Ich bin immer noch nicht zufrieden mit dem Maaßen-Ergebnis

Andrea Nahles hat hinbekommen, dass Hugo-Egon Maaßen (oder was auch immer der Vorname dieses AfD-Kollaborateurs sein mag) nicht Staatssekretär, sondern irgendwas bei Horst Seehofer wird.

Mir ist das zu wenig. Diese Begründung, warum wir (also die SPD) mit dem Staatssekretärsposten nicht zufrieden gewesen sein sollen, wird jetzt an der Besoldung aufgehängt. Die Besoldung ist mir sowas von shice-egal. Ich will schlicht nicht, dass ein AfD-Kollaborateur irgendein Amt in der Nähe der Bundesregierung bekleidet. Ich finde jetzt befremdlich, dass Angela Merkel und Andrea Nahles mit Herrn Seehofer offenbar sowas wie eine erweiterte Gehaltsverhandlung geführt haben. Das marginalisiert das Amt der Bundeskanzlerin und das der SPD-Vorsitzenden. Das ist immer noch die letzte Shice.

Aber um das mal ganz klar zu haben: Mein Vorwurf geht mit der linken Geraden gegen die Kanzlerin. Die hält sich mal wieder schadlos. Mein linker Haken geht natürlich gegen Horst Seehofer, aber der spürt ja eh schon nichts mehr. Und an alle, die sich seit Wochen lieber an Andrea Nahles abarbeiten, erneut der Hinweis:

  1. Wenn Ihr schon beim Aufstellen von SPD-Wahlprogrammen Stimmung macht mit „die SPD wird ja eh wieder umfallen, also ist ihr Programm nichts als hohle Versprechung“, dann verursacht Ihr mit, dass eine hohldrehende CSU eine völlig lethargische Kanzlerin und eine nahezu machtlose SPD-Vorsitzende am Nasenring durch die Manege führt.
  2. Wenn Ihr die SPD nicht wählt, dann bleibt die SPD-Vorsitzende machtlos und ist gezwungen, diese Shice irgendwie shice zu arrangieren. Wenn Ihr SPD-Haltung und SPD-Inhalte wollt, dann müsst Ihr nicht faven, tweeten oder ranten, dann müsst Ihr – SPD WÄHLEN.
  3. Wenn Horst Seehofer Stellen in seinem Ministerium schafft und diese mit AfD-Kollaborateuren besetzt, dann müsst Ihr nicht weniger SPD wählen, sondern weniger CSU, weniger AfD und weniger CDU – Ihr müsst dann mehr SPD wählen.
  4. Wenn Ihr links seid, dann müsst Ihr nicht der Boxerin mit den roten Handschuhen auf dem Puckel sitzen und ihr von hinten zusätzlich auf den Kopf hauen und „LOS, VERKLOPP DIE SCHWARZEN HÄRTER!“ brüllen, sondern vielleicht den Schwarzen auf den Kopp hauen und „Keine AfD-Kollaborateure in regierungsnahen Ämtern!“ skandieren.
  5. Ihr solltet Eure SPD-Reflexe überprüfen.

Selbstwirksamkeit (gut/schlecht)

Seit Tagen schon will ich diesen Gedanken mal aufschreiben.

Lehrer*innen haben mir gesagt, dass eine Stärke von Programmieren in der Grundschule der magische Moment ist, in dem Kinder die Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit machen: Ich sage der Maschine, sie soll schreiben „Maxim ist toll.“ – und die Maschine tut das ohne zu Murren. Bis heute ist es einer der erhebendsten, motivierendsten und schönsten Momente, wenn etwas, was ich selbst zusammengecoded habe, erst nicht geht, dann wieder nicht geht, dann immer noch nicht geht UND DANN PLÖTZLICH GEHT! Ich habe soeben die Welt verändert.

Ich glaube, der gleiche Mechanismus macht auch Social Media so erfolgreich: Ich poste was und kriege einen Fav dafür. Ich poste was, ein erster Retweet! Ich poste was und ein MdB reagiert darauf! Ich schreibe was bei Facebook, und das Ding geht voll ab und ganz viele Menschen reden darüber. Ich habe die Welt verändert. Das fühlt sich saugeil an.

Und jetzt der Gedanke dazu: Es geht dabei gar nicht darum, wie die Qualität meiner Wirkung ist, es geht nur darum, dass ich Wirkung erzielt habe. Ein Strudel, in den vielleicht viele geraten, die rechte Shice posten – denn rechte Shice erzielt immer viel Wirkung. Und am Ende sind die so besoffen von ihrer eigenen Wirkung, dass sie die rechte Shice selbst, die sie vielleicht erst mit einem etwas flauen Gefühl gepostet haben, plötzlich erst gar nicht mehr so schlimm finden, weil sie ja so viel Wirkung erzielt haben. Und wenn die Wirkung anhält, fangen sie an, die rechte Shice für richtig zu halten.

Stimmt das? Folgt etwas daraus? Ich weiß nicht.

Logik des Krieges

Heute bin ich ganz besonders mies drauf. Ich gucke mir an, wie Arschlöcher die Sprache, die Diskurse, die Agenda bestimmen und wie die normalen Menschen keine Möglichkeit haben, dem etwas entgegen zu setzen, und zwar deswegen, weil das gute, zentrale Prinzip „in Ruhe lassen“ vorsieht, eben nicht einzugreifen. Aktiv und passiv. Das gute Prinzip ist passiv und lässt sein/geschehen. Es schreibt nicht vor und ist dadurch gefährdet. Ich sehe, dass es auf das Schlimmste hinauslaufen wird und dass wir nichts dagegen tun können, selbst wenn wir und noch so anstrengen. Die zersetzenden Wichser*innen werden immer gewinnen, weil sie zersetzen wollen und zersetzen. Das beisammenhalten ist keine aktive Tätigkeit, die man verstärken könnte, um dem entgegenzuwirken. Alles was wir noch tun können, ist zu dokumentieren, dass wir damit nicht einverstanden sind, dass wir das ablehnen und dann darauf hoffen, dass die shice Geschichte uns in 100 Jahren oder so Recht gibt. Zusammenhalten und kein Arschloch sein ist kein aktives Moment, sondern kann nur aushalten.

Wie haben sich die Menschen gefühlt am Vorabend des erstarkenden Nationalsozialismus? Et hätt noch immer joot jejange. Aber, wie Max Frisch es formuliert hat:

„Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Es liegt alles glasklar vor uns. Sie sagen „Traditionshasen haben uns die islamistischen Fundamentalisten aufgezwungen, wo ist unser Osterhase?“ Es ist so offensichtliche Shice, aber wir können es nicht aufhalten. Die Unionsparteien nehmen das alles bereitwillig auf und etablieren es in der allgemeinen Wahrnehmung als etwas normales. Meine Genoss*innen finden kein Rezept, außer Otto Wels und Willy Brandt zu zitieren.

Wir sind keine invasiven Leute. Wir können nichts tun. Wir werden nur den Untergang abwarten können, hoffen, dass ein paar überleben und danach auf unsre Blogposts zeigen und sagen: Ich war dagegen, aber ich konnte nichts tun.

Das Internet ist unsere einzige Hoffnung, dass es diesmal anders läuft. Noch nie konnten weltweit so viele Menschen lesen und schreiben, gleichzeitig konnten sich noch nie so viele Menschen einfach öffentlich äußern. Wählt die ab. Die Unionsparteien, allen voran die CSU. Macht Stimmung gegen die. Und wählt, wo immer es geht, die SPD, die Grünen, von mir aus sogar die Linke.

Ich bin heute so mies drauf, ich fürchte, es geht um alles. Ich will 120 werden und bitte an keinen einzigen Krieg teilnehmen müssen. Und meine Kinder sollen das auch nicht. Ich bin mies drauf.

Once again muss ich dieses Video posten, denn genau so läuft es gerade ab:

Und so sehr wir uns dagegen sträuben, genau das läuft gerade ab. Fuck.

 

Entscheidend ist auf’m Platz

Von Christallkeks – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

Machen wir uns nichts vor, die Faschos von der AfD werden am Sonntag in den Bundestag einziehen – und dort werden sie dann herumstänkern und versuchen, Unglaubliches und Monstrositäten zur Normalität werden zu lassen. Und wer wird sich denen im Parlament entgegenstellen?

Angela Merkel? Die sich nicht mal in ein zweites TV-Duell traut? Die Hoschis von CDU/CSU, die schon im Vorfeld weite Teile der Sprache jener Faschos zu übernehmen? Die auf europäischer Ebene überhaupt kein Problem darin sehen, mit Victor Orban und anderen rechten Säcken gemütlich in einer Fraktion zu sitzen? Die nach der Wahl von Donald Trump erstmal abwarten. Und bis heute erstmal abwarten.

Die FPD, denen eh alles egal ist, Hauptsache ihre zahlungskräftige Klientel wird in Ruhe gelassen? Die auch vorsorglich schon mal von ihrer Schaufensterpuppe so einen Unsinn vormodeln lassen wie „es gibt kein Recht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen“?

Die Linke, die sich lieber an der SPD abarbeitet, weil ihnen der Nagellack von Martin Schulz nicht gefällt? Die sich in theoretischer Superschlauness üben, aber in ihrem ganzen Leben noch nichts zählbares umgesetzt haben?

Es waren Sozis, die 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben, es sind Sozis, die auch heute von Anfang an unmissverständlich gegen rechte und nationalistische Tendenzen eintreten. Das Video, in dem Martin Schulz zeigt, wie man mit rechten Hetzern umgehen muss, habt Ihr ja sicher alle zur Genüge gesehen, hier ist es trotzdem noch einmal:

Ich möchte einen Kanzler mit Haltung, der bereit ist zu handeln. Entscheidend ist auf’m Platz – also im Bundestag. Und erstens hat die SPD in der zurückliegenden Legislatur schon geliefert wie keine andere Partei, hat zweitens den Laden durch besonnenes Handeln zusammengehalten und wird drittens die einzige sein, die weiß, wie mit den Faschos umzugehen sein wird. Ich möchte, dass Sozis mit genug Stimmen im Parlament vertreten sind, dass sie sich nicht in Lebensgefahr begeben müssen, wenn sie gegen ein Ermächtigungsgesetz stimmen, sondern einfach die Mehrheit bilden und solchen Ansinnen eine klare Abfuhr erteilen.

Alarmistisch? Finde ich nicht. Jetzt geht’s noch, dass wir das mit den verfassungsmäßig vorgesehenen Instrumenten hinkriegen. Jetzt. Ab Sonntag geht’s los, diese stärker verteidigen zu müssen denn je seit 1945.

Ziele und Zielgruppen bitte nicht vermischen

Gestern und heute geht dieser Tweet hier durch meine TL:

Ich habe mich bisher eher zurückgehalten, was schlaue Analysen zu den G20-Krawallen angeht, weil ich davon wahrscheinlich zu wenig Ahnung habe. Was mir aber heute, nach einem kurzen Tweetwechsel mit @jselzer, durch den Kopf ging ist dieses: Die Kriminalität, die von rechtsgerichteten Straftäter*innen ausgeht lässt sich nicht 1:1 mit der Kriminalität vergleichen, die von einem schwarzen Block und Konsorten ausgeht. Zum einen sind die Motive der Täter*innen extrem unterschiedlich und vor allem die Ziele ihrer Angriffe. Und daraus resultieren auch die extrem unterschiedlichen Reaktionen darauf.

Nach allem, was mir so weit bekannt ist, richten sich die nennen wir sie mal sogenannten linken Krawallos gegen eine wenig definierte Melange aus „System“, „Symbolen“ und „Establishment“. Damit fallen ziemlich viele Menschen potenziell ins Visier, was eine ungleich größere Verunsicherung in breiteren Teilen der Bevölkerung nach sich zieht. Gleichzeitig liegt es meiner Wahrnehmung nach diesen linken Krawallos eher fern, Menschen zu töten, auch wenn z. T. schwere Verletzungen billigend in Kauf genommen werden.

Wenn man sich nun rechte Anschläge ansieht, dann richten die sich gegen eine sehr viel spezifischere Gruppe von Menschen, zu denen der Großteil der Bevölkerung sich nicht rechnet: Asylbewerber*innen, Flüchtlinge, hier und da vllt. Politiker*innen von SPD/Grünen/Die Linke. Gleichwohl scheint mir hier eine Tötungsabsicht in vielen Fällen durchaus gegeben.

Die Intention rechter Gewalttäter*innen ist imho sehr viel radikaler und gefährlicher, sie wird aber als weniger bedrohlich empfunden, weil sie sich gegen eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen richtet, die zudem kein Sprachrohr im allgemeinen Diskurs hat.

Davon aber ganz abgesehen fühlt es sich schmutzig an, Sätze von Jens Spahn zu verbreiten, ich möchte dafür bereits jetzt schon mal um Entschuldigung bitten. Ich äußere mich dazu aber ausnahmsweise trotzdem, denn dieses Zitat ist ein Beleg für die Denke jenes Herrn: Der nimmt Neonazis mit so einem Satz ja fast schon in Schutz – denn im Umkehrschluss heißt das ja, dass Neonazis in der Wahrnehmung von Jens Spahn anscheinend ganz ordentlich randalieren, oawah!?

Nobody loves Donald Trump

You are such a loser, @realDonaldTrump. Look at the pictures of your inauguration ceremony, nobody wanted to come around and cheer for you. Although your pressefritzen lied for you, you know yourself it was a lie and that hurts you.

Kehllappen-elect seine Inauguration. Ausser ein paar toten Zweigen guck niemand zu.

Everybody in the world knows that the heap of money you own would have piled up to mountains if you hadn’t touched it with your tiny fingers at all. But you touched it and you f**** it like everything you touch.

You have no idea that nothing but the wealth you were born into is the only thing that brought you where you are today (Feb 13th, 2017). All the businesses you failed with! All the women that left you! Not even this short period of power is you, it’s that fascist Steve Bannon, who is stirring all your pies with his long fascist fingers. Those who voted for you feel embarrassed for what they have done, only two weeks after you have taken power. How you hurt them! How you hurt your country! How you hurt what once has made America great! How you turn la tête of the free world into its biggest threat! It’s a shame, all that just because you are nothing but a loser.

I won’t pity you until you have resigned – but after that, I will, because there will be nobody pitying you except people like me. Then I will feel sorry for you, but not today. I will feel sorry for you, and still nobody will love you, not even me. You messed up your life already, you’re messing up the lifes of hundreds and thousands around you right now and I’m quite confident there will be millions of messed up lifes in the end, you loser! Versager is the german word.

Martin Schulz

Solche Sachen wie „Gottkanzler“ und „St. Martin“ sind mir als säkularem Sozi ja zutiefst zuwider. Aber #ohneBremsen finde ich geilo. Was ist hier eigentlich los? Habt Ihr mein Blog gelesen, oawah?

In Zeiten von Trump, AfD und weltweit grassierenden Abschottungstendenzen tut es sehr gut, dass Hoffnungen am Staubkorn Martin Schulz kondensieren, festfrieren und zu einem großen Hagelkorn werden, denn Martin Schulz wird für etwas stehen, was sich inhaltlich nicht stark von unserem Programm 2013 unterscheiden wird.

Das Programm 2013 war gile (hab ich, mein‘ ich, damals auch schon so geschrieben), aber mit Peer Steinbrück, der für die Entfesselung der Märkte stand, hatten wir keinen Kandidaten, der diese gilen Forderungen glaubhaft vertreten konnte. Mit Martin ist das anders.

Es gibt eine große Sehnsucht, glaube ich, diesen ganzen Tendenzen entgegenzutreten, die uns jeden Morgen mit offenem Mund auf unser Smartphone starren lassen: Nationalismus, Rassismus, Sexismus, quasi unkaschierter Faschismus. Und niemand ist da, der unsere Werte – Freiheit! Toleranz! Aufklärung! – verkörpern kann. Die vermeintlich alten Zöpfe*) boten einzig Fläche für abgeschmackte „Wer hat und verraten?“ Anwürfe, aber nicht für ein forsches Eintreten für das, was in unserem Programm stand.

Nun also Martin mit seinem unvergessenen Auftritt als Präsident des europäischen Parlaments, bei dem er einen nazihaften Typen des Hauses verweist. Haltung. Wortgewandheit. Kenntnis der rechtlichen Lage. Europa und Sozialdemokratie at its best.

Und vielleicht habt Ihr ja auch zwischendurch ein bisschen mein Blog gelesen. Dann wisst Ihr, dass Martin gar nicht sooo überraschend plötzlich durchstartet. Wir haben über Jahre etwas getan dafür.

 

 

*) erstens tun wir alle Sigmar Gabriel ständig Unrecht, denn er war es, der es geschafft hat, die SPD inhaltlich zu korrigieren und zweitens hatte auch Peer Steinbrück 2013 schon eine Reihe Einsichten und hervorragende Ideen, die uns einiges dessen erspart hätten, was wir heute ertragen müssen.

Raum und Zeit

Jetzt ist der Kehllappen-elect also Präsident der USA und just gestern oder so ist in mir eine Erkenntnis gereift, die ebenso banal wie folgereichtig erscheint: Der Tag hat 24 Stunden und wir haben nur diese eine Welt (außer jetzt wenn wir Drogen nehmen, aber das ist ziemlich ungesund).

Jetzt geht da einer hin und macht nichts anderes als Tabus brechen. Ein Trump oder die AfD. Björn Höcke, dieser gräßliche Mensch. Jemand auf Twitter hat geschrieben: „Die AfD hält das Stöckchen hin und Ihr alle springt.“ (oder so ähnlich). Das ist die Erkenntnis. Sie rauben uns den Raum und die Zeit mit kalkulierten Skandaläußerungen und uns stockt der Atem, wir sind paralysiert und handlungsunfähig.

Wir müssen den Raum und die Zeit zurückgewinnen. Wir müssen sie am langen Arm verhungern lassen, wir müssen uns von diesen Brunnenvergifter*innen abwenden und uns zuwenden. Wir müssen wieder über die reden, die konstruktiv sind und über deren Vorschläge. Dann legt sich auch die Aufregung. Wir sollten uns mit unseresgleichen über unseresgleichen unterhalten, mit und über die, die 2015 Flüchtlingszüge zu Trains of Hope gemacht haben, über die, die Elterngeld Plus eingeführt haben, über die, die sagen „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Wir sollten unsere erstarrt aufgerissenen Münder wieder schließen und unsere wachen Augen öffnen für die, die konstruktiv sind. Denen sollten wir Raum und Zeit geben (yes, (Social)Media, I’m talking to you!).

Nein, es ist kein totschweigen. Nach wenigen Äußerungen war und ist klar, wes Geistes Kind Trump und die AfD sind. Das müssen wir konstatieren und benennen und wir müssen ihnen den Raum und die Zeit zugestehen, die ihnen gebührt. Und wir dürfen nicht jene der Zeit und des Raumes berauben, die dieser Zeit und dieses Raumes würdig sind, z. B. all jene Unermüdlichen, die sich als Lokalpolitiker*innen für nichts, nada und nothing die Nächte in Stadtratssitzungen um die Ohren schlagen, für die vielen in den Landesparlamenten, die sich bis zum Erbrechen mit Themen auseinandergesetzt haben, die mit einer schmissig geführten Feder als nichtig diskreditiert werden, für die vielen, die sich dieser Tage auf den Straßen als Volksverräter*innen beschimpfen lassen müssen aber in Wahrheit unser letztes Bollwerk gegen die völlige Verrohung und Dekonstruktion unseres Zusammenlebens bilden.

Wir sollten die Kameras neu ausrichten, weg von den Täter*innen, hin zu denen, die verzweifelt die Gesellschaft zusammenhalten: yes, I’m talking about politicians, my dear! Gebt denen Raum und Zeit, schenkt denen Eure Aufmerksamkeit, die konstruktiv sind. Lasst die Destruktiven alleine. „Talk to the hand“, hat der große Charakterdarsteller Arnold Schwarzenegger in einer der zahlreichen nachdenklichen Szene seines volksnahen Œvres mal gesagt.

Wenn das Bundesverfassungsgericht der NPD nachweist, dass sie demokratiezersetzend wirken möchte, aber dazu zu unbedeutend ist, dann sollten wir diesem Prinzip folgen.

Ohne Kompass kostet Menschenleben

Es wurde Zeit. Es ist zum Heulen, aber es wurde Zeit für ein neues Bild. Der tote kleine Aylan hat mir vor Monaten die Tränen in die Augen getrieben, er hätte, wie er da mit dem Gesicht nach unten, tot am Strand lag, mein Kind sein können. Dieses Bild hat mich kalt erwischt, vor nur wenigen Wochen.

Es wurde Zeit, heute dieses Bild von dem toten Baby auf dem Arm des Rettungsmannes. Und wieder heule ich Rotz und Wasser, aber diesmal ist es anders. Ich bin sauer. Wie haben wir als EU versagt! Wie hat die Bundesregierung versagt! Dieses Mal ist bei mir so viel Wut dabei. „Wir schaffen das“ hat nicht gereicht, es hat Europa nicht gezeigt, wie wir das schaffen und es hat zu viel Raum gelassen für jene, die am ganz rechten Rand fischen. Mir kommt in den Sinn, was der viel gescholtene Gerhard Schröder gesagt hat: „Ich hätte gesagt: Wir können das schaffen, wenn wir bereit sind, Voraussetzungen dafür hinzubekommen.

Und ich denke: Auch das wäre noch viel zu wenig gewesen. Wir hätten ganz entschlossen handeln müssen, sofort. Wir hätten sagen müssen: Wir schaffen das, es handelt sich um eine europäische Notsituation, die nur mit vollem Einsatz bewältigt werden kann. Wir müssen allen Flüchtenden helfen, nicht nur einigen, sondern allen, sofort. Jede verfügbare Kraft muss zur Hilfe eingesetzt werden, die vielen freiwilligen Helfer*innen hätten nicht bestaunt, sondern sofort unterstützt werden müssen. Der ganzen rechtsnationalistischen Shice hätte man mit dauerhaften breiten Hilfsprogrammen das Wasser abgraben müssen, Einsatz der Bundeswehr von mir aus, um alle, wirklich alle Flüchtenden sofort zu retten und zu versorgen. Man hätte den europäischen Notstand ausrufen sollen oder sowas.

Vielleicht hätten Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt besser gehandelt als Angela Merkel. Was fehlt, ist Entschlossenheit. Frau Merkel ist doch angeblich die mächtigste Frau der Welt. Wozu eigentlich?

Wer traut sich noch zu den Nichtwähler*innen?

Eigentlich fühle ich mich zu schwach, um über die Wahlergebnisse in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zu bloggen. Wie schön, dass wenigstens noch eine überzeugende Politikerin wie Malu Dreyer es schafft, die Wähler*innen doch noch zu erreichen. Wie bitter aber sind die Ergebnisse in den beiden anderen Ländern. Andererseits: Unsere Kandidaten dort kenne nicht mal ich als Sozi so richtig: Nils Schmid in Baden-Württemberg und Katrin Budde in Sachsen-Anhalt, ok?

Bei Malu Dreyer wusste ich das, weil sie bei D64 im Beirat ist und ich sie auf der re:publica kennenlernen durfte – was für eine fantastische Person! Und wie schön, dass diese fantastische Politikerin sich gegen die Weinkönigin durchsetzen konnte, das rettet mein Vertrauen in die Menschheit.

Die/der Kandidat*in ist das A & O, will mir scheinen. Bei Peer Steinbrück 2013 hatten wir ein großartiges Programm, von dem ich mir gewünscht hätte, dass meine Filterbubble das damals genauso rauf- und runterzitiert hätte wie dieser Tage das der AfD. Aber man hat Peer dieses Programm nicht abgenommen. Zu viel Gestolper, zu viele Altlasten aus Zeiten der Deregulierung der Märkte, zu dünnhäutige Auftritte (dabei waren auch ein paar richtig starke dabei, aber Schwamm drüber…)

Bei Malu Dreyer passt alles, sehr gute Politik gemacht, sehr gute in Aussicht gestellt, das ganze mit Haltung und Rückgrat vertreten, dabei fröhlich geblieben. Wenn so jemand nicht gewonnen hätte, dann wäre es das wirklich gewesen mit der Demokratie. Allein, allzu viele von solchen Leuten kannste Dir auch nicht einfach backen.

Noch ein Wort zu den vielen Zitaten aus den diversen AfD-Wahlprogrammen in den letzten Tagen: Die sollten ja die Ekelhaftigkeit dieser Ansammlung von Demokratiefeind*innen entlarven, aber ich glaube, wir haben damit das Gegenteil dessen bewirkt, was wir erreichen wollten. Diese rechten Hetzer*innen haben das ja nun mal ganz offen in ihr Programm geschrieben, weil sie damit auf Stimmenfang gehen wollten. Und wir haben ihnen den riesigen Gefallen getan, das in epischer Breite publik zu machen. Viel zu wenig haben wir verbreitet, wofür die anderen Parteien stehen. Die haben auch seitenweise Programme geschrieben, die sind aber nicht für umme von uns geteilt worden. Das würde ich mir wünschen. Ich bin davon überzeugt, dass die Parteien ihren Job nämlich gar nicht so schlecht machen, wenn es darum geht, Positionen zu erarbeiten. Aber es interessiert sich niemand so recht dafür, wenn die Positionen ganz ok oder gut sind. Damit holste keinen Extraklick auf dein Blog.

Nicht falsch verstehen, ich finde es wichtig, dass alle wissen, was rechte Hetzer*innen da nun fordern, damit man sie darauf festnageln kann. Aber wir hätten das vielleicht besser in Beziehung setzen müssen zu den Positionen, die die anderen Parteien vertreten.

Und noch etwas: Wer bin eigentlich ich und wer hört mir zu? Jemand, der jeden Pfennig zweimal umdrehen muss, soll mir zuhören, der ich immer so fröhlich mit meinem Apple MacBook Pro für 1500,00 Euro nach Berlin reise und zurück? Mir, der ich Zeit und Ressourcen habe, ein Coder Dojo nebenbei zu veranstalten? Mir, der ich gerade ein Start-up gründe? Ich bin von denen, die sich abgehängt fühlen, so weit weg wie nur irgendwas, genau wie so viele andere Sozis, die zwar alle super sind und immer ganz viel recht haben und vieles richtig durchschauen – die aber auch allesamt als arriviert wahrgenommen werden. Diese coolen Mathias Richels, Nico Lummas und sagenwirmal Sebastian Reichels. Ich bin wirklich Fan von jedem einzelnen der aufgezählten, aber ich fürchte, dass die, die wir als Sozis einsammeln sollten, regelrecht Angst vor uns haben: Immer einen lockeren Spruch drauf, auf alles eine Antwort, jeden Gedanken schon zweimal gehabt, von drei Seiten beleuchtet und mit fester Meinung im besten Sinne ausgestattet. Ich glaube, was so ein*e sich als abgehängt Empfindende*r braucht, ist mehr Gemeinsamkeit.

Gerade hat Armin Nassehi einen Artikel darüber geschrieben, dass die Sozis diejenigen sein müssen, die alle unter einen Hut bringen. Wir Sozis müssen den rechten Parolen stimmige und glaubwürdige demokratische Konzepte entgegensetzen. Auch wenn Sigmar Gabriel wieder einmal den Ton nicht richtig getroffen hat und den Zeitpunkt eher blöd getroffen hat: Er hat natürlich recht damit, dass Investitionen in Wohnungsbau und Bildung getätigt werden müssen und dass diese natürlich gleichermaßen bereits hier lebenden wie neu ankommenden zugute kommen müssen. Bei den NRW Jusos hat das neulich Frederick Cordes ganz hübsch beschrieben, ich musste erst ein wenig lachen, aber am Ende bin ich doch etwas nachdenklich geworden, denn dieser Text bringt das Dilemma ganz gut auf den Punkt: Wo wir eine gute Idee umsetzen, reißen wir mit dem Hintern drei andere wieder ein.

Aber will ich im aktuellen politischen Klima eigentlich irgendwas gemeinsam haben mit solchen, die der AfD ihre Stimme geben oder auch nur im Verdacht stehen, das zu tun? Die Fronten sind bereits derart verhärtet, dass kaum noch gesprochen werden kann, Etiketten sind geklebt und können nicht so einfach wieder abgezogen werden, vielleicht über Jahre behutsam wieder abgeknibbelt. Wie finden wir eine Sprache, in der wir glaubhaft und authentisch darüber sprechen können? Ob man mit einer Blume mal jemanden besucht, der/die sich zu Hause verkrochen hat und sagt: „Hier ist eine Blume, die schenke ich Dir. Erzähl mir.“ Und sich erstmal den ganzen Sermon anhören, mit allen Ressentiments und Ungeheuerlichkeiten. Und sagen: „Ich höre Dich.“ Und dann: „Komm mit. Wir gehen hin zu den Geflüchteten. So wie ich Dir zugehört habe, so hören wir jetzt den Geflüchteten zu. Lass uns vielleicht eine Blume mitnehmen.“ Ob das klappen kann? Ob sich jemand findet, der sich das traut und wirklich probiert? Und der das nochmal probiert, wenn es nicht klappt? Der die Ruhe bewahren kann und dabei nicht aussieht wie ein Fähnchen im Wind? Der es schafft, zu sagen „ich höre dich“, ohne zu sagen „ich verachte dich“? Der es schafft, die Äußerungen von der Person zu trennen und den Mut hat, den Versuch zu wagen, diese Person nicht aufzugeben und ihr andere Positionen zu vermitteln? Der die Muße hat, das behutsam zu tun? (Ich klinge schon wie so ein Geistlicher, herrje!)

Ich gehe davon aus, dass ich mich auf einige heftige Kommentare gefasst machen kann, weil wahrscheinlich einige diesen Text als „AfD-Wähler-Verstehen“ deuten werden, und somit als Relativierung der ungeheuren Forderungen dieser Hetzer*innen.

Aber ich bin ganz im Gegenteil der Überzeugung, dass wir gerade den Hetzer*innen die vielen Nichtwähler*innen eben nicht überlassen dürfen, dass gerade wir Sozis zu den Nichtwähler*innen hingehen müssen. Ich weiß ganz sicher, dass wir hervorragende Ideen haben, denen sie viel lieber folgen würden als der plumpen Ausgrenzung und den brutalen Forderungen der AfD. Ich bin sogar sicher, dass sie unsere bestehenden Positionen bereits voll unterstützen würden, aber es kümmert sich niemand um sie, es spricht niemand ihre Sprache und es will sich niemand eine Blöße geben.

Wer soll das tun?