Über die gute alte Zeit abgeschweift

Sitze in der Küche, lasse „Nirvana – MTV Unplugged In New York“ laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Großeltern in schwarzweiß stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzweiß gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen übersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.

„Was treibt Dich an?“ sollte ich vor ein paar Tagen beantworten für ein Video, das die gute Sarah vom Digitalhub Bonn gedreht hat. Ich weiß nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja über den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.

1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen haben müssen. Ein Stück, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht überzeugt. Kann natürlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach – vielleicht trügt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit…). Seit wir „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen und sogar einmal in einer Aufführung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem Stück nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er/sie vorhatte, scheitern. Und „letztlich daran zerbrechen“, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realität und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das überhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Gedächtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja über den Radweg gegangen bin, denke ich: Was für ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die Fähigkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu können. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie überhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht später nochmal nach).

Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fröhlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (ächtz, was für ein Satz!), dann macht mich das tiefglücklich. Und dann fühle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen müsste.

Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein schönes Gefühl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gefühl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Früher war alles besser, Wählscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was für eine Shice! „Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys“, so eine Shice, Mann! Ich hab ständig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzublättern oder weil was passiert ist? Muss ich mich über ihn ärgern oder muss ich ihm eher noch den Rücken stärken, weil ihm vom löchrigen ÖPNV im Westmünsterland übel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zurückspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zurückspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!

Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, „Die Opodeldoks“, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert wäre, wenn da nicht der Opadeldok wäre, der immer „Früher war alles schlechter!“ sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenwärtigen „Früher war alles besser“. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit über vierzig, ist mir aufgefallen, was für ein saucooler Hippie so ein Opa wäre, der ernsthaft „Früher war alles schlechter!“ zu seinem Mantra gemacht hat. Was für ein starker Charakter das wohl wäre.

Da fallen mir auch gerade die Vorwürfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder überall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockgeräten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, während wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich übrigens tatsächlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu können, während man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit „Heja BVB“, „Annes Schlaflied“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Das alles machen wir™mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier überall Plakate in der Stadt, auf denen stand: „Mehr Zeit für Kinder!“. Heute müssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder hätten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir müssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos überfahren lassen. Wir müssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung über 70 Jahre ermöglicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine Söhne müssen nicht mit Patronenhülsen in Kratern spielen, wir können ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.

Und doch: Meine Gefühle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged höre. Es macht ein gutes Gefühl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal gehört habe, sehr präsent ist. Es fühlte sich damals gut an, es fühlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt: Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass früher irgendwie doch alles schlechter war. Aber unsere Gefühle waren echt. Meine Gefühle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche – und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen Füßen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Geräusch der Mähdrescher oder Maishäcksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.

Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verstümmelten Seelen misshandelter Kinder große Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder überlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen könne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das Rüstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich Fähigkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerstörbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Blödheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele Überschüsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu können.

Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben können? Was ich übrig habe, das könnt Ihr haben! Wäre doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schlänge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) Heute habe ich von einer Studie gehört, dass Teilen glücklich macht. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in dreißig Jahren eines meiner Kinder sowas ähnliches bloggt, dann führe ich einen Besenrührtanz um meinen Rollator auf.

Hohe Energie

Wenn ich an mein Studentenzeit-Ich zurückdenke, dann wäre das von meinem trackle/Calliope/Erwerbstätigkeits/Vater/SPD/Blogger-Ich im Jahr 2017 allein von der bloßen Betrachtung derart gestresst, dass ich wahrscheinlich kein Wort mit mir wechseln würde. Rush-Hour des Lebens, halt, wa?

Im Moment dreht es sich derart schnell, dass ich manchmal die Tageszeit googeln muss. Aber das ist gut! Ich habe die Energie, also raus damit! Ich mache das zusammen mit @frau_ratte, gegen die ist der #Schulzzug ’ne Rangierlok. Morgen startet unsere Crowdfunding-Kampagne für trackle und wir sind ganz offen völlig hibbelig – was wenn keine*r kommt? Wenn keine*r trackle bestellt? Was, wenn Ihr das Video kacke findet? Wenn mein Haar plötzlich stumpf werden sollte?

Es gibt zum Glück ein paar Rückversicherungen: @horax wird morgen dabei sein. @frau_elise wird morgen dabei sein. Ganz alte Freund*innen und meine Schwester @antonialoick werden dabei sein. Wir gehen All In, voller Zuversicht! Mit wehenden Fahnen zwischen die Weinflaschen aus Jacques Weindepot oder mit wehenden Fahnen ins nächste Kapitel im Buche Reuter-Loick, das da heißt „Markteintritt als zertifizierte Medizinprodukteherstellerin“!

Morgen wird ein Tag sein, den @frau_ratte damit beginnt, den Kindern aus Harry Potter vorzulesen. Kretschnaku patavi!

Minuten, die gut sind

Es war eine lange Woche mit viel Druck und Arbeit auf vielen Baustellen, jeden Tag droht mir vieles im Moment hinten runterzufallen, manches fällt dann tatsächlich, das meiste, hoffe ich, fange ich aber doch kurz vor dem Zerschellen noch irgendwie auf.

Heute abend aber, genauer: just in diesem Moment! sitze ich in der Küche, trinke einen ziemlich alten Single Malt, esse Schokolade dazu und höre Helge Schneider. Es sind gute Minuten. Was ich alles nicht weiß und was ich alles nicht kann… oder auch *oliverKahnModeOn*: Wenn Du ein Start-up gründest, dann machst Du den ganzen Tag Sachen zum ersten Mal, keine davon hast Du je zuvor gemacht und von allen denkst Du, dass Du das gar nicht kannst, aber dann hast Du keine Wahl und machst dann eben so gut Du kannst. Und wenn Du dann plötzlich alle Texte ohne zu überlegen mitsingen kannst, dann sind das gute Minuten. *oliverKahnModusOff*

 

Ressourcen erneuern mit Helge Schneider. Funktioniert.

NRW als Silicon Valley der Erneuerbaren Energien

Gerade las ich bei @Nico, welche Themen er 2014 so alle diskutiert haben möchte. Dabei ist mit aufgefallen, dass dort die Energiewende fehlt.

Das muss irgendwann 2012 gewesen sein, da bin ich mit den Kolleg*innen meines damaligen Projektes als Team Event zum Braunkohletagebau am Niederrhein gefahren. Wir erhielten dort eine Führung durch Tagebau, unter Braunkohlebaggern hindurch und über renaturierte Landschaften. Die technologischen, politischen und sozialen Anstrengungen, die für die Energiegewinnung aus Braunkohle über all die Jahre unternommen worden sind, haben mich sehr beeindruckt. Da wurden ganze Dörfer umgesiedelt, Familien wurden mit viel Aufwand entschädigt, Abraumhalden wurden renaturiert und der ausgebeutete Tagebau wurde von Landschaftsarchitekten in der Arbeitsweise von Slartibartfass wiederhergestellt. Der Kollege von RWE war zurecht ein wenig stolz auf diese Leistungen. Aber gleichzeitig hatte ich immer die Rechnung im Hinterkopf, dass RWE trotz dieser ganzen Aufwände immer noch massig Geld verdient mit dem Braunkohleabbau. Das ist, finde ich, ein eindrücklicher Beleg dafür, zu welchen Innovationen Unternehmen in der Lage sind, wenn sie mit einer Sache Geld verdienen können. Ich würde mir aber wünschen, dass die Sachen, mit denen sie Geld verdienen, weniger invasiv mit unserer Landschaft und Umwelt umgingen. Hier nun, klingeling!, das Glöckchen mit den Rahmenbedingungen, die die Politik schaffen muss.

Darüber habe ich neulich (am 13. Dezember 2013) auch schon eine kleine Diskussion mit @baranek und @holadiho geführt, in deren Verlauf das Schlagwort „Silicon Valley für Erneuerbare“ aufkam. Ich finde, das ist eine faszinierende Idee. Ich finde, dass Sigmar Gabriel als neuer Bundesminister für Wirtschaft und Energie im allgemeinen und Hannelore Kraft als Ministerpräsidentin von NRW im Besonderen die Bedingungen schaffen sollten, die energietechnische Innovationen in NRW und fördern und aktiv zu uns holen. Ich glaube, dass wir mit den Kubikkilometern stillgelegter Steinkohleschächte im Ruhrgebiet Sinnvolles anstellen könnten, in dem wir dort Energiespeicher installieren, von mir aus als Pumpspeicherkraftwerke, als Gasdruckspeicherkraftwerke oder diese coolen Schwungrad-Dingsis. Ich finde, wir sollten uns die Vision leisten, dass eine Energieversorgung aus 100% Erneuerbaren erstens möglich, zweitens nötig ist und drittens wirtschaftlich erfolgreich sein wird. Dabei glaube ich, dass das Meistern der technischen Herausforderungen der kleinere Teil der zu leistenden Arbeit sein wird. Vielmehr bedeutet die völlige Unabhängigkeit von Erdöl aus dem mittleren Osten und von Gas aus Russland einen gewaltigen Machtverlust der heutigen Lieferanten – was denen natürlich nicht schmecken wird.

Ich glaube, dass zusätzlich die Innovationsführerschaft auf dem Sektor der alternativen Energiegewinnung, der Ausbau der flexiblen Netze und die effiziente Speicherung von Energie von entscheidender Bedeutung für die Position auf den globalen Märkten der Zukunft sein wird. Ich finde, allein die Aussicht darauf verpflichtet uns, NRW zum Silicon Valley der Erneuerbaren zu machen. Ich finde, dass wir hier eine Goldgräberstimmung erwecken müssen, ich finde, wir müssen massiv mit öffentlichen Geldern dafür sorgen, dass Start-ups und bereits etablierte Unternehmen hier ihre ganze Innovationskraft freilassen, ich fänd cool, wenn amerikanische Wirtschaftsminister zu uns kommen, um sich hier inspirieren zu lassen, so wie unsere Wirttschaftsminister regelmäßig ins Silicon Valley fahren, um sich in Sachen digitale Entwicklungen fortzubilden. Ich finde das viel schöner als die Vorstellung, dass RWE seine gewaltige Innovationskraft dafür aufwenden muss, weggebaggerte Landschaften wieder hübsch zu machen.

An die Nein-Sager: Bitte bleibt!

Jetzt ist das Mitgliedervotum ein paar Tage alt, eine große Mehrheit der SPD Basis hat sich dazu entschlossen, mit der Union eine große Koalition zu bilden. Rund 25% der abgegebenen Stimmen haben dagegen votiert und sind vom Ergebnis enttäuscht. Einige haben schon angekündigt, sie wollten die Partei nun verlassen.

Bitte bleibt!, und das meine ich nicht nur aus meinem mir angeborenen Harmoniebedürfnis heraus, sondern aus der tiefen Überzeugung, dass wir die kritischen Stimmen in den nächsten vier Jahren bitter nötig haben werden. Ich selbst habe beim Mitgliedervotum letztlich mit Ja gestimmt, aber dennoch sind mir die Gegenargumente immer noch präsent, sie sind immer noch gewichtig und sie sind mit diesem Votum keineswegs aus der Welt. Ich glaube, dass die SPD in der großen Koalition nur dann das dringend benötigte Korrektiv zur Union sein kann, wenn die kritischen Sozis jetzt nicht allein gelassen werden und wenn wir unsere Kritik so breit und fundiert wie möglich anbringen. Die im Koalitionsvertrag zugesagten Punkte wie Mindestlohn und doppelte Staatsbürgerschaft sind noch längst nicht Gesetz. Die Energiewende ist keineswegs in trockenen Tüchern, nur weil Sigmar sich jetzt persönlich darum kümmern möchte. Die im Koalitionsvertrag fehlenden Punkte müssen weiter gefordert werden. Bitte lest, was @marcobuelow schreibt:

Der SPD ist es in der Opposition zwar nicht gelungen, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen, aber sie besinnt sich seitdem zumindest wieder deutlicher auf ihre Hauptkompetenz: Die soziale Gerechtigkeit. Unser Wahlprogramm war gut und hat viele Themen richtig und ausgewogen besetzt. Jetzt muss es darum gehen, dies auch in dem schwierigen Bündnis mit der Union zu bewahren.

Wir brauchen die, die Nein sagen, jetzt nötiger denn je. Ich wünsche mir laute Kommentare und wenn nötig Geschrei, wenn das von uns gestellte Personal da oben Mist baut. Wir brauchen die unabhängigen lauten Stimmen, die der Koalitionspartnerin das Leben schwer machen. Wir brauchen Euch, die Nein sagen, damit wir in den nächsten vier Jahren nicht als Unterabteilung von Angela Merkel wahrgenommen werden. Wir brauchen die, die weiter auf die fehlenden Programmpunkte unseres Regierungsprogramms 2013 pochen, damit wir 2017 glaubhaft für die Vollendung dieser Forderungen in den nächsten Bundestagswahlkampf gehen können.

Wie ich zwischen Zustimmung und Ablehnung oszilliere

Vorab: Ich werde mein Kreuz für oder gegen den Koalitionsvertrag nicht vor der Diskussion machen, die wir mit der SPD Beuel für Freitag anberaumt haben. Bis dahin erlaube ich mir, zwischen Zustimmung und Ablehnung offen zu schwanken.

Ich finde den Koalitionsvertrag shice. Zuviel wird mir der Fokus auf Ökonomie und wirtschaftliche Verwertbarkeit gelegt, zu wenig auf Lebensgestaltung und die gerechte Organisation menschlichen Zusammenlebens. Im Vertrag findet Europa kaum statt, die Energiewende wird nach meiner Auffassung sogar zurückgedreht, über die Vorratsdatenspeicherung ist alles falsche gesagt und missbraucht und ein zentrales europäisches Grenzregister ist nun auch nicht gerade die adäquate Reaktion auf die jüngsten menschlichen Katastrophen vor den Grenzen der EU. Das ganze Werk atmet den Geist bangbüxiger Konservativer, die ihre Arme schützend um ihre Taler legen und verkniffenen Blicks „meins!“ zischen.

Wenn es nur darum ginge, wäre ich nicht hin- und hergerissen, mein „Nein!“ schallte fest und laut fernhin.

Leider muss ich aber den Fokus weiter richten: Wir™ (also die SPD) haben nur 25,9% erreicht. Allen Aussagen zum Trotz, wir hätten inhaltlich überzeugt, müssen wir den Tatsachen ins Auge sehen: Unser Mandat ist dünn. Und die GenossInnen haben nicht schlecht verhandelt, wir sprechen hier über mindestens zwei Durchbrüche, die SozialdemokratInnen den Versteinerten abgerungen haben: Mindestlohn und Doppelte Staatsbürgerschaft. Ja, ich weiß, der Mindestlohn ist nicht ganz so undurchlässig, wie wir das haben wollten, gleiches gilt für die Doppelte Staatsbürgerschaft. Aber ich bin alt genug, um anerkennen zu können, dass das, auch wenn es sich nach wenig anhört, ganz schön viel ist und dass man das nicht einfach so wegwerfen darf – immer vor dem Hintergrund, dass die WählerInnen uns nicht mehr als 25,9% ihrer Stimmen gegeben haben. Hier wird, finde ich, einmal mehr evident, dass Wählen nun mal zählt. Und um das auch noch einmal klar zu haben: Die SPD verrät hier nichts von ihren Idealen und die SPD begeht auch keinen Wahlbetrug – das täte sie, wenn sie diesen Vertrag mit dem Mandat von 42% der WählerInnen in einer rot-grünen Koalition vorgelegt hätte. Ich möchte noch einmal eindringlich darauf hinweisen, dass der oben beschriebene Geist des Konservativen eben nicht durch die SPD in diesen Vertrag gelangt ist, sondern durch die Union mit ihren 42%.

Und nun stehe ich da, ich armer Sozi: Soll ich Ja sagen und für Mindestlohn und Doppelte Staatsbürgerschaft eine Pforte öffnen, die sich nicht wieder schließen lässt (\o/), muss ich mich dem WählerInnenvotum beugen, das zu großen Teilen eben genau die Besitzstandwahrung gewählt hat? Oder bin ich nur meinem Verständnis von Gerechtigkeit verpflichtet, das von den sehr sehr Reichen fordert, dass sie der Gesellschaft endlich zurückgeben, was sie ihr schulden? Und dann sagen die „Ha, mir doch egal, dann eben Neuwahlen und absolute Mehrheit für uns“?

Ich werde weiter darüber nachdenken.

Innovationsdruck II

Die CDU will die europäischen Abgasnormen aufweichen, damit deutsche Autohersteller weiter Gewinne über große Luxuswagen einfahren können. Dass in seltsamer zeitlicher Nähe dazu die CDU von BMW jüngst eine große Parteispende erhielt, geschenkt, ich gehe davon aus, dass BMW und CDU professionell genug sind, dass diese Spende legal über den Tisch gegangen ist.

Ich finde viel schlimmer, dass hier wieder Innovationsdruck abgebaut wird. Der ganze Vorgang wirkt arg wie eine Parallele zu den staatlichen Subventionen, die die Atomenergie über Jahrzehnte hinweg erhalten hat und ich befürchte, dass sich in der Mobilitätsbranche dadurch ein ähnlicher negativer Effekt einstellen wird: Die deutschen Automobilhersteller werden Innovationen der alternativen Antriebstechnologien, wenn überhaupt, nur stiefmütterlich behandeln. Nach dem Prinzip der sog. „Supercredits“ werden sie irgendein Arschauto bauen, das elektrisch angetrieben wird, aber nie wirklich dazu gedacht ist, marktreife zu erhalten und gar nicht dazu gedacht ist, in Massen über die Straßen Europas zu fahren, sondern einzig dazu dient, die CO2-Emissionen der gewinnbringenden dicken Limousinen kleinzurechnen. Während japanische Hersteller seit Jahren führend im Bereich Hybridantriebe sind und während in Norwegen aufgrund massiver politischer Weichenstellungen der Tesla S die Zulassungsstatistik vor dem VW Golf anführt, sind alarmierende Zeichen dafür, dass sich die deutsche Automobilbranche im Tiefschlaf befindet und von der Union weiter mit Tranquilizern versorgt wird. Die deutsche Autoindustrie wird dazu angehalten, weiter das Prinzip Verbrennungsmotor als Cash-Cow zu betreiben, von weitergehenden Konzepten, die über die bloße Technologiefrage hinausgehen, ganz zu schweigen: Wann begreifen Autohersteller sich als Mobilitätsanbieter? Ich habe das Gefühl, dass der Besitz des eigenen Autos in den kommenden Jahren massiv an Bedeutung verlieren wird, die alte Autofabrik, vor der die Kunden mit dickem Portemonnaie Schlange stehen, 80.000 € auf die Theke knallen und dann mit „ihrem“ 4,2l-V8 nach Hause fahren, wird zur Nische werden. Ich glaube, dass die Unternehmen die Marktführerschaft übernehmen werden, die saubere Autos produzieren und deren Gebrauch in ihr Geschäftsmodell aufnehmen. Die Kunden werden in Zukunft Mobilität kaufen wollen, keine Autos, die sie die nächsten 40 Jahre fahren müssen, damit sich die Kosten dafür amortisieren. Und mit den jüngsten Rochaden der Union in Europa werden das nicht die deutschen Hersteller sein.

Innovationsdruck

This one goes out to the one am Infostand kurz vor der Bundestagswahl, der mir erklären wollte, dass die Energiewende Schuld an hohen Lebenshaltungskosten sei und dass man deswegen zur Atomenergie zurückkehren müsse, es gäbe keine andere Möglichkeit. Er wisse das, denn er sei Physiker. Mit diesem schlagenden Argument konfrontiert, habe ich natürlich sofort meinen Austritt aus der SPD in die Wege geleitet und suche seitdem Anschluss an Herrn Oettinger.

Muss ich es denn wirklich nochmal wiederholen? Einer der fatalsten Nebeneffekte der staatlich protegierten Atomenergie war m. E. der jahrzehntelang fehlende Innovationsdruck, kein Energieerzeuger hat auch nur einen Pfifferling dafür ausgegeben, Möglichkeiten auszuloten, wie Energie sinnvoll zwischengespeichert werden kann, die Stromnetze sind allesamt auf gleichbleibende Spannungen (oder wie auch immer das genannt wird, Hörr Phüsikör!) ausgelegt, kein Mensch hat einen Gedanken daran verschwendet, wie ein Netz aussehen müsste, das Spannungsschwankungen aushalten muss. Die Atomenergie hat den Energiesektor über fünfzig Jahre in einen Dornröschenschlaf gelegt.

Nun plötzlich, nachdem Fukushima den Ausstieg zumindest in Deutschland erzwungen hat, erleben wir einen Boom der Erneuerbaren Energien, ständig haben wir mit dem schlymmen Problem zu kämpfen, dass wir nicht wissen, wohin mit all dem Strom. Und plötzlich fangen die Damen und Herren IngenieurInnen an, sich lustige Dinge auszudenken. DruckluftspeicherkraftwerkePumpspeicherwerke in stillgelegten Zechen, riesige Akkus und – das finde ich besonders spannend – Schwungradspeicher.

„Jaaaa, alles nicht ausgereift!“ ruft der Hörr Phüsikör. Da hat er recht. Leider sind diese Technologien nicht aus Gottes Hand einfach in Marl-Sinsen betriebsfertig hingestellt worden (ganz im Gegensatz zu den ganzen Atommeilern). Wie mich solche Leute nerven!