssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos überfahren lassen. Wir müssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung über 70 Jahre ermöglicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine Söhne müssen nicht mit Patronenhülsen in Kratern spielen, wir können ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.

Und doch: Meine Gefühle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged höre. Es macht ein gutes Gefühl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal gehört habe, sehr präsent ist. Es fühlte sich damals gut an, es fühlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt: Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass früher irgendwie doch alles schlechter war. Aber unsere Gefühle waren echt. Meine Gefühle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche – und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen Füßen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Geräusch der Mähdrescher oder Maishäcksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.

Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verstümmelten Seelen misshandelter Kinder große Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder überlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen könne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das Rüstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich Fähigkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerstörbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Blödheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele Überschüsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu können.

Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben können? Was ich übrig habe, das könnt Ihr haben! Wäre doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schlänge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) Heute habe ich von einer Studie gehört, dass Teilen glücklich macht. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in dreißig Jahren eines meiner Kinder sowas ähnliches bloggt, dann führe ich einen Besenrührtanz um meinen Rollator auf.

Blogparade „Wir stehen zusammen – #WithRefugees“

Der fabelhafte Peter Ruhenstroth-Bauer hat in seiner Funktion als Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe zu einer kleinen Blogparade aufgerufen – und weil ich zum einen Peter toll finde und weil zweitens die deutsche Blogosphäre imho mal ein deutliches Zeichen setzen sollte, wer hier eigentlich die Mehrheitsmeinung vertritt, beteilige ich mich sehr gern daran.

Hier die Fragen und meine Antworten darauf:

Wie hat sich die Willkommenskultur in Deutschland deiner Meinung nach verändert?

Als im Sommer und Herbst 2015 u. a. wegen des Krieges in Syrien sehr viele Geflüchtete nach Europa und vor allem auch nach Deutschland kamen, war ich richtig ergriffen ob der Hilfsbereitschaft, die unzählige Freiwillige und Ehrenamtliche an den Tag gelegt haben. Die „Trains of Hope“ liefen in vielen deutschen Großstädten ein und tausende Geflüchtete wurden dort mit offenen Armen, Spenden und direkter Hilfe begrüßt. Angela Merkel hat mit ihrem Satz „Wir schaffen das“ ein sehr wichtiges Zeichen gesetzt, nämlich dass wir nicht nur verpflichtet sind, Menschen in Not zu helfen, sondern dass wir auch das Selbstvertrauen haben sollten, dass wir das auch können. Tausende Freiwillige haben das eindrucksvoll bestätigt. Heute, zwei Jahre später, ist zumindest in den Medien der Ton ein anderer. Konservative erzählen uns was über „sichere Herkunftsländer“, in die Geflüchtete abgeschoben werden sollen, auch wenn dort Menschen nach wie vor Terror, Krieg und Gewalt ausgesetzt sind.

Dabei habe ich das starke Gefühl, dass bei denen, die bis heute freiwillig helfen, sich an der ursprünglichen Haltung eigentlich gar nichts geändert hat. Ich glaube, dass die, die 2015 nachts zu den Bahnhöfen geströmt sind, das heute wieder tun würden. Ich glaube, dass die, die bis heute täglich freiwillig und ehrenamtlich Hilfe leisten, immer noch genauso zahlreich sind – aber nicht so laut. Warum auch, wenn ich täglich wie selbstverständlich meine gute Arbeit abliefere, dann ist das eigentlich keinen schreienden Medienbericht wert. Wäre es aber eigentlich doch.

Was Angela Merkel bei ihrem eigentlich guten Satz „Wir schaffen das“ vergessen hat: einen Halbsatz, der mit „indem wir“ anfängt. Einer entschlosseneren Kanzlerin wäre so ein Halbsatz leicht gefallen.

Was können du und andere Blogger unternehmen, um die öffentliche Meinung gegenüber Flüchtlingen positiv zu beeinflussen?

Wir sollten dem, was vielen selbstverständlich erscheint, mehr Raum geben – im Internet, in den klassischen Medien, in den Schulen, im Bus morgens, in den Büros und in den Kneipen. Wir sollten nicht von Flüchtlingswellen sprechen, sondern uns Mühe geben, die persönlichen Schicksale zu erkennen und von diesen zu erzählen. Wir sollten uns Mühe geben, das Framing zu verändern, in dem über Geflüchtete gesprochen wird. Wir sollten uns klar machen, dass Flüchtlingshilfe ein wesentlicher Faktor gegen Radikalisierung ist – und genau das sollte in allen o. g. Kanälen von den Blogs über die Schulen bis in die Kneipen ein allgemeiner Tenor werden. Blogger*innen spielen dabei eine nicht unwesentliche Rolle, prägen sie doch maßgeblich Diskurse, die online geführt werden, indem auf ihre Artikel in Diskussionen in den verschiedenen Timelines einfach verlinkt werden kann.

Hast du eine Idee, was Menschen, die sich (online) für Flüchtlinge engagieren möchten, noch tun können?

Tut Euch zusammen. Bei Facebook gibt es die fabelhafte Idee #ichbinhier – dort tun sich Menschen zusammen, die in Online-Diskussionen Widerstand leisten gegen Hetze und an den Haaren herbeigezogenen Kommentaren. Dort findet man konkrete Hilfe, wie man sich dem Hass entgegenstellt.

Und das ist symptomatisch dafür, was man tun kann: Sich gegenseitig stärken, sich virtuell unterhaken, der Sprache der Hetze eine andere Sprache entgegensetzen, die „Frames“ zu verschieben. Durch die Verwendung von Namen statt von Zahlen – und vor allem durch das klare Bekenntnis: Ich stehe hier und bei mir treffen Geflüchtete und deren Helfer*innen auf ein offenes Ohr.

Hattest du schon persönliche Begegnungen mit Flüchtlingen? Erzähle uns doch von Deiner Begegnung.

Meine Kinder berichten, dass in ihren Klassen auch geflüchtete Kinder auftauchen und dass diese Kinder es nicht leicht haben. Dass sie manchmal aggressiv sind – und sogar mein sechsjähriger Sohn versteht, dass solche Aggressionen Gründe haben müssen.

Wir haben, unsere Kinder, @frau_ratte und ich, einer Geflüchtetenunterkunft in Bonn mal 200kg Spielsand im Baumarkt gekauft. Die Kinder haben ihr abgelegtes Sandspielzeug dazugelegt. Als wir später am Abend ein Foto in der TL sehen konnten, auf dem die Kinder der Geflüchteten mit unseren Sandautos und Schippen gespielt haben, hat das glaube ich in meinen Kindern etwas sehr schönes ausgelöst. Das Gefühl, geholfen zu haben, ist etwas sehr schönes und eindrucksvolles, das sollten wir viel mehr kultivieren.

So, und wenn Du selbst vielleicht auch noch eine Kleinigkeit tun möchtest, dann

a) schreib auch einfach eine Blogpost und
b) unterzeichne wenigstens die Petition der UNO Flüchtlingshilfe.

Ich beginne, @Nico zu verstehen

Komisch fand ich immer, wenn @Nico Bilder seiner Socken aus der Bahn oder so gepostet hat. Ich dachte: „Komische Selbstinszenierung, personal branding über Ringelstrümpfe, wie albern.“

Errungenschaft des Tages: ich hab jetzt Happy Socks! <3 (schön rot, wählt die SPD!)

Ein Beitrag geteilt von Maxim Loick (@pausanias09) am

Gestern habe ich mir vier Paar Happy Socks gekauft und gleich mal eins davon angezogen. Und wie überwältigend war der Effekt: Immer, wenn mein Blick zufällig auf meine Füße fiel, habe ich mich sehr gefreut, denn meine im nackten Zustand zugegebenermaßen eher verhalten fröhlichen Füße sehen mit einem Mal atemberaubend aus! Und jeder Blick darauf ist herzergreifend! Ich möchte Euch mit Fotos von meinen mit bunten Socken bekleideten Füßen vollposten, um diese Freude mit Euch zu teilen. Und ich beginne zu verstehen, dass es bei @Nico vielleicht nicht um personal branding geht, sondern um das jede*r Sozialdemokrat*in innewohnende Bedürfnis, Freude immer gleich mit der ganzen Welt teilen zu wollen.

Disclaimer: Mir hat keiner was dafür bezahlt, ich finde sowohl meine neuen Socken als auch @Nico auch ohne Bezahlung cool.

Keine Fragen, keine Vorbehalte

Gerade hat @TantePolly bei Twitter diese Frage gestellt:

Und da erinnere ich mich an eine ca. 8 Tage zurückliegende Episode… Ich fuhr den Großen Sohn zu seinem Freund L in Oberkassel, auf dem Rückweg wollte ich auf die B42 auffahren, als da am Rand der Auffahrt ein Typ fuchtelnd neben seinem ziemlich alten Mercedes stand und mich rechts ranwinkte. Ich ließ das Fenster der Beifahrerseite runter und in hektischem gebrochenem Englisch bedeutete mir der Mann, dass er kein Benzin mehr habe und irgendwas mit seinem Baby und seiner Frau sei, Klinik! Durchs Fenster hatte ich gesehen, dass er einen etwa neun oder zehn Jahre alten Jungen hinten im Auto hatte. Der Mann fragte mich nach Geld und bot mir seine vergoldete Uhr an, seine Stimme überschlug sich und nur wenige Worte ergaben einen Sinn in meinem Kopf. Jedenfalls habe ich ihm einfach die 30 Euro gegeben, die ich noch im Portemonnaie hatte. Er hat mir die Hand mehrfach geküsst, schien mir aufrichtig dankbar und emotional immer noch sehr aufgewühlt. Die vergoldete Uhr, die er mir durchs Fenster schon auf den Beifahrersitz gelegt hatte, habe ich ihm selbstverständlich zurückgegeben und ihm gesagt, dass ich ihm das Geld schenke, weil er in Not sei und ich ihm dafür seine kostbare Uhr nicht abnehmen wolle.

Er hat sich so bedankt!

Als ich weiterfuhr dachte ich: Der steht ohne Benzin in der Auffahrt… nützen ihm da 30 Euro in bar überhaupt was? Kommt er noch bis zur nächsten Tanke? Oder hat der mir was vorgespielt? Vielleicht hatte er gar keine Frau in der Klinik? Aber kann man so eine Aufgewühltheit eigentlich spielen, für 30 Euro?

Ich habe beschlossen, dass ich ihm glaube. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass vielleicht eine ganze Familie sich auf ewig daran erinnern wird, dass ihnen mal ein ganz fremder Mensch in höchster Not 30 Euro geschenkt hat, ohne Fragen, ohne Gegenleistung, in Sekunden. Das macht mir ein gutes Gefühl, allein dafür sind 30 Euro eigentlich ein ziemlich fairer Preis.

Minuten, die gut sind

Es war eine lange Woche mit viel Druck und Arbeit auf vielen Baustellen, jeden Tag droht mir vieles im Moment hinten runterzufallen, manches fällt dann tatsächlich, das meiste, hoffe ich, fange ich aber doch kurz vor dem Zerschellen noch irgendwie auf.

Heute abend aber, genauer: just in diesem Moment! sitze ich in der Küche, trinke einen ziemlich alten Single Malt, esse Schokolade dazu und höre Helge Schneider. Es sind gute Minuten. Was ich alles nicht weiß und was ich alles nicht kann… oder auch *oliverKahnModeOn*: Wenn Du ein Start-up gründest, dann machst Du den ganzen Tag Sachen zum ersten Mal, keine davon hast Du je zuvor gemacht und von allen denkst Du, dass Du das gar nicht kannst, aber dann hast Du keine Wahl und machst dann eben so gut Du kannst. Und wenn Du dann plötzlich alle Texte ohne zu überlegen mitsingen kannst, dann sind das gute Minuten. *oliverKahnModusOff*

 

Ressourcen erneuern mit Helge Schneider. Funktioniert.

Drei Ebenen die Welt zu verbessern

Eine der schönsten und für mich motivierendsten Twitter-Bios hat der höchstanständige und beste @horax geschrieben:

„das leben ist kurz | die welt ist veränderbar!“

Was für ein Satz! Den hat er, wenn ich das richtig erinnere, seit mindestens 2010 da stehen. 2010 wurde der Kleine Sohn geboren, ich kannte noch niemanden bei Twitter und war auch noch nicht in der SPD. Auf der Erwerbstätigkeit habe ich mich aber mit Kolleg*innen gestritten über die Sozis (die ich da schon toll fand). In diesen Diskussionen wurde ich als Phantast abgetan, ein blauäugiges Mäuschen, das in seiner Naivität allen Ernstes an das Gute im Menschen glaubt und die Welt verbessern will. Ich, dieser ziemlich unbedeutende IT-Berater – für wen hältst Du Dich, dass Du die Welt glaubst retten zu können?

Seitdem gucke ich auf meine Hände, von denen ich zum Glück zwei habe, gucke auf meine Füße, von denen ich zum Glück auch zwei habe. Ich freue mich über mein Gehirn, das einige Dinge gut, andere schlecht verarbeiten kann, das manchmal gute Ideen hat und manchmal nicht so gute. Ich benutze meinen Mund durchgängig zum Sprechen*). Ich gucke auf meine Möglichkeiten: Hände, Füße, Hirn und Sprache. Das steht mir zur Verfügung, um die Welt zu verbessern.

Als ich die ersten paar Tweets abgesetzt hatte und eines Tages dieser mir unbekannte, aber deswegen nicht weniger bewunderte @horax anfing, mir zu folgen mit seiner o. g. Bio, da dachte ich: Es macht einen Unterschied. Einer will hören, was ich sage. Ist erstmal nur einer, aber einer will’s hören. Meine nicht minder verehrte Frau Mama hat uns Kindern mal gesagt: In der Menge steht immer ein*e Kenner*in. In meiner bescheidenen Wahrnehmung besaß ich genug Chuzpe, in @horax einen Kenner zu sehen – und hey! Der gehörte zu den coolen Typen von nugg.ad, die immer so coole Parties mit #guwosh Hashtag gefeiert haben, das war also nicht irgendeiner!

Oh, was habe ich gelernt seitdem! Dieses Twitter hat mich mit Menschen zusammengebracht, von denen ich so viel gelernt habe! In Sachen Kommunikation, in Sachen Haltung, aber vor allem Fakten, Tatsachen, Erkenntnisse – Dinge, für die man sich früher in Kellern mit dicken Büchern einschließen musste, die so viel Lesezeit beansprucht haben, dass man mangels zwischenmenschlicher Interaktion zum Soziopathen werden musste. Und dann stimmte das am Ende doch wieder nur so ein bisschen. Bei Twitter lernte ich, was Privilegien bedeuten und welche Pflichten mir als Privilegiertem obliegen, ich lernte, was für unterschiedliche Menschen es gibt, wie super die sein können und wie gleich sie am Ende irgendwie alle in ihren Bedürfnissen sind und wie unterschiedlich in ihren Antrieben und Ressourcen – wie unterschiedlich privilegiert. Ich lernte, welche Rolle Emotion und Irrationales spielen und wie irrational gerade die handeln, die sich besonders auf reine Fakten berufen – die eiskalten Entscheider*innen sind mir schon immer besonders lieb gewesen in ihrer verfickt offensichtlichen Unvollkommenheit. Ich danke Twitter auf Knien für die unfassbare Leistung, zumindest für ein paar Jahre Hierarchien überwunden zu haben, für eine Emanzipation, für eine Sprache gesorgt zu haben, die gänzlich frei von inneren Hürden, Verhaltenskodizes und selbstoktruierter Scheinkorrektheit ist. Man schreibt hier über Sachen mit Käse überbacken. Man schreibt hier über #flausch, Rausch und furchtbar menschliche Sachen. Welch eine Leistung! Die geilsten der Geilen geben hier zu: Hab heute keinen Bock, weil ich gestern gesoffen hab. Was ich da höre! Was ich da lerne, immer noch, jeden Tag!

Und ich kann die Welt verbessern! Einer sucht eine Wohnung in London, ich retweete das nur, zehn Minten später hat der wirklich eine Wohnung und bedankt sich bei mir für den Retweet. Das war aber einfach!

Ich schreibe was politisches rein. Keine Reaktion. Ich blogge was und twittere das. Drei Favs – HAA! WELT verBESSERT! Bei gleich DREIEN!

Aber ich wollte ja eigentlich was ganz anderes schreiben: Wie verbessere ich denn jetzt die Welt? Auf welchen Ebenen? Wo setzt man da an? Über die Jahre scheinen sich drei etabliert zu haben, auf denen ich es immer wieder versuche: Wirtschaftlich (also auf Erwerbstätigkeit, da verbringt man ja schon ziemlich viel Zeit), persönlich (also in der Familie und vor allem als Vater/Mutter) und selbstverständlich schlicht parteipolitisch.

Ich reporte mal denen, die mich wahrscheinlich immer noch für ein blauäugiges Mäuschen halten.

Persönlich

Als Kind auf einem Bauernhof im südlichen Westmünsterland aufgewachsen kann ich nicht gerade sagen, dass ich per se progressiven Positionen zugeneigt gewesen wäre. Im Gegenteil, als Jugendlicher habe ich meiner Erinnerung nach ziemlich stramme Besitzstandswahrungsmeinungen vertreten, Veränderung war gefährlich, denn ich hatte eine sehr sehr glückliche und behütete Kindheit, an der etwas zu ändern eigentlich nur Verschlechterung bedeuten konnte. Interessanterweise hat unsere Mutter uns Werte, Empathien, eine fröhliche Offenheit und nicht zuletzt einen gehörigen Schuss Feminismus mitgegeben. Und es ist mein ausdrückliches Privileg, dass ich durch den Hof, durch meine fest zusammenhaltende Familie und die Abgeklärtheit meiner Eltern und Geschwister ziemlich immun bin gegen irrationale Ängste. Selbst in den schwersten Phasen der Existenzangst (2009 lief meine Firma echt scheiße!) hatte ich die Fähigkeit, mich mit dem Gedanken über Wasser zu halten: „Wenn wir hier mit einem kleinen Kind mitten Europa verhungern müssen, wird es einen Skandal geben! Aber von sowas liest man nicht so oft in der Zeitung, also scheint es wohl in den meisten Fällen doch irgendwie ganz gut auszugehen.“ Ein anderer Aspekt meiner Privilegiertheit ist, dass meine Eltern gefeiert haben wie die Kesselflicker, aber am nächsten Tag wurden die Kühe um sechs Uhr morgens gemolken (mein Vater) und die Kinder der ersten Klasse ab viertel vor acht unterrichtet (meine Mutter). Befindlichkeiten haben wir als Familie insgesamt lieber als Partygag verstanden als uns davon treiben zu lassen. „Außen weich und innen hart“ fanden meine Schwester Julia und ich im Alter von 16/18 Jahren in Umkehrung der Männlichkeitsideale von Hollywoodfilmen lustig, meinten das aber ganz tief drinnen irgendwie ernst. Das Jammern ist uns als Kulturtechnik nie vermittelt worden.

Auf der persönlichen Ebene wünsche mir nichts sehnlicher, als meinen Kindern solche Fähigkeiten verleihen zu können, wie meine Familie sie mir verliehen hat. Wenn meine Kinder einfach nie Angst haben, weil sie sich immer auf uns (@frau_ratte und mich) verlassen können, wenn sie sich ihrer selbst immer sicher genug sein können, um gefahrlos sich selbst zu vergessen und ihren Geist auf Sachverhalte zu richten vermögen, die nicht unmittelbar sie selbst betreffen, dann werden wir auf persönlicher Ebene die Welt verbessert haben. Vielleicht tragen diese tollen Kinder das dann weiter.

Wirtschaftlich / auf Arbeit

Im Jahr 2008 oder so war es, nachdem der Große Sohn ein paar Monate alt war und mich das ganze UngeübtMitKindDingsi völlig überfordert hat, fing ich an, völlig unprofessionell auf der Arbeit davon zu erzählen, wie die letzte Nacht war, wie unsicher ich war, was ich alles nicht kann. Lange vor dem Kontrollverlust, den Social Media uns allen bescheren sollte, war ich bereit dafür. Ich habe einfach alles erzählt. Aufgrund unmittelbarer Erfolgserlebnisse an dieser Stelle war eigentlich da schon klar, dass ich ein wehrloses Opfer Social Medias werden würde. Die Kolleg*innen wussten, warum ich scheiße aussah mit Ringen unter den Augen. Sie haben mir vielleicht manche Dünnhäutigkeit nachgesehen, die ohne Hintergrundwissen als ungehörig hätte gelten müssen. In jenen Tagen habe ich vor mich hinformuliert: „Aufgrund der wenigen mir zur Verfügung stehenden Informationen über Dich muss ich Dich leider scheiße finden.“ Offenheit, ein bisschen Vertrauen und das Fallenlassen überkommenen Scheinprofessionalitätsgehabes vermitteln denen um mich herum ein Bild von mir, das sie mich verstehen statt blöd finden macht.

Um materiell handlungsfähig zu bleiben, muss ja ein Studienabbrecher wie ich ziemlich viel Zeit in die Erwerbstätigkeit investieren. Als Konsequenz verbringt man viele Stunden mit Menschen, die man sich nicht unbedingt ausgesucht hätte, ohne dass das heißen muss, dass diese Menschen deswegen blöd wären. Aber Erwerbstätigkeit ist, von der Sinnstiftung und ihrer selbstbewusstseinschaffenden Kraft einmal abgesehen, vor allem auch ein natürliches Durchbrechen der persönlichen Filterbubble. Ich habe dort in einer Weise Einfluss auf Menschen (und werde von denen beeinflusst), die nicht meinem Gusto entsprechen müssen – was  als eine große Chance gesehen werden muss. Mein Handeln und Sprechen hat bei denen eine ungleich wichtigere Bedeutung, weil hier ich hier Menschen erreiche, die nicht per se meiner Selbst entsprechen. Wenn ich auf der Erwerbstätigkeit plötzlich alle Anforderungsdokumente im generischen Femininum verfasse, dann konfrontiere ich Menschen damit, die im Zweifel noch nie etwas davon gehört haben. Und ich diskutiere nicht mit denen, sondern ich juble es ihnen unter. Ich schaffe hier das kraftvollste Moment, das man für die Verbesserung der Welt überhaupt schaffen kann: Selbstverständlichkeit. Wer Fragen dazu hat, kriegt sie beantwortet. Aber die meisten fragen nicht, sondern übernehmen einfach aus Selbstverständlichkeit den Sprachgebrauch**). Es entsteht eine kraftvolle Veränderung, die mich staunen macht.

Nun habe ich seit den Anfängen meiner Erwerbstätigkeit, in der ich als externer Berater in Konzernen herumlaufe, noch zwei neue Firmen mitgegründet. Die eine ist das Start-up (wink! wink! trackle.de! kauft, Leute, kauft!), das ich mit @frau_ratte am Laufen habe, die andere ist Calliope. Als ordentlicher Progressiver, wenngleich nicht geborener, sondern gelernter Linker, s. o., stelle ich mir die Frage: Was sind Deine Prinzipen wert, wenn Du plötzlich selbst in der Position des Arbeitgebers bist? Bist Du noch für den Mindestlohn, wenn sich herausstellen sollte, dass Dein Businesscase nicht mehr funktioniert, wenn Du Deine Leute bezahlen musst? Werde ich der Gier widerstehen? Die Frage, wie ich handeln werde, wenn es meiner Firma, meiner Existenz, der Existenz meiner Kinder an den Kragen geht, muss trotz der Erfahrungen aus dem Jahre 2009 (s.o.) weiter offen bleiben. Aber bis dato bin ich guter Dinge, dass ich meine Haltung werde halten können. Im Gegenteil habe ich großen Bock, auf wirtschaftlicher Ebene nachweisen zu können, dass man einen Laden betreiben kann, der mich, meine Familie und alle, die mit uns in dem Laden arbeiten, erfüllt, ernährt und vielleicht sogar ein Stückchen glücklich macht. Das hat mit Geld zu tun, ganz klar. Das hat aber auch mit guter Zeit zu tun, die man verbringt. Das hat mit Sinnstiftung zu tun.

Wenn ich mal auf das Thema „Verbesserung der Welt“ zurückkommen darf: Ganz viele große Gründer*innen haben als ihre Triebfeder genau das angegeben: Verbesserung der Welt. Ich dachte immer by default, man müsse sich parteipolitisch einsetzen, um die Welt zu verbessern, aber das Schaffen von Fakten, Möglichkeiten und schlicht Kraft, die mit einer erfolgreichen Gründung eines Wirtschaftsunternehmens einhergehen, sind starke Faktoren, die dafür sprechen, die Welt durch Wirtschaftskraft zu verbessern.

Parteipolitisch

Aber natürlich muss man sich parteipolitisch engagieren und einbringen! Alle Ideen, die ich im persönlichen oder wirtschaftlichen Bereich entwickle, jede Veränderung bedarf der breiten Anerkennung und schließlich einer Gesetzeskraft entwickelnden Legitimierung. Und das geht nur über die seit 1949 etablierten und bewährten Mechanismen. Es ist Teil meiner Verantwortung als Mensch, der eine glückliche Kindheit erleben durfte, die Verbesserungen, die ich für mich und die mir unmittelbar Verbundenen erreicht habe, allen mit weniger glücklichen Biographien ebenfalls zu ermöglichen, und zwar einklagbar! Warum, ist das etwa Selbstlosigkeit, mein speziell edles Gemüt? Keineswegs. Ein Leben für mich selbst und ein Leben für meine Kinder in einer Gesellschaft, der es leicht fällt, freundlich, offen und belastbar zu sein, ist nur möglich, wenn wir eine breite Zufriedenheit herstellen. Parteidemokratisch erzielte Ergebnisse sind das sicherste und belastbarste, was wir erreichen können (wohlwissend, wie fragil selbst diese sind!). Auch wenn Ihr nicht am Infostand stehen mögt, um Euch für Peer Steinbrück beschimpfen zu lassen, solltet Ihr dennoch die demokratischen Parteien (am besten natürlich die SPD!) stützen, indem Ihr eintretet, und sei es nur, um zu signalisieren, dass es zu Despotie, Tyrannei oder Ochlokratie eine erprobte und nachgewiesenermaßen erfolgreiche Alternative gibt. Es ist sehr sehr wichtig, dass man sich äußert, aber es ist mindestens genauso wichtig, dass man sich bekennt und einsteht. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben, für Verfehlungen Sigmar Gabriels verantwortlich gemacht zu werden. Viel größer ist die Gefahr, dass man sich unverstanden fühlt, wenn man sich nicht in einem verbindlichen Rahmen artikuliert. Viel größer ist die Gefahr, dass man zu jemandem wird, der/die postfaktisch mit komischen Pegida-Ärschen mitrennt, wenn man sich seines politischen Fundaments unsicher ist. Parteipolitisches Engagement ist tägliche Auseinandersetzung und tägliche Überprüfung der eigenen Haltung, was zumindest mich erstens ziemlich informiert hält und mir zweitens für die beiden oben genannten Bereiche eine Menge Widerstandsfähigkeit verleiht.

Die Welt ist veränderbar. Lasst uns die Ärmel aufkrempeln und auf allen Ebenen mit beiden Händen tief hineingreifen ins Leben, es ist so wunderbar, wenn man etwas Freundlichkeit, etwas Witz und eine ambitionierte Mission zusammen nimmt. Es gibt nur dann etwas zu verlieren, wenn wir nichts tun, hingegen gibt es nur etwas zu gewinnen, wenn wir auch nur den kleinsten Finger rühren. In der Bio von @horax steht, was geht, in meiner, für wen.

 

 

*) Ich nehme das mal als Generaldingsi für Sprechen, Bloggen, Twittern, mich äußern, kapierse, ne?

**) Jemand auf Arbeit hat mal gefragt, was denn mit den männlichen Zustellern sei, wenn wir immer von Zustellerinnen sprächen. Es war mir ein besonderer Genuss, den Satz „Männliche Kolleginnen sind selbstverständlich immer mitgemeint.“ fallen zu lassen.

Joviales Weltretten, aber mit Niveau!

Ich hab eigentlich gar keine Lust, irgendwas zu schreiben zu Donald Trump. Und eigentlich auch keine Lust was über die politische Linke. Was habe ich 2013 im Wahlkampf für Peer Steinbrück noch „Inhalte! Inhalte!“ gerufen. Aber Inhalte machen gefühlt – Stand heute – nur noch 15% dessen aus, was Menschen dazu bringt, jemand die Stimme zu geben. Abermals steht die politische Linke als Verliererin da. Ich trage heute schon den ganzen Tag den Gedanken mit mir rum, dass es vielleicht an drei Dingen gelegen haben könnte: Mangelnde Geschlossenheit des linken Lagers, Sprache und Habitus.

Wahrscheinlich lässt sich das nicht ohne weiteres auf Amerika übertragen, ich nehme das unheilvolle Ergebnis der Wahl also eher als Anlass, ich sehe mich nicht imstande, das Ergebnis zu analysieren, dazu habe ich zu wenig Ahnung von den amerikanischen Verhältnissen. Ich meine lediglich, ein paar Beobachtungen in meiner größtenteils deutsch geprägten TL gemacht zu haben.

Mangelnde Geschlossenheit

Da hat der famose @mathiasrichel bei Facebook die Frage gestellt „Könnt ihr mir noch einmal sagen, wen die Amerikaner jetzt wählen sollen?“ – und da wir uns ja im lustigen Internet befinden einerseits und weil wir im Internet ja immer was besser wissen andererseits, haben sich dort gerade drei (einer davon ich) hinter Hillary Clinton gestellt. Natürlich haben die meisten das irgendwie lustig gemeint. Aber weil jede*r auf Teufel komm raus etwas besonderes sein will in der Selbstdarstellungmaschinerie, tun nur die wenigsten was dringend nötig wäre: Geschlossen stehen. Und wenn dann alles in die Grütze geht, sind die wenigen Deppen Schuld, die ihr Gesicht hingehalten haben.

Sprache

Das linke politische Lager ist meiner Wahrnehmung nach zu viel Kopf und Superschlauness und viel zu wenig Bauch mit Pommesvokabular. Da gewinnt ein dicker Sack mit geerbten Millionen trotz übelster sexistischer und rassistischer Ausfälle die Wahl – und die politische Linke beschwört „postfaktische Zeiten“, führt tiefschürfende Analysen in feinstem Akademiker*innendeutsch ins Feld und findet als einzige Erklärung, dass die Trump-Wähler*innen dumm sein müssen. Aber statt „postfaktisch“ zu googeln wählen die Leute dann lieber den, der „grab them by the pussy“ sagt. Nicht unbedignt, weil sie sexuelle Übergriffe nun so toll fänden, sondern weil da einer eine Sprache verwendet, die jede*r versteht. „Wie würdest Du das Problem XYZ angehen?“ – „Wir müssen da abwägen, einerseits…“ Schüss, Wähler*in weg. Wenn ein Trump aber lospoltert mit seinem Vokabular, dann bleiben sie dran. „Genau!“ sagt der/die eine oder andere vielleicht noch. Können wir nicht auch richtige Sachen in einfacher, von mir aus polternder Sprache sagen? „Wenn da ein Flüchtling kommt, dann ist das mein Freund, fertig aus! Im Urlaub waren die auch nett zu mir!“ Ob der Geflüchtete dabei aus Syrien kommt, ich aber in Ägypten im Urlaub war, ist dabei völlig unerheblich, quasi postfaktisch. So unglaublich es klingen mag, aber #spülerAusräumenToDeath ist immer noch nötig, ich hatte mich eigentlich inzwischen längst ein bisschen geschämt für den Artikel. Die Änderungen, die wir als Linke anstreben, müssen klingen. Einfach, handlich, verständlich. Das geht, ich bin mir da sicher.

Habitus

Schröders Brioni-Anzug war der Anfang, Heiko Maas als bestangezogener Mann des Jahres 2015 (oder so) die Fortsetzung und Hillary Clinton im Hosenanzug vor Glasfassaden von Banken das vorläufige Ende. Einerseits war es immer Ziel sozialdemokratischer Politik, Minderprivilegierten den Aufstieg zu ermöglichen und nicht wenige Sozialdemokrat*innen haben das tatsächlich geschafft. So weit so richtig. Aber schon Franz Walter hat die Probleme dieser Aufsteigergeneration beschrieben: die, die zurückbleiben, sind entsolidarisiert, stehen für einige Zeit unschlüssig herum und werden dann komisch, wenn diese ekeligen AfD-Typen in ihren furchtbaren Neckermann-Anzügen mit den noch viel billigeren Phrasen daherkommen. Wir müssen unseren Habitus ändern. Nicht nur von Nichtausgrenzung reden, sondern selbige auch zulassen. Helene Fischer spielen lassen, Pilsken heben. Hannelore Kraft mit ihrem heimeligen Ruhrdeutsch ist nicht von ungefähr immer noch ziemlich beliebt bei Wähler*innen, eine mit dem Habitus von „uns“ – und macht dazu noch die richtige Politik*). Der Habitus muss sein: Mir egal, wie ich wirke. Zuhören, Frage erfassen, antworten wie es nun mal aus mir rauskommt. Ungefiltert, ungesteuert, keine Taktik. Gespräche führen wie Fußball in den 70ern gespielt wurde: Stoppe, loore, scheeße. Mein Gegenüber nicht intellektuell abzuhängen versuchen, sondern den Zugang über Sprache und Habitus zu finden versuchen**).

Wir brauchen eine nicht-intellektuelle Linke. Unsere Positionen dürfen nicht wie unangenehme Übel daherkommen, die auszuhalten sind, um in unbestimmter Zukunft einen unbestimmten ideellen Gewinn zu verheißen. Unsere Forderungen und Positionen müssen sich jetzt und sofort gut anfühlen – und dann, wenn die Verheißung eintritt, die Früchte liefern. Joviales Weltretten sozusagen, aber mit NIVEAU! Das schöne an den postfaktischen Zeiten ist ja, dass wir keine unserer Positionen aufgeben müssen. Let’s nutz it!

 

*) Außer bei Braunkohle jetz!

**) Hihi, das ist ein schmaler Grat zwischen Authentizität und Anbiederung, das kann wirklich zu peinlichen Fehltritten führen. Aber wie heißt es so schön? Sei einfach ganz Du selbst :)

Charakterschwächensourcecodes initialisieren

Bei Twitter twittere ich viel dummes Zeug, so wie viele andere auch. Ein paar Bösartigkeiten sind vielleicht manchmal dabei. Wenn man alle die miesen Jokes, die im Konjunktiv verfassten Gemeinheiten zusammennimmt, könnte man Teile von Twitter auch als das Github der nickeligen fiesen Ideen ansehen, eine Sammlung von Charakterschwächensourcecodes.

Es ist denkbar, dass sich ein oder zwei überarbeitete Banker vielleicht eine Charakterschwäche erlaubt haben mögen wie „Ich piss von meinem Geldberg auf Euch da unten!“ Soweit so mies bis hier, aber im Rahmen von innergehirnlichen Vorgängen, die ich laienhaft für irgendwie noch normalpsychologisch erklärbar halte, nichts außergewöhnliches.

Aber jetzt gehen welche da hin und beauftragen eine*n Architekt*in, das hier zu entwerfen:

Das wird also entworfen, dann irgendeinem Gremium zur Abnahme vorgestellt. Die beraten über den Entwurf für sowas. In dem Moment initialisieren die ihre Charakterschwächensourcecodes, die führen das wirklich aus, die wollen das wirklich bauen. Die nehmen eine Handvoll Geld von dem Haufen, auf dem sie sitzen, und schreiben ihre Bösartigkeit in Aufträge. Das ist kein gedankenloser Tweet, was die da schreiben, die lassen Menschen und Material kommen, um einen Witz zu bauen. Die sind so weit weg, dass ihnen der Unterschieb wahrscheinlich nicht mehr auffällt. Die sind so weit weg, dass sie ihren letzten Rest Gewissen dadurch zu retten versuchen, dass sie irgendwas von „wenn Ihr da unten die Möglichkeit hättet, würdet Ihr das auch machen“ faseln, wegen „der schönen Aussicht“. Das mit dem „wir pissen auf Euch“ kommt doch von Euch, nicht von uns! Das spricht der Neid aus Euch, Ihr hattet diesen Gedanken, nicht wir!

Ich reg mich auf! Hoffentlich werden wir mit trackle unermesslich reich, nur zu dem Zweck, allen auf der Welt zu zeigen, dass man dann nicht so werden muss wie die!

Frankreich 2016

Wie komisch ist es, dieses Jahr 2016, Terror überall, Promis, die meine Kindheit bestimmt haben, sterben wie die Fliegen (und sind nicht besonders alt geworden).

Die Frau, die Kinder und ich schnallen uns an und fahren los, in den Urlaub, nach Südfrankreich. An der deutsch-französischen Grenze stehen so rund 20 Männer in Tarnfleck und mit automatischen Waffen umgebunden. Wir müssen nicht anhalten, Schengen is still a fact, aber der Kleine Sohn fragt, warum die diese Waffen tragen. Wir versuchen zu erklären und bereits da fällt mir auf, wie falsch es ist, Männer in Tarnfleck und mit automatischen Waffen an Grenzen aufzustellen. Der Große Sohn fragt: „Aber wenn die die Terroristen aufhalten sollen, woher wissen die, dass das Terroristen sind? Warum haben sie uns nicht aufgehalten, woher wussten die, dass wir keine Terroristen sind?“ Die Frau sagt, sie würde sich für die Aufgabenbeschreibung interessieren, die diese Männer in  Tarnfleck und mit automatischen Waffen morgens mitgegeben bekommen. Ich liebe meine Familie, denn sie stellt Fragen, die gut sind.

In Belfort machen wir unseren ersten Halt auf unserem Weg nach Süden. Es regnet, wir zelten. Für 12 Euro darf ich das WLAN des Campingplatzes benutzen, eine kleine wärmende Fackel im Regen, wenn ich einige Häppchen aus der TL nachlesen kann. Die Nacht ist sehr sehr nass. Das Zelt hält aber, am nächsten Morgen packen wir es triefend in seine Tasche und fahren weiter. Auf der A39 schüttet es derart, dass die Frau am Steuer nicht schneller als 80 fahren kann. Noch rund 200km bis zu unserem nächsten Zwischenstopp – und ich halte es für unmöglich, dass es dort, in gerade einmal 200km Entfernung – nicht auch gießt wie aus Kübeln.

200km weiter hat es 28°C, überall stehen Warnhinweise, dass erhöhte Waldbrandgefahr besteht. Wir bauen unser Zelt abermals auf, die Ausläufer des Mistral der französischen Südküste trocknen unser Zelt, das wir tropfnass eingepackt hatten, in Sekunden. Windig ist es, aber warm und sehr trocken. Wir trinken Bier, die Kinder schlafen, der Urlaub fängt an. Als die Frau schlafen gegangen ist, gehe ich noch einmal runter zur Campingplatz-Bar und schaue mir das dort laufende Karaoke an. Niemand kann einen Text, das Rhythmusgefühl der Darbietenden erinnert mich an den alten Opel Corsa meiner Schwester, der nur noch auf drei Zylindern lief. Ich bin versöhnt.

Am nächsten Tag fahren wir weiter, wir wollen Narbonne Plage innerhalb von zwei Stunden erreichen. Stau auf der Route de Soleil, wie erwartet, aber wozu haben wir Google Maps auf unseren allwissenden Devices? Mit traumwandlerischer Sicherheit winkt Google uns raus und sagt, wir sollen weit vor Béziers die Autobahn verlassen und über Land fahren, Ersparnis von gut einer Stunde wegen des Staus auf der A9.

Dann der Horror: Datenabriss! O2-Deutschland meldet per SMS, dass mein Datenvolumen aufgebraucht sei und dass ich mit 0,00002 Millibit pro Stunde selbstverständlich kostenlos weitersurfen dürfe. Das Google-Phone schlingert, weil es nur noch GPS Daten auf die bereits heruntergeladene Route anwenden kann. Ich spreche lautlos ein Gebet, für das ich in den USA wahrscheinlich ohne Prozess nach Guantanamo verschleppt worden wäre. Weniger lautlos fluche ich über die Shice-Technik, was mir einen mittelschweren Streit mit der Frau einbringt.

Am Ende fahren wir über die Hinterstraßen von St. Pierre nach Narbonne Plage ein, vorbei an einem Etang, der ausgetrocknet ist und der den Kleinen Sohn für kurze Zeit in die Bedrängnis bringt, dass das ganze Mittelmeer ausgetrocknet sein könnte und dass er deswegen vielleicht NIE MEHR im Meer wird baden können. Ich liebe meinen Kleinen Sohn dafür, dass er nur den wichtigen Ängsten Bedeutung beimisst und der Frau geht es genauso.

In Nabonne Plage hat es 32°C, der wilde Mistral tobt mit Böen von bis zu 80 km/h, ein herrliches Klima, die Haare gezaust, die Füße nackt, wenn auch bisher ungebräunt. Die allerbeste Frau der Welt geht uns bei Fütterer einbuchen, während ich mit den Kindern an einem städtischen Wasserspiel stehe. In einer Reihe von sagen wir mal 25 Metern kommen 10 kleine Wasserfontänen senkrecht aus dem Boden (also einem Gitter). Die Fontänen sind zu Anfang 35cm hoch, dann variieren sie, manchmal steigen sie bis zu sagen wir 1,20 m hoch für jeweils sechs Sekunden oder so. Die Kinder sind zunächst verhalten, verschämt darf eine Sandale benetzt werden. Sie laufen über die Fontänen, der Kleine Sohn wird an der Wade etwas nass. Eine Freude! Er guckt mich an, ich sage: Eine Freude! Alle Dämme brechen, am Ende rennen sie beide einfach durch das Wasser, „unser Lieblingsbrunnen!“, rufen sie, und das rufen sie nicht nur Tage später noch, ich vermute, sie werden das für den Rest ihres Lebens rufen. Es saßen dort andere Eltern mit Kindern und die Kinder guckten trocken und verdutzt und desgleichen ihre Eltern. Ein bisschen stolz bin ich auf mich, dass ich in diesem Moment die Lässigkeit meiner eigenen Eltern an meine Kinder weitergeben konnte.

Seit wir hier sind, in Narbonne Plage im August 2016, ist die Lufttemperatur nicht unter 20°C gefallen, auch nicht nachts. Am Tage haben wir bei 25,5°C gewitzelt, dass wir uns doch besser eine Jacke mitgenommen hätten. Wir trinken jeden Abend Pastis und Rotwein aus der Umgebung (La Clape und Corbières). Ich habe an einer französischen Fleischtheke Rumpsteak gekauft, was meinen gesamten französischen Wortschatz gefordert hat. Ich möchte eigentlich nur noch bei französischen Metzgern Fleisch kaufen. Wie leicht das Leben sein kann, gutes Essen, Sonne, guter Wein für wenig Geld aus der nächsten Umgebung.

Wir haben die Festung von Salles besucht, eine Burg aus dem 14./15. Jahrhundert. Dort angekommen sah ich eine Infotafel, die mehrsprachig und mit Piktogrammen erklärt, wie man/frau sich im Falle eines terroristischen Anschlags zu verhalten hat. Ducken, hinter den jahrhundertealten Mauern Schutz suchen. Die Hände über den Kopf halten. Ich habe die Kinder nicht darauf hingewiesen.

Wir haben hier aufgrund mangelnder Vorbereitung nur punktuell Zugang zum Internet und wir zahlen uns dumm und dusselig dafür. Es ist kaum auzuhalten, in einem europäischen Land nicht by default online sein zu können. Ich merke, wie anstrengend das heute ist: TL laden, 200 Tweets, mobile Daten ausschalten, um das stark limitierte Volumen zu schonen. In diesem 200 Tweets einen lustigen sehen, mobile Daten an, Reply schicken, mobile Daten aus, weiterlesen. Einen Tweet sehen, der etwas bedeutsames zu einem Bild sagt, Bild ist nicht da, mobile Daten an, Bild ansehen und Tweet verstehen, mobile Daten aus. SMS von O2, dass dennoch alles aufgebraucht ist.

Gehe mit der Frau in Narbonne in die Stadt, um bei der französichen Telekom namens Orange eine SIM-Karte zu erwerben, damit wir ein bisschen arbeiten können, denn wir sind ja Gründer*innen und ein bisschen Arbeit muss man immer machen, auch im Urlaub. Wir wollen ein Bild nach Berlin schicken, damit wir mit trackle auf der IFA gut aussehen. Bild hat 450 MB, zweimal blöd daneben geguckt, Datenvolumen um, 14,95 € verbraten. Ach!

Am Ende sind wir für viel viel Geld online. Ich rufe die TL ab. Der Innenminister hat sich vom kleinen Koalitionspartner die widerwärtigsten Ideen gerade noch ausreden lassen, aber schließlich lese ich für teures Geld viel Shice über die CDU. Immerhin, Hillary scheint ihren Vorsprung gegenüber Trump gerade weit auszubauen. Dann muss ich die Datenverbindung wieder schließen, aus Kostengründen.

Die Frau leidet sehr darunter, dass wir ständig offline sein müssen, aber ich ebenso. Als wir bei Orange eine Prepaid-SIM kaufen, muss die Frau ihre Personalien hinterlassen und ich witzele nur so halb, dass sie deswegen jetzt wohl auf der Terrorfahndungsliste steht und ihre Konten deswegen wahrscheinlich gescannt werden. Sie lacht nur halbherzig darüber.

Es ist warm. Ich sitze und schreibe frei und unzensiert mit einer Flasche, die den Namen Château Capitoul – La Clape – Languedoc trägt. Es kann so einfach sein in Frankreich, in Europa. Und doch dringen immer wieder diese Dinge ein, und die Einschläge kommen näher: Wird mein Kleiner Sohn seinen zehnten Geburtstag in einer anderen Welt feiern? Wird mein Großer Sohn in eine Armee eingezogen werden? Bleiben die Frau und ich eine der wenigen Generationen der Menschheit, die nie in einen Krieg ziehen mussten? Kann ich etwas tun? Etwas ausrichten? Ist es genug, in Zeiten der Eiferer den Kindern zu sagen, bleibt easy? Werden die Kinder easy bleiben? Gerade mich als Jungsmutter treibt das um.

Wenn ich einen oder zwei Wünsche frei hätte, ich wünschte mir dieses: Die einfachen Antworten wären nicht dumm, sondern schlau. Und nicht das besser sein als der Andere wäre die Auszeichnung, sondern das gemeinsam mit dem Anderen Erreichte.

Was mich so fertig macht ist, dass die Weltformel so einfach ist.