Auto-Atmo

Wir reden ja die ganze Zeit von Verkehrssituationen, also meistens irgendwas wie „Autofreie Stadt“ und „Fahrradstraßen“ und sowas. Der Bonner Verkehrsdezernent Helmut Wiesner sieht meine liebste kleine Großstadt am Rhein auch – völlig zu recht! – weit davon entfernt, das selbstgesetzte Ziel „Fahrradhauptstadt 2020“ zu erreichen, darüber könne er sich nur kaputt lachen, berichtet der Bonner Generalanzeiger. Und ich selbst habe ja vorige Tage mal darüber schwadroniert, wie gile ich eine Fußgängerzone vom Bertha-von-Suttner-Platz über die Kennedybrücke bis zum Konrad-Adenauer-Platz fänd. Dabei ist mir jetzt noch ein Faktor eingefallen, den ich schon die ganze Zeit mal hinschreiben wollte:

Autos schaffen Auto-Atmosphäre – Fußgänger*innen schaffen Fußgänger*innen-Atmosphäre.

Damit meine ich: Wo das Auto die Atmo vorgibt, da fühlt man sich auch nur noch in einem Auto sicher. Und weil man sich auch in einem Auto manchmal nur noch zu 75% sicher fühlt, braucht man dann plötzlich in der Innenstadt ein SUV, damit man höher sitzt und sich damit dann zu 98% sicher fühlt (die restlichen 2% Unsicherheit bleiben, weil man mit der Shicekarre ja irgendwann parken muss und man nach hinten raus meist nicht sooo gut sehen kann, aber das ist ein anderes Thema).

Könnt Ihr Euch vorstellen, in Köln die Nord-Süd-Fahrt mit was anderem als dem Auto zu benutzen? Und warum nicht?

Eines der größten Mankos rheinischer Großstädte sind ja die 40 bis 85 cm breiten Bürgersteige, der Rest ist den Autos vorbehalten. Es ist emeffing eng in Köln und Bonn. Aber einmal im Jahr, nämlich an Rosenmontag, bevor der Zoch kütt, kann man in Köln den ganzen beschissenen Platz, der den Rest des Jahres für Autos reserviert wird, zu Fuß begehen – und dieses Erlebnis fand ich in den ersten sechs Jahren sehr befreiend. Seit zwei Jahren empfinde ich es mehr und mehr als eine Unverschämtheit, dass wir uns, wenn der Zoch durch ist, wieder auf unsere 60 bis 85 cm trollen müssen.

Wenn ich mir überlege, was der Quadratmeter Miete in Köln*)- oder Bonn**)-Innenstadt kostet und wieviel Quadratmeter ein Auto so im Schnitt***) belegt, frage ich mich, ob der Platz, der für Autos reserviert wird, nicht besser für Menschen freigehalten werden sollte. Oder anders gerechnet: Für mein Auto werden in Innenstädten rund 4,5 qm Parkfläche in Form von Parkhäusern oder Stellplätzen freigehalten – auf den Monat gerechnet sind das sagen wir 40€/qm mal 4,5qm gleich 180 Euro, die allein das Parken eigentlich kosten müsste – egal, ob ich da hinfahre oder nicht, denn der Parkraum wird ja vorgehalten. Nicht eingerechnet der unermessliche Platz, der für die Wege zu meinem Parkplatz reserviert wird in Form von dreispurigen Straßen.

Es ist eigentlich ziemlich eindeutig, Autos in der Stadt sind der letzte Rotz – und wir brauchen uns nicht über Mietpreisbremsen und keine Ahnung watt zu unterhalten, wenn Autos in Innenstädten weiterhin so bevorzugt werden. Die fressen unhinterfragt den ganzen kostbaren Platz auf. Und gefährden uns und unsere Kinder, nicht allein durch Abgase, sondern durch ihr Fahren.

Ich finde, wir sollten die Atmo in den Städten, zumindest in Köln und Bonn, total verändern.

Auf dem Land, ganz nebenbei gesagt, hat das Auto übrigens eine völlig andere Rolle! Aber das ist hier nicht das Thema.

*) Köln-Nippes, 2-Zimmer Kaltmiete pro qm 41 €
**) Bonn Innenstadt, 2-3 Zimmer Kaltmiete pro qm 41 -45 €
***) Unser Skoda belegt mit ca. 1,70 x 1,46 m Grundfläche also rund 2,5 qm

Sur le pont de Bonn

Ich wohne in Schwarzrheindorf, also auf der Beueler Seite von Bonn, und unser Büro ist am Bertha-von-Suttner-Platz – daher fahre ich im Moment jeden Tag entweder mit dem Fahrrad oder ÖPNV über die Kennedybrücke – oder ich gehe mit der #Pollykowskaja zu Fuß.

Jeden Tag sehe ich, dass man in der Mitte der Brücke folgende Blicke frei hat:

  • aufs Siebengebirge
  • aufs ehemalige Regierungsviertel mit Posttower und Langem Eugen.
  • auf das südliche Bonner Rheinufer mit Oper und Altem Zoll
  • auf das nördliche Bonner Rheinufer mit Stadthaus und Beethovenhalle
  • auf das nördliche Beueler Rheinufer mit seinem vielen Grün in der Sonne und der Doppelkirche von Schwarzrheindorf
  • auf das südliche Beueler Rheinufer mit Rheinlust und dem Siebengebirge im Hintergrund

Unten tuckern die Schiffe durch. Oben aber ist entweder PKW-Stau oder die Autos plästern wie angestochen an mir vorbei. Bei schönem Wetter sind Rad- und Fußwege auf der Brücke brechend voll und ein*e jede*r bleibt mindestens einmal stehen, um mindestens einen der o. g. Blicke zu riskieren.

Und da hat es mich neulich mal angesprungen: Wenn diese ganzen Shice-Autos nicht wären, sondern nur Füßgänger*innen, Radfahrer*innen und der ÖPNV – was hätten wir für Hochqualitätsplatz auf der Brücke für Gastronomie, fliegende Händler*innen, Flaneur*innen, Familien mit Kindern, Leute mit Bierflasche in der Hand nach Feierabend in der Sonne. Wer von Euch schon mal in Rom war und die Brücke vor der Engelsburg gesehen hat, ist vielleicht in der Lage, dieses Gefühl und diese Stimmung, die dort herrscht, auf über dem Rhein zu projizieren.

Darum hab ich heute folgendes getwittert:

Und irgendwie hab ich darauf drei vier positive Reaktionen erhalten. Und deswegen hab ich heute mal das Foto oben geschossen und beim Überqueren mal folgende Überlegungen angestrengt:

  • wie sehr würde der Beueler Konrad-Adenauer-Platz aufgewertet?
  • wie sehr würde der Bonner Bertha-von-Suttner-Platz aufgewertet?
  • wie sehr würde die Hundepipiwiese vor der Oper aufgewertet?
  • man müsste beide Rheinuferpromenaden für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen besser an die Brücke anbinden, da gibt es bestimmt coole Architekt*innen oder Städteplaner*innen, die diese zehn Meter Höhenunterschied irgendwie nice überbrückt bekommen.
  • Und was den Autoverkehr angeht:
    • Ist die Bedeutung der Kennedybrücke für den Autoverkehr jenseits derer, die in die Innenstadt fahren, von überregionaler Relevanz?
    • Ich selbst zumindest fahre, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, jetzt schon über die Autobahnen auf der Nord- und Südbrücke.
    • Welche Rolle würde die bereits diskutierte neue Rheinquerung bei Wesseling spielen?
    • Welche Rolle würde eine Seilbahn von Ramersdorf auf den Venusberg spielen?
    • Welche Rolle würde ein konsequenter Ausbau des ÖPNV in Bonn spielen (inkl. P+R)?
    • Gerade haben die SWB diese Leihfahrradgeschichte gestartet – wie wunderbar sich das in eine privatPKWbefreite Kennedybrücke fügen würde!

Also mal ernsthaft: Eine Ausweitung der Fußgängerzone über die Kennedybrücke bis inkl. Konrad-Adenauer-Platz in Beuel habe ich mir in jenem kurzen Moment heute morgen als einen Sehnsuchtsort vorgestellt – und ich kriege das gerade nicht wieder weg aus meinem Kopf. Begrünung auf der Brücke! Japanische Tourist*innen müssten nicht vor dem Beethovenhaus zwei Bildchen knipsen und dann wieder gehen, sie könnten einen Schoppen Ahrwein mit Blick auf den romantischen Rhein trinken, vielleicht gibt es dabei sogar kleine Ensembles des Collegium Musicum, die Werke des berühmten Meisters aus Bonn zum Besten geben. Ich glaube, das wäre magnetisch.

Als wir vor ein paar Tagen in Beuel im Restaurant oben am KAP in Beuel saßen, hatten wir einen fabelhaften Blick auf den Stau auf der Brücke. Stellt Euch mal vor, wir würden auf Menschen im Feierabendmodus gucken statt auf Feierabendstau.

Aber ich höre meine eigene Partei schon bedenkentragen: Das geht nicht. Statistiken, wie viele Autos da täglich drüber fahren (ohne zu hinterfragen, ob die das auch wirklich müssen, aber meh!) Von CDU und den ganzen anderen gar nicht zu reden. Liebe Genoss*innen: HIER! WERFT MAL WAS COOLES IN DEN RING! Wer darüber will gehen, muss im Tanze sich drehen! <3 <3 <3

Update – 28.11.2018: Was mir noch eingefallen ist:

  • Wer sich vor der Verödung der Innenstädte wegen der Digitalisierung fürchtet, sollte die Innenstadt halt attraktiv gestalten – und schöne Autos tun das mit Sicherheit nicht.
  • Und die Frage: Wohin mit all den Autos, die heute schon die Brücke verstopfen? Wäre die Brücke heute schon eine Fußgänger- und Fahrradbrücke, würde sich umgekehrt die Frage stellen: Wohin mit all den Fahrrädern? Zugegeben, das geht in Richtung Derailing, daher P+R-Konzepte her! Vollausbau von ÖPNV und Fahrradinfratrukturen! Konzept für den Lieferverkehr her, das müssen auch nicht alles Sprinter-Diesel sein, wir haben mit DHL doch den Weltmarktführer in der Stadt, haben die in ihrem Innovationscenter dazu noch nichts auf der Pfanne?

Schwimmen in Bonn

Die Stadt ist gerade gepflastert mit Plakaten: Ja zum Bürgerentscheid bzw. Nein zum Bürgerentscheid in Sachen neues Spaßbad. Die Argumente pro und contra könnt Ihr Euch hier mal ansehen (PDF).

Ich stelle fest: Es sind im letzten Jahr etliche Schwimmstunden in der Grundschule von S und s ausgefallen, weil die Stadtteilbäder im Arsch sind. Die reine Zeit, die die Kinder beim Schulschwimmen im Wasser verbringen, ist bei Anfahrt zu einem weiter weg gelegenen Bad fast kürzer als die Zeit, die die Kinder in der Umkleidekabine verbringen. Das finde ich shice, man sehe sich die Statistiken an, wie viele Kinder inzwischen nicht richtig schwimmen lernen.

Es sollen nun also Stadtteilbäder geschlossen und durch ein zentrales Spaßbad ersetzt werden, Eintritt 10 Euro oder so. Spaßbad, das klingt total toll, blühende Landschaften wie damals nach der Wende zu Hochzeiten der Spaßbäder, vor allem in den neuen Bundesländern. Ist das ein Erfolgsmodell?

*mopper* ABER WILLSE JETZT JEDES AMBITIONIERTE NEUE BAUVORHABEN IN DER STADT TORPEDIEREN?!

Will ich nicht. Ich finde nur das Konzept „Vier Bäder für vier Stadtbezirke“ viel besser. Das Agrippina-Bad in Köln ist ein Beispiel, wie Bäder nach einer tollen Sanierung völlig gile sein können, ohne dass uns Konservative und grün angemalte Konservative in West-Benzen das Blaue vom Himmel versprechen. Ich glaube ja, dass die Stadteilbäder an den Stellen stehen, an denen sie stehen, weil es einen Grund dafür gibt. Aber naja. Mal lesen, was die Stadtschulpflegschaft dazu sagt:

„Die vielen ungeklärten Fragen bezüglich der Gesamtlösung für das Schulschwimmen lassen aber aufgrund des bislang erreichten Kenntnisstandes keine klare Positionierung für den Neubau durch die SSP zu.“

Also ich für meinen Teil lege mich fest:

  1. Ich stimme mit ab beim Bürgerentscheid.
  2. Ich stimme mit „Ja“.

Wisster Bescheid.

ÖPNV

Im Karneval, ich im Bus. Es ist voll, alle sind betrunken und verkleidet. Ich finde es gräßlich, dass so viele Jungs sich als S.W.A.T und finstere Brutalos in Tarnfleck verkleiden. Das sind so Typen, die Begriffe der Sexualität als Gewaltausdruck verwenden, glaube ich. Verspiegelte Top-Gun Sonnenbrillen, die wollen aber auch echt so unsympathisch wie möglich rüberkommen, oder? Der Bus hält am Konrad-Adenauer-Platz, Tür geht auf. Eine Oma mit einem Blümchen auf der Wange, einem viel zu kleinen Hut auf dem Kopf und einem Rollator mit dem 2018er Orden der Beueler Wäscherprinzessin will einsteigen.

Der S.W.A.T-Typ nimmt trotz seiner verblödeten Spiegelsonnenbrille den Rollator, eine ziemlich junge Tussi, die sich offenbar zum ersten Mal im Leben geschminkt hat, reicht der Oma die Hand. Sie helfen ihr gemeinsam in den Bus. Alle sind besoffen, aber es ist gar nicht unangenehm (kommt sicher später noch!). Et Oma bedankt sich und die Tussi unterhält sich mit ihr. Der Bus ruckt an, die Oma sitzt noch nicht, der S.W.A.T-Typ fängt sie routiniert auf und hilft ihr auf einen Platz, den ein melancholisch dreinblickender Plüschbär selbstverständlich wortlos räumt. Derweil redet et Tussi weiter auf die Oma ein. Es ist irgendwie routiniert. Eine routinierte Freundlichkeit. Ich lebe gern in der Stadt, zumindest in dieser hier am Rhein. Die Menschen sind geübt darin, dass sie viele sind. <3

Keine Fragen, keine Vorbehalte

Gerade hat @TantePolly bei Twitter diese Frage gestellt:

Und da erinnere ich mich an eine ca. 8 Tage zurückliegende Episode… Ich fuhr den Großen Sohn zu seinem Freund L in Oberkassel, auf dem Rückweg wollte ich auf die B42 auffahren, als da am Rand der Auffahrt ein Typ fuchtelnd neben seinem ziemlich alten Mercedes stand und mich rechts ranwinkte. Ich ließ das Fenster der Beifahrerseite runter und in hektischem gebrochenem Englisch bedeutete mir der Mann, dass er kein Benzin mehr habe und irgendwas mit seinem Baby und seiner Frau sei, Klinik! Durchs Fenster hatte ich gesehen, dass er einen etwa neun oder zehn Jahre alten Jungen hinten im Auto hatte. Der Mann fragte mich nach Geld und bot mir seine vergoldete Uhr an, seine Stimme überschlug sich und nur wenige Worte ergaben einen Sinn in meinem Kopf. Jedenfalls habe ich ihm einfach die 30 Euro gegeben, die ich noch im Portemonnaie hatte. Er hat mir die Hand mehrfach geküsst, schien mir aufrichtig dankbar und emotional immer noch sehr aufgewühlt. Die vergoldete Uhr, die er mir durchs Fenster schon auf den Beifahrersitz gelegt hatte, habe ich ihm selbstverständlich zurückgegeben und ihm gesagt, dass ich ihm das Geld schenke, weil er in Not sei und ich ihm dafür seine kostbare Uhr nicht abnehmen wolle.

Er hat sich so bedankt!

Als ich weiterfuhr dachte ich: Der steht ohne Benzin in der Auffahrt… nützen ihm da 30 Euro in bar überhaupt was? Kommt er noch bis zur nächsten Tanke? Oder hat der mir was vorgespielt? Vielleicht hatte er gar keine Frau in der Klinik? Aber kann man so eine Aufgewühltheit eigentlich spielen, für 30 Euro?

Ich habe beschlossen, dass ich ihm glaube. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass vielleicht eine ganze Familie sich auf ewig daran erinnern wird, dass ihnen mal ein ganz fremder Mensch in höchster Not 30 Euro geschenkt hat, ohne Fragen, ohne Gegenleistung, in Sekunden. Das macht mir ein gutes Gefühl, allein dafür sind 30 Euro eigentlich ein ziemlich fairer Preis.

Rhineland

Heute ist ja der elfte im elften, und schon morgens um 9:00 Uhr laufen hier bärtige Hennen herum und Polizistinnen mit zu großen Mützen und jede Menge Clowns. Ich selbst treibe ja nicht gern so großen Aufwand, um mich zu verkleiden, eine Latzhose und ein Ringelshirt müssen da reichen und mich schminken ist eine kleine Höllenfahrt – nichtsdestotrotz lässt es mein Herz hüpfen vor Freude, wenn die Rheinländer*innen so super super cool aussehen – und sich auf Bahnsteigen und über vierspurige Straßen hinweg gegenseitig Respekt zollen für ihre fabelhaften Kostüme. Ich finde es voll schön hier!

Stirbt die Deutsche Telekom?

Gerade habe ich auf Facebook folgenden steilen Vergleich gepostet:

Die Deutsche Telekom hat, wenn ich das richtig sehe, in 2014 ein Ergebnis nach Steuern von 3,244 Mrd. € erwirtschaftet. Plus, wohlgemerkt. Nach Steuern, wohlgemerkt.

Die Deutsche Telekom setzt darauf, mit Vectoring die letzten Reserven aus vergrabenen Kupferkabeln zu wringen und jetzt, nach dem verheerenden Beschluss gegen die Netzneutralität, Start-ups abzukassieren.

Meanwhile in Indonesien: Google setzt Loon-Ballons ein, um unzugängliche Gegenden mit Internet zu versorgen. Das tut Google sicherlich nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern um Innovationen zur Marktreife zu bringen, mit denen es eines Tages Geld verdienen will.

Verdammte Axt, Deutsche Telekom, ich will sowas von Euch sehen! Ihr geht unter! Noch habt Ihr Geld, das Ihr mutig investieren könntet.

Die Deutsche Telekom ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in Bonn und im ganzen Rheinland, ach, was sag ich! in ganz Deutschland. Und ich finde, sie steht symbolisch für den von mir im D64-Ticker oft gerügten Deutschen Digitalen Rückstand (DDR).

Hier wiederholt sich gerade vor unseren Augen, was wir schon im Bereich der Zeitungsverleger gesehen haben: Innovationen nicht gemacht, Markt verpennt, über Lobbyarbeit hintenrum einen Tropf angelegt, der das Sterben verlängert. Was das völlig verschissene Leistungsschutzrecht bei den Verlegern, ist die vorgestern preisgegebene Netzneutralität für die Deutsche Telekom: Ein Feigenblatt dafür, dass der Laden seit Jahren seine Arbeit nicht richtig gemacht hat. Und damit meine ich ausdrücklich nicht die Mitarbeiter*innen, die für uns die alten Kupferkabel durchmessen, sondern explizit jene, die den Konzern vor Jahren schon strategisch neu hätten ausrichten müssen.

Was nun, Superschlauer Netzmensch Loick, was ist Deine Idee? Vielleicht irgendwas hiervon:

  • Setzt ein Innovationsprogramm auf, stattet es mit maximal möglichen Budgets aus. Plant das so, dass Ihr mit einem ROI nicht vor 2040 rechnet. Macht aus dem Geld, das Ihr jetzt noch habt, Wissen, Expertise und Kompetenz.
  • Buddelt. Buddelt das Kupfer aus, vertickt es von mir aus auf dem Schwarzmarkt (die Preise sollen ja derzeit ganz gut sein) und legt Glasfaser. Lasst Euch das vom Staat von mir aus subventionieren.
  • Fokussiert Euch. Euer Job ist, schnelles Internet dahin zu bringen, wo niemand sonst es hinbringen kann. Ihr seid kein Nachrichtenportal und kein Gemischtwarenladen, Euer Geschäft sind Leitungen. Ihr macht Euren Job gut, wenn man Euch nicht wahrnimmt.

Ich weiß es ja auch nicht. Aber ich befürchte, dass das, was Dominik auf meinen Post geantwortet hat, schier unausweichlich wird, wenn dahinten in Beuel nicht mal einzwei gordische Knoten durchschlagen werden.

 

AK Digitale Gesellschaft der SPD Bonn

Soeben haben wir uns konstituiert, wir sind der AK Digitale Gesellschaft der SPD Bonn. Ich freue mich wirklich wirklich aufrichtig darüber, dass die Teilnehmer*innen mich zum Vorsitzenden diese hübschen kleinen AKs bestimmt haben, ich hoffe, dass ich das dann auch alles so gut mache, wie die Mitglieder es sich vorstellen. Meine beiden Stellvertreter sind Tobias Tenhaef und Florian Reinert, was ich deswegen super finde, weil ich damit zumindest zwei Mitstreiter habe, die die Nummer so ernst nehmen wie ich.

Wir haben uns nach längerer loriothafter Diskussion auf den Namen „AK Digitale Gesellschaft“ verständigt. Wir werden uns, neben dem permanenten digitalen Austausch über mannigfache Kanäle, jeden zweiten Mittwoch im Monat um 19:00 Uhr treffen. Als Location haben wir das Rathaus Beuel ins Auge gefasst, ich werde alsbald in Erfahrung bringen, ob die da zu diesem Termin auch ein Zimmer für uns frei haben.

Nach ebenfalls langer loriothafter, aber deswegen nicht minder ernstgemeinter Diskussion haben wir uns dazu durchgerungen, unsere tägliche Kommunikation über eine Facebook-Gruppe abzuwickeln. Ich kenne diese Diskussion aus Reihen D64 – aber die Erfahrung lehrt: Bei Facebook sind sie alle und deswegen funktioniert das da. Wo anders schläft der Shit zu schnell ein, daher werden wir mit Facebook starten.

Die wichtigste Botschaft ist: Wir wollen kein reiner Sozi-Verein sein, wir laden ausdrücklich und herzlich alle ein, die sich unseren Themen und Fragestellungen verbunden fühlen! Kommt vorbei, wir lieben die Diskussion und halten es locker aus, wenn Ihr Heiko Maas und Sigmar Gabriel nur so mittel findet!

Wer mitmachen möchte, melde sich bei mir! Kommste gleich in die Facebookgruppe und bis dabei!

 

Wahlniederlagenblues

Mann, hat das weh getan! 23% bei der OB-Wahl. Und ich glaube, unser Problem ist, dass wir einfach nicht wissen, woran es liegt. Die Wahlbeteiligung bei paar’nvierzig Prozent. Bei den Freifunkern hat jemand Alarm gemacht, weil SPD und Grüne an den Infoständen Freifunk-WLAN für umme angeboten haben. Die Reaktion diese*r Freifunker*in war so ähnlich, als wären politische Parteien gefährliche Sekten, die Kinder essen. Das frustriert.

Aber wie kommt es dazu? Und wie kriegen wir das wieder weg? Ich hab keine Ahnung. Vielleicht müssen wir diese Tür-zu-Tür-Geschichte eher das ganze Jahr über machen und im Wahlkampf dann gerade nicht. Die Menschen kommen nicht zu den Parteien, ums Verrecken nicht, also müssten die Parteien zu den Leuten gehen, immer und durchgängig. Aber wer soll das stemmen? Das sind alles ehrenamtliche Leute hier, die nebenbei Familien und Jobs haben, die sich in den Ratssitzungen bis 24:00 Uhr mit den Problemen der Stadt herumschlagen, die dafür beschimpft und wie Aussätzige behandelt werden. Die sollen jetzt zusätzlich noch von Haus zu Haus ziehen?

Immerhin, die Erfahrung der TzT-Aktionen in den Wahlkämpfen zeigt, dass sich viele keineswegs belästigt fühlen (wie ich vor meinen ersten TzT-Erfahrungen befürchtet hatte), sondern sich tatsächlich freuen, dass jemand nach ihnen fragt. Da könnte man die Menschen kontinuierlich fragen, was ihre Probleme sind. Und ich vermute, dass die Politik, zumindest die kommunale, sich vieler dieser Probleme durchaus bereits annimmt, ich weiß es allerdings nicht. Und wenn dem so sein sollte, dann wissen es die Wähler*innen nicht.

Die SPD Beuel macht seit Jahrtausenden jeden ersten Samstag im Monat am Beueler Rathaus einen Infostand. Es bleiben nur wenige stehen, und die, die kommen, sind oft jeden Monat dieselben.

Einige fordern, dass wir (also die SPD) neue Köpfe brauchen, aber woher nehmen und nicht stehlen? Ich glaube, dass wir uns in unseren Köpfen erneuern müssen. Was ist das für ein seltsamer Kampf, den die Bonner SPD seit eigentlich schon immer mit dem Generalanzeiger führt? Wo sind unsere Strategien, dieses Verhältnis mal zu verbessern? Wo kommen wir an die Menschen ran? Müssen wir wirklich jede*n einzelne*n aufsuchen? Was ist mit den Ecken, in die Du nicht mal mit Facebook kommst? Was tun in Tannenbusch-Mitte (Wahlbeteiligung 7,86%), an der Josefshöhe (18%) oder Neu-Tannenbusch (13%)? Müssen wir da wirklich an jeder Tür klingeln? Und vielleicht sogar noch zuhören? Wie soll ein*e freiwillige*r Ehrenamtliche*r damit umgehen, wenn er/sie dort beschimpft wird? Hat man Lust, das in seiner Freizeit zu tun? Und die, die das in ihrer Freizeit trotz allem tun, sind die nicht total malle im Kopp, dass sie das in ihrer Freizeit tun? Kann man solche Irren wählen, diese Verwirrten, die noch lächeln, wenn man sie beschimpft?

Ach, lass uns doch mit diesem Politikshice endlich zufrieden, schreib was lustiges, mach wieder ein paar Reime oder so! Politik ist immer so unerfreulich! Immer geht alles nicht, immer gibt’s nur Streit und man muss jemanden doof finden und dafür jemand anderen gut (obwohl ich den gerade mal nicht so gut finde) und immer bist Du so ernst. Sei doch wieder fröhlich! Es war schon immer so, dass sich zu wenige für Politik eingesetzt haben.

Bald. Bald bin ich wieder fröhlich, versprochen.

Bonn – Selbstbewusstsein vs. Schicksalsergebenheit

Shice, erst jetzt, ein paar Stunden vor der OB-Wahl in Bonn, fällt mir auf, warum ich Peter Ruhenstroth-Bauer so viel besser finde als die anderen beiden Kandidaten, da musste ich erst mit dem geschätzten Genossen Björn Uhde auf Facebook ein bisschen über die Wahl morgen sprechen. Und prompt fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Es geht bei dieser Wahl darum, ob Bonn sich seinem vermeintlichen Schicksal als Provinzstadt ergibt oder ob es sein Selbstbewusstsein wiedererlangen kann. Seit Monaten ist es ja genau das, was Peter in seiner Kampagne zu vermitteln sucht und ich raff es erst jetzt so richtig.

Bonn lebt derzeit von den Erinnerungen an die goldene Zeit, als es die kleine Bundesrepublik noch gab, alle finden die Erinnerung daran gemütlich und fühlen sich wohl damit. Dann zog die Bundesregierung nach Berlin, im Bonn-Berlin-Gesetz wurde festgelegt, welche Teile der Regierung, der Ministerien in Bonn verbleiben. Den Titel der Hauptstadt führt seitdem Berlin. Um aber zu verdeutlichen, dass tausende ministerielle Arbeitsplätze in Bonn verblieben sind (was Teil des Deals ist!), wurde für Bonn der Begriff „Bundesstadt“ erfunden. Die meisten finden den etwas lustig und können sich nichts weiter darunter vorstellen, irgendwie scheint das was mit der guten alten Zeit zu tun zu haben. Dem ist aber nicht so. Es geht hier um Arbeitsplätze, und zwar um ziemlich viele.

Der Weggang der Regierung war der erste Streich, der das Bonner Selbstbewusstsein hart getroffen hat.

Um den Weggang zu kompensieren, hat man begonnen, Bonn als diplomatischen Umschlagplatz zu etablieren, die UN hat hier knapp 20 Einrichtungen angesiedelt, Teil der Idee des Diplomaten-Bonn war auch der Bau des WCCB. Ein Riesenskandal, ein reiner Weltflop*), bei dem sich die SPD genauso wie alle anderen Parteien der lokalen Politik wie die letzten Trottel haben übertölpeln lassen. Seitdem hat Bonn Angst davor, sowas wie einer Großmannssucht zu erliegen.

Der WCCB-Skandal war der zweite Streich, der das Bonner Selbstbewusstsein hart getroffen hat.

Seitdem backen wir hier kleine Brötchen. Die SPD hat mit voller Wucht die Verantwortung für den WCCB Skandal übernehmen müssen, was sich in Hetzartikeln über Bärbel Dieckmann und in historisch miesen Kommunalwahlergebnissen Bahn gebrochen hat.

Der Stadtrat agiert seit Jahren kleinmütig, Entscheidungen werden lieber nicht getroffen, als dass man sich noch einmal so über den Tisch ziehen lässt. Die kommunale Politik ist erstarrt, der Begriff vom „Mehltau auf der Bonner Politik“ macht die Runde. Man beginnt, sich in Bonn mit dem Status der Provinzstadt abzufinden.

Ein Kämmerer aus Königwinter, Ashok Alexander Sridharan, lag letzte Woche in einer Umfrage des Bonner Generalanzeigers vorne, einer, „der Verwaltung kann“, so sagen viele hier. In meine Ohren hört sich das nach „einer, der Bonn endgültig zur Bedeutungslosigkeit abwickeln wird“ an. Einer, der den Menschen sagt wie es ist: Bonn ist eine unbedeutende kleine Stadt am Rhein, die sich mal nicht so aufspielen soll. Ein hübsches Rheinufer, ein paar japanische Touristen, die sowieso kommen, weil Beethoven hier geboren wurde, das ist Bonn, damit kann man ja auch zufrieden sein und alles andere ist Großmannssucht.

Auf dem Unterbezirksparteitag der SPD am 18. April 2015 hat Peter Ruhenstroth-Bauer, frisch erkorener OB-Kandidat meiner Partei, eine Rede gehalten und bereits da gesagt: „Bonn kann mehr.“ Er hat bereits da darauf hingewiesen, dass wir nicht nur UN-Standort sind, dass wir nicht nur drei DAX-Konzerne am Ort haben, dass wir nicht nur ein exzellenter Wissenschaftsstandort mit Uni und Caesar sind – er hat darauf hingewiesen, dass wir hier eine überaus bemerkenswerte Stadtgesellschaft haben. Student*innen, Diplomat*innen, Leute bei Start-ups wie true fruits und Manager*innen bei Post, Telekom und Postbank**). Dass wir einen bemerkenswerten Mittelstand haben. Er hat darauf hingewiesen, dass „Bundesstadt“ vielleicht ein lustiges Wort ist, dass daran aber tausende ministerielle Arbeitsplätze hängen. Und er hat darauf hingewiesen, dass an diesen tausenden ministeriellen Arbeitsplätzen weitere tausende Arbeitsplätze in Stiftungen und nachgelagerten Organisationen hier am Ort hängen.

Und er hat etwas gesagt, was mir erst jetzt – ich Trottel! ich langsam denkender Mensch! – aufgeht:  Er hat darauf hingewiesen, was die Mischung aus solchen hochqualifizierten, hochambitionierten und hochmotivierten Menschen für ein Potenzial in sich trägt. Seit Monaten erzählt er davon, dass er die Möglichkeiten der Stadtgesellschaft einbeziehen will, dass er die Akteur*innen zusammenbringen will, damit Bonn sein Potenzial nicht länger verschenkt. Und ich habe es nicht kapiert, fast sechs Monate lang.

Was er meint ist: Lasst uns der Stadt ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Hier geht einiges. Hebt die Köpfe und seht Euch um – da stehen Partner*innen für wisschenschaftliche, ökonomische und soziale Kooperationen direkt neben Euch. Hört auf, in Angst und falsch verstandener Demut Euer Potenzial zu verschenken***).

Peter erzählt uns seit sechs Monaten etwas von „intelligentem Sparen“, was ich so erstmal gut finde. Was unsere politischen Gegner als Wischiwaschi abtun. Aber heute ist mir klargeworden, dass das, was Peter mit intelligentem Sparen meint, genau das ist: Gib Dein Potenzial nicht preis, Bonn! Nutze es!

Es gibt keinen Grund, dass wir uns weiter „Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland“ nennen sollten, denn das sind wir nicht. Es gibt aber gute Gründe, dass wir „Bundesstadt“ nicht witzig, sondern ernst meinen. Es gibt gute Gründe, dass wir uns zugestehen, mehr zu sein als nur eine Provinzstadt am Rhein. Es gibt keinen Grund, der Großmannssucht anheim zu fallen. Es gibt aber tausende – und wenn ich richtig informiert bin ca. 310.000 – Gründe, warum Bonn sich nicht in sein vermeintliches Schicksal ergeben sollte. Und ich glaube, dass Peter Ruhenstroth-Bauer uns dieses gesunde Selbstbewusstsein zurück geben kann. Wenn er das bei mir geschafft hat, dann kann er das bei Euch auch. Und bei der Bonner Wirtschaft. Und bei der Bonner Wissenschaft. Und bei der Bonner Verwaltung. Und bei der Bonner Politik, fraktionsübergreifend****).

Und das können Tom Schmidt und Ashok Alexander Sridharan nicht. Das kann nur Peter. Deswegen wähle ich ihn (was ja das mindeste ist), aber das ist auch der Grund, warum ich Euch ständig mit seinen Fotos bei Twitter und Facebook belatschere. Ich bitte das zu entschuldigen und ich bitte darum, ihn zu wählen.

Epilog

Anyway, zerlegt meinen Artikel, schreibt flammende Pamphlete für die anderen Kandidaten, oder folgt meinen Überlegungen blind – nur erzählt Euren Freund*innen und Bekannten von der Bonner Politik und geht the fuck morgen wählen! Und dann geht in eine Partei und gestaltet diese Demokratie mit (am besten natürlich in der SPD).


*) Inzwischen ist das WCCB übrigens eröffnet und ziemlich gut gebucht. An der erfolgreichen Fertigstellung haben ebenfalls alle Parteien mitgewirkt, auch und vor allem die SPD, ohne deren OBs Bärbel Dieckmann und Jürgen Nimptsch das Ding heute wahrscheinlich eine Bauruine mitten in der Stadt wäre.

**) Wenn ich mir angucke, wie die Bonner Bevölkerung die Spacken von BOGIDA bereits im Dezember 2014 vom Hof gebuht hat, so dass diese Bonn als einen der ersten Orte ihrer sog. Spaziergänge aufgegeben haben und wenn ich mir angucke, wie hilfsbereit die Bonner*innen mit den Vertriebenen in den Bonner Flüchtlingsunterkünften umgehen, dann ist mir ziemlich egal, wie gebildet die sind und wo die arbeiten. Dann ist das einfach ziemlich stark.

***) Nun ist verschenken ja an sich ein positiv besetzter Begriff, was aber Teil des Problems ist: Bonn verschenkt sein Potenzial und glaubt, dass es damit richtig und positiv handelt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass Bonn sein Potenzial verschleudert, aber „verschleudern“ träfe nicht die Gefühlslage der Bonner*innen.

****) Dass er fraktionsübergreifend Ziele erreichen kann, hat er ja auch bereits in seiner Tätigkeit als Staatssekretär bewiesen. Einer, der ein damals so undenkbares Konzept wie das des Elterngeldes mit ersinnt und auf den Weg bringt, so einer hat Erfahrung.