Ziele und Zielgruppen bitte nicht vermischen

Gestern und heute geht dieser Tweet hier durch meine TL:

Ich habe mich bisher eher zurückgehalten, was schlaue Analysen zu den G20-Krawallen angeht, weil ich davon wahrscheinlich zu wenig Ahnung habe. Was mir aber heute, nach einem kurzen Tweetwechsel mit @jselzer, durch den Kopf ging ist dieses: Die Kriminalität, die von rechtsgerichteten Straftäter*innen ausgeht lässt sich nicht 1:1 mit der Kriminalität vergleichen, die von einem schwarzen Block und Konsorten ausgeht. Zum einen sind die Motive der Täter*innen extrem unterschiedlich und vor allem die Ziele ihrer Angriffe. Und daraus resultieren auch die extrem unterschiedlichen Reaktionen darauf.

Nach allem, was mir so weit bekannt ist, richten sich die nennen wir sie mal sogenannten linken Krawallos gegen eine wenig definierte Melange aus „System“, „Symbolen“ und „Establishment“. Damit fallen ziemlich viele Menschen potenziell ins Visier, was eine ungleich größere Verunsicherung in breiteren Teilen der Bevölkerung nach sich zieht. Gleichzeitig liegt es meiner Wahrnehmung nach diesen linken Krawallos eher fern, Menschen zu töten, auch wenn z. T. schwere Verletzungen billigend in Kauf genommen werden.

Wenn man sich nun rechte Anschläge ansieht, dann richten die sich gegen eine sehr viel spezifischere Gruppe von Menschen, zu denen der Großteil der Bevölkerung sich nicht rechnet: Asylbewerber*innen, Flüchtlinge, hier und da vllt. Politiker*innen von SPD/Grünen/Die Linke. Gleichwohl scheint mir hier eine Tötungsabsicht in vielen Fällen durchaus gegeben.

Die Intention rechter Gewalttäter*innen ist imho sehr viel radikaler und gefährlicher, sie wird aber als weniger bedrohlich empfunden, weil sie sich gegen eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen richtet, die zudem kein Sprachrohr im allgemeinen Diskurs hat.

Davon aber ganz abgesehen fühlt es sich schmutzig an, Sätze von Jens Spahn zu verbreiten, ich möchte dafür bereits jetzt schon mal um Entschuldigung bitten. Ich äußere mich dazu aber ausnahmsweise trotzdem, denn dieses Zitat ist ein Beleg für die Denke jenes Herrn: Der nimmt Neonazis mit so einem Satz ja fast schon in Schutz – denn im Umkehrschluss heißt das ja, dass Neonazis in der Wahrnehmung von Jens Spahn anscheinend ganz ordentlich randalieren, oawah!?

Nobody loves Donald Trump

You are such a loser, @realDonaldTrump. Look at the pictures of your inauguration ceremony, nobody wanted to come around and cheer for you. Although your pressefritzen lied for you, you know yourself it was a lie and that hurts you.

Kehllappen-elect seine Inauguration. Ausser ein paar toten Zweigen guck niemand zu.

Everybody in the world knows that the heap of money you own would have piled up to mountains if you hadn’t touched it with your tiny fingers at all. But you touched it and you f**** it like everything you touch.

You have no idea that nothing but the wealth you were born into is the only thing that brought you where you are today (Feb 13th, 2017). All the businesses you failed with! All the women that left you! Not even this short period of power is you, it’s that fascist Steve Bannon, who is stirring all your pies with his long fascist fingers. Those who voted for you feel embarrassed for what they have done, only two weeks after you have taken power. How you hurt them! How you hurt your country! How you hurt what once has made America great! How you turn la tête of the free world into its biggest threat! It’s a shame, all that just because you are nothing but a loser.

I won’t pity you until you have resigned – but after that, I will, because there will be nobody pitying you except people like me. Then I will feel sorry for you, but not today. I will feel sorry for you, and still nobody will love you, not even me. You messed up your life already, you’re messing up the lifes of hundreds and thousands around you right now and I’m quite confident there will be millions of messed up lifes in the end, you loser! Versager is the german word.

Martin Schulz

Solche Sachen wie „Gottkanzler“ und „St. Martin“ sind mir als säkularem Sozi ja zutiefst zuwider. Aber #ohneBremsen finde ich geilo. Was ist hier eigentlich los? Habt Ihr mein Blog gelesen, oawah?

In Zeiten von Trump, AfD und weltweit grassierenden Abschottungstendenzen tut es sehr gut, dass Hoffnungen am Staubkorn Martin Schulz kondensieren, festfrieren und zu einem großen Hagelkorn werden, denn Martin Schulz wird für etwas stehen, was sich inhaltlich nicht stark von unserem Programm 2013 unterscheiden wird.

Das Programm 2013 war gile (hab ich, mein‘ ich, damals auch schon so geschrieben), aber mit Peer Steinbrück, der für die Entfesselung der Märkte stand, hatten wir keinen Kandidaten, der diese gilen Forderungen glaubhaft vertreten konnte. Mit Martin ist das anders.

Es gibt eine große Sehnsucht, glaube ich, diesen ganzen Tendenzen entgegenzutreten, die uns jeden Morgen mit offenem Mund auf unser Smartphone starren lassen: Nationalismus, Rassismus, Sexismus, quasi unkaschierter Faschismus. Und niemand ist da, der unsere Werte – Freiheit! Toleranz! Aufklärung! – verkörpern kann. Die vermeintlich alten Zöpfe*) boten einzig Fläche für abgeschmackte „Wer hat und verraten?“ Anwürfe, aber nicht für ein forsches Eintreten für das, was in unserem Programm stand.

Nun also Martin mit seinem unvergessenen Auftritt als Präsident des europäischen Parlaments, bei dem er einen nazihaften Typen des Hauses verweist. Haltung. Wortgewandheit. Kenntnis der rechtlichen Lage. Europa und Sozialdemokratie at its best.

Und vielleicht habt Ihr ja auch zwischendurch ein bisschen mein Blog gelesen. Dann wisst Ihr, dass Martin gar nicht sooo überraschend plötzlich durchstartet. Wir haben über Jahre etwas getan dafür.

 

 

*) erstens tun wir alle Sigmar Gabriel ständig Unrecht, denn er war es, der es geschafft hat, die SPD inhaltlich zu korrigieren und zweitens hatte auch Peer Steinbrück 2013 schon eine Reihe Einsichten und hervorragende Ideen, die uns einiges dessen erspart hätten, was wir heute ertragen müssen.

Raum und Zeit

Jetzt ist der Kehllappen-elect also Präsident der USA und just gestern oder so ist in mir eine Erkenntnis gereift, die ebenso banal wie folgereichtig erscheint: Der Tag hat 24 Stunden und wir haben nur diese eine Welt (außer jetzt wenn wir Drogen nehmen, aber das ist ziemlich ungesund).

Jetzt geht da einer hin und macht nichts anderes als Tabus brechen. Ein Trump oder die AfD. Björn Höcke, dieser gräßliche Mensch. Jemand auf Twitter hat geschrieben: „Die AfD hält das Stöckchen hin und Ihr alle springt.“ (oder so ähnlich). Das ist die Erkenntnis. Sie rauben uns den Raum und die Zeit mit kalkulierten Skandaläußerungen und uns stockt der Atem, wir sind paralysiert und handlungsunfähig.

Wir müssen den Raum und die Zeit zurückgewinnen. Wir müssen sie am langen Arm verhungern lassen, wir müssen uns von diesen Brunnenvergifter*innen abwenden und uns zuwenden. Wir müssen wieder über die reden, die konstruktiv sind und über deren Vorschläge. Dann legt sich auch die Aufregung. Wir sollten uns mit unseresgleichen über unseresgleichen unterhalten, mit und über die, die 2015 Flüchtlingszüge zu Trains of Hope gemacht haben, über die, die Elterngeld Plus eingeführt haben, über die, die sagen „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Wir sollten unsere erstarrt aufgerissenen Münder wieder schließen und unsere wachen Augen öffnen für die, die konstruktiv sind. Denen sollten wir Raum und Zeit geben (yes, (Social)Media, I’m talking to you!).

Nein, es ist kein totschweigen. Nach wenigen Äußerungen war und ist klar, wes Geistes Kind Trump und die AfD sind. Das müssen wir konstatieren und benennen und wir müssen ihnen den Raum und die Zeit zugestehen, die ihnen gebührt. Und wir dürfen nicht jene der Zeit und des Raumes berauben, die dieser Zeit und dieses Raumes würdig sind, z. B. all jene Unermüdlichen, die sich als Lokalpolitiker*innen für nichts, nada und nothing die Nächte in Stadtratssitzungen um die Ohren schlagen, für die vielen in den Landesparlamenten, die sich bis zum Erbrechen mit Themen auseinandergesetzt haben, die mit einer schmissig geführten Feder als nichtig diskreditiert werden, für die vielen, die sich dieser Tage auf den Straßen als Volksverräter*innen beschimpfen lassen müssen aber in Wahrheit unser letztes Bollwerk gegen die völlige Verrohung und Dekonstruktion unseres Zusammenlebens bilden.

Wir sollten die Kameras neu ausrichten, weg von den Täter*innen, hin zu denen, die verzweifelt die Gesellschaft zusammenhalten: yes, I’m talking about politicians, my dear! Gebt denen Raum und Zeit, schenkt denen Eure Aufmerksamkeit, die konstruktiv sind. Lasst die Destruktiven alleine. „Talk to the hand“, hat der große Charakterdarsteller Arnold Schwarzenegger in einer der zahlreichen nachdenklichen Szene seines volksnahen Œvres mal gesagt.

Wenn das Bundesverfassungsgericht der NPD nachweist, dass sie demokratiezersetzend wirken möchte, aber dazu zu unbedeutend ist, dann sollten wir diesem Prinzip folgen.

Ohne Kompass kostet Menschenleben

Es wurde Zeit. Es ist zum Heulen, aber es wurde Zeit für ein neues Bild. Der tote kleine Aylan hat mir vor Monaten die Tränen in die Augen getrieben, er hätte, wie er da mit dem Gesicht nach unten, tot am Strand lag, mein Kind sein können. Dieses Bild hat mich kalt erwischt, vor nur wenigen Wochen.

Es wurde Zeit, heute dieses Bild von dem toten Baby auf dem Arm des Rettungsmannes. Und wieder heule ich Rotz und Wasser, aber diesmal ist es anders. Ich bin sauer. Wie haben wir als EU versagt! Wie hat die Bundesregierung versagt! Dieses Mal ist bei mir so viel Wut dabei. „Wir schaffen das“ hat nicht gereicht, es hat Europa nicht gezeigt, wie wir das schaffen und es hat zu viel Raum gelassen für jene, die am ganz rechten Rand fischen. Mir kommt in den Sinn, was der viel gescholtene Gerhard Schröder gesagt hat: „Ich hätte gesagt: Wir können das schaffen, wenn wir bereit sind, Voraussetzungen dafür hinzubekommen.

Und ich denke: Auch das wäre noch viel zu wenig gewesen. Wir hätten ganz entschlossen handeln müssen, sofort. Wir hätten sagen müssen: Wir schaffen das, es handelt sich um eine europäische Notsituation, die nur mit vollem Einsatz bewältigt werden kann. Wir müssen allen Flüchtenden helfen, nicht nur einigen, sondern allen, sofort. Jede verfügbare Kraft muss zur Hilfe eingesetzt werden, die vielen freiwilligen Helfer*innen hätten nicht bestaunt, sondern sofort unterstützt werden müssen. Der ganzen rechtsnationalistischen Shice hätte man mit dauerhaften breiten Hilfsprogrammen das Wasser abgraben müssen, Einsatz der Bundeswehr von mir aus, um alle, wirklich alle Flüchtenden sofort zu retten und zu versorgen. Man hätte den europäischen Notstand ausrufen sollen oder sowas.

Vielleicht hätten Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt besser gehandelt als Angela Merkel. Was fehlt, ist Entschlossenheit. Frau Merkel ist doch angeblich die mächtigste Frau der Welt. Wozu eigentlich?

Wer traut sich noch zu den Nichtwähler*innen?

Eigentlich fühle ich mich zu schwach, um über die Wahlergebnisse in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zu bloggen. Wie schön, dass wenigstens noch eine überzeugende Politikerin wie Malu Dreyer es schafft, die Wähler*innen doch noch zu erreichen. Wie bitter aber sind die Ergebnisse in den beiden anderen Ländern. Andererseits: Unsere Kandidaten dort kenne nicht mal ich als Sozi so richtig: Nils Schmid in Baden-Württemberg und Katrin Budde in Sachsen-Anhalt, ok?

Bei Malu Dreyer wusste ich das, weil sie bei D64 im Beirat ist und ich sie auf der re:publica kennenlernen durfte – was für eine fantastische Person! Und wie schön, dass diese fantastische Politikerin sich gegen die Weinkönigin durchsetzen konnte, das rettet mein Vertrauen in die Menschheit.

Die/der Kandidat*in ist das A & O, will mir scheinen. Bei Peer Steinbrück 2013 hatten wir ein großartiges Programm, von dem ich mir gewünscht hätte, dass meine Filterbubble das damals genauso rauf- und runterzitiert hätte wie dieser Tage das der AfD. Aber man hat Peer dieses Programm nicht abgenommen. Zu viel Gestolper, zu viele Altlasten aus Zeiten der Deregulierung der Märkte, zu dünnhäutige Auftritte (dabei waren auch ein paar richtig starke dabei, aber Schwamm drüber…)

Bei Malu Dreyer passt alles, sehr gute Politik gemacht, sehr gute in Aussicht gestellt, das ganze mit Haltung und Rückgrat vertreten, dabei fröhlich geblieben. Wenn so jemand nicht gewonnen hätte, dann wäre es das wirklich gewesen mit der Demokratie. Allein, allzu viele von solchen Leuten kannste Dir auch nicht einfach backen.

Noch ein Wort zu den vielen Zitaten aus den diversen AfD-Wahlprogrammen in den letzten Tagen: Die sollten ja die Ekelhaftigkeit dieser Ansammlung von Demokratiefeind*innen entlarven, aber ich glaube, wir haben damit das Gegenteil dessen bewirkt, was wir erreichen wollten. Diese rechten Hetzer*innen haben das ja nun mal ganz offen in ihr Programm geschrieben, weil sie damit auf Stimmenfang gehen wollten. Und wir haben ihnen den riesigen Gefallen getan, das in epischer Breite publik zu machen. Viel zu wenig haben wir verbreitet, wofür die anderen Parteien stehen. Die haben auch seitenweise Programme geschrieben, die sind aber nicht für umme von uns geteilt worden. Das würde ich mir wünschen. Ich bin davon überzeugt, dass die Parteien ihren Job nämlich gar nicht so schlecht machen, wenn es darum geht, Positionen zu erarbeiten. Aber es interessiert sich niemand so recht dafür, wenn die Positionen ganz ok oder gut sind. Damit holste keinen Extraklick auf dein Blog.

Nicht falsch verstehen, ich finde es wichtig, dass alle wissen, was rechte Hetzer*innen da nun fordern, damit man sie darauf festnageln kann. Aber wir hätten das vielleicht besser in Beziehung setzen müssen zu den Positionen, die die anderen Parteien vertreten.

Und noch etwas: Wer bin eigentlich ich und wer hört mir zu? Jemand, der jeden Pfennig zweimal umdrehen muss, soll mir zuhören, der ich immer so fröhlich mit meinem Apple MacBook Pro für 1500,00 Euro nach Berlin reise und zurück? Mir, der ich Zeit und Ressourcen habe, ein Coder Dojo nebenbei zu veranstalten? Mir, der ich gerade ein Start-up gründe? Ich bin von denen, die sich abgehängt fühlen, so weit weg wie nur irgendwas, genau wie so viele andere Sozis, die zwar alle super sind und immer ganz viel recht haben und vieles richtig durchschauen – die aber auch allesamt als arriviert wahrgenommen werden. Diese coolen Mathias Richels, Nico Lummas und sagenwirmal Sebastian Reichels. Ich bin wirklich Fan von jedem einzelnen der aufgezählten, aber ich fürchte, dass die, die wir als Sozis einsammeln sollten, regelrecht Angst vor uns haben: Immer einen lockeren Spruch drauf, auf alles eine Antwort, jeden Gedanken schon zweimal gehabt, von drei Seiten beleuchtet und mit fester Meinung im besten Sinne ausgestattet. Ich glaube, was so ein*e sich als abgehängt Empfindende*r braucht, ist mehr Gemeinsamkeit.

Gerade hat Armin Nassehi einen Artikel darüber geschrieben, dass die Sozis diejenigen sein müssen, die alle unter einen Hut bringen. Wir Sozis müssen den rechten Parolen stimmige und glaubwürdige demokratische Konzepte entgegensetzen. Auch wenn Sigmar Gabriel wieder einmal den Ton nicht richtig getroffen hat und den Zeitpunkt eher blöd getroffen hat: Er hat natürlich recht damit, dass Investitionen in Wohnungsbau und Bildung getätigt werden müssen und dass diese natürlich gleichermaßen bereits hier lebenden wie neu ankommenden zugute kommen müssen. Bei den NRW Jusos hat das neulich Frederick Cordes ganz hübsch beschrieben, ich musste erst ein wenig lachen, aber am Ende bin ich doch etwas nachdenklich geworden, denn dieser Text bringt das Dilemma ganz gut auf den Punkt: Wo wir eine gute Idee umsetzen, reißen wir mit dem Hintern drei andere wieder ein.

Aber will ich im aktuellen politischen Klima eigentlich irgendwas gemeinsam haben mit solchen, die der AfD ihre Stimme geben oder auch nur im Verdacht stehen, das zu tun? Die Fronten sind bereits derart verhärtet, dass kaum noch gesprochen werden kann, Etiketten sind geklebt und können nicht so einfach wieder abgezogen werden, vielleicht über Jahre behutsam wieder abgeknibbelt. Wie finden wir eine Sprache, in der wir glaubhaft und authentisch darüber sprechen können? Ob man mit einer Blume mal jemanden besucht, der/die sich zu Hause verkrochen hat und sagt: „Hier ist eine Blume, die schenke ich Dir. Erzähl mir.“ Und sich erstmal den ganzen Sermon anhören, mit allen Ressentiments und Ungeheuerlichkeiten. Und sagen: „Ich höre Dich.“ Und dann: „Komm mit. Wir gehen hin zu den Geflüchteten. So wie ich Dir zugehört habe, so hören wir jetzt den Geflüchteten zu. Lass uns vielleicht eine Blume mitnehmen.“ Ob das klappen kann? Ob sich jemand findet, der sich das traut und wirklich probiert? Und der das nochmal probiert, wenn es nicht klappt? Der die Ruhe bewahren kann und dabei nicht aussieht wie ein Fähnchen im Wind? Der es schafft, zu sagen „ich höre dich“, ohne zu sagen „ich verachte dich“? Der es schafft, die Äußerungen von der Person zu trennen und den Mut hat, den Versuch zu wagen, diese Person nicht aufzugeben und ihr andere Positionen zu vermitteln? Der die Muße hat, das behutsam zu tun? (Ich klinge schon wie so ein Geistlicher, herrje!)

Ich gehe davon aus, dass ich mich auf einige heftige Kommentare gefasst machen kann, weil wahrscheinlich einige diesen Text als „AfD-Wähler-Verstehen“ deuten werden, und somit als Relativierung der ungeheuren Forderungen dieser Hetzer*innen.

Aber ich bin ganz im Gegenteil der Überzeugung, dass wir gerade den Hetzer*innen die vielen Nichtwähler*innen eben nicht überlassen dürfen, dass gerade wir Sozis zu den Nichtwähler*innen hingehen müssen. Ich weiß ganz sicher, dass wir hervorragende Ideen haben, denen sie viel lieber folgen würden als der plumpen Ausgrenzung und den brutalen Forderungen der AfD. Ich bin sogar sicher, dass sie unsere bestehenden Positionen bereits voll unterstützen würden, aber es kümmert sich niemand um sie, es spricht niemand ihre Sprache und es will sich niemand eine Blöße geben.

Wer soll das tun?

 

Endorsement

Was regen sie sich wieder alle auf: Malu Dreyer ducke sich weg! Hannelore Kraft scheue den Konflikt auf offener Bühne mit der AfD! Am lautesten rufen Armin Laschet und die seinen aus der Union.

Ich finde, dass Hannelore und Malu völlig richtig entschieden haben. Den hohlen Populismen inhaltlich Paroli zu bieten versteht sich von selbst. Es ist auch gar nicht schwer, in jedem Facebook-Thread und auf jeden dämlichen Tweet müssen hunderte Links und Kommentare folgen, die die Dünnbrettbohrigkeit der AfD entlarven.

Anders ist es mit Talkshows. Allein dass dort Personen wie Frauke Petry und Dingsdabumsda von Storch auftreten dürfen, ist ein Endorsement (also die Bestätigung einer Legitimierung dieser Personen). Was in der Zeitung steht, dem wird Bedeutung beigemessen. „Du glaubst es, weil es in der Zeitung steht“, ist eine ebenso billige, wie abgeschmackte wie richtige Aussage. Im Massenmedium Fernsehen potenziert sich diese Wirkung, weil die Reichweite ungleich höher ist. Bei Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch einmal mehr. Wer im SWR auftreten darf, einem Sender der ARD, der nach wie vor seriösesten Marke der deutschen Medienlandschaft (neben dem ZDF vielleicht noch), dessen Positionen erhalten implizit den Ritterschlag, dass sie vermeintlich genug Wahrheit enthalten, um vom Fernsehen gesendet zu werden – egal wie die Diskussion ausgeht.

Kommunikation – das ist ja nun weiß Gott ein alter Hut! – ist erheblich mehr als die Wörter, die fallen.

Und wenn man sich ansieht, wie eine Talkshow im Allgemeinen abläuft, dann finde ich, hat Daniela Harsch mit ihrer Einschätzung völlig recht:

Wie ging dieser lustige Vergleich noch mal? Wenn Du mit einer Taube Schach spielst, wird sie alle Figuren umwerfen, auf das Brett kacken und am Ende darüber stolzieren als hätte sie gewonnen. Und wenn das unter einem öffentlich-rechtlichen Label passiert – zusätzlich durch die Anwesenheit einer Ministerpräsidentin von RLP oder NRW mit Gewicht aka Endorsement legitimiert, dann haben wir erneut einen wesentlichen Teil verloren. Es geht einer Ansammlung von Menschenfeinden wie der AfD niemals um ein Ringen in der Sache, sondern um Vergiftung und Zerstörung demokratischer Grundlagen. Wer die Grundprinzipien demokratischer Diskurse bewusst schädigen will, kann immer nur als Gewinner aus Formaten wie politischen Talkshows hervorgehen.

Deswegen finde ich die Haltung von Hannelore Kraft und Malu Dreyer völlig richtig.

Und deswegen finde ich, dass wir zur breiten Entlarvung des Populismus der AfD anderer Formate bedürfen. Das eine, Social Media Kneipen, Kantinen, Straßenbahnen, Wartezimmer, können müssen wir selbst übernehmen, jede*r einzelne von uns. Holt Euch die Fakten dazu aus dem Internet und habt die Informationen parat, um sie jederzeit einsetzen zu können.

Das andere, die breitenwirksame Aufklärung, ist Aufgabe der Medien in Form von Dokumentationen, Reportagen und Berichten. Behauptungen, die spontan in einer Livesendung getroffen werden, können nur schwer innerhalb von Sekunden in der gebotenen Tiefe entkräftet werden. Hingegen kann jede Aussage der AfD in einem Faktencheck auch im Fernsehen pulverisiert werden – und das ist die Aufgabe von Journalist*innen, nicht von Ministerpräsident*innen.

Denn am Ende läuft es, egal wie eine Talkshow ausgeht, darauf hinaus, dass man den Rechten, den Hetzer*innen, zu einem Millionenpublikum verholfen haben wird. Ich finde, Hannelore Kraft hat mit diesem Satz völlig Recht:

Die Wildecker Herzbuben, Helene Fischer, die Flippers: Reach out, touch faith!

Man soll ja nicht für die Bild-Zeitung schreiben, sie nicht lesen, sie nicht kaufen und ihr auch keine Klicks gönnen. Das stimmt ja immer noch. Ich habe mich mit @Nico darüber hin und wieder etwas gestritten, weil er ja trotzdem für sie schreibt. Sein Argument: Dort erreiche ich die, für die unsere Standpunkte neu sind. Über Twitter/FB/Blogs und so weiter und so weiter erreichen wir nur die, die sowieso schon wissen, was wir wollen. Immer noch ein Dilemma.

Heute ging ich mit der Pollykowskaja (also unserem Hund) ein wenig spazieren, während in Köln 10.000 anständige Demokrat*innen einigen versprengten Rechtsauslegern die Stirn geboten haben. Ich war ein bisschen stolz auf das Rheinland, wieder mal war die Zivilgesellschaft in zehnfacher Stärke den Rassist*innen und Brunnenvergifter*innen entgegengetreten.

Dennoch, kaum macht die Kanzlerin mal was mit Haltung, Rückgrat und was richtig, schmelzen die 42% der Union plötzlich ab. 36% Unterstützung für die CDU. Ich halte das keineswegs für ein gutes Signal, das bedeutet doch eher: Wenn die Union auf einen Kurs einschwenkt, der dem der SPD entspricht, gehen sogar Angela Merkel die Unterstützer*innen von der Fahne. Das beängstigt mich. Das bedeutet, dass die breite Masse da draußen erheblich weiter rechts steht als uns (oder mir zumindest) lieb ist.

Wie ich nun also mit der Pollykowskaja so gehe, denke ich: Die Wildecker Herzbuben. Helene Fischer. Die Flippers. Und wer in diesen Musikantenscheunen derzeit sonst noch gerade der hice shice ist. Die! Die müssten mal ein klares Bekenntnis „Refugees welcome“ abgeben. Die müssten mal mit ein paar Fakten ein Statement abgeben. Hat da jemand von Euch Verbindungen hin? Kann das mal wer anleiern? Die Bildzeitung ist, wie wir inzwischen wieder feststellen müssen, eine gar zu unzuverlässige Partnerin. Sind hier Gatekeeper*innen unter meinen Leser*innen? Leiert doch mal was an, bitte!

Wo mache ich mit?

Vor tausenden von Jahren habe ich Abitur gemacht, also kurz davor muss es gewesen sein, dass mir ein oder zwei engagierte Geschichtslehrer*innen was erzählt haben über die Situation in der Weimarer Republik und darüber, wie die Stinknazis an die Macht gekommen sind und sie so lange halten konnten, bis am Ende die ganze Welt brannte. Ich fand das als Schüler irgendwie langweilig, es hatte mit meinem Leben auf dem Bauernhof in Rhade wenig zu tun. Dort, in Rhade, ging es wenig politisch zu. Wir haben uns über die Strohernte gefreut, weil wir auf den Strohwagen mitfahren durften und weil es warm war.

Später habe ich mich aber immer mal wieder zaghaft gefragt, zunächst seltener, später öfter: Wie hätte ich mich damals verhalten, in dieser Nazizeit, oder vielmehr kurz davor? Was hätte ich getan? Wäre ich ein Nazi-Mitläufer geworden oder vielleicht gar ein ideologischer Eiferer? Oder wäre ich von Anfang an in Opposition gegangen? Eine Frage, die mich eigentlich immer beschäftigt hat und die ich bis heute nicht beantworten kann, weil sie rein hypothetisch ist. Ich habe damals nicht gelebt. Ich habe die Verhältnisse nicht am eigenen Leib erfahren. Ich kann diese Frage nicht beantworten, denn ich kann das Wissen aus meinem Geschichtsunterricht nicht ausblenden. Es ist in diesem Moment, da wir in einer Gemengelage leben, die Antworten jetzt, heute, in diesem Moment erfordert, auch nur zweitrangig. Welche Entscheidungen treffen wir heute? Sind wir uns überhaupt dessen bewusst, dass wir an einem Scheideweg stehen?

Gerade vor zwei Tagen hat ein rechtes Dreckssubjekt ein Mordattentat auf Henriette Reker, der OB-Kandidatin für Köln, verübt. Einige Tage zuvor wollten kaum minder verabscheuenswürdige Arschlöcher auf widerwärtigen Pegida-Versammlungen Angela Merkel und Sigmar Gabriel am Galgen hängen sehen. Dass dieser Tage jeden Tag Vertriebenenunterkünfte brennen, ist den Medien kaum noch eine Meldung wert, es ist zur Normalität geworden.

In seinem Blogbeitrag hat Michael Bittner hergeleitet, dass sich weite Teile unserer heutigen Gesellschaft bereits voll auf genau demselben Holzweg befinden wie Deutschland bereits kurz vor 1933. Die Argumentationslinien stehen in einer Linie mit denen von Joseph Goebbels (für die ohne Geschichtsunterricht: Das war der Chef-Hetzer Adolf Hitlers.)

Ich habe mich in all den friedlichen Jahren gefragt: Wäre ich in Zeiten der Nationalsozialisten ein Mitläufer gewesen? Hätte ich sie vielleicht sogar aufgrund meiner persönlichen hypothetischen Lebenssituation unterstützt oder wäre ich vielleicht gar ein glühender Anhänger gewesen? Ich weiß es nicht. Aber wir haben heute, im Jahr 2015, das Glück, dass wir es besser wissen. Dass wir es besser wissen müssen, ist unsere Verpflichtung gegenüber den Millionen Todesopfern, die die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gefordert hat. Wir müssen erkennen, dass die Brunnenvergifter sich genau derselben Mechanismen bedienen wie damals. Damals hatte niemand eine Referenz, niemand oder zumindest nur wenige konnten absehen, wie tief diese Entwicklungen die ganze Welt in den Abgrund reißen würden.

Heute stehen wir da und kennen die Geschichte. Heute sind wir verpflichtet, es besser zu wissen. Heute wissen wir, dass wir diesen Tendenzen früh begegnen müssen. Das tun wir, das tun vornehmlich diejenigen, die sich nicht zu schade sind, sich für eine Haltung zu entscheiden. Das tun auf kontinuierliche Weise vor allem die, die in den demokratischen Parteien organisiert sind. Es sind in vorderster Front Jusos, Sozis, Linke und Grüne, die neben kirchlichen und sozialen Verbänden auf dem Marktplatz stehen, um hier in Bonn die Spacken von Bogida nach zwei Versuchen derart in die Schranken weisen, dass die sich hier nicht wieder haben blicken lassen.

Und dennoch werden diejenigen, die sich in den demokratischen Parteien engagieren, im besten Fall bestaunt, im Normalfall gemieden, im schlechtesten Fall wie Unzeug behandelt. Das ist vor dem Hintergrund des Wissens, das wir alle über die finsterste Zeit der Menschheit haben, zutiefst alarmierend. Wie viele Konjunktivkonstruktionen sind geschrieben worden über die Zivilgesellschaft der Weimarer Republik und der darauf folgenden Nazi-Herrschaft? Wann hätten die aus unseren Augen normalen menschlichen Regulative greifen müssen?

Hätte hätte Fahrradkette, was die Geschichte angeht, die ändert sich nicht mehr. Aber heute stehen da welche mit offener Nazi-Rhetorik, mit offener Ablehnung gegenüber demokratischen Mechanismen, die einmalig in der Geschichte der Menschheit 70 Jahre Frieden in Europa gesichert haben, und wir als Zivilgesellschaft müssen in der Lage sein, das zu erkennen und dem entgegenzutreten, denn wir kennen die Geschichte.

(Ey, Loick, Nazivergleich, geht’s nicht eine Etage drunter?) Nein! Ich bin in meiner schulischen Laufbahn darüber informiert worden, wie subversiv ein menschenverachtendes Regime zur Macht gelangen konnte und ich möchte, dass meine Enkel, sollte es zum Schlimmsten kommen, sagen können: Mein Opa hat sich dem von Anfang an entgegengestellt, denn wir begeben uns gerade auf genau diesen Weg. Der Anfang ist jetzt.

Aber noch mehr wünsche ich mir, dass meine Enkel keinen Gedanken an die Spinner von Pegida und AfD verschwenden müssen, weil hoffentlich in ein paar Jahren niemand mehr darüber sprechen muss. Dass die Zivilgesellschaft und die Politik gemeinsam eng genug zusammenstehen, um eine erneute Eskalation dieses Ausmaßes zu verhindern.

Aber damit das Wirklichkeit wird, muss in der Gesellschaft viel passieren. Es darf nicht länger Konsens bleiben, dass Politiker*innen der demokratischen Parteien per se als korrupt wahrgenommen werden. Es darf nicht länger Konsens bleiben, dass Parteien als Hort des Bösen, der Vercheckung, des gesellschaftlichen Ausverkaufs wahrgenommen werden. Die demokratischen Parteien sind dies alles nicht. Es mag gern genommene einzelne Fälle geben, für meine Partei nehme ich in Anspruch: Die allermeisten, die sich mit mir engagieren, treiben Anstand, der Wille zur Gestaltung zum Besten für alle und der Wille zur Verbesserung der Verhältnisse an.

(Kaum habe ich das hingeschrieben, werde ich ängstlich: Traust Du Dich wirklich, das zu sagen, öffentlich, im Internet, lesbar für alle, auch für die, die eine Minute nach dem Klick auf „publish“ über Dich herfallen werden? Wer schreit als erstes „Sarrazin!“? Wer als erstes „Wer hat uns verraten?“ Wird mein VDS-Count dem Ansturm standhalten oder muss Google für mich mitzählen?)

Ich bleibe dabei. Die Mehrheit der parteipolitisch Engagierten und Organisierten sind von hehren Idealen getrieben, so wie ich. Fallt über mich her, nennt mich einen Naivling, lacht mich aus oder verwehrt mir jede politische Karriere: Das wird immer mein politischer Antrieb bleiben, so wie von hunderten Sozis, die ich kennengelernt habe. Das sind die, die neben den Aufgebrachten um die Kloschüssel stehen, das sind die, die genau wie die anderen sehen, dass da unten in der Kloschüssel der Schlüssel liegt, der dort gerade hineingefallen ist. Das sind die, die nicht nur rufen: Guck! Da liegt der Schlüssel, ganz unten! Da liegt er! Das sind die, die hingehen und hineingreifen in die Kloschüssel und den verdammten Schlüssel da raus holen. Das sind die, von denen sich alle angewidert abwenden, weil ihre Hände komisch riechen. Aber das sind die, die für Euch den shice Schlüssel da rausgeholt haben.

Da steht ein Ergebnis, Asylverschärfungen, Shice-SPD, Mann! Ihr hättet einfach NEIN sagen müssen! Wenn es so einfach wäre, wären alle Probleme gelöst. Die Wahrheit ist aber: wenn eine Bevölkerung 25% SPD wählt und 42% Union, dann stehen in so einem Asyl-Kompromiss auch 42% Union und nur 25% SPD. Und wenn Frau Merkel plötzlich das erste Mal in ihrer Kanzlerschaft einen Kurs erkennen lässt, der auch nur im entferntesten sowas wie Haltung erkennen lässt – und ihre bis dato fantastischen Umfragewerte stante pede in sich zusammenbrechen – dann frage ich mich, ich ganz persönlich: Haben wir ein Problem, Zivilgesellschaft? Und liegt dieses Problem wirklich in den Parteien? What is your drive, Deutschland?

Timeout

Heute brennen in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte und ich kann es nicht mehr hören, es ist ekelhaft. Ich sitze in der Küche und höre die Jammerplaylist und dabei stolpere ich über Freundeskreis, „Esperanto“. Da singen sie:

Esperanto, eloquente definition
Ein schnellerlernter Lingo zur Verständigung der Nation’n
Basiert auf romanisch, deutsch, jiddisch, slawisch,
Kein Sprachimperialismus oder Privileg des Bildungsadels

Das war, wie ich einige Zeilen weiter oben lese, im Jahr 1999. Wann fing das an, dass die jungen Leute™ plötzlich ohne schlechtes Gewissen so’n Shice wie Böhse Onkelz oder Frei Wild gehört haben? Ging das echt mit der WM 2006 los? Waren wir™ wirklich die bessere Generation out of control als die heute? Wann ging das schief, dass Rebellion plötzlich rechts wurde? Bin ich mit Schuld daran?

Jetzt sitze ich hier und höre alte Musik, weil ich den Hass für einen Moment nicht mehr ertrage. Die Kinder schlafen. Heute hat der Große Sohn gesagt: „Papa, Du wolltest uns doch noch das Bild im Internet zeigen, wie die Flüchtlingskinder mit unseren Spielsachen spielen.“ Ich zeigte es ihnen. „Oh, wie schön! Guck mal, s, da ist unser altes Flugzeug! Gut, dass wir das gemacht haben, Papa!“