Frankreich 2016

Wie komisch ist es, dieses Jahr 2016, Terror überall, Promis, die meine Kindheit bestimmt haben, sterben wie die Fliegen (und sind nicht besonders alt geworden).

Die Frau, die Kinder und ich schnallen uns an und fahren los, in den Urlaub, nach Südfrankreich. An der deutsch-französischen Grenze stehen so rund 20 Männer in Tarnfleck und mit automatischen Waffen umgebunden. Wir müssen nicht anhalten, Schengen is still a fact, aber der Kleine Sohn fragt, warum die diese Waffen tragen. Wir versuchen zu erklären und bereits da fällt mir auf, wie falsch es ist, Männer in Tarnfleck und mit automatischen Waffen an Grenzen aufzustellen. Der Große Sohn fragt: „Aber wenn die die Terroristen aufhalten sollen, woher wissen die, dass das Terroristen sind? Warum haben sie uns nicht aufgehalten, woher wussten die, dass wir keine Terroristen sind?“ Die Frau sagt, sie würde sich für die Aufgabenbeschreibung interessieren, die diese Männer in  Tarnfleck und mit automatischen Waffen morgens mitgegeben bekommen. Ich liebe meine Familie, denn sie stellt Fragen, die gut sind.

In Belfort machen wir unseren ersten Halt auf unserem Weg nach Süden. Es regnet, wir zelten. Für 12 Euro darf ich das WLAN des Campingplatzes benutzen, eine kleine wärmende Fackel im Regen, wenn ich einige Häppchen aus der TL nachlesen kann. Die Nacht ist sehr sehr nass. Das Zelt hält aber, am nächsten Morgen packen wir es triefend in seine Tasche und fahren weiter. Auf der A39 schüttet es derart, dass die Frau am Steuer nicht schneller als 80 fahren kann. Noch rund 200km bis zu unserem nächsten Zwischenstopp – und ich halte es für unmöglich, dass es dort, in gerade einmal 200km Entfernung – nicht auch gießt wie aus Kübeln.

200km weiter hat es 28°C, überall stehen Warnhinweise, dass erhöhte Waldbrandgefahr besteht. Wir bauen unser Zelt abermals auf, die Ausläufer des Mistral der französischen Südküste trocknen unser Zelt, das wir tropfnass eingepackt hatten, in Sekunden. Windig ist es, aber warm und sehr trocken. Wir trinken Bier, die Kinder schlafen, der Urlaub fängt an. Als die Frau schlafen gegangen ist, gehe ich noch einmal runter zur Campingplatz-Bar und schaue mir das dort laufende Karaoke an. Niemand kann einen Text, das Rhythmusgefühl der Darbietenden erinnert mich an den alten Opel Corsa meiner Schwester, der nur noch auf drei Zylindern lief. Ich bin versöhnt.

Am nächsten Tag fahren wir weiter, wir wollen Narbonne Plage innerhalb von zwei Stunden erreichen. Stau auf der Route de Soleil, wie erwartet, aber wozu haben wir Google Maps auf unseren allwissenden Devices? Mit traumwandlerischer Sicherheit winkt Google uns raus und sagt, wir sollen weit vor Béziers die Autobahn verlassen und über Land fahren, Ersparnis von gut einer Stunde wegen des Staus auf der A9.

Dann der Horror: Datenabriss! O2-Deutschland meldet per SMS, dass mein Datenvolumen aufgebraucht sei und dass ich mit 0,00002 Millibit pro Stunde selbstverständlich kostenlos weitersurfen dürfe. Das Google-Phone schlingert, weil es nur noch GPS Daten auf die bereits heruntergeladene Route anwenden kann. Ich spreche lautlos ein Gebet, für das ich in den USA wahrscheinlich ohne Prozess nach Guantanamo verschleppt worden wäre. Weniger lautlos fluche ich über die Shice-Technik, was mir einen mittelschweren Streit mit der Frau einbringt.

Am Ende fahren wir über die Hinterstraßen von St. Pierre nach Narbonne Plage ein, vorbei an einem Etang, der ausgetrocknet ist und der den Kleinen Sohn für kurze Zeit in die Bedrängnis bringt, dass das ganze Mittelmeer ausgetrocknet sein könnte und dass er deswegen vielleicht NIE MEHR im Meer wird baden können. Ich liebe meinen Kleinen Sohn dafür, dass er nur den wichtigen Ängsten Bedeutung beimisst und der Frau geht es genauso.

In Nabonne Plage hat es 32°C, der wilde Mistral tobt mit Böen von bis zu 80 km/h, ein herrliches Klima, die Haare gezaust, die Füße nackt, wenn auch bisher ungebräunt. Die allerbeste Frau der Welt geht uns bei Fütterer einbuchen, während ich mit den Kindern an einem städtischen Wasserspiel stehe. In einer Reihe von sagen wir mal 25 Metern kommen 10 kleine Wasserfontänen senkrecht aus dem Boden (also einem Gitter). Die Fontänen sind zu Anfang 35cm hoch, dann variieren sie, manchmal steigen sie bis zu sagen wir 1,20 m hoch für jeweils sechs Sekunden oder so. Die Kinder sind zunächst verhalten, verschämt darf eine Sandale benetzt werden. Sie laufen über die Fontänen, der Kleine Sohn wird an der Wade etwas nass. Eine Freude! Er guckt mich an, ich sage: Eine Freude! Alle Dämme brechen, am Ende rennen sie beide einfach durch das Wasser, „unser Lieblingsbrunnen!“, rufen sie, und das rufen sie nicht nur Tage später noch, ich vermute, sie werden das für den Rest ihres Lebens rufen. Es saßen dort andere Eltern mit Kindern und die Kinder guckten trocken und verdutzt und desgleichen ihre Eltern. Ein bisschen stolz bin ich auf mich, dass ich in diesem Moment die Lässigkeit meiner eigenen Eltern an meine Kinder weitergeben konnte.

Seit wir hier sind, in Narbonne Plage im August 2016, ist die Lufttemperatur nicht unter 20°C gefallen, auch nicht nachts. Am Tage haben wir bei 25,5°C gewitzelt, dass wir uns doch besser eine Jacke mitgenommen hätten. Wir trinken jeden Abend Pastis und Rotwein aus der Umgebung (La Clape und Corbières). Ich habe an einer französischen Fleischtheke Rumpsteak gekauft, was meinen gesamten französischen Wortschatz gefordert hat. Ich möchte eigentlich nur noch bei französischen Metzgern Fleisch kaufen. Wie leicht das Leben sein kann, gutes Essen, Sonne, guter Wein für wenig Geld aus der nächsten Umgebung.

Wir haben die Festung von Salles besucht, eine Burg aus dem 14./15. Jahrhundert. Dort angekommen sah ich eine Infotafel, die mehrsprachig und mit Piktogrammen erklärt, wie man/frau sich im Falle eines terroristischen Anschlags zu verhalten hat. Ducken, hinter den jahrhundertealten Mauern Schutz suchen. Die Hände über den Kopf halten. Ich habe die Kinder nicht darauf hingewiesen.

Wir haben hier aufgrund mangelnder Vorbereitung nur punktuell Zugang zum Internet und wir zahlen uns dumm und dusselig dafür. Es ist kaum auzuhalten, in einem europäischen Land nicht by default online sein zu können. Ich merke, wie anstrengend das heute ist: TL laden, 200 Tweets, mobile Daten ausschalten, um das stark limitierte Volumen zu schonen. In diesem 200 Tweets einen lustigen sehen, mobile Daten an, Reply schicken, mobile Daten aus, weiterlesen. Einen Tweet sehen, der etwas bedeutsames zu einem Bild sagt, Bild ist nicht da, mobile Daten an, Bild ansehen und Tweet verstehen, mobile Daten aus. SMS von O2, dass dennoch alles aufgebraucht ist.

Gehe mit der Frau in Narbonne in die Stadt, um bei der französichen Telekom namens Orange eine SIM-Karte zu erwerben, damit wir ein bisschen arbeiten können, denn wir sind ja Gründer*innen und ein bisschen Arbeit muss man immer machen, auch im Urlaub. Wir wollen ein Bild nach Berlin schicken, damit wir mit trackle auf der IFA gut aussehen. Bild hat 450 MB, zweimal blöd daneben geguckt, Datenvolumen um, 14,95 € verbraten. Ach!

Am Ende sind wir für viel viel Geld online. Ich rufe die TL ab. Der Innenminister hat sich vom kleinen Koalitionspartner die widerwärtigsten Ideen gerade noch ausreden lassen, aber schließlich lese ich für teures Geld viel Shice über die CDU. Immerhin, Hillary scheint ihren Vorsprung gegenüber Trump gerade weit auszubauen. Dann muss ich die Datenverbindung wieder schließen, aus Kostengründen.

Die Frau leidet sehr darunter, dass wir ständig offline sein müssen, aber ich ebenso. Als wir bei Orange eine Prepaid-SIM kaufen, muss die Frau ihre Personalien hinterlassen und ich witzele nur so halb, dass sie deswegen jetzt wohl auf der Terrorfahndungsliste steht und ihre Konten deswegen wahrscheinlich gescannt werden. Sie lacht nur halbherzig darüber.

Es ist warm. Ich sitze und schreibe frei und unzensiert mit einer Flasche, die den Namen Château Capitoul – La Clape – Languedoc trägt. Es kann so einfach sein in Frankreich, in Europa. Und doch dringen immer wieder diese Dinge ein, und die Einschläge kommen näher: Wird mein Kleiner Sohn seinen zehnten Geburtstag in einer anderen Welt feiern? Wird mein Großer Sohn in eine Armee eingezogen werden? Bleiben die Frau und ich eine der wenigen Generationen der Menschheit, die nie in einen Krieg ziehen mussten? Kann ich etwas tun? Etwas ausrichten? Ist es genug, in Zeiten der Eiferer den Kindern zu sagen, bleibt easy? Werden die Kinder easy bleiben? Gerade mich als Jungsmutter treibt das um.

Wenn ich einen oder zwei Wünsche frei hätte, ich wünschte mir dieses: Die einfachen Antworten wären nicht dumm, sondern schlau. Und nicht das besser sein als der Andere wäre die Auszeichnung, sondern das gemeinsam mit dem Anderen Erreichte.

Was mich so fertig macht ist, dass die Weltformel so einfach ist.

Deutschlandreise mit Internet

Am 14. November fing sie an, meine Deutschlandreise mit Internet. Alle Hotels, alle Reiseverbindungen alle Vorabverabredungen online gebucht, die Bahntickets auf Papier ausgedruckt, denn Zugbegleiter*innen sind die einzigen Menschen, die QR-Codes scannen, und das exzessiv. Ausserdem brauche ich auf dem Bahnsteig alle zehn Sekunden die Rückversicherung, in welchem Wagen ich nochmal sitze und auf welchem Platz. Wagen 12, Platz 29. Zwölfneunundzwanzig, zwölfneunundzwanzig. Wann kommt der Zug? Nochmal nachgucken, ah, 8:29. Achtuhrneunundzwanzig. Gleis zwei, war doch richtig, oder? Zwei, Gleis zwei. Welcher Wagen nochmal? Dafür brauche ich das Papier in diesen digitalen Zeiten.

Als der Zug kommt, steige ich ein und setze mich. Handy im Anschlag. Die Jammerplaylist bei Spotify sicherheitshalber offline verfügbar gemacht, denn das mit dem Internet im Zug, das weiß man ja, ist immer so eine Sache. Es gibt einen Hotspot von T-Online, kostet fünf Tacken, soll ich? Ach komm, ist eine lange Fahrt von Bonn nach Berlin, das Abenteuer wartet, soll heute mal nicht drauf ankommen, raus mit der Kohle, rein mit der Welt in mein Handy und damit in meinen Kopf. Middelhoff und Manuela Schwesig sind am diesem Tag die Themen, der BVB grüßt in die TL und wird aus Brasilien, Saudi Arabien, und Malaysia zurückgegrüßt, und überhaupt aus der ganzen Welt. Ich lese was über die miese Lage der Twitteraktie und haue einen schnellen Tweet raus, der mir eigentlich immer noch gefällt. Die Jammerplaylist kommt bei den White Stripes an und geht über zu Jimi Hendrix:

Als ich in Berlin ankomme, bin ich mit @Rheinwaerts lose verabredet. Erstmal ins Hotel, die Sachen abwerfen, dann eine Message an ihn. In der Zwischenzeit Frage von @horax, ob wir vor der D64-Mitgliederversammlung schon mal ein Bier in der Tschechischen Bierbar im KaDeWe nehmen sollen. Ich sage hocherfreut zu. Ich warte noch ein wenig, ob @Rheinwaerts sich noch mal meldet, aber er hat an diesem Tag im Ministerium zu tun, also einen schnellen Burger in irgendeinem Laden gegen den Hunger. Ist nur so mittel, der Burger, macht aber nichts. Ich befrage Allryder, wie ich am besten zum KaDeWe komme und baldowere eine Route aus.

Im KaDeWe bin ich zu früh, also schlendere ich durch die Luxusabteilungen, mir ist etwas zu warm mit Jacke, Hoodie und T-Shirt drunter. Ich sehe ganz tolle Ittala-Sachen und überlege, ob ich was davon kaufen soll und in völliger Umnachtung und unter dem Einfluss des abwegigen Gedankens, dass ich sicher noch mal wieder her komme in den nächsten Tagen, kaufe ich nichts. Im sechsten Stock muss ich leider alle Gänge vollsabbern, weil es dort alle meine primären Dingse angesprochen werden: Wurst! Fisch! Bier! Porco Iberico! Whisky! Wein! Ich checke, wo genau hier jetzt die Tschechische Bierbar ist und gucke, ob @horax vielleicht auch schon früher da ist. Ein Taptalk von ihm erreicht mich in diesem Moment, es zeigt ein Foto vom KaDeWe von draußen – er ist also gleich da.

Wir bestellen Biere, er Budvar, ich Pilsener Urquell, und reden gleich mal los. Über die Post, die uns ja beide gewissermaßen ernährt und über das Tragen von Anzügen mit Krawatten. Wir sprechen über das Fressen von sauguten Dingen und beweinen, wie @frau_ratte als Vegetarierin mit dem Bio-Grünkohl, den ich unzubereitet zu Hause hatte zurücklassen müssen, umgesprungen ist („Kein Schweineschmalz! Keine Bregenwürste, nicht mal Mettenden! Ach, Bruder im Leid, lass uns trinken!“).

Wir brechen auf zur Mitgliederversammlung von D64. Dort gibt es noch einmal etwas zu essen und die Kollegin von der FES (wo das ganze stattfindet) stellt Flaschenbiere hin. Ich nehme pflichtbewusst erstmal ein Wasser. Alle sind pünktlich, als @EskenSaskia den Raum betritt, brandet etwas Jubel auf ob der zwei Millionen Euro, die sie im Bundeshaushalt für OER verankern konnte@Nico fasst dann schnell die Errungenschaften von 2013 zusammen. Vor meinem inneren Auge steigen die Bilder der Superklausurtagung 2013 auf und ich denke: Wir machen uns. Wir sind mehr. Wir haben mehr Frauen dabei. Unsere Geschlechterquote ist aber immer noch völlig in Missbalance. @valentinakerst bezeichnet @horax und mich, wie wir da so sitzen, ganz hinten am Ende des Tisches, als „Alterspräsidenten“, weil wir es uns ein wenig zu bequem gemacht haben, @Rheinwaerts kommt direkt aus dem Ministerium dazu und trägt noch eine Krawatte. @Nico verliest die Kandidat*innen für den neuen Vorstand und @holadiho schickt uns via Twitter die Aufforderung, ihm eine Flasche Bier durchzureichen. Am Ende ist @kettenritzel_cc froh, dass er den Job des Kassierers an @lutzmache losgeworden ist und ich meine, ich hätte einen verhaltenen Besenrührtanz von ihm gesehen – aber ich kann mich auch täuschen. Nach einer kleinen Anpassung der Beitragsordnung von D64  und der Wahl unseres neuen Vorstands gehen wir rüber in eine Tacobar, um wegen des großen Hungers etwas zu essen und ein paar Biere zu trinken. Wir lernen uns da alle besser kennen, es herrscht eine angenehme Stimmung. Wir sprechen da schon über digitale Themen, über Bildung, über Smartwatches und dürfen alle mal die coolen Dinger von @lutzmache und @domlen (oder war’s die Uhr von @schoemi?!) anlegen. Mit @Rheinwaerts bin ich mir einig, dass man nicht für das bis heute nicht enteignete Schmierblatt schreiben darf und wir finden, dass wir vielleicht besser Kontakt zum WDR knüpfen sollten, damit dieser in Kooperation mit D64 sowas wie den 7. Sinn digital dreht und abends vor der Tagesschau bundesweit ausstrahlt. Und wir fragen uns, ob es eigentlich so netzpolitische Vereine auch anderswo in Europa gibt oder nur in Deutschland und ob wir uns nicht mit denen mal zusammentun könnten. Ich mache Bekanntschaft mit @EskenSaskia und wir beide freuen uns, dass wir uns mal in Echt treffen und ich fühle mich ein wenig gebauchpinselt, dass sie mich aus der TL kennt. Sie sagt mir, dass sie gern, wenn es dazu käme, in einer Arbeitsgruppe „Bildung“ mitmachen würde.

Später, als die Runde sich auflöst, fahren @Rheinwaerts und ich mit dem Taxi in unser Hotel und klemmen uns auf einen Scheidebecher nochmal an die Hotelbar. Da wird’s bei mir nun zugegebenermaßen etwas nebulös mit der Erinnerung, aber ganz fest habe ich mir gemerkt, dass wir uns für den nächsten Morgen um 9:30 in der Lobby verabredet haben, um pünktlich um 10:00 Uhr bei der Superklausurtagung da zu sein.

Pünktlich um 10:00 Uhr sind wir da. Organisiert hat das ganze @kettenritzel_cc, der auch seine beiden Kinder dabei hat und ich denke: Wie schön! Hier sind nicht nur so bekloppte Digital-Nerds, sondern so bekloppte Digitial-Nerds mit Kindern. Die Superklausurtagung beginnt und ich sitze neben @leonidobusch, den ich sowieso schon immer völlig super fand, der mir aber auch ständig Freundlichkeiten entgegenbringt, die mich jeden seiner Beiträge im Netz mit allen mir zur Verfügung stehenden Accounts retweeten lässt.

Wir reden über das Verhältnis von D64 zur SPD. Bei der Frage, wer denn zusätzlich noch SPD-Mitglied ist, zeigen fast alle auf. Wir reden darüber, dass wir aber keinesfalls als SPD-Gliederung verstanden werden wollen. Wir wollen aber durchaus, dass wir als Verein wahrgenommen werden, der sozialdemokratische Werte vertritt. Wir wollen klar haben, dass wir finanziell und organisatorisch völlig unabhängig sind, sowohl von der SPD als auch von irgendwelchen Wirtschaftsunternehmen. Unser neues Vorstandsmitglied @ReichelS haut mal schnell den Spruch raus, dass es viel mehr so ist, dass die SPD den politischen Arm von D64 darstellt. Heiterkeit im Plenum. Aber wir stellen fest, dass es schon ganz gut und richtig ist, dass wir eine gesunde Distanz zur SPD haben und uns immer rausnehmen werden, diese zu kritisieren, wenn das nötig ist (genauso wie ich mir rausnehme, diese zu loben, wenn das nötig ist).

Wir bilden Gruppen, um Themen zu bearbeiten. @kettenritzel_cc gerät ob seiner Kinder, die so langsam etwas gelangweilt sind und sich selbst Beschäftigung suchen, ein wenig ins Schwitzen. Ich bin ganz hingerissen davon, dass sich niemand (ausser @kettenritzel_cc) davon aus der Ruhe bringen lässt und denke: Heja D64, mein Verein! Wir reden über interne organisatorische Dinge, Mitgliederbetreuung, Neumitgliedergewinnung und sowas und ruckedizuckedi ist Mittagspause. Wir gehen zu McDonald’s am Checkpoint Charlie und ich denke bei dem großen Touristenaufkommen dort, wie geil das ist, dass hier heute ein Mäckes ist und dieser Checkpoint nur noch eine Touristenattraktion. @Nico fragt mich ironisch, ob ich mich nicht mit diesen Grenzerstatisten fotografieren lassen will und kurz bin ich versucht, das wirklich zu tun, um @frau_ratte und den Kindern zu Hause ein schönes Taptalk schicken zu können. Aber dann ist mir das ein wenig zu unhip und das hätte auch nicht zu dem supercoolen Tonfall, den ich in dem Moment angeschlagen hatte, gepasst.

Nach dem Mittagessen teilen wir uns abermals in Arbeitsgruppen auf, ich begebe mich in die Gruppe „Bildung“, die ich selbst (neben anderen) vorgeschlagen habe. Wir machen ein Brainstorming. Wir finden ganz viele Aspekte und Themen und was alles so falsch läuft. Und @leonidobusch dängelängt und von den ausgetretenen Pfaden und ich denke daran, dass @EskenSaskia gerne in einer festen Arbeitsgruppe „Bildung“ mitmachen will. Am Ende haben wir vier wesentliche Blöcke da stehen, die wir in den nächsten Wochen und Monaten ausarbeiten wollen. Ich sage in der Gruppe, dass ich gern hätte, wenn wir uns noch heute als Arbeitsgruppe offiziell konstituieren.

Wir kommen wieder alle zusammen und jede Gruppe berichtet, was sie so erarbeitet hat. Ich präsentiere uns. Ich lege Wert darauf, dass wir neben den vielen Aspekten und besprochenen Diskussionsfeldern uns vor allem auch darauf geeinigt haben, dass wir uns mit persönlicher Unterschrift darauf committen, eine echte und institutionalisierte AG Bildung zu gründen. Ich schlage mich als Leiter vor und ich habe den Eindruck, dass alle ganz froh sind, dass ich das tue. Nicht, weil ich so ein Superbildungchecker wäre, sondern nur weil sich überhaupt jemand dazu bereit erklärt, sich den Hut aufzusetzen (um mal etwas Beraterdeutsch einfließen zu lassen). @valentinakerst notiert: Leiter D64 Bildung: Maxim Loick. Ich bin froh und freue mich seit dieser Sekunde darüber, bis heute! Ich kabelte die Neuigkeit gleich nach Bonn an @frau_ratte und per E-Mail bat ich Kommunardin @katharinchen um Unterstützung in ihrer Funktion als Lehrerin. Sie sagte mir alles in ihrer Macht stehende zu.

Um 18:00 Uhr war die Superklausurtagung zu Ende. Ich hatte mich vorher per DM mit @kommandomutti und @moellus verabredet, denn ich wollte den beiden und ihren Kindern ganz dringend meine Aufwartung machen. Sie empfingen mich auf’s allerherzlichste und wir schmierten uns zum Abendbrot herrliche Stullen mit Salami und @moellus riet seinem Sohn, er solle viel davon essen, so gute Wurst gäbe es nur bei Westbesuch. Ich durfte mit @moellus sein erstes Bier seit seinem Unfall trinken und danach mit ihnen allen zusammen Schlag den Raab gucken. Mit @kommandomutti geriet ich gleich wieder ins Politische über Kinderbetreuungsplätze und das Selbstverständnis von Westfrauen als gute Mutter. Im Nachhinein dachte ich, das war vielleicht etwas blöd, denn immerhin hatte @moellus einen ziemlich schweren Unfall gehabt und ich frage nicht nach seinem Wohlbefinden, sondern nach sowas. Mir war aber durch den Kopf gegangen, dass die beiden vielleicht gar keine Lust haben, immer nur über den Unfall zu reden, der ja im Moment, so meine Annahme, auch so schon ziemlich viel Platz in ihrem Leben einnimmt. Darum laberte ich irgendwas politisches und irgendwas anderes daher, ich hoffe, dass die beiden mir das nachsehen. Ich würde sowas gern richtig machen, aber weiß nicht so genau, was da richtig ist. Jedenfalls gehören @moellus und @kommandomutti seit Anbeginn meiner Twitterzeit zu meiner liebsten Twitteria und obschon ich sie eigentlich nur aus der TL kenne sind sie irgendwie ganz wichtig für mich geworden und ich habe viele Sprachelemente von ihnen in meinen aktiven Wortschatz übernommen. Ich möchte gerne für sie da sein, aber ich kann trotzdem nur das Internet für sie sein, aber das zumindest soll warm und gut sein.

Am Ende dieses Tages saß ich wieder mit @Rheinwaerts in der Hotelbar und wir ließen den Tag Revue passieren, während einer der Klitschkos einen anderen Boxer vertrimmt hat. Es wurde sehr spät und am Sonntag morgen ging es mir nicht sehr gut.

Ich hatte, na klar, viel zu viel Alkohol getrunken, aber auch seit Tagen nicht an zu Hause gedacht. Ich hatte @frau_ratte mit den Kindern zurückgelassen, mich wichtig gemacht und nur an mich gedacht, viel zu viel Alkohol getrunken und keine Vorstellung davon, wie es wohl zu Hause ausgesehen haben mag. Ich kam mir ein wenig selbstsüchtig vor und hoffte, dass ich wenigstens genug zu erzählen haben würde, wenn ich nach Hause kam. Aber es lag ja noch die Freiburg-Reise vor mir und dieser idle Sonntag in Berlin war ein Luxus, den ich mir einfach herausgenommen hatte. Hätte ich vielleicht doch zwischendurch zurück nach Bonn fahren sollen? Ich zögerte den Anruf nach Hause ein wenig hinaus, ich wollte, dass meine Stimme wenigstens ein bisschen normal klänge, aber es war nicht viel zu machen. @frau_ratte hörte wahrscheinlich gleich, wie mein Abend zuvor geendet war, aber sie gab sich Mühe, sich das nicht anmerken zu lassen, was ich aber gleich wieder merkte und allein dafür hätte ich zurück nach Bonn fahren wollen. Dieser Sonntag, der so vertan war, machte mir zu schaffen. Ich hatte keine Lust auf Brandenburger Tor und Berliner Postkarten-Sehenswürdigkeiten und ich hatte einen Kater.

Zum Glück gibt’s @klappstulli und ihre aus 100% großartigen Menschen zusammengesetzte Familie, @horax hatte mir schon am Freitag berichtet, um was für eine tolle Person es sich bei @klappstulli handelt. So schrieb ich sie per DM an und tatsächlich konnte ich sie und ihre Familie besuchen. Und wie wunderbar wurde ich empfangen, mit Tee und Keksen, und ich versprach gleich beim Betreten ihrer Wohnung, mich nicht in Politik zu verlieren. Die Kinder spielten und wir tranken Tee und ich durfte dem kleinsten Kind immer die selbstgebackenen Kekse reichen. Wir tauschten unsere TL-Bekanntschaften aus und dann redeten wir doch ein wenig über Politik und machten Pläne für Twitteria-Treffen im Rheinland und in Berlin und an jährlich wechselnden Orten. @klappstulli machte uns, also den Kommunarden in Bonn, Komplimente über die KommuneZwoNull und ich erfuhr, dass @moellus sie zum Twittern gebracht hatte und die Namen ihrer Kinder. Wir redeten über @rudelbildung  und ihr Blog und am Ende fuhr ich mit geweitetem Herzen ins Hotel zurück.

Dort angekommen musste ich mich mal langsam auf meinen Termin in Freiburg vorbereiten. Ich sollte dort auf einem Podium zum Thema „Digitale Realitäten an unseren Schulen“ diskutieren. Der Moderator hatte mich vorher per E-Mail kontaktiert und um ein paar Positionen gebeten. Ich hatte ihm ein paar Zeilen geschrieben und versprochen, ihn später noch mal anzurufen. Im Hotel angelangt, tat ich das nun und sprach fast eine Stunde mit ihm. Er fragte mich Dinge und ich antwortete ausschweifend. Dass ich die angstgetriebene Diskussion in der Schule-Digital-Debatte für schädlich halte. Dass ich der Meinung bin, dass das Internet wegen seiner großen Errungenschaften wie Kollaboration, Kopieren und Verändern und Empowerment so erfolgreich geworden ist. Dass die Gefahren nicht zu leugnen seien, aber dass sie einen erheblich zu großen Anteil im Diskurs einnähmen. Dass ich gern auf die positiven Aspekte eingehen würde, dass ich glaube, dass meine Kinder enorm vom Internet profitieren werden und dass wir politische Veränderung dafür brauchen. Ich kabelte abermals nach Bonn und sprach mit @frau_ratte darüber und sie gab mir viele hilfreiche Hinweise und den Rat, das klassische Lehrpersonal nicht zu überfordern.

Am nächsten Morgen checkte ich aus dem Berliner Hotel aus und lief zum Bahnhof. Allryder hatte mir gesagt, dass ich zu Fuß schnell dort sein würde. Erst als ich in den Zug einstieg, die ausgedruckte Fahrkarte mit Sitzplatzreservierung ständig zu Rate ziehend, bemerkte ich, dass die Bundeszentrale für Politische Bildung, die das Panel in Freiburg organisiert hatte, sich nicht lumpen ließ und erster Klasse für mich gebucht hatte. Aber der Zug hatte kein WLAN, so dass ich auf die Versorgung von O2 über die Luft angewiesen war. Es ging so gerade eben mit der Datenverbindung. Hatte ich auf der Hinfahrt nach Berlin noch frei von der Leber weg getwittert und gelesen und mich des Internets gefreut, war ich nun ganz eingeschüchtert von meiner neuen Aufgabe als Bildungsnussi von D64 und der zu erwartenden Diskussion in Freiburg. Immer wieder wälzte ich meine Argumente hin und her und versuchte mir, den Namen von Antje Bostelmann zu merken. Ich legte mir Pläne zurecht und wie das mit der Wagen. und Sitzplatznummer vergass ich jede Sekunde, was ich zuvor noch gedacht hatte. Der Zug schnurrte durch Nebel, der von oben von der Sonne beschienen wurde und es sah ganz wunderbar aus, aber ich guckte nicht so richtig raus, sondern baute mir Eselsbrücken von Bosseln über Bosteln zu Bostelmann, damit ich mich auf sie würde berufen können am Abend, wenn die Kulturpessimisten auch mich einstürzen würden. Hinter Frankfurt blieb der Zug stehen, es gäbe ein Weichenproblem. Ich guckte auf mein ausgedrucktes Ticket. Keine Zugbindung. Ich guckte in mein allwissendes Smartphone, nächste Verbindung von Mannheim nach Freiburg einfach eine Stunde später. Ich vertiefte mich wieder in Argumentationsketten und Eselsbrücken.

In Freiburg angekommen, lief ich zum Hotel, das man für mich reserviert hatte. Ein kurzer Weg. Frau Reuter vom Veranstalter rief mich kurz nach halb fünf an, ob alles ok sei, ob ich um fünf da sein würde und so weiter und so. Ich sagte alles ok.

Um fünf war ich am Veranstaltungsort. Ich traf die anderen Podiumsteilnehmer und wir fingen schon mal ein bisschen an mit der Diskussion, so als Übung. Meinrad, der Moderator kam und er machte ein paar verbale Lockerungsübungen mit uns. Frau Reuter teilte uns dann mit, dass nur wenige Besucher*innen gekommen waren, daher stellten wir Stühle zu uns auf die Bühne, so dass alle Besucher*innen mit uns auf dem Podium saßen. Wir wollten eine angenehme Atmosphäre und alle gleich behandeln. @HiBenni, der Schüler*innenvertreter auf dem Podium, war ziemlich jung, aber sehr versiert und reflektiert, ein guter Typ. Ich hatte gleich den Impuls, ihn zu fragen, ob er nicht Interesse hätte, bei D64 mitzumachen und uns in der Bildungsgruppe aus Schüler*innensicht zu unterstützen. Mal gucken, vielleicht hat er ja Lust.

Die Debatte verlief wie befürchtet: Bedenken, Cybermobbing und Kinder, die nicht mehr rückwärts laufen können waren diskussionsbestimmend. Ein Ruf nach der Politik wurde als „zu einfacher Ausweg“ angesehen, man traute mir wohl nicht zu, dass ich nicht mit dem Ruf nach der Politik zu stoppen, sondern ernsthaft die Politik in die Pflicht zu nehmen gedachte. Dass ich mich zu organisieren gedachte. Es wurde auf die Eltern verwiesen, die ihre Kinder mit Smartphones ruhig stellen, damit sie sich nicht um sie zu kümmern brauchen. Mein Einwand, dass wir doch hier über die Schule und deswegen über die Möglichkeiten der Schule diskutierten, wurde als zu einfach beiseite geschoben. Meine Positivbeispiele wurden als Einzelfälle abgetan, weil meine Kinder halt gerade Glück hätten, dass sie engagierte Eltern haben. Mein Einwand, dass aber doch genau das das Gebot der Gerechtigkeit sei, dass die Bildungseinrichtungen, seien es KiTas, Kindergärten oder Schulen, genau dort einspringen müssten, wo minderprivilegierte Kinder abgehängt werden, wurde beiseite gewischt, denn schließlich verabredeten sich Schüler*innen in geschlossenen WhatsApp-Gruppen, um sich gegenseitig zu mobben, ob ich davon schon mal gehört habe. Der Schüler*innenvertreter wandte völlig zu recht ein, das sei doch ein uraltes Phänomen, früher habe man die armen Würstchen halt hinter der Hausmeistergarage verprügelt, heute mobbe man sie in WhatsApp-Gruppen, das sei doch eine pädagogische Herausforderung jenseits jeglicher technischer Entwicklung. „Ja, aber was soll ein Lehrer denn da machen?“

Es war die Rede von Zügen, die sich in voller Fahrt befänden, auf die das Lehrpersonal nicht mehr aufspringen könne und ich wand ein, man solle ganz am Anfang, in der KiTa, selber den Zug anfahren und dabei die Kontrolle behalten, aber das ließ man nicht gelten, denn in der KiTa würde man die Kinder gleichsam anfixen mit der Verderbnis Internet und man habe ja keine Handhabe.

Ich wollte gerade „Empowerment der Minderprivilegierten!“ rufen, da war die Zeit um. Auf einem Beistelltisch lag das Machwerk von Manfred Spitzer. Wir hatten wieder die ganze Zeit über Hirnforscher und das Verderben gesprochen. Ich war einigermaßen frustriert und wollte die Diskussion nicht aufhören und flüsterte in die gelichteten Reihen etwas von „Vernetzung, es ist die Vernetzung, die uns empowert“, da mussten wir an die Theke gehen. Ich trank ein Bier und traf @DejanFreiburg. Er ist Lehrer. Und er sagte mir gute Sachen und bestärkte mich. Er hatte zugehört und sagte, dass er die Dinge ähnlich sehe wie ich.

Der Veranstalter hatte uns, die wir als Podiumsteilnehmer eingeladen waren, auch noch zu einem Theaterstück eingeladen, das unmittelbar nach unserer Diskussion stattfand. Ein tolles Stück, es hieß „Past and Present“, glaube ich. Wenn Ihr in Freiburg seid, seht Euch das an, es hat mich sehr beeindruckt, sowohl intellektuell als auch emotional. Es ging um einen Filmemacher aus Bangladesch, der einen Dokumentarfilm über sich und seine über den Globus verteilte Familie macht. Über Distanz und Nähe, über Kameras und Gespräche, über Konflikte zwischen den Generationen und die Horizonte der Menschen.

Nach dem Stück ging ich etwas essen und kabelte nach Bonn. Ich hatte nicht einmal Geschenke für die Kinder gekauft, weder in Berlin noch in Freiburg. Dieses Brauhaus, in dem ich aß, verschenkte Lebkuchenherzen. Ich bat um drei, der Mann hinter der Theke gab mir fünf. Ich ging ins Hotel um zu schlafen. Im Smartphone sah ich, dass noch eine Terminempfehlung in den D64-Ticker sollte, die ich kurzerhand einfügte. Ich wollte nach Hause.

Um 9:57 oder so stieg ich in den ICE nach Bonn. Ich wollte nach Hause. In Bonn/Siegburg stieg ich in die Linie 66. Als ich über dem Rhein war, war ich ziemlich erledigt. @frau_ratte war auf der Arbeit, ich holte den Hund und das Auto bei ihr ab. Dann fuhr ich zum Kindergarten, den Kleinen Sohn abzuholen. Dann holte ich den Großen Sohn aus der OGS ab, er hatte einen Freund dabei und sie spielten den ganzen Tag Lego. Abends brachte ich die Söhne ins Bett und habe ihnen Lieder gesungen und der Große Sohn hat gefragt: „Papa, was heißt Gute Nacht auf Französisch?“.

Prora

Heute waren wir mit der ganzen Familie am Koloss von Prora, einem unglaublichen Komplex, der ursprünglich von den Nazis als KdF-Urlaubsdings für ich weiß nicht genau wen geplant war. Ein Dingen, dass von den Nazis anscheinend nie fertiggestellt wurde und nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch das Militär der DDR genutzt wurde und sich dabei nicht gerade als Sommerfrische für die Werktätigen entpuppt hat. Der aktuelle Wikipedia-Artikel dazu (Stand 16. Juli 2014) ist da ziemlich ausführlich.

Wie auch immer, rühmlich ist dieser Koloss keinesfalls oder vielmehr unrühmlich auf jeden Fall. Und wenn ich als gut gelaunter Tourist und Staatsbürger einer insgesamt doch recht stabilen Demokratie nun barfuß durch den Sand von Prora eiere, dann fühlt sich das komisch an. Einerseits erhebend, weil heute freie Touristen in ihren Badelatschen und in peinlicher Strandbekleidung über die Teil-Ruinen laufen und dabei so friedlich wirken. Andererseits beklemmend, weil sich hier die Propaganda gleich zweier deutscher Diktaturen in Beton und Stein manifestiert hat.

Und wie im Wikipedia-Artikel moniert, habe auch ich, aufgrund der örtlichen Beschilderung, das ganze Dingen zunächst als reines Nazi-Monstrum gesehen (daher die Beschriftungen meiner Instragram und Vine-Posts). Ohne mich jetzt tiefer mit der Materie beschäftigt zu haben, glaube ich jedoch, dass Prora unter Gesichtspunkten beider deutscher Diktaturen betrachtet werden muss, denn tatsächlich genutzt wurde es von den Nazis offenbar nicht, aber von allen nachfolgenden Staaten, unter deren Fuchtel Rügen zwischenzeitlich so stand.

Ich muss ehrlich sein: Wahrscheinlich werde ich mich in Zukunft auch nicht tiefer mit Prora beschäftigen, ich bin Tourist hier. Aber vielleicht mag eine*r von Euch sich näher damit auseinandersetzen? Oder hat schon?

In the state of Gutfinden on Rügen

Ich sitze auf dem Balkon eines Ferien-Ressorts in Binz auf Rügen und kann das Meer sehen. Pulle Lübzer ist offen (ich glaub, das trinkt man hier so, schmecklecker…) Eine Zwei-Personen-Band spielt allerschlimmste Schlager und singt leider selbst und die vielen Großeltern, die hier mit ihren Enkel*innen abgestiegen sind, werden ein wenig sentimental, unten in der Tiefgarage haben sie den Mercedes S124 stehen, den sie seit 1986 immer noch fahren (und nicht wie diese Hipster jetzt erst gekauft haben). Die Sonne scheint und es ist warm in Binz. Alles ist gut.

Im Hintergrund sieht man das Meer, das ich vom Balkon aus sehen kann. Es handelt sich dabei um die Ostsee vor Binz auf Rügen.
Im Hintergrund sieht man das Meer, das ich vom Balkon aus sehen kann. Es handelt sich dabei um die Ostsee vor Binz auf Rügen.

Jeden Tag gehe ich die abgezählten 54 Schritte in die Ostsee, die Wetterlage beschert uns eine für Ostseeverhältnisse kräftige Brandung und Sonne und Wind, es ist warm, die Ostsee hat 19ºC und die Kinder und ich rennen immer mal wieder einfach mal schnell da rein. Am Ende der Promenade, die sehr lang ist, gibt es eine Fischräucherei, die samtweiche Buttermakrele verkauft. Wir, also @frau_ratte und ich, mussten sie uns heute mit einer Flasche Stralsunder Pils reintun und beinahe weinen vor Glück. Die Kinder sind so voller Tatendrang, dass sie den ganzen Tag in der Brandung stehen und schreien wollen. <3. Das angenehme daran ist, dass sie heute gegen 20:00 gefragt haben, ob sie jetzt ins Bett dürfen, ich habe das noch nie erlebt. Vorgestern hat Deutschland Brasilien im Halbfinale der WM 2014 mit 7:1 besiegt. Die Spieler der brasilianischen Mannschaft haben geweint, wohl eher nicht vor Glück. Mein Verständnis von Weinen ist ja ein anderes, in der Situation der brasilianischen Spieler hätte ich mich wohl eher totgeärgert, wäre aggressiv geworden oder hätte politische Konsequenzen im DFB, also dem brasilianischen Pendant des DFB, gefordert oder so. Naja, jeder Jeck ist anders. Anyway, ich war ja zum Glück für die deutsche Mannschaft.

Symbolbild "Alles is gut": Matjesbrötchen ist bereits verspeist, im Bier ist noch was drin.
Symbolbild „Alles is gut“: Matjesbrötchen ist bereits verspeist, im Bier ist noch was drin.

Was ich damit sagen will: Alles ist toll these days. Ich bin tiefenenspannt. Fischbrötchen allenthalben, kaltes Bier sowieso, @frau_ratte relaxt, die Kinder können rennen und laut sein, weil die Brandung noch lauter ist, für Polly gibt es Hundestrand am laufenden Meter und wir haben noch dicke Pakete von Tagesprogrammen vor uns, die wir machen können, wenn wir Bock haben. Wenn wir keinen Bock haben, gehen wir eben kurz in die Ostsee oder trinken ein Stralsunder oder Lübzer. Oder essen Matjes. Übringens waren alle, ausnahmslos alle!, Matjes, die ich bisher hier hatte, phantastisch – vielleicht liegt das daran, dass ich max. einmal im Jahr Matjes esse, denn im #Rhineland gibt’s die nicht so. Oder zumindest esse ich die da nicht. Oder ich bin mieses gewöhnt und gebe mich daher mit durchschnittlichem zufrieden. Aber egal. The Matjes tastes right, I feel good und Rügen feels right.

Bei Instagram musste ich kurz mitansehen, wie der Rest der Republik in Regen und Nebel versinkt. Die TL hält Unerfreulichkeiten bereit, wo Piraten Twitterer tracken, die manchen nicht in den Kram passen oder sowas. Das perlt gerade an mir ab, ich lege das Smartphone weg. Ich besitze ja die Gabe des Gutfindens. I’m in a state of Gutfinden on Rügen.

Wie konnte es dazu kommen? Vor ein paar Jahren hätte ich möglicherweise noch alles schlimm gefunden hier. Strandkörbe, alte Faltensäcke die nackig am FKK-Strand laufen, Shice-Schlager im Em-Effing-Fuckfuck-RESSORT! Ressort! Allein Ressort! Touristen-Nepp! Urlaub in Deutschland! Keine existenziellen Erfahrungen, sondern alles nur arrangierte Unterhaltung! Alles gefaked! Wie kann ich mich nur so sauwohl fühlen? Wie kann ich nur die Formulierung „sauwohl“ verwenden?!

Ich sag’s Euch: Es ist nicht die Ferne. Es ist nicht die Musik. Es  sind nicht die Renter*innen in Binz auf der Promenade. Es sind nicht die Schlager. Es ist nicht das Tiefseetauchen im Great Barrier Reef. Es sind nicht die S124 in den Ressort-Tiefgaragen. Es ist nicht mal die saugeile Ostsee oder das saugeile Wetter.

Es ist dieses „all is said and done“ für diese zwei Wochen. Die Erwerbstätigkeit ist ausgesetzt. Sie ist so ausgesetzt, dass uns für zwei Wochen mal alles egal sein kann. Keine Ängste, schon gar keine Existenzängste (hatte ich ja auch wohl schon), keine Abhängigkeiten, Freiheit in den Grenzen dieser zwei Wochen. Als Teenager habe ich über die Zeile Helge Schneiders gelacht: „Freiheit in Grenzen“. Und gleichzeitig habe ich gestaunt über Janis Joplins „Freedom is just another word for nothing left to lose“. Es geht um Organisation. Klingt shice, ist aber gile, denn es enabled mich, Sachen gut zu finden. Und die Rahmenbedingungen sind ausreichend.

Disclaimer: Ich versuche mir im Bewusstsein zu halten, dass ich privilegiert bin. Ich habe eine Familie, die so super ist, dass ich so gern mit ihr in so einem Urlaub bin. Ich bin von Hause aus mit Mitteln und Fähigkeiten ausgestattet, die mir ermöglicht haben, meine Erwerbstätigkeit so zu organisieren, dass sie einerseits gut genug bezahlt ist, dass ich mir das Ganze finanziell leisten kann, die mir andererseits aber auch genug Freiraum lässt, dass ich mein Leben so gestalten kann, wie ich es für gut halte. Ich glaube, dass ich, gerade weil ich diese Privilegien genieße, nahezu verpflichtet bin, das ganze gut zu finden (denn jetzt noch herumzunölen wäre ja ein Affront!). Und ich finde, Ihr solltet von mir Positives zu lesen bekommen, ich möchte Euch teilhaben lassen, denn ich habe ganz ganz viel Positives zu teilen. Mit geht es gerade gut und vielleicht geht es Euch dann ja auch gut oder, wenn es Euch nicht gut geht oder Nebel bei Euch ist, vielleicht kann ich Euch ja ein kleines Lächeln oder einen warmen Gedanken abringen, wenn ich Euch von Buttermakrelen mit Stralsunder Pils erzähle. Ach, bitte, habt ein wenig Freude, ich habe gerade ganz viel davon!

Saalbach Hinterglemm

Was für ein Ortsname! Hinterglemm! Austria, schabdischlieb. Heute ist Tag 3 auf der Piste, meine Liebste sagt: „Der dritte Tag ist immer der beste!“ Und sie sollte recht behalten. Aber von vorne.

Der Große Sohn macht macht seit drei Tagen einen Skikurs. Er ist sechs, wird auf die Bretter geschnallt und ab geht’s. Heute ist er mit uns auf den Berg ganz rauf gefahren und hat die blaue Piste bis runter ins Tal geschafft. Ich bin total stolz, obwohl das ja gar nicht meine eigene Leistung war. Und der der Kleine Sohn ist ein bisschen neidisch, aber nur ein bisschen.

Zurück zu mir. Ich bin ein miserabler Skifahrer. Dieses Jahr ist mein insgesamt dritter Aufenthalt in einem Skigebiet. Das erste Mal war in der neunten Klasse mit der Schule. Das zweite Mal vor genau zehn Jahren mit meiner Liebsten in Zell am See. Ich kann den Schneepflug und immerhin verletze ich mich nicht bei meinen zahlreichen Slapstickeinlagen.

Aber heute! Leute! Freunde! Römer! Da bin ich richtig gefahren, mit Spaß und ohne Angst und allem! Heute früh hatte ich ich erst noch keinen Bock. Der erste Tag auf der Piste hat mir klargemacht, dass man sich die Bretter nicht so völlig untrainiert unterschnallen sollte, ich hab geschwitzt wie Udo Jürgens und keinen weißen Bademantel dabei. Tag 2: Es ging viel besser, kaum Slapstick, die Erinnerungen an den guten alten Schneepflug kamen zurück (hab ich mir beim Großen Sohn nochmal abgeguckt). Aber es war höllenanstrengend, weil ich vor lauter Angst immer nur ganz ganz kleine Bögen gefahren bin. Bin abends in die Poofe gefallen und hätte bewusstlos sein sollen, aber immer diese Gedanken, die ich nicht abstellen konnte: Sind die Ski zu lang? Sind die Skischuhe zu groß? Soll ich das Equipment austauschen? Lachen die am Skiverleih über mich und geben mir eine Bauernbadehose? Halten die Kreuzbänder? Um 9:30 heute morgen musste der Große Sohn an der Skischule sein und wir konnten aufgrund der geographischen Gegebenheiten in  Saalbach einen kleinen Hang per Ski zur Skischule runterfahren. Und der Große Sohn ist ohne mit der Wimper zu zucken da hin gefahren. Und weil wir deswegen etwas zu früh waren, sind wir mit dem Kinderlift noch mal den kleinen Hang hoch und und gleich nochmal gefahren. Mit dem Großen Sohn Skifahren ist auch ein bisschen wie mit Delfinen schwimmen, ich berichtete glaub ich schon mal davon. Dennoch hatte ich da immer noch Zweifel ob des dritten Tags.

Nachdem ich den Großen Sohn abgeliefert hatte, habe ich die Ausrüstung nicht umgetauscht, die Bauernbadehose erschien mir zu bedrohlich. Ich also mit den langen Ski und den ziemlich großen Skischuhen und der Liebsten den Lift rauf, der uns auf der Piste rauslässt, auf der ich am ersten Tag Stan, Ollie, Chaplin und the very best of Buster Keaton zum Besten gegeben hatte. Und ich war toll! Ich fuhr wie ein junger Gott! Alles geht jetzt! Und die Liebste wurde gleich völlig maßlos und, kaum aus dem nächsten Lift raus, weg. Die rote Piste runter!

Schon ganz oft hatte ich gehört, dass diese Einteilung in rot und blau ja auch eher so dings ist. Ich also hinterher. Rote Piste! Pahahaa! Völlig eimfach!

Fazit: Der dritte Tag ist tatsächlich der beste. Ich gucke erstmal Olympia, von einem Sessel aus, der Punk ist. Leider kann ich mich jetzt schon nicht mehr rühren, denn  ich habe viele viele Muskeln benutzt, das kann nur bedeuten, dass ich’s richtig gemacht habe.

So, ich muss Schluss machen, wir gehen jetzt in die Kohlmaisstub’n, da gibt’s Suppe!

Was die Alten noch wussten

Die Alten wussten es noch. In ihrer Zeit, damals, als die ganze Welt das Kaiserreich der Römer und es überall auf der Welt so warm uns sonnig war, dass man an 365 Tagen im Jahr 24-7 in Riemchensandalen und luftigen Leinenkleidern herumlaufen konnte, hat man es beschlossen und festgelegt. Sogar durchs Finstere Mittelalter™ hat man es tradiert und bewahrt und auch ich habe es schwarz auf weiß in meinem Google-Kalender stehen:

„Frühverteilaktion am Hbf, 20.09.2013, 6:30 Uhr“!

Frohgemut springe ich um 5:30 aus den Federn, voll des Eifers und reinen Herzens, „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit'“ trällernd in die 640, Ziel: Bonn Hauptbahnhof! Und es ist der 19.09.2013.

Ich probier’s morgen nochmal.

#rp13, Tag 1

Gestern zur re:publica in Berlin angekommen. Angenehme Zugfahrt gehabt und dank diverser elektronischer Helfer (DB-App und Google Maps) alles gleich gefunden und ohne größere Planungsaufwände on demand erledigt.

Nach kleinem Mittagessen bei Vapiano am Berliner Hbf also in die Wohnung, dort kurz alle Sachen abgeworfen und los zum Veranstaltungsgelände. Ich liebe so Systeme wie die Berliner U-Bahn. Das funktioniert einfach so gut, selbst wenn mal ein Zug ausfällt, gleich kommt der nächste.

Kaum am Gelände angekommen, gleich mal das Panel zum Thema Algorithmen-Ethik mit @MrsBunz, @holadiho und @jbenno angeguckt. Der wunderbare @baranek, den ich dort endlich einmal persönlich kennenlernen durfte, hatte @frau_ratte und mir zwei Plätze in der ersten Reihe freigehalten, da saßen wir nun wie die Ehrengäste, das war toll!

Was mir inhaltlich auf dem Panel nicht klar genug rauskam, dass meiner Meinung nach kein Unternehmen von sich aus die Aufwände treiben wird, seine Entwicklungsprozesse dahin zu verändern, dass ethische Überprüfung quasi systemimmanent bei der Entwicklung gewährleistet wird. Die Unternehmen werden m.E. keinen Finger dafür krumm machen, dass sie den Nutzern Interfaces zur Verfügung stellen, über die sie die eingesetzten Algorithmen transparent selbst konfigurieren können. Der Vorschlag von @holadiho war, dass das gesetzlich geregelt werden müsse (was ich auch so sehe), @MrsBunz vertrat eher die Ansicht, dass Selbstverpflichtungen der Unternehmen und eine entsprechende Netzkultur die Unternehmen in diese Richtung leiten würden (was ich skeptisch sehe).

Nach diesem Panel trafen wir uns erstmal mit @moellus, @horax und @stedtenhopp1A  im Biertrinkhof und tranken ein paar Biere, dazu schönet Schnitzelbrötchen. Auf getroffen haben wir @antischokke, @saumselig, @chaosblog und @jbenno (mit dem ich gleich ein paar Hinterhofabsprachen zur Bundestagswahl getroffen habe, dazu müsste ich aber erst schnell noch @ennomane kennenlernen).

Nach dem Biertrinken sahen wir uns kurz noch mal @MrsBunz an, die mit Diedrich Diederichsen ein bisschen vom Krieg erzählte (AOL E-Mailaccounts und so…) Leider konnten wir das Panel nicht ganz zu Ende hören, schließlich mussten wir @monte_croce und Familie noch treffen.

Mal sehen, was der zweite Tag nun bringt!

Stade

So kam ich denn nach Stade und wie ward das Herz mir weit beim Anblick deiner Speicher und dem kleinen Wasser, das durch die Stadt sich zieht.

Wir aßen Fisch, den uns die Mamsell bereitet hatte wie es zu Finkenwerder üblich ist, eine Scholle, und das Bier glänzte wie das Gold selbst in der Sonne.

Stade, du behagliche, warum nur musste ich wieder gehen?