Wirkungen

1

Heute vor 11 Jahre wurde Anna Stepanowna Politkowskaja ermordet. Und was ist geblieben? Dass ich unseren Hund Polly so halb im Gedenken an sie „die #Pollykowskaja“ nenne. Naja. Ob das die Wirkung ist, die Anna Stepanowna Politkowskaja erzielen wollte?

2

Vor ein paar Tagen ist der Große Sohn 10 Jahre alt geworden, heute haben wir eine der in Frage kommenden weiterführenden Schulen besucht, weil dort Tag der offenen Tür war. Wie beurteilt man denn eigentlich eine weiterführende Schule? Die sehen doch irgendwie alle gleich aus, oder? Und die sehen so aus wie 1994, als ich Abitur gemacht habe. Da hing heute ein Schild im Pausenhof: „Programmiere Dein eigenes Rennspiel!“ und ich dachte daran, wie der Große Sohn damals im Coder Dojo genau das mit Scratch gemacht hat. Also sind wir mal zu Raum soundso gegangen. Kommen wir da rein, ist Calliope schon da! Das war eine freudige Überraschung, zumal dort gerade jemand von der Schule Calliope rundum erklärt und positiv angepriesen hat. Was für ein schönes Gefühl, an der Entwicklung mitgewirkt zu haben, über das mir unbekannte Menschen so enthusiastisch referieren! Das Ernst Moritz Arndt Gymnasium kommt also schon mal in die engere Auswahl, hehehe… <3

3

Im Jahr 2010 hat Stéphane Hessel seinen Essay „Empört Euch!“ (frz. Originaltitel „Indignez-vous!“) veröffentlicht. Ich habe den Text dann irgendwann im Zug gelesen und laut „Ja!“ durchs Abteil gerufen. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2017 empöre ich mich nicht mehr. Nicht, weil es nichts zum  darüber empören mehr gäbe, im Gegenteil!, aber ich kann im Moment einfach nicht mehr. Und ich habe das Gefühl, dass die Schraube zu hohl dreht und ich etwas anderes finden muss, um Wirkung zu erzielen, einen Tempowechsel vielleicht. Manchmal denke ich, dass so viele die SPD shice finden, weil sie solche wie mich shice finden. Die shice schreiben statt scheiße. Immerhin hat mein Lieblings-SPD-Beueler und -MdB Uli Kelber es wieder in den Bundestag geschafft. Und schon kommen aus allen Ecken und Enden gut gemeinte Tipps von Nicht-Sozis, was wir Sozis alles anders machen müssen. Alle Strukturen rasieren zum Beispiel. Das nun wieder ist glaube ich das einzige, was wir nicht tun müssen, wenn ich mir die Geschichte der strukturschwachen Piraten so angucke. Was ich ja gut finde, weil wir damit gute Erfahrungen gemacht haben: SPD++. Konkrete Anträge formulieren und beschließen lassen, von genau den Strukturen, die solchen Beschlüssen Wumms verleihen. Wie damals, als wir auf diese Art und Weise beinahe die VDS beim Parteikonvent gekippt hätten. Irgendwie will ich zurück nach Westerland*). Aber die Zeit ist knapp. Immerhin, vor ein paar Tagen ist der wahrscheinlich dienstälteste Kassierer der SPD bundesweit bei Facebook erschienen und ich freue mich außerordentlich darüber!

*) ins aktive Parteileben der fabelhaften SPD Beuel.

4

In unserem kleinen feministischen Start-up trackle steht das Zertifizierungsaudit nach ISO 13485 unmittelbar bevor. Seit Februar haben die Kolleginnen und ich ziemlich viel daran gearbeitet, dass wir uns danach zertifizierte Medizinprodukteherstellerin nennen dürfen. Wenn wir das geschafft haben werden – bald! – dann muss ich glaube ich mal zehn Minuten auf einer Treppe sitzen und etwas weinen.
Gerade habe ich mit unserem Anwalt die AGBs für unseren Shop abgestimmt. Weil ich selber nur wenig Ahnung von sowas habe, hatte ich ihm einen Text aus so einem Internet-AGB-Generator mit meinen persönlichen Anpassungen als Vorlage geschickt. Die erste Anmerkung von unserem wirklich tollen Anwalt zu „im folgenden Anbieter genannt“ war „oder lieber Anbieterin?“. Generisches Femininum wirkt, echt! Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich unsere Satzungstexte angepasst habe und seitdem dort wie selbstverständlich die Rede von „Investorinnen“ ist. Sprache wirkt.

5

Ich höre gerade Helge Schneider und bin inspiriert. Wie immer. Was für ein Mann, was für ein Geist!

6

Es war immer leichter mit den wirkungsvollen Gedanken, als ich leichter war im Kopf – getriebener bin ich geworden, schwieriger ist es geworden, weil ich so viele Dinge**) tun muss, die ich nicht einfach so kann, sondern mir beim Tun aneignen muss. Ich hoffe, die Kinder merken nichts und lachen immer noch über meine Witze. Und ich hoffe, dass ich bald wieder leichter werde im Kopf. Aber durch das weniger leicht sein im Kopf, so hoffe ich des weiteren, entfalten meine Taten vielleicht eine andere Wirkung – nicht so piratig (#scnr).

**) Zertifizierung nach ISO 13485 zum Beispiel, ächtz!

7

Zehn Jahre ist der Große Sohn nun alt, der Kleine Sohn sieben. Was für tolle Menschen sie sind! Jeden Tag bin ich stolz auf diese beiden. Hab ich das eigentlich je verbloggt, dass meine Kinder das einzige sind, wo ich das Wort „stolz“ verwenden mag? Weil es erstens unmittelbar etwas mit mir und meinem Handeln zu tun hat und weil es zweitens ein Bereich ist, wo „stolz sein“ mattert, weil es meinen Kindern hilft, wenn ich stolz auf sie bin? Glaube ich jedenfalls. Ich möchte sie jeden Tag bewundern***). Sie stellen jetzt so Fragen wie „Wie sieht es in Syrien aus?“ und „Wie sah es in Syrien vor dem Krieg aus?“ Sie fragen sich, warum jeder Mensch sterben muss. Wenn der Kleine Sohn mit „Papa, weißt Du was?“ eröffnet, dann sage ich oft: „Ja klar, eigentlich fast alles.“ Und dann sagt s: „Du weißt überhaupt nicht alles!“ und ich sage: „Ja klar doch, frag mich was!“ und s stellt dann so Fragen wie die da oben. Und ich sage dann: „Das weiß ich tatsächlich nicht.“ Ich weiß auch nicht, ob das so gut ist, wie ich das mache, aber ich bemühe mich, die Kinder im rechten Moment anzulügen, ihnen im rechten Moment die Wahrheit zu sagen und im rechten Moment einfach ratlos zu sein.

***) Außer jetzt bei: „Putz dir die Zähne!“; „Du musst eine Jacke anziehen, es regnet!“; „Probier wenigstens bevor du BÄH! schreist!“; „Jeder Mensch muss duschen!“; „JEDER SHICE MENSCH MUSS SICH MORGENS UND ABENDS DIE ZÄHNE PUTZEN UND WIR KÖNNTEN HIER LÄNGST FERTIG SEIN, WENN DU EINFACH DEINE SHICE ZAHNBÜRSTE NÄHMEST UND DIR DIE ZÄHNE PUTZTEST!“

8

Dieser ganze Post ist nichts als reines Fishing for Compliments, was einigermaßen uncool ist. Naja. Aber die meisten Sachen muss ich glaube ich so machen. Sekt?

Über die gute alte Zeit abgeschweift

Sitze in der Küche, lasse „Nirvana – MTV Unplugged In New York“ laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Großeltern in schwarzweiß stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzweiß gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen übersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.

„Was treibt Dich an?“ sollte ich vor ein paar Tagen beantworten für ein Video, das die gute Sarah vom Digitalhub Bonn gedreht hat. Ich weiß nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja über den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.

1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen haben müssen. Ein Stück, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht überzeugt. Kann natürlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach – vielleicht trügt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit…). Seit wir „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen und sogar einmal in einer Aufführung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem Stück nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er/sie vorhatte, scheitern. Und „letztlich daran zerbrechen“, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realität und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das überhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Gedächtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja über den Radweg gegangen bin, denke ich: Was für ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die Fähigkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu können. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie überhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht später nochmal nach).

Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fröhlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (ächtz, was für ein Satz!), dann macht mich das tiefglücklich. Und dann fühle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen müsste.

Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein schönes Gefühl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gefühl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Früher war alles besser, Wählscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was für eine Shice! „Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys“, so eine Shice, Mann! Ich hab ständig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzublättern oder weil was passiert ist? Muss ich mich über ihn ärgern oder muss ich ihm eher noch den Rücken stärken, weil ihm vom löchrigen ÖPNV im Westmünsterland übel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zurückspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zurückspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!

Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, „Die Opodeldoks“, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert wäre, wenn da nicht der Opadeldok wäre, der immer „Früher war alles schlechter!“ sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenwärtigen „Früher war alles besser“. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit über vierzig, ist mir aufgefallen, was für ein saucooler Hippie so ein Opa wäre, der ernsthaft „Früher war alles schlechter!“ zu seinem Mantra gemacht hat. Was für ein starker Charakter das wohl wäre.

Da fallen mir auch gerade die Vorwürfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder überall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockgeräten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, während wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich übrigens tatsächlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu können, während man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit „Heja BVB“, „Annes Schlaflied“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Das alles machen wir™mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier überall Plakate in der Stadt, auf denen stand: „Mehr Zeit für Kinder!“. Heute müssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder hätten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir müssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos überfahren lassen. Wir müssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung über 70 Jahre ermöglicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine Söhne müssen nicht mit Patronenhülsen in Kratern spielen, wir können ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.

Und doch: Meine Gefühle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged höre. Es macht ein gutes Gefühl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal gehört habe, sehr präsent ist. Es fühlte sich damals gut an, es fühlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt: Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass früher irgendwie doch alles schlechter war. Aber unsere Gefühle waren echt. Meine Gefühle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche – und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen Füßen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Geräusch der Mähdrescher oder Maishäcksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.

Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verstümmelten Seelen misshandelter Kinder große Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder überlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen könne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das Rüstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich Fähigkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerstörbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Blödheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele Überschüsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu können.

Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben können? Was ich übrig habe, das könnt Ihr haben! Wäre doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schlänge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) Heute habe ich von einer Studie gehört, dass Teilen glücklich macht. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in dreißig Jahren eines meiner Kinder sowas ähnliches bloggt, dann führe ich einen Besenrührtanz um meinen Rollator auf.

Kinder in die Natur jagen

Ich bin ja Fan von Pokémon Go, weil ich damit die Kinder immer wieder rausgescheucht kriege und weil es schön ist, ihnen dabei zuzusehen, wie sie immer noch Spaß daran haben.

Neulich wollte ich mit den Kindern zu meiner Mutter aufs Land (nach #Rhade) fahren, viel Natur wenig Spielekonsole (nur der öde Fernseher und DVDs, was das elektronische Unterhaltungsprogramm angeht) – sie wollten nicht mit oder zumindest ihre Wii-U mitnehmen.

Ich habe ihnen mein altes Taschenmesser gegeben und ihnen gesagt: „In Rhade könnt Ihr Zelda in Echt nachspielen. Schneidet Euch ein paar Zweige und Stecken aus dem Gebüsch und erkundet die Wildnis am Bach!“ – Erstaunlicherweise hat das ohne Umschweife sofort gewirkt. In Rhade angekommen, sind sie wirklich gleich mit dem Taschenmesser verschwunden.

Und hier ist der Grund für diesen Blogpost: Mit Calliope bin ich gerade dabei eine Art Selfmade-Pokémon Go basierend auf Zelda für Rhade zu schnitzen, und das soll so gehen:

  • wir nehmen eine Calliope als Shiekah-Stein, die die Kinder in der Hand halten
  • wir nehmen mehrere andere Calliopes als verschiedene Charaktere aus Zelda und verteilen sie in der Botanik im Rhade, zum Beispiel einen Bogblin oder einen Schrein oder sonstwas (hier ist dann die Expertise der Kinder nochmal gefragt).
  • Die Charakter-Calliopes werden mit einer für jeden Charakter individuellen Konfiguration bestückt, bestehend aus
    • Name (String)
    • Gesinnung („b“ für „böse“ oder alles andere für „nicht böse“)
    • Interaktionspunkte 1 (zufälliger Wert zwischen 0 und 99)
    • Interaktionspunkte 2 (zufälliger Wert zwischen 0 und 99)
    • Interaktionspunkte 3 (zufälliger Wert zwischen 0 und 99)
    • Text
  • Die Charakter Calliopes senden ihre Konfoguration permanent via Bluetooth in die Welt.
  • Wenn die Kinder mit der Shiekah-Calliope in die Reichweite einer Charakter-Calliope kommen, empfängt die Shiekah die Konfiguration und reagiert darauf.
    • Es wird immer der Name auf der Shiekah angezeigt
    • Es wird angezeigt, ob die Charakter-Calliope böse oder nicht böse ist
      • wenn sie böse ist, müssen die Kinder die Shiekah schütteln und damit einen Wert erschütteln, der höher ist als die Interaktionspunkte 1 der bösen Calliope. Das ganze drei mal. Die Auswertung soll „Best-of-Three“ erfolgen, aber da bin ich noch nicht…
      • wenn die Charakter-Calliope nicht böse ist, kann sie ihre Interaktionspunkte an die Shiekah-Calliope übertragen, so dass die Kinder mit der Shiekah dardurch stärker werden (aber da bin ich auch noch nicht).
    • Ziel ist, dass wir schnell und ohne große Aufwände viele Charakter-Calliopes programmieren können (z. B. auch interessant für Schulklassen, die gerade einen unserer Klassensätze erhalten haben).
    • Diese zahlreichen Charakter-Calliopes kann man an lauen Sommertagen in Parks, in der Wildnis oder in der Stadt verstecken und die Kinder dann mit der Shiekah-Calliope ins Abenteuer schicken.

Ich habe heute Abend mal damit angefangen, wie so ein Bogblin wohl aussehen könnte und eine erste rudimentäre Shiekah programmiert, hier ist der Zwischenstand meiner Codes:

Shiekah-Code:

let text = ""
let bw03 = 0
let bw02 = 0
let bw01 = 0
let parserCount = 0
let gesFound = ""
let nameFound = ""
let length = 0
radio.onDataPacketReceived(({receivedString}) => {
 music.playTone(Note.C, music.beat(BeatFraction.Whole))
 length = receivedString.length
 for (let index = 0; index <= length; index++) {
 if (receivedString.charAt(index).compare(",") == 0) {
 parserStops[parserCount] = index
 parserCount += 1
 }
 }
 nameFound = receivedString.substr(0, parserStops[0])
 gesFound = receivedString.substr(parserStops[0] + 1, parserStops[1] - (parserStops[0] + 1))
 bw01 = parseInt(receivedString.substr(parserStops[1] + 1, parserStops[2] - (parserStops[1] + 1)))
 bw02 = parseInt(receivedString.substr(parserStops[2] + 1, parserStops[3] - (parserStops[2] + 1)))
 bw03 = parseInt(receivedString.substr(parserStops[3] + 1, parserStops[4] - (parserStops[3] + 1)))
 text = receivedString.substr(parserStops[4] + 1, length - (parserStops[4] + 1))
 basic.showString(text)
 basic.showString("!")
 basic.showString("In der Nähe ist ein ")
 basic.showString(nameFound)
 if (gesFound.compare("b") == 0) {
 basic.showString("Er ist mies drauf!")
 } else {
 basic.showString("Er ist ganz freundlich.")
 }
})
let parserStops: number[] =[]
radio.setGroup(1)

Und hier der Bogblin-Code:

let trenner = ""
let auffindbarkeit = 0
let Text = ""
let Wert03 = 0
let Wert02 = 0
let Wert01 = 0
let sendString = ""
let Gesinnung = ""
let Name = ""
basic.forever(() => {
 radio.sendString(sendString)
 basic.showNumber(sendString.length)
 basic.showString(Name)
})
Name = "Bogblin"
Gesinnung = "b"
Wert01 = Math.random(100)
Wert02 = Math.random(100)
Wert03 = Math.random(100)
Text = "UAH!"
auffindbarkeit = 4
radio.setGroup(1)
radio.setTransmitPower(auffindbarkeit)
trenner = ","
sendString = "" + Name + trenner + Gesinnung + trenner + Wert01 + trenner + Wert02 + trenner + Wert03 + trenner + Text

Das ist alles noch ganz rudimentär und aus Entwickler*innen-Sicht sicher sehr stümperhaft, wer Bock hat, möge die Codes nehmen, verbessern und vor allem gemäß dessen, was ich nach obiger Beschreibung noch zu erreichen gedenke, zu erweitern!

Ich dachte, ich schreib’s schonmal eben auf, wenn’s irgendwann mal cool genug ist, mach ich ein Hackster-Projekt daraus.

Dieses Weinen

Im Teenageralter fing das an bei mir, zunächst noch eher selten, so selten, dass ich Schwierigkeiten hatte, damit umzugehen, denn ich war überrascht. Ich wurde bei Olympia davon überwältigt, wenn Sportler*innen, die jahrelang trainiert hatten, dann Gold gewonnen haben und auf dem Podest emotional nicht mehr anders konnten als in Tränen auszubrechen. Da bin ich in die gleichen Tränen mit ausgebrochen. Zur damaligen Zeit nicht gerade das, was man als besonders männlich empfunden hätte. Ich hatte ein zartes Gesicht und lange Haare und wahrscheinlich trage ich bis heute Koteletten, um immer noch und ein für alle mal unter Beweis zu stellen, dass da ein Fitzelchen Testosteron in mir ist.

Später wurde es noch etwas schlimmer. Falscher Song im Radio, Tempo verringern müssen auf der Autobahn wegen schlechter Sicht bei Sonnenschein. Oder nein, eigentlich müsste ich sagen: Richtiger Song. Zum Beispiel „Cats in the cradle“ in der Version von Johnny Cash, zu einer Zeit abgespielt, zu der der Große Sohn bereits geboren war und ich mit dem Unsinn anfing, auf die Texte zu hören.

Später kam ich etwas besser damit klar. Ich verlese unserem Zertifizierungshelfer Immanuel die Qualitätspolitik von trackle, in der ich an unbedingtem Willen, die Welt verbessern zu wollen, nicht gespart habe. Ich bin inzwischen geübt darin, ergriffen zu sein und habe immer noch die Koteletten. Immanuel guckt etwas ungläubig, aber ich sage: „Das ist, was wir vorhaben. Katrin und ich.“ Und ich ziehe die Nase hoch, als wäre es gesellschaftlich völlig etabliert, von sich selbst ergriffen zu sein.

Doch schließlich kam die trackle Crowdfunding Kampagne, we went all in. Für sechs Wochen wich alles von mir, was mich vormals hat heulen gemacht. Es war ein Ritt. Nächte in der TL, wie ferngesteuert, immer noch einmal und noch einmal und again und dann wieder: „Kauft trackle, Leute! Helft uns! Verändert mit uns die Welt!“ Am Ende mechanisch, mit festem Blick, Haare sprossen auf meinen Unterarmen. Kein Weinen für sechs Wochen. „Wir sind so bescheuert“, hat Katrin gerufen, „at High Noon dieser haarsträubenden Kampagne sind wir in Holland!“

Donnerstag, der 20. April. Wir sitzen in der Sonne an der Mühle „De Jonge Johannes“ in Oostkapelle. Ich gehe festen Blicks mit dem Großen Sohn und dem Kleinen Sohn Minigolf spielen. Festen Blicks erkläre ich irgendwas, also den Kindern. Wir kommen zurück zum Tisch und Katrin sagt: „Die Fünfzigtausend sind geknackt.“ Festen Blicks bestellen wir zwei große Bier. An dem Abend bin ich um 19:45 im Bett.

Das Weinen ist seltener geworden seitdem, meine Haarfarbe heller. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist. Letzten Mittwoch mussten Katrin und ich sehr früh nach Berlin fliegen und die Kinder mussten zum ersten Mal alleine aufstehen, sich anziehen, frühstücken, zu den Kommunard*innen rüber gehen und dann zur Schule. Sie haben das perfekt gemacht und ich habe nicht geweint, ich habe gelächelt. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht hat ein neuer Abschnitt begonnen.

Me, Feminist

Gemessen an dem, was ich eigentlich alles noch sagen will, muss ich mich selbst als wortkarg bezeichnen. Der einzige Ausweg ist, dass ich 120 Jahre alt werden muss. Heute: Warum ich Feminist sein will.

„Warum, oh @Pausanias, bist Du ein Feminist? Du bist doch ein Mann?“ Weil ich meinen Söhnen schuldig bin, dass Männer, wie sie es dereinst sein werden, keine archaischen Dummblödel sein müssen. Weil ich solche Geschichten hier nie wieder hören will. Weil ich etwas ändern muss in dieser Welt.

Warum baust Du trackle? Um unermesslich reich zu werden zum einen, aber vor allem, um die Welt zu verbessern. Wo immer diversifizierte Gesellschaften unterwegs sind, ist die Welt besser. Eine Studie belegt sogar: Ohne Frauenrechte schaffen Gesellschaften es nicht, sich in Demokratien zu verwandeln. Wo Frauen sind, wo sie stark sind, wo Männer nicht allein sind, da ist das Leben besser.

Wie viel interessanter sind Gespräche in Runden, in denen Frauen sprechen! Wie dumpf kommen mir die Parolen der reinen Boys-Clubs vor! Wie diskriminierend diese Boys-Clubs mir gegenüber sind, ich will nicht zu denen gehören (und gehöre wahrscheinlich viel öfter doch zu ihnen als mir lieb ist!)

Warum baust Du trackle? Weil Frauen und Männer viel zu wenig wissen über den Zyklus. Weil beide Geschlechter, hormon- und pille-eingenordet, dieses Thema ausblenden, weil wortlos hingenommen wird, von Frauen und von Männern, dass es Frauen sind, die Hormone schlucken, dass es Frauen sind, die tief in die Biologie ihrer Körper eingreifen, weil die sexuelle Befreiung durch die Pille seit fünfzig Jahren zulasten der Frauen geht, weil ich glaube, dass ich als Mann mit nur einem kleinen bisschen Willen zur Verantwortung meiner Partnerin diese Shice ersparen kann, weil ich glaube, dass ich davon profitiere, wenn wir uns partnerschaftlich auf Augenhöhe begegnen. Ich will keiner von denen sein, die Sex mit der eigenen Partnerin als einen Konsum wahrnehmen, als eine selbstverständliche Annehmlichkeit wie ein kaltes Bier im Kühlschrank.

Ja, Feminist nenne ich mich. Seit ein zwei Jahren, sehr bewusst habe ich mich dafür entschieden, mich Feminist zu nennen. Ich glaube, ich darf mir das erlauben, und ich glaube, dass es hilft. Mir ist bewusst, dass viele Frauen, Frauen of Colour, oder Transfrauen, möglicherweise wenig Wert darauf legen, dass ein cisheterowhite wie ich sich mit den Federn „Feminist“ zu schmücken sucht. Das muss ich in Kauf nehmen. Ganz viel weiß ich nicht, ganz viel mache ich sicher just in diesem Moment verkehrt, aber meine Absicht ist: Ihr Boys, die Ihr seid wie ich, weiß, männlich, unverfolgt, unbedroht, privilegiert, Ihr habt eine Pflicht, Ihr müsst mit der vielen Kraft, die Euch wie selbstverständlich erscheint, weil Ihr sie nicht aufwenden müsst, mit dieser vielen Kraft müsst Ihr helfen, die Welt zu verbessern. Das ist das mindeste, was zu tun ist. Ich versuche, damit anzufangen. Privat, indem ich meinen Söhnen versuche etwas vorzuleben. Wirtschaftlich, indem ich mit meiner allerbesten Frau trackle hochziehe. Politisch, indem ich mich in der Partei engagiere, die das Frauenwahlrecht erkämpft hat. Netzpolitisch, indem ich seit Jahren Fäden spinne, damit D64 der Verein mit der besten Frauenquote unter den netzpolitischen Vereinen wird. Bildungspolitisch, indem ich versuche, mit Calliope Technikbegeisterung hervorzurufen, bevor der verkackte Gendergap einsetzt.

Ich habe keine Töchter, ich habe zwei Söhne. Ich glaube, meine Verantwortung ist damit riesengroß. Ich habe vier Schwestern und einen Bruder. Ich glaube, ich habe lange viel zu wenig verstanden. Aber gut ist es, sich mit seinen Schwestern und seinem Bruder zu unterhalten.

Hohe Energie

Wenn ich an mein Studentenzeit-Ich zurückdenke, dann wäre das von meinem trackle/Calliope/Erwerbstätigkeits/Vater/SPD/Blogger-Ich im Jahr 2017 allein von der bloßen Betrachtung derart gestresst, dass ich wahrscheinlich kein Wort mit mir wechseln würde. Rush-Hour des Lebens, halt, wa?

Im Moment dreht es sich derart schnell, dass ich manchmal die Tageszeit googeln muss. Aber das ist gut! Ich habe die Energie, also raus damit! Ich mache das zusammen mit @frau_ratte, gegen die ist der #Schulzzug ’ne Rangierlok. Morgen startet unsere Crowdfunding-Kampagne für trackle und wir sind ganz offen völlig hibbelig – was wenn keine*r kommt? Wenn keine*r trackle bestellt? Was, wenn Ihr das Video kacke findet? Wenn mein Haar plötzlich stumpf werden sollte?

Es gibt zum Glück ein paar Rückversicherungen: @horax wird morgen dabei sein. @frau_elise wird morgen dabei sein. Ganz alte Freund*innen und meine Schwester @antonialoick werden dabei sein. Wir gehen All In, voller Zuversicht! Mit wehenden Fahnen zwischen die Weinflaschen aus Jacques Weindepot oder mit wehenden Fahnen ins nächste Kapitel im Buche Reuter-Loick, das da heißt „Markteintritt als zertifizierte Medizinprodukteherstellerin“!

Morgen wird ein Tag sein, den @frau_ratte damit beginnt, den Kindern aus Harry Potter vorzulesen. Kretschnaku patavi!

Keine Fragen, keine Vorbehalte

Gerade hat @TantePolly bei Twitter diese Frage gestellt:

Und da erinnere ich mich an eine ca. 8 Tage zurückliegende Episode… Ich fuhr den Großen Sohn zu seinem Freund L in Oberkassel, auf dem Rückweg wollte ich auf die B42 auffahren, als da am Rand der Auffahrt ein Typ fuchtelnd neben seinem ziemlich alten Mercedes stand und mich rechts ranwinkte. Ich ließ das Fenster der Beifahrerseite runter und in hektischem gebrochenem Englisch bedeutete mir der Mann, dass er kein Benzin mehr habe und irgendwas mit seinem Baby und seiner Frau sei, Klinik! Durchs Fenster hatte ich gesehen, dass er einen etwa neun oder zehn Jahre alten Jungen hinten im Auto hatte. Der Mann fragte mich nach Geld und bot mir seine vergoldete Uhr an, seine Stimme überschlug sich und nur wenige Worte ergaben einen Sinn in meinem Kopf. Jedenfalls habe ich ihm einfach die 30 Euro gegeben, die ich noch im Portemonnaie hatte. Er hat mir die Hand mehrfach geküsst, schien mir aufrichtig dankbar und emotional immer noch sehr aufgewühlt. Die vergoldete Uhr, die er mir durchs Fenster schon auf den Beifahrersitz gelegt hatte, habe ich ihm selbstverständlich zurückgegeben und ihm gesagt, dass ich ihm das Geld schenke, weil er in Not sei und ich ihm dafür seine kostbare Uhr nicht abnehmen wolle.

Er hat sich so bedankt!

Als ich weiterfuhr dachte ich: Der steht ohne Benzin in der Auffahrt… nützen ihm da 30 Euro in bar überhaupt was? Kommt er noch bis zur nächsten Tanke? Oder hat der mir was vorgespielt? Vielleicht hatte er gar keine Frau in der Klinik? Aber kann man so eine Aufgewühltheit eigentlich spielen, für 30 Euro?

Ich habe beschlossen, dass ich ihm glaube. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass vielleicht eine ganze Familie sich auf ewig daran erinnern wird, dass ihnen mal ein ganz fremder Mensch in höchster Not 30 Euro geschenkt hat, ohne Fragen, ohne Gegenleistung, in Sekunden. Das macht mir ein gutes Gefühl, allein dafür sind 30 Euro eigentlich ein ziemlich fairer Preis.

Ein Projekt aus der Mitte der Netzgemeinde – Calliope

Ein Projekt entsteht aus der Mitte der sog. Netzgemeinde, es nennt sich Calliope, ich bin sehr erfreut, dass ich Teil dieses Projekts sein darf.

Was wir vorhaben

Come up and see me, make me smile!

Wir wollen Kindern und Lehrer*innen in der Grundschule gleichermaßen etwas an die Hand geben, um informatische Prinzipien on the fly in den bestehenden Fächern zu vermitteln. Vorbild war der MicroBit in Großbritannien – jedes Kind ein Board, ohne dass Eltern oder gar das Kind selbst etwas zuzahlen müssen. Zusätzlich wollten wir das in der Grundschule angehen, damit wir Begeisterung für diese Themen bei Mädchen und Jungen gleichermaßen wecken, bevor sie in die verbreiteten Genderstereoptype verfallen. Programmieren ist für Mädchen genauso ein Akt der Weltveränderung wie für Jungen. Oder, wie @SibylleBerg es just formulierte:

Erziehen Sie Ihre Mädchen zu Start-up-erinnen und nicht zu Frauen, die irgendwann mal einen Start-up-Gründer anhimmeln.

Wie kriegt man sowas hin? Wir haben 16 Bundesländer und somit 16 Staatskanzleien und 16 Bildungsministerien, jedes davon mit Geldmitteln ausgestattet wie ein Spatz mit Fleisch am Schienbein. Was braucht man also?

Man braucht ein Board, die Einbettung in die landesspezifischen Lehrpläne und man braucht viel Geld.

Das Board

Es muss für Grundschulkinder geeignet sein, es muss Kinderhänden standhalten, es muss schnell und niedrigschwellig Erfolgserlebnisse ermöglichen, darf aber gleichzeitig nicht nach einer Woche an seinen Grenzen angelangt sein, damit es nicht langweilig wird. Daher haben wir Calliope mini mit Grundschulpädagog*innen designt. Die Pins liegen maximal weit auseinander, daher die Sternform – das stellt sicher, dass auch Kinder der Dritten Klasse dort Kupferklebebänder ankleben können, ohne einen Kurzschluss zu verursachen. Wir haben die Bedienung und Programmierung derart vereinfacht, dass niemand Angst davor haben muss, mit Calliope mini im Unterricht zu arbeiten. Das ist der Grund, warum wir das Projekt eben nicht mit einem Arduino oder einem Raspberry Pi gestartet haben – simply weil alle Grundschulexpert*innen uns unmissverständlich klar gemacht haben, dass kein Kind und kein*e Lehrer*in in der Grundschule auch nur einen Handschlag mit diesen Systemen tun können. Der Lehrauftrag von Lehrenden ist die Vermittlung des Lehrplans und nicht das Erforschen von IT-Systemen. Deswegen musste Calliope mini so einfach sein, dass das mit etwas Begleitmaterial für jede*n Lehrer*in im Rahmen der normalen Unterrichtsvorbereitung möglich ist.

Die Didaktik

Damit sind wir beim nächsten Punkt: Auch wenn die oft gestellt Forderung nach einem Pflichtfach Informatik sehr sehr gute Argumente auf ihrer Seite weiß, hilft es dennoch wenig, ein ambitioniertes Projekt wie „alle Mädchen, alle Jungen, bundesweit, flächendeckend“ mit einer fundamentalen Umwälzung wie der Einführung eines neuen Fachs, zudem in der Grundschule!, zu verbinden. Ein Projekt mit dieser Zielsetzung kann nur zusammen mit dem Bildungssystem gelingen, nicht dagegen. Daher haben wir uns von Anfang an bemüht, Anknüpfungspunkte in den bestehenden Lehrplänen für den Einsatz von Mitteln, die informatische Grundprinzipien vermitteln, zu finden. Wir stehen da noch am Anfang, denn noch nie hat jemand etwas gleichartiges versucht, nicht einmal die Kolleg*innen von MicroBit in Großbritannien. Im Moment arbeiten wir eng mit Lehrer*innen und Medienpädagog*innen im Saarland zusammen, um unsere ersten Entwürfe und Ideen tatsächlich grundschultauglich zu machen. Die Materialien, die wir bisher auf unserer Website anbieten, sind ein erster Wurf, der so gut sein kann, wie vor dem ersten konkreten Versuch nur möglich: Wir haben Didaktiker*innen der Uni Wuppertal eingebunden und diese Konzepte an Grundschulen erprobt. Nichtsdestotrotz wird der flächendeckende Rollout im Saarland Erkenntnisse zutage fördern, von denen niemand im Vorfeld etwas hätte ahnen können. Was wir tun: Wir lassen diese Erkenntnisse ohne Umschweife in unsere Ansätze einfließen. Was Ihr seht, ist ein Prozess, kein Produkt – und in jedem Bundesland wird es andere Hürden und Spezifika geben. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit den Pädagog*innen in den landeseigenen Instituten, unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass wir es dort mit hochkompetenten, versierten und engagierten Männern und Frauen zu tun haben, die uns und unser Projekt entscheidend voranbringen.

Das Geld

In Anlehnung an ein Zitat des unvergessenen Bud Spencer habe ich bereits gesagt, dass die sechzehn Bildungssysteme, die wir in Deutschland haben, qua finanzieller Ausstattung niemals ein Interesse an größeren Erweiterungen entwickeln können, wenn diese mit erheblichen Kosten verbunden sind. Es muss also Kohle her, und zwar nicht zu knapp – und Kohle in diesen Mengen kann derzeit nur die freie Wirtschaft bereitstellen. Wir halten es für ein saugeiles Grundprinzip des deutschen Bildungssystems, dass es sich gerade nicht durch wirtschaftliche Interessen korrumpieren lässt und sind davon überzeugt, dass in unseren Klassenzimmern niemals Werbeveranstaltungen von Marken stattfinden dürfen. Wie aber bewegt man also Dickschiffe wie Google, SAP , Bosch und andere dazu, Geld und nicht unerhebliche Sachmittel bereitzustellen, ohne ihnen einen direkten Eingriff in den Unterricht zu erlauben? Wir haben deswegen eine gemeinnützige GmbH gegründet. Diese erlaubt es uns, Gelder einzusammeln und Geschäfte abzuschließen wie ein normales Wirtschaftsunternehmen – und zwingt uns gleichzeitig, jeden Cent in den Unternehmenszweck zu investieren. Keine verdeckten Gewinnausschüttungen, keine geheimen Auszahlungen an eine*n von uns, no monkeybusiness, verbrieft durch das Finanzamt Berlin (und das sind harte Hunde, wie wir während der Gründungsphase feststellen durften!). Bis auf zwei Kräfte, die für uns Projektmanagement und Koordination und Durchführung von Schulungen übernehmen, arbeiten wir alle bisher ehrenamtlich (strenggenommen haben wir sogar finanziell und zeitlich allesamt ziemlich viel reingebuttert). Alle Gelder, die wir von unseren Partner*innen aus der Wirtschaft erhalten, werden ausschließlich für die Produktion von Boards, von Begleitmaterial und didaktischen Konzepten und zur Durchführung von Schulungen eingesetzt. Steht auch so in unserer Satzung, die wir jüngst öffentlich gemacht haben (PDF). Gleichwohl – nur damit es zu keinen Missverständnissen kommt – werden wir ein Projekt dieser Größe nicht ewig völlig unentgeltlich betreiben können, eines Tages werden wir unsere Aufwände im Rahmen der Gemeinnützigkeit vergüten müssen – für die Miete wird’s reichen, für den Lamborghini nicht.

Wir wollen allen Kindern der dritten Klasse über das Bildungssystem ein Board zur Verfügung stellen – und wir wollen, dass diese Boards in den Schulen benutzt werden – und zwar von allen Kindern, unabhängig von den Möglichkeiten des individuellen Elternhauses. Zur Einführung sollen die wesentlichen Kosten durch Spenden aus der Wirtschaft getragen werden – auf Dauer wollen wir Calliope mini als Lehrmittel etablieren, so dass die Kosten systemisch getragen werden können. Um auch hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es entstehen Kosten. Unser Anliegen ist, diese Kosten möglichst ohne individuelle Zuzahlungen von Eltern zu decken, es liegt aber nicht allein in unseren Händen.

Die Crowdfunding Kampagne

Nichtsdestotrotz wollen ganz ganz viele Initiativen privater Art Calliope mini einsetzen, diese Initiativen sind bereit, für die Boards auch zu bezahlen. Was machen wir mit denen? Wir sind eigentlich voll damit ausgelastet, den oben skizzierten Ansatz über die Bundesländer umzusetzen – aber wollen, dürfen wir den Engagierten, die Calliope kaufen und freiwillig einsetzen wollen, vor den Kopf stoßen und sagen: „Wartet, bis Euer Bundesland ausgerollt hat?“ Wir denken nicht, im Gegenteil halten wir es für förderlich für das Gesamtprojekt, wenn wir von zahlreichen Freiwilligen Initiativen flankiert werden – die Sponsorengelder allein reichen ja bisher nicht einmal für alle Bundesländer, geschweige denn für zusätzliche außerschulische Projekte. Deswegen starten wir gerade eine Crowdfunding-Kampagne, um Calliope mini auch frei verkäuflich verfügbar machen zu können. Ab morgen kann jede*r ein Board für sich und gleichzeitig ein weiteres für ein Schulkind bestellen – ausgeliefert wird im April. Diese Kampagne läuft dabei losgelöst von unseren Bemühungen im Bildungssystem.

Die Lizenzen

Naserümpfen allenthalben, weil wir einen ersten Schulbuchverlag zum Partner haben. Cornelsen. Warum machen wir das, wir als Projekt aus der Mitte der Netzgemeinde? Was wir wollten, war Reichweite tief ins Bildungssystem hinein, dabei wollten wir aber dringend unsere Haltung bewahren: Freie und offene Materialien für alle. Und nun ist es passiert, es ist tatsächlich passiert! Wir haben einen ersten Schulbuchverlag davon überzeugen können, die Materialien für Calliope unter CC BY SA Lizenz zu entwickeln (PDF). Coolster Schulbuchverlagschef aller Zeiten: Mark van Mierle, Pionier, wahrscheinlich in Kürze unsterblich. Das Tor steht weit offen, /cc Klett und all die anderen.

Moi et le projet

Möglicherweise wird es immer welche geben, die uns das alles nicht glauben. Auf die trinke ich jetzt, Sonntag Abend, 23:55 Uhr, ein Bier, das ich mit Geld aus meiner ganz normalen Erwerbstätigkeit, der ich neben dem Calliope Projekt nachgehe, selbst bezahlt habe und wünsche mir, dass sie vielleicht eines Tages in der Lage sein werden, ihre Energie in etwas Produktives umzusetzen. Bis dahin versuche ich, mit Gesche, Stephan und den anderen, meinen eigenen Kindern die Welt ein bisschen besser zu machen. Ich tue dies für Ruhm und Ehre, für Eure Anerkennung. Seid nett zu mir, dann macht mir das unwahrscheinlich viel Spaß hier! Und klickt hier, um uns zu unterstützen oder kauft gleich tonnenweise unser kleines Board!

Mattern wir?

Als ich gerade den D64-Ticker schrieb, konnte ich Angela Merkel mit folgendem Satz zitieren, über den ich mich wirklich sehr sehr gefreut habe:

„Ich glaube, dass die Fähigkeit zum Programmieren eine der Basisfähigkeiten von jungen Menschen wird, neben Lesen, Schreiben, Rechnen. Die werden nicht wegfallen. Aber Programmieren wird nochmal dazu kommen.“

v.l.n.r.: ich, @katti, @thinkberg, Neele, @GescheJoost, Tilda, @birte2go (hinter Tildas Arm), Klaus-Jürgen Buss, Franka Futterlieb, @holadiho (hinter Frankas Arm), Thomas Kern

Und für eine kleine Sekunde dachte ich an den IT-Gipfel zurück, auf dem wir mit Calliope genau solche Aussagen wieder und wieder wiederholt haben. Und für eine Millisekunde dachte ich: „Ach guck! Mattern wir vielleicht doch ein bisschen, dass die Neuland-Kanzlerin nun eigentlich genau das sagt, was wir seit langem propagieren?“ Wahrscheinlich gibt’s da keinen Kausalzusammenhang, aber die allein die Korrelation gefällt mir schon.

Drei Ebenen die Welt zu verbessern

Eine der schönsten und für mich motivierendsten Twitter-Bios hat der höchstanständige und beste @horax geschrieben:

„das leben ist kurz | die welt ist veränderbar!“

Was für ein Satz! Den hat er, wenn ich das richtig erinnere, seit mindestens 2010 da stehen. 2010 wurde der Kleine Sohn geboren, ich kannte noch niemanden bei Twitter und war auch noch nicht in der SPD. Auf der Erwerbstätigkeit habe ich mich aber mit Kolleg*innen gestritten über die Sozis (die ich da schon toll fand). In diesen Diskussionen wurde ich als Phantast abgetan, ein blauäugiges Mäuschen, das in seiner Naivität allen Ernstes an das Gute im Menschen glaubt und die Welt verbessern will. Ich, dieser ziemlich unbedeutende IT-Berater – für wen hältst Du Dich, dass Du die Welt glaubst retten zu können?

Seitdem gucke ich auf meine Hände, von denen ich zum Glück zwei habe, gucke auf meine Füße, von denen ich zum Glück auch zwei habe. Ich freue mich über mein Gehirn, das einige Dinge gut, andere schlecht verarbeiten kann, das manchmal gute Ideen hat und manchmal nicht so gute. Ich benutze meinen Mund durchgängig zum Sprechen*). Ich gucke auf meine Möglichkeiten: Hände, Füße, Hirn und Sprache. Das steht mir zur Verfügung, um die Welt zu verbessern.

Als ich die ersten paar Tweets abgesetzt hatte und eines Tages dieser mir unbekannte, aber deswegen nicht weniger bewunderte @horax anfing, mir zu folgen mit seiner o. g. Bio, da dachte ich: Es macht einen Unterschied. Einer will hören, was ich sage. Ist erstmal nur einer, aber einer will’s hören. Meine nicht minder verehrte Frau Mama hat uns Kindern mal gesagt: In der Menge steht immer ein*e Kenner*in. In meiner bescheidenen Wahrnehmung besaß ich genug Chuzpe, in @horax einen Kenner zu sehen – und hey! Der gehörte zu den coolen Typen von nugg.ad, die immer so coole Parties mit #guwosh Hashtag gefeiert haben, das war also nicht irgendeiner!

Oh, was habe ich gelernt seitdem! Dieses Twitter hat mich mit Menschen zusammengebracht, von denen ich so viel gelernt habe! In Sachen Kommunikation, in Sachen Haltung, aber vor allem Fakten, Tatsachen, Erkenntnisse – Dinge, für die man sich früher in Kellern mit dicken Büchern einschließen musste, die so viel Lesezeit beansprucht haben, dass man mangels zwischenmenschlicher Interaktion zum Soziopathen werden musste. Und dann stimmte das am Ende doch wieder nur so ein bisschen. Bei Twitter lernte ich, was Privilegien bedeuten und welche Pflichten mir als Privilegiertem obliegen, ich lernte, was für unterschiedliche Menschen es gibt, wie super die sein können und wie gleich sie am Ende irgendwie alle in ihren Bedürfnissen sind und wie unterschiedlich in ihren Antrieben und Ressourcen – wie unterschiedlich privilegiert. Ich lernte, welche Rolle Emotion und Irrationales spielen und wie irrational gerade die handeln, die sich besonders auf reine Fakten berufen – die eiskalten Entscheider*innen sind mir schon immer besonders lieb gewesen in ihrer verfickt offensichtlichen Unvollkommenheit. Ich danke Twitter auf Knien für die unfassbare Leistung, zumindest für ein paar Jahre Hierarchien überwunden zu haben, für eine Emanzipation, für eine Sprache gesorgt zu haben, die gänzlich frei von inneren Hürden, Verhaltenskodizes und selbstoktruierter Scheinkorrektheit ist. Man schreibt hier über Sachen mit Käse überbacken. Man schreibt hier über #flausch, Rausch und furchtbar menschliche Sachen. Welch eine Leistung! Die geilsten der Geilen geben hier zu: Hab heute keinen Bock, weil ich gestern gesoffen hab. Was ich da höre! Was ich da lerne, immer noch, jeden Tag!

Und ich kann die Welt verbessern! Einer sucht eine Wohnung in London, ich retweete das nur, zehn Minten später hat der wirklich eine Wohnung und bedankt sich bei mir für den Retweet. Das war aber einfach!

Ich schreibe was politisches rein. Keine Reaktion. Ich blogge was und twittere das. Drei Favs – HAA! WELT verBESSERT! Bei gleich DREIEN!

Aber ich wollte ja eigentlich was ganz anderes schreiben: Wie verbessere ich denn jetzt die Welt? Auf welchen Ebenen? Wo setzt man da an? Über die Jahre scheinen sich drei etabliert zu haben, auf denen ich es immer wieder versuche: Wirtschaftlich (also auf Erwerbstätigkeit, da verbringt man ja schon ziemlich viel Zeit), persönlich (also in der Familie und vor allem als Vater/Mutter) und selbstverständlich schlicht parteipolitisch.

Ich reporte mal denen, die mich wahrscheinlich immer noch für ein blauäugiges Mäuschen halten.

Persönlich

Als Kind auf einem Bauernhof im südlichen Westmünsterland aufgewachsen kann ich nicht gerade sagen, dass ich per se progressiven Positionen zugeneigt gewesen wäre. Im Gegenteil, als Jugendlicher habe ich meiner Erinnerung nach ziemlich stramme Besitzstandswahrungsmeinungen vertreten, Veränderung war gefährlich, denn ich hatte eine sehr sehr glückliche und behütete Kindheit, an der etwas zu ändern eigentlich nur Verschlechterung bedeuten konnte. Interessanterweise hat unsere Mutter uns Werte, Empathien, eine fröhliche Offenheit und nicht zuletzt einen gehörigen Schuss Feminismus mitgegeben. Und es ist mein ausdrückliches Privileg, dass ich durch den Hof, durch meine fest zusammenhaltende Familie und die Abgeklärtheit meiner Eltern und Geschwister ziemlich immun bin gegen irrationale Ängste. Selbst in den schwersten Phasen der Existenzangst (2009 lief meine Firma echt scheiße!) hatte ich die Fähigkeit, mich mit dem Gedanken über Wasser zu halten: „Wenn wir hier mit einem kleinen Kind mitten Europa verhungern müssen, wird es einen Skandal geben! Aber von sowas liest man nicht so oft in der Zeitung, also scheint es wohl in den meisten Fällen doch irgendwie ganz gut auszugehen.“ Ein anderer Aspekt meiner Privilegiertheit ist, dass meine Eltern gefeiert haben wie die Kesselflicker, aber am nächsten Tag wurden die Kühe um sechs Uhr morgens gemolken (mein Vater) und die Kinder der ersten Klasse ab viertel vor acht unterrichtet (meine Mutter). Befindlichkeiten haben wir als Familie insgesamt lieber als Partygag verstanden als uns davon treiben zu lassen. „Außen weich und innen hart“ fanden meine Schwester Julia und ich im Alter von 16/18 Jahren in Umkehrung der Männlichkeitsideale von Hollywoodfilmen lustig, meinten das aber ganz tief drinnen irgendwie ernst. Das Jammern ist uns als Kulturtechnik nie vermittelt worden.

Auf der persönlichen Ebene wünsche mir nichts sehnlicher, als meinen Kindern solche Fähigkeiten verleihen zu können, wie meine Familie sie mir verliehen hat. Wenn meine Kinder einfach nie Angst haben, weil sie sich immer auf uns (@frau_ratte und mich) verlassen können, wenn sie sich ihrer selbst immer sicher genug sein können, um gefahrlos sich selbst zu vergessen und ihren Geist auf Sachverhalte zu richten vermögen, die nicht unmittelbar sie selbst betreffen, dann werden wir auf persönlicher Ebene die Welt verbessert haben. Vielleicht tragen diese tollen Kinder das dann weiter.

Wirtschaftlich / auf Arbeit

Im Jahr 2008 oder so war es, nachdem der Große Sohn ein paar Monate alt war und mich das ganze UngeübtMitKindDingsi völlig überfordert hat, fing ich an, völlig unprofessionell auf der Arbeit davon zu erzählen, wie die letzte Nacht war, wie unsicher ich war, was ich alles nicht kann. Lange vor dem Kontrollverlust, den Social Media uns allen bescheren sollte, war ich bereit dafür. Ich habe einfach alles erzählt. Aufgrund unmittelbarer Erfolgserlebnisse an dieser Stelle war eigentlich da schon klar, dass ich ein wehrloses Opfer Social Medias werden würde. Die Kolleg*innen wussten, warum ich scheiße aussah mit Ringen unter den Augen. Sie haben mir vielleicht manche Dünnhäutigkeit nachgesehen, die ohne Hintergrundwissen als ungehörig hätte gelten müssen. In jenen Tagen habe ich vor mich hinformuliert: „Aufgrund der wenigen mir zur Verfügung stehenden Informationen über Dich muss ich Dich leider scheiße finden.“ Offenheit, ein bisschen Vertrauen und das Fallenlassen überkommenen Scheinprofessionalitätsgehabes vermitteln denen um mich herum ein Bild von mir, das sie mich verstehen statt blöd finden macht.

Um materiell handlungsfähig zu bleiben, muss ja ein Studienabbrecher wie ich ziemlich viel Zeit in die Erwerbstätigkeit investieren. Als Konsequenz verbringt man viele Stunden mit Menschen, die man sich nicht unbedingt ausgesucht hätte, ohne dass das heißen muss, dass diese Menschen deswegen blöd wären. Aber Erwerbstätigkeit ist, von der Sinnstiftung und ihrer selbstbewusstseinschaffenden Kraft einmal abgesehen, vor allem auch ein natürliches Durchbrechen der persönlichen Filterbubble. Ich habe dort in einer Weise Einfluss auf Menschen (und werde von denen beeinflusst), die nicht meinem Gusto entsprechen müssen – was  als eine große Chance gesehen werden muss. Mein Handeln und Sprechen hat bei denen eine ungleich wichtigere Bedeutung, weil hier ich hier Menschen erreiche, die nicht per se meiner Selbst entsprechen. Wenn ich auf der Erwerbstätigkeit plötzlich alle Anforderungsdokumente im generischen Femininum verfasse, dann konfrontiere ich Menschen damit, die im Zweifel noch nie etwas davon gehört haben. Und ich diskutiere nicht mit denen, sondern ich juble es ihnen unter. Ich schaffe hier das kraftvollste Moment, das man für die Verbesserung der Welt überhaupt schaffen kann: Selbstverständlichkeit. Wer Fragen dazu hat, kriegt sie beantwortet. Aber die meisten fragen nicht, sondern übernehmen einfach aus Selbstverständlichkeit den Sprachgebrauch**). Es entsteht eine kraftvolle Veränderung, die mich staunen macht.

Nun habe ich seit den Anfängen meiner Erwerbstätigkeit, in der ich als externer Berater in Konzernen herumlaufe, noch zwei neue Firmen mitgegründet. Die eine ist das Start-up (wink! wink! trackle.de! kauft, Leute, kauft!), das ich mit @frau_ratte am Laufen habe, die andere ist Calliope. Als ordentlicher Progressiver, wenngleich nicht geborener, sondern gelernter Linker, s. o., stelle ich mir die Frage: Was sind Deine Prinzipen wert, wenn Du plötzlich selbst in der Position des Arbeitgebers bist? Bist Du noch für den Mindestlohn, wenn sich herausstellen sollte, dass Dein Businesscase nicht mehr funktioniert, wenn Du Deine Leute bezahlen musst? Werde ich der Gier widerstehen? Die Frage, wie ich handeln werde, wenn es meiner Firma, meiner Existenz, der Existenz meiner Kinder an den Kragen geht, muss trotz der Erfahrungen aus dem Jahre 2009 (s.o.) weiter offen bleiben. Aber bis dato bin ich guter Dinge, dass ich meine Haltung werde halten können. Im Gegenteil habe ich großen Bock, auf wirtschaftlicher Ebene nachweisen zu können, dass man einen Laden betreiben kann, der mich, meine Familie und alle, die mit uns in dem Laden arbeiten, erfüllt, ernährt und vielleicht sogar ein Stückchen glücklich macht. Das hat mit Geld zu tun, ganz klar. Das hat aber auch mit guter Zeit zu tun, die man verbringt. Das hat mit Sinnstiftung zu tun.

Wenn ich mal auf das Thema „Verbesserung der Welt“ zurückkommen darf: Ganz viele große Gründer*innen haben als ihre Triebfeder genau das angegeben: Verbesserung der Welt. Ich dachte immer by default, man müsse sich parteipolitisch einsetzen, um die Welt zu verbessern, aber das Schaffen von Fakten, Möglichkeiten und schlicht Kraft, die mit einer erfolgreichen Gründung eines Wirtschaftsunternehmens einhergehen, sind starke Faktoren, die dafür sprechen, die Welt durch Wirtschaftskraft zu verbessern.

Parteipolitisch

Aber natürlich muss man sich parteipolitisch engagieren und einbringen! Alle Ideen, die ich im persönlichen oder wirtschaftlichen Bereich entwickle, jede Veränderung bedarf der breiten Anerkennung und schließlich einer Gesetzeskraft entwickelnden Legitimierung. Und das geht nur über die seit 1949 etablierten und bewährten Mechanismen. Es ist Teil meiner Verantwortung als Mensch, der eine glückliche Kindheit erleben durfte, die Verbesserungen, die ich für mich und die mir unmittelbar Verbundenen erreicht habe, allen mit weniger glücklichen Biographien ebenfalls zu ermöglichen, und zwar einklagbar! Warum, ist das etwa Selbstlosigkeit, mein speziell edles Gemüt? Keineswegs. Ein Leben für mich selbst und ein Leben für meine Kinder in einer Gesellschaft, der es leicht fällt, freundlich, offen und belastbar zu sein, ist nur möglich, wenn wir eine breite Zufriedenheit herstellen. Parteidemokratisch erzielte Ergebnisse sind das sicherste und belastbarste, was wir erreichen können (wohlwissend, wie fragil selbst diese sind!). Auch wenn Ihr nicht am Infostand stehen mögt, um Euch für Peer Steinbrück beschimpfen zu lassen, solltet Ihr dennoch die demokratischen Parteien (am besten natürlich die SPD!) stützen, indem Ihr eintretet, und sei es nur, um zu signalisieren, dass es zu Despotie, Tyrannei oder Ochlokratie eine erprobte und nachgewiesenermaßen erfolgreiche Alternative gibt. Es ist sehr sehr wichtig, dass man sich äußert, aber es ist mindestens genauso wichtig, dass man sich bekennt und einsteht. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben, für Verfehlungen Sigmar Gabriels verantwortlich gemacht zu werden. Viel größer ist die Gefahr, dass man sich unverstanden fühlt, wenn man sich nicht in einem verbindlichen Rahmen artikuliert. Viel größer ist die Gefahr, dass man zu jemandem wird, der/die postfaktisch mit komischen Pegida-Ärschen mitrennt, wenn man sich seines politischen Fundaments unsicher ist. Parteipolitisches Engagement ist tägliche Auseinandersetzung und tägliche Überprüfung der eigenen Haltung, was zumindest mich erstens ziemlich informiert hält und mir zweitens für die beiden oben genannten Bereiche eine Menge Widerstandsfähigkeit verleiht.

Die Welt ist veränderbar. Lasst uns die Ärmel aufkrempeln und auf allen Ebenen mit beiden Händen tief hineingreifen ins Leben, es ist so wunderbar, wenn man etwas Freundlichkeit, etwas Witz und eine ambitionierte Mission zusammen nimmt. Es gibt nur dann etwas zu verlieren, wenn wir nichts tun, hingegen gibt es nur etwas zu gewinnen, wenn wir auch nur den kleinsten Finger rühren. In der Bio von @horax steht, was geht, in meiner, für wen.

 

 

*) Ich nehme das mal als Generaldingsi für Sprechen, Bloggen, Twittern, mich äußern, kapierse, ne?

**) Jemand auf Arbeit hat mal gefragt, was denn mit den männlichen Zustellern sei, wenn wir immer von Zustellerinnen sprächen. Es war mir ein besonderer Genuss, den Satz „Männliche Kolleginnen sind selbstverständlich immer mitgemeint.“ fallen zu lassen.