Dieses Weinen

Im Teenageralter fing das an bei mir, zunächst noch eher selten, so selten, dass ich Schwierigkeiten hatte, damit umzugehen, denn ich war überrascht. Ich wurde bei Olympia davon überwältigt, wenn Sportler*innen, die jahrelang trainiert hatten, dann Gold gewonnen haben und auf dem Podest emotional nicht mehr anders konnten als in Tränen auszubrechen. Da bin ich in die gleichen Tränen mit ausgebrochen. Zur damaligen Zeit nicht gerade das, was man als besonders männlich empfunden hätte. Ich hatte ein zartes Gesicht und lange Haare und wahrscheinlich trage ich bis heute Koteletten, um immer noch und ein für alle mal unter Beweis zu stellen, dass da ein Fitzelchen Testosteron in mir ist.

Später wurde es noch etwas schlimmer. Falscher Song im Radio, Tempo verringern müssen auf der Autobahn wegen schlechter Sicht bei Sonnenschein. Oder nein, eigentlich müsste ich sagen: Richtiger Song. Zum Beispiel „Cats in the cradle“ in der Version von Johnny Cash, zu einer Zeit abgespielt, zu der der Große Sohn bereits geboren war und ich mit dem Unsinn anfing, auf die Texte zu hören.

Später kam ich etwas besser damit klar. Ich verlese unserem Zertifizierungshelfer Immanuel die Qualitätspolitik von trackle, in der ich an unbedingtem Willen, die Welt verbessern zu wollen, nicht gespart habe. Ich bin inzwischen geübt darin, ergriffen zu sein und habe immer noch die Koteletten. Immanuel guckt etwas ungläubig, aber ich sage: „Das ist, was wir vorhaben. Katrin und ich.“ Und ich ziehe die Nase hoch, als wäre es gesellschaftlich völlig etabliert, von sich selbst ergriffen zu sein.

Doch schließlich kam die trackle Crowdfunding Kampagne, we went all in. Für sechs Wochen wich alles von mir, was mich vormals hat heulen gemacht. Es war ein Ritt. Nächte in der TL, wie ferngesteuert, immer noch einmal und noch einmal und again und dann wieder: „Kauft trackle, Leute! Helft uns! Verändert mit uns die Welt!“ Am Ende mechanisch, mit festem Blick, Haare sprossen auf meinen Unterarmen. Kein Weinen für sechs Wochen. „Wir sind so bescheuert“, hat Katrin gerufen, „at High Noon dieser haarsträubenden Kampagne sind wir in Holland!“

Donnerstag, der 20. April. Wir sitzen in der Sonne an der Mühle „De Jonge Johannes“ in Oostkapelle. Ich gehe festen Blicks mit dem Großen Sohn und dem Kleinen Sohn Minigolf spielen. Festen Blicks erkläre ich irgendwas, also den Kindern. Wir kommen zurück zum Tisch und Katrin sagt: „Die Fünfzigtausend sind geknackt.“ Festen Blicks bestellen wir zwei große Bier. An dem Abend bin ich um 19:45 im Bett.

Das Weinen ist seltener geworden seitdem, meine Haarfarbe heller. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist. Letzten Mittwoch mussten Katrin und ich sehr früh nach Berlin fliegen und die Kinder mussten zum ersten Mal alleine aufstehen, sich anziehen, frühstücken, zu den Kommunard*innen rüber gehen und dann zur Schule. Sie haben das perfekt gemacht und ich habe nicht geweint, ich habe gelächelt. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht hat ein neuer Abschnitt begonnen.

Hohe Energie

Wenn ich an mein Studentenzeit-Ich zurückdenke, dann wäre das von meinem trackle/Calliope/Erwerbstätigkeits/Vater/SPD/Blogger-Ich im Jahr 2017 allein von der bloßen Betrachtung derart gestresst, dass ich wahrscheinlich kein Wort mit mir wechseln würde. Rush-Hour des Lebens, halt, wa?

Im Moment dreht es sich derart schnell, dass ich manchmal die Tageszeit googeln muss. Aber das ist gut! Ich habe die Energie, also raus damit! Ich mache das zusammen mit @frau_ratte, gegen die ist der #Schulzzug ’ne Rangierlok. Morgen startet unsere Crowdfunding-Kampagne für trackle und wir sind ganz offen völlig hibbelig – was wenn keine*r kommt? Wenn keine*r trackle bestellt? Was, wenn Ihr das Video kacke findet? Wenn mein Haar plötzlich stumpf werden sollte?

Es gibt zum Glück ein paar Rückversicherungen: @horax wird morgen dabei sein. @frau_elise wird morgen dabei sein. Ganz alte Freund*innen und meine Schwester @antonialoick werden dabei sein. Wir gehen All In, voller Zuversicht! Mit wehenden Fahnen zwischen die Weinflaschen aus Jacques Weindepot oder mit wehenden Fahnen ins nächste Kapitel im Buche Reuter-Loick, das da heißt „Markteintritt als zertifizierte Medizinprodukteherstellerin“!

Morgen wird ein Tag sein, den @frau_ratte damit beginnt, den Kindern aus Harry Potter vorzulesen. Kretschnaku patavi!

Es muss rummsen, nicht rumpeln

Heute steht in den Zeitungen, dass Sigmar Gabriel mit der Nominierung eine*r Kanzlerkandidat*in bis kurz vor der Bundestagswahl 2017 warten und erst die Landatgswahl NRW im Frühjahr 2017 abwarten möchte.

Das strotzt in meinen Augen nur so von Parteitaktiererei, von Zögerlichkeit und Mal-Abwarten-Dann-Schnell-Ducken – davon haben zu recht alle, mich eingeschlossen, die Schnauze voll. Das schreit schon nach „Was machen wir eigentlich, wenn NRW verloren geht?“ – das hilft uns auch für die NRW-Wahl mal gerade gar nichts, im Gegenteil werden wir als Angsthasen und in die Ecke gedrängte verängstigte Rinderherde wahrgenommen, von denen dann die nächsten auf den LKW in Richtung Schlachthof abgeholt werden. Und wenn der Bauer kommt, gehen wir schnell noch in eine andere Ecke der Weide.

Ich bin ja immer für Knalleffekte zu haben. Wie wärs mit diesem hier?

  • Wir geben uns ein zukunftsgerichtetes Regierungsprogramm links der Mitte: Digitalisierung, Frauen, Bildung, Integration
  • Dazu brauchen wir eine*n Kandidat*in, die für diese Inhalte steht. Ich finde, wir nominieren Manuela Schwesig asap zu unserer Kandidatin.
  • Wir weisen in den nächsten 18 Monaten (oder wie lange ist noch zur BTW?) nach, dass Manuela Schwesig für diese Themen steht und dass sie in der Lage ist, diese durchzusetzen. Immerhin hat sie ja diesen Flexischnexi-Unsinn ihrer Vorgängerin einfach beendet, obwohl alle dachten, das ginge in dieser Männerdomäne „Wirtschaft“ gar nicht.
  • Die Richtung muss klar sein: Junge, ehrgeizige Kandidatin, zukunftsgerichtet mit modernem Familien- und Gesellschaftsbild, unerschrocken.

Dafür hätte ich jetzt gleich schon Bock Wahlkampf zu machen. Dafür würde ich mich sofort heute beschimpfen lassen und mit guten Argumenten und Überzeugung dagegenhalten. Darauf hätte ich zumindest mehr Bock, als ein humpelndes, rumpelndes Stühlerücken erklären zu müssen.

Beharren auf Einhaltung der Regeln bei kleinen Kindern unter Zeitdruck

Die liebe @_Sibylle hat heute bei Twitter gesagt*):

Dieses absolute Durchsetzen wollen von Regeln bei einer Dreijährigen unter Zeitdruck find ich echt bekloppt …

Dieser Tweet hat bei mir die Assoziation zu folgender Situation hervorgerufen: Ich bringe den Kleinen Sohn in den Kindergarten und bin wegen sagenwirmal eines Termins bei der Erwerbstätigkeit unter Zeitdruck. Natürlich soll der Kleine Sohn sonst seine Schuhe und Jacke alleine ausziehen und sich die Hausschuhe alleine anziehen. Es ist nun aber empirisch sehr überzeugend belegt, dass das dauert.

Vor diesem Hintergrund kann ich @_Sibylle nur zustimmen: Das ist nicht der Zeitpunkt für erzieherische Maßnahmen. Ich finde im Gegenteil wichtig, dass die Kinder mitkriegen, dass es Faktoren gibt, die Einfluss auf das Anwenden von Regeln haben. Ich finde auch wichtig, dass sie mitbekommen, was Pragmatismus ist und dass man ein Ziel im Auge haben sollte und dass es manchmal erforderlich ist, sein Verhalten zur Erreichung dieses Ziels anzupassen statt sich stumpf an Regeln zu halten. Ich bin davon überzeugt, dass es der Einhaltung von Regeln abträglich ist, wenn sie nur der Regel willen eingehalten werden und nicht des Ziels der Aktion wegen. Deswegen ziehe ich dem Kleinen Sohn ständig die Jacke und die Schuhe im Kindergarten aus, obwohl ich genau weiß, dass er das alleine kann. Aber wenn ich weg muss, hat das manchmal Priorität. Das sich selber an- und ausziehen kann man auch in anderen Situationen üben. Finde ich.

*) Ich zitiere hier einen Tweet statt ihn einzubetten, weil @_Sibylle ihre Tweets geschützt hat und nicht jede*r ihn lesen könnte, wenn ich ihn einbettete. Ich hoffe, @_Sibylle sieht von einer Klage ab, obwohl ich hier ihre streng geheime Äußerung veröffentliche. Sind aber in der Regel eh nur so 10 bis 20 Leser*innen :)

In the state of Gutfinden on Rügen

Ich sitze auf dem Balkon eines Ferien-Ressorts in Binz auf Rügen und kann das Meer sehen. Pulle Lübzer ist offen (ich glaub, das trinkt man hier so, schmecklecker…) Eine Zwei-Personen-Band spielt allerschlimmste Schlager und singt leider selbst und die vielen Großeltern, die hier mit ihren Enkel*innen abgestiegen sind, werden ein wenig sentimental, unten in der Tiefgarage haben sie den Mercedes S124 stehen, den sie seit 1986 immer noch fahren (und nicht wie diese Hipster jetzt erst gekauft haben). Die Sonne scheint und es ist warm in Binz. Alles ist gut.

Im Hintergrund sieht man das Meer, das ich vom Balkon aus sehen kann. Es handelt sich dabei um die Ostsee vor Binz auf Rügen.
Im Hintergrund sieht man das Meer, das ich vom Balkon aus sehen kann. Es handelt sich dabei um die Ostsee vor Binz auf Rügen.

Jeden Tag gehe ich die abgezählten 54 Schritte in die Ostsee, die Wetterlage beschert uns eine für Ostseeverhältnisse kräftige Brandung und Sonne und Wind, es ist warm, die Ostsee hat 19ºC und die Kinder und ich rennen immer mal wieder einfach mal schnell da rein. Am Ende der Promenade, die sehr lang ist, gibt es eine Fischräucherei, die samtweiche Buttermakrele verkauft. Wir, also @frau_ratte und ich, mussten sie uns heute mit einer Flasche Stralsunder Pils reintun und beinahe weinen vor Glück. Die Kinder sind so voller Tatendrang, dass sie den ganzen Tag in der Brandung stehen und schreien wollen. <3. Das angenehme daran ist, dass sie heute gegen 20:00 gefragt haben, ob sie jetzt ins Bett dürfen, ich habe das noch nie erlebt. Vorgestern hat Deutschland Brasilien im Halbfinale der WM 2014 mit 7:1 besiegt. Die Spieler der brasilianischen Mannschaft haben geweint, wohl eher nicht vor Glück. Mein Verständnis von Weinen ist ja ein anderes, in der Situation der brasilianischen Spieler hätte ich mich wohl eher totgeärgert, wäre aggressiv geworden oder hätte politische Konsequenzen im DFB, also dem brasilianischen Pendant des DFB, gefordert oder so. Naja, jeder Jeck ist anders. Anyway, ich war ja zum Glück für die deutsche Mannschaft.

Symbolbild "Alles is gut": Matjesbrötchen ist bereits verspeist, im Bier ist noch was drin.
Symbolbild „Alles is gut“: Matjesbrötchen ist bereits verspeist, im Bier ist noch was drin.

Was ich damit sagen will: Alles ist toll these days. Ich bin tiefenenspannt. Fischbrötchen allenthalben, kaltes Bier sowieso, @frau_ratte relaxt, die Kinder können rennen und laut sein, weil die Brandung noch lauter ist, für Polly gibt es Hundestrand am laufenden Meter und wir haben noch dicke Pakete von Tagesprogrammen vor uns, die wir machen können, wenn wir Bock haben. Wenn wir keinen Bock haben, gehen wir eben kurz in die Ostsee oder trinken ein Stralsunder oder Lübzer. Oder essen Matjes. Übringens waren alle, ausnahmslos alle!, Matjes, die ich bisher hier hatte, phantastisch – vielleicht liegt das daran, dass ich max. einmal im Jahr Matjes esse, denn im #Rhineland gibt’s die nicht so. Oder zumindest esse ich die da nicht. Oder ich bin mieses gewöhnt und gebe mich daher mit durchschnittlichem zufrieden. Aber egal. The Matjes tastes right, I feel good und Rügen feels right.

Bei Instagram musste ich kurz mitansehen, wie der Rest der Republik in Regen und Nebel versinkt. Die TL hält Unerfreulichkeiten bereit, wo Piraten Twitterer tracken, die manchen nicht in den Kram passen oder sowas. Das perlt gerade an mir ab, ich lege das Smartphone weg. Ich besitze ja die Gabe des Gutfindens. I’m in a state of Gutfinden on Rügen.

Wie konnte es dazu kommen? Vor ein paar Jahren hätte ich möglicherweise noch alles schlimm gefunden hier. Strandkörbe, alte Faltensäcke die nackig am FKK-Strand laufen, Shice-Schlager im Em-Effing-Fuckfuck-RESSORT! Ressort! Allein Ressort! Touristen-Nepp! Urlaub in Deutschland! Keine existenziellen Erfahrungen, sondern alles nur arrangierte Unterhaltung! Alles gefaked! Wie kann ich mich nur so sauwohl fühlen? Wie kann ich nur die Formulierung „sauwohl“ verwenden?!

Ich sag’s Euch: Es ist nicht die Ferne. Es ist nicht die Musik. Es  sind nicht die Renter*innen in Binz auf der Promenade. Es sind nicht die Schlager. Es ist nicht das Tiefseetauchen im Great Barrier Reef. Es sind nicht die S124 in den Ressort-Tiefgaragen. Es ist nicht mal die saugeile Ostsee oder das saugeile Wetter.

Es ist dieses „all is said and done“ für diese zwei Wochen. Die Erwerbstätigkeit ist ausgesetzt. Sie ist so ausgesetzt, dass uns für zwei Wochen mal alles egal sein kann. Keine Ängste, schon gar keine Existenzängste (hatte ich ja auch wohl schon), keine Abhängigkeiten, Freiheit in den Grenzen dieser zwei Wochen. Als Teenager habe ich über die Zeile Helge Schneiders gelacht: „Freiheit in Grenzen“. Und gleichzeitig habe ich gestaunt über Janis Joplins „Freedom is just another word for nothing left to lose“. Es geht um Organisation. Klingt shice, ist aber gile, denn es enabled mich, Sachen gut zu finden. Und die Rahmenbedingungen sind ausreichend.

Disclaimer: Ich versuche mir im Bewusstsein zu halten, dass ich privilegiert bin. Ich habe eine Familie, die so super ist, dass ich so gern mit ihr in so einem Urlaub bin. Ich bin von Hause aus mit Mitteln und Fähigkeiten ausgestattet, die mir ermöglicht haben, meine Erwerbstätigkeit so zu organisieren, dass sie einerseits gut genug bezahlt ist, dass ich mir das Ganze finanziell leisten kann, die mir andererseits aber auch genug Freiraum lässt, dass ich mein Leben so gestalten kann, wie ich es für gut halte. Ich glaube, dass ich, gerade weil ich diese Privilegien genieße, nahezu verpflichtet bin, das ganze gut zu finden (denn jetzt noch herumzunölen wäre ja ein Affront!). Und ich finde, Ihr solltet von mir Positives zu lesen bekommen, ich möchte Euch teilhaben lassen, denn ich habe ganz ganz viel Positives zu teilen. Mit geht es gerade gut und vielleicht geht es Euch dann ja auch gut oder, wenn es Euch nicht gut geht oder Nebel bei Euch ist, vielleicht kann ich Euch ja ein kleines Lächeln oder einen warmen Gedanken abringen, wenn ich Euch von Buttermakrelen mit Stralsunder Pils erzähle. Ach, bitte, habt ein wenig Freude, ich habe gerade ganz viel davon!

Die Musik beginnt zu wirken

Wenn ich morgens wach werde, geht mein erster Griff zum Smartphone. Gucken, wie spät es ist. Gab’s noch einen Spät-Fav? Hat noch wer was in der Diskussion bei Facebook gepostet? Schnell die ersten Schlagworte des Tages aufnehmen. Oft kommt da gerade der Große Sohn zu uns ins Bett. „Papa, darf ich Tablet spielen“, fragt er und ich sage selbstverständlich „Nein, nur am Wochenende.“ Gemaule. Und now the Beastie Boys are bustin’ in and say: „…that hypocrite smokes two packs a day!“ Ich mache das Smartphone aus.

Von an Larmoyanz grenzender Sentimentalität wurde ich heute morgen erwischt, denn der Kleine Sohn hat heute Geburtstag. Große Geschenke auf dem Frühstückstisch, auspacken, aufbauen! Ohh, Kuchen! Kerzen auspusten, „Ich bin jetzt schon vier!“ Bei den Geburtstagsliedern muss ich immer weggucken, weil mir sonst das Stimmchen wegbricht vor lauter Rührung. Und dann bringen wir die Kinder in den Kindergarten, heute Nachmittag kommen dann die Kindergartenfreundinnen und -freunde zum Feiern, „Jupagangnamstyle Stop-Tanz, Papa!“

Im Büro kommt ein gewisser Herr Cash rein, guckt sich um, sieht mich, kommt auf mich zu und fragt: „Sind Sie das? Der Vater vom Kleinen Sohn, der heute Geburtstag hat?“ Ich bin im Büro, Eiskalter-Entscheider-Mode. Und Herr Cash singt: „When you’re coming home, Dad? – I don’t know when, but we’ll get together then, you know we’ll have a good time then.” Und schnell, ganz schnell halte ich Herrn Cash meinen Wochenplan entgegen und sage mit zitternder Stimme: “Hier! 32 Stunden die Woche, Herr Cash, ich bin jeden zweiten Nachmittag mit den Kindern zu Hause. Und ich räume immer den Spüler aus. Und ich singe Quatschlieder mit ihnen. Und trinke Kaffee aus einer rosa Tasse wegen der Vorbildfunktion und weil Kinder durch Nachahmung… hier… weißt schon.“

Herr Cash dreht sich um und geht. Er singt: „My boy was just like me, he’d grown up just like me” und hebt die Hand im Weggehen. Komischer Typ. Ich wende mich den Spezifikationen für dieses System zu.

Kleiner Bericht vom UB Parteitag der SPD Bonn

Gerade komme ich vom Unterbezirksparteitag der Bonner SPD zurück, die Sonne scheint und Frau und Kinder sind gerade nicht da – schnell verbloggen.

Als nachgerückter Delegierter durfte ich heute alles mit abstimmen und war darüber hinaus Mitglied der Zählkommission, was ja mal voll der Stress ist, aber der Reihe nach:

Es gab Mettbrötchen. Damit wären also die wesentlichen Anforderungen an eine netzaffine Partei erfüllt.
Es gab Mettbrötchen. Damit war die wichtigste Anforderung an eine moderne Partei gleich von Anfang an erfüllt.

Das wichtigste zuerst: Es gab Mettbrötchen mit Zwiebeln!

Im ersten Block hat Ernesto Harder, der Vorsitzende des UB, Bilanz gezogen und die Arbeit der schwarz-grünen Koalition im Bonner Stadtrat ein wenig beleuchtet. Ich selbst bin ja nun lokalpolitisch nur wenig beschlagen, aber folgende Schlaglichter sind bei mir hängen geblieben: Seit Äonen soll ja der Bonner Bahnhofsvorplatz neu gestaltet werden (was im allg. unter dem Begriff „Südüberbauung“ zusammengefasst wird) und es gibt dort einen sogenannten Investor. Nun ist es ja in Bonn so, dass wir seit dem WCCB Debakel eigentlich alle etwas vorsichtig geworden sind, was so Investoren angeht. Vor diesem Hintergrund finde ich die Haltung der Bonner SPD und unseres OB Jürgen Nimptsch ziemlich gut, dass sie von diesem sog. Investor mal einen Liquiditätsnachweis verlangen: Hast du das Geld, was du uns versprichst, denn auch wirklich? So wie es aussieht, hat dieser sog. Investor diesen Nachweis bis heute nicht erbracht. Und noch etwas aus Ernestos Ausführungen zu diesem Thema ist bei mir hängen geblieben: Die schwarz-grüne Koalition hält an diesem sog. Investor fest, obwohl seit anderthalb Jahren gar kein Kontakt mehr zu ihm besteht. Sind die, Entschuldigung, total BESCHEUERT? Oder stimmt das so nicht, was Ernesto uns da erzählt hat? Und stimmt auch nicht, dass die gesamte CDU-Fraktion sich der Abstimmung über den Verkauf des WCCB Hotels einfach entzogen hat? Die größte Fraktion im Bonner Stadtrat macht einfach nicht mit?! Bei diesem sensiblen Thema WCCB? Hacktet?!?! Haben die Angst, dass sie mit ihrem bequemen sich hinter Bärbel Dieckmann als Default-Schuldiger wegducken nicht mehr länger durchkommen, wenn sie sich mal bewegen? Ich finde, wenn die größte Fraktion des Stadtrates sich ihrer Verantwortung derart entzieht, sollte man ihr das Mandat entziehen (das ist eine Aufforderung an Euch, Wähler*innen von Bonn!). Die machen ihren Job nicht. Die dürfen schon allein deswegen nicht größte Fraktion bleiben, finde ich.

Danach kam das ganze Brett an Wahlen. Vorstand, Schiedskommission und allerlei Delegierte für den nächsten Bundesparteitag, den nächsten Landesparteitag, den Landesparteirat und zur Regionalkonferenz. Und ich musste zählen, zählen,  zählenpopählen*).

Zwischenzeitlich hat Andreas Hartl (@rheinwaerts) ein bisschen Werbung für unseren gemütlichen netzpolitischen Verein betrieben und ich habe auch ein paar Aufkleber und Anstecker verteilt, was mich mit einem fröhlichen Gefühl erfüllt. Also Freude. Fröhliche Freude. Zwei fröhliche Freuden.

Habemus Vorstand: Gabi Mayer (stllv. Vors.), Ilse Wolf, Marcel Bengs, Dörte Schall (stllv. Vors.), Thomas Herrmann, Bodo Buhse, Sabrina Lipprandt, Martin Pfafferott, Erika Coché, Jessica Rosenthal, Ernesto Harder (Vors.)
Der neue Vorstand der Bonner SPD (v.l.):
Gabi Mayer (stllv. Vors.), Ilse Wolf, Marcel Bengs, Dörte Schall (stllv. Vors.), Thomas Herrmann, Bodo Buhse, Sabrina Lipprandt, Martin Pfafferott, Erika Coché, Jessica Rosenthal, Ernesto Harder (Vors.)

Am Ende haben jetzt wir eine ganze Reihe neu gewählter Vertreter*innen und ich muss sagen, die Ergebnisse erfüllen mich auch mit Freude. Fröhlicher Freude. Zum einen ist unser Beueler Jung‘ Marcel Bengs (@Erstbescheid) mit bemerkenswert vielen Stimmen in den UB Vorstand gewählt worden, zum anderen finde ich die Zusammensetzung des Vorstands aber auch insgesamt sehr gut. Wir haben mit Carolina Tobo und Yüksel Altiner hervorragende Leute nicht-deutscher Herkunft dabei, geschlechterquotiert ist der Vorstand ja sowieso allerbestens, wir haben mit Ilse Wolf eine 84jährige Rückkehrerin, die die Partei unter Schröder temporär verlassen hatte und sich nun wieder einbringen will, wir haben mit Jessica Rosenthal und Marcel ganz junge Leute dabei. Ich finde, dass dieser Vorstand einen wunderbaren Querschnitt durch alle Bevölkerungsteile darstellt, das soll uns erstmal jemand nachmachen.

Besonders freue ich mich aber auch, dass Andreas, also der @rheinwaerts, als Delegierter für den nächsten Bundesparteitag gewählt wurde, also einer, der nicht nur D64-Mitglied**), sondern auch sonst sehr netzaffin ist. Überhaupt wird die Bonner Delegation mit Ernesto Harder, Katharina Oerder und eben Andreas vergleichsweise jung sein, ich finde, die SPD in der restlichen Republik dürfte das auch ruhig öfter so machen.

Dörte Schall, Kandidatin für die Europawahl am 25. Mai 2014. Geht hin und wählt sie!
Dörte Schall, Kandidatin für die Europawahl am 25. Mai 2014. Geht hin und wählt sie!

Ceterum censeo Ihr solltet Dörte Schall ins Europaparlament wählen. Ich finde sehr angenehm, dass wir mit ihr eine Kandidatin haben, die persönlich exakt die gleichen Erfahrungen macht wie meine kleine Familie und ich, wenn sie Kinder, Beruf und politisches Engagement unter einen Hut bringt.

Anträge haben wir natürlich auch beraten. So wollen wir eine interfraktionelle Resolution „Bonn bleibt bunt“ auf den Weg bringen, in der alle demokratischen Bonner Parteien ein klares Signal gegen Rassismus setzen. Wir haben Anträge zum Tendenzbetrieb Kirche, zu Auskunftsrechten von Verbrauchern bei Auskunfteien (z. B. der Schufa), zu TTIP und zum Kinderschutz beraten. Also die anderen haben beraten, ich war da leider gerade mit zählen beschäftigt und habe die Diskussionen daher nicht ganz mitbekommen, aber Ihr könnt Marcel und Andreas dazu befragen, sie haben alles genau verfolgt.

*) Also Wahlzettel austeilen (dabei immer vom  Präsidium angeherrscht werden: „Hier vorne fehlen noch Zettel!!“), dann alles wieder einsammeln (und auch dafür kluge Tipps per Saalbeschallungsanlage vom Präsidium erhalten) und dann alles auszählen und dreimal kontrollieren und am Ende die Quotierung prüfen und überhaupt: Ständig diese Listenwahlen, hehehe… Nee, im Ernst: Cool, wie professionell die erfahrenen Zähler*innen sowas abwickeln und wie selbstverständlich man dabei lernt, wie so eine Auszählung am schnellsten durchgeführt wird und welche Qualitätssicherungsmaßnahmen dabei am effektivsten greifen. 150 Jahre tradierte Erfahrung, ich finde cool, wie das wie eine geölte Maschinerie läuft und ich dabei mitmachen kann.

**) Hier könnt Ihr auch Mitglied werden: http://d-64.org/mitglied-werden/

Wenn sie uns zusammen lassen

Bin heute in einem seltsamen Gemütszustand. Erstmal geht mir wieder und wieder die Bio von @horax durch den Kopf: „Die Welt ist veränderbar!“ Dafür gilt es @horax eigentlich täglich zu danken, denn ständig geht mir dieser Satz durch den Kopf und jedes Mal gibt er mir Hoffnung und Zuversicht.

Symbolbild "Welt verändern": Wer braucht schon GettyImages mit komischen Bedingungen, wenn ich derart sprechendes Material auf meinem eigenen Küchentisch erstellen kann? Ha!
Symbolbild „Welt verändern“: Wer braucht schon GettyImages mit komischen Bedingungen, wenn ich derart sprechendes Material auf meinem eigenen Küchentisch erstellen kann? Ha!

Bei Zeit Online hat heute einer was über die Zukunft geschrieben, was über Programmcodes und die Verantwortung des Programmierers. Sofort schießt mir der Begriff Algorithmenethik durch den Kopf, den ich zuerst von @holadiho gehört habe (der aber bestimmt auch von ganz vielen anderen schon gedacht und entwickelt wurde) und ich habe das vorurteilsbehaftete Bild vor Augen, wie ein anämischer, soziopathischer Nerd in einem fensterlosen Keller genialische Codes entwickelt, die die Welt beherrschen, und dabei manisch vor sich hin kichert. Oha, denke ich, wo kriegen wir denn Softwareentwickler*innen her, die nicht nur soziale Kompetenzen besitzen, sondern diese auch noch in ihre Produkte einfließen lassen? Das geht natürlich nur, wenn die Projektbetreiber das aktiv einfordern…

Aber da habe ich nicht weiter gedacht, denn es ist Samstag und die Sonne scheint, es ist Weltfrauentag, da will ich nichts denken, was so nah an meiner Erwerbstätigkeit ist.

Ich mache also mal die Facebookseite auf, „Ah“, denke ich, „meine Schwester @Aetideopsis hat ja was kommentiert!“ Ich hatte die Pressemitteilung „Mehr Frauen für IT begeistern“ von Brigitte Zypries geteilt (die @nico mir reingespült hatte), und meine Schwester sagt dazu:

„Ich wuerde sagen: IT in die Grundschulen zu Jungs & Maedels, wie in Indien & Pakistan schon seit Jahren. Aber nee, digital ist nicht aus Holz also evil.“

Und ich denke: „Jööh!“ und ich denke, dass @nico mit seiner Forderung recht hat, Programmieren als Schulfach einzuführen. Und ich denke, dass das alles irgendwie Aspekte sind, die wir auf unserem re:pulica-Panel*) ansprechen könnten, denn da werden wir über Schule und Digitales sprechen und ich freue mich wie blöd darauf. Vielleicht kann meine Schwester ja auch kommen? Ich würde gern mit ihr öfter mal über so Dinge sprechen und da bin ich plötzlich wieder beim Weltfrauentag, denn meine Schwester beißt sich seit Jahren durch den wissenschaftlichen Betrieb und bringt das mit ihrem Familienleben in Einklang und kann viele Dinge berichten und dann denke ich, sie sollte vielleicht auch bei D64 mitmachen, damit ich mit ihr und @frau_ratte mal eine Veranstaltung machen kann, aber das hätte dann ja weniger mit digitaler Technologie zu tun als mit dem Verhältnis Erwerbstätigkeit – Familie, was aber wieder was zum Thema Zukunft der Arbeit wäre, was dann doch bei D64 immer wieder heiß diskutiert wird.

Und dann habe ich Facebook wieder zugemacht und den Rechner zugeklappt, weil die Kinder was essen wollten und da kam @ion_tichy rein und wir haben kurz mal darüber gesprochen, ob ein Smartphone-Verbot an der Grundschule was Gutes oder des Teufels ist und wir haben versucht, es auszudifferenzieren und ich habe meine Vorurteile gegenüber dem Schulbetrieb ins Feld geführt und dann nicht gewusst, ob sie stimmen und dann hab ich gedacht, dass ich im Zweifel immer lieber machen möchte als nicht machen möchte und dann habe ich gedacht, dass ich auch mit @ion_tichy mal eine Veranstaltung machen möchte oder zumindest mal mit ihm und den vielen anderen mit Bier und vielem Essen und Schnaps erst debattieren, dann rumschreien und am Ende besoffen singen möchte. Und da fällt mir ein: Wie ist das, @wasalski, steht da nicht noch so’n Termin aus?

Wie dem auch sei, ich hab gerade mal wieder voll Bock, die Welt zu verändern mit diesen tollen Leuten, die es da überall so gibt, und ich sage hier jetzt endlich mal danke, lieber @horax, für Deine Bio! Wir**) sind super, wir schaffen das mit dieser Welt!

 

*) Hurra, wir dürfen mitmachen! Leider ist unser Panel von den re:publica Macher*innen noch nicht veröffentlicht, daher kann ich es hier derzeit noch nicht verlinken. 

**) wir, also diese ganzen Meinungsstarken und die Leiseren, die Nachdenklichen und die Schnellschießenden, die Fröhlichen und die Skeptischen, wir hier, die man uns zusammen kommen lässt, in diesem Internetz! Yeah!

Lob

Ich habe an diesem heutigen Follow-Freitag erneut empfohlen, @haetscher zu folgen. Und ich möchte das kurz begründen: Er ist ein derart freundlicher Mensch, Sozi with an attitude, dabei nie verbittert oder resigniert, er hat mir bereits auf drei Parteitagen allerbeste Sicht auf’s Podium und Internet verschafft und war dabei immer so – ich wiederhole mich! – freundlich. Ein Papa von – ich glaub inzwischen oder bald – drei Kindern, der aber nie herumstöhnt, wie anstrengend alles ist, sondern mir im Gegenteil noch erzählt, wie er am Abend vor dem Parteitag in Leipzig bis 5 Uhr morgens auf einem Konzert war. Und sieht dabei aus, als wäre nichts gewesen.

Immer wenn ich wieder drauf und dran bin, an meiner Partei zu verzweifeln, kommt dieser feine Mensch mit einem kleinen Tweet dazwischen und dann glaube ich wieder daran, dass wir eines Tages die VDS doch noch ablehnen werden. Er muss aus Sicht des politischen Gegners als gefährlicher Mann angesehen werden, denn so welche wie er halten die Guten bei uns. Also folgt ihm und tut alles, was er sagt.

Wo steht mir der Kopf?

Meine Güte, hier ist was los die letzten Tage! Ständig Parteitermine mit Vorstandssitzung, Jahreshauptversammlung und Klausurtagung, dazwischen zum Neujahrsempfang der Beueler CDU mal gucken gehen, kaum ist das erledigt, bin ich schon wieder dran mit D64-Ticker schreiben und Polly muss auch noch in die Hundeschule. Auf der Arbeit ein neues Projekt begonnen und für die #rp14 habe ich mit @holadiho vielleicht auch noch was vor. Der große Sohn hat sein erstes Fußballturnier und er und sein Team werden auf Anhieb vierte (von acht), aber da müssen sie schon zu Oma und Opa gebracht werden. Ja, und dann beie Ironblogger geslackt, ey!

Moment, ich geh grade mal mit Polly raus…