Automatisierte Korrekturen an der Realität durch menschliches Gehirn

Ständig nimmt mein Gehirn Korrekturen an der Realität vor und ich bin nicht immer sicher, ob zum Besseren. Ein Phänomen, von dem ich annehme, dass es auch andere Menschen betreffen könnte*).

Offensichtlich wird das an Songtexten. Ich meine mich zu erinnern, dass ich schon mal was darüber gebloggt habe (hab aber jetzt keine Lust, das rauszusuchen), wie ich als Kind Abba und die Beatles gehört habe, ohne ein Wort von den Texten zu verstehen – und wie die Musik und die geheimnisvolle Sprache, die ich irgendwie nur auf der emotionalen Basis verstanden habe, etwas ganz besonderes in mir ausgelöst haben. Und wie das zunehmende Verstehen der Texte diesem Gefühl die Magie genommen hat. Am Ende ging’s um Liebe zwischen zwei Menschen oder sowas, was mir, verglichen mit dem damals magischen Empfinden, enttäuschend banal vorkam.

Vor diesem Hintergrund ist es quasi gut, dass ich Französisch nicht so gut verstehe, so dass bei einigen Songs von Zaz zumindest eine ferne Erinnerung an das alte Abba- und Beatles-Gefühl auflebt. Oder bei dieser (ich glaube) arabischen Version von „Aisha“.

Aber auch bei Songs, deren Texte ich inzwischen kenne, gibt es ein paar hartnäckige Ecken, in denen sich mein Gehirn weigert, die Realität gelten zu lassen, nämlich an all den Stellen, an denen ich weiter falsch höre. Axel Hacke hat ja mehrere Bestseller über falsch gehörte Songtexte geschrieben.

Marius Müller-Westernhagen singt in „Giselher“: „Deinen Ring, den hab ich vergraben.“ Was für eine Enttäuschung gegenüber dem von meinem Gehirn hartnäckig weiter gehörten „Deinen Ring, den hab ich verkauft“! Der ganze Song ist ja eigentlich ein für die damalige Zeit bemerkenswerter Regelbruch, dass Marius Müller-Westernhagen als MANN ein Liebeslied singt und am Ende ist der Besungene PETER! Inzwischen lockt das natürlich niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, aber als Jugendlicher fand ich das saucool. Und der perfekt da rein passende Regelbruch war für mich, dass er den Ring gegen alle Romantik verkauft hatte. Aber in Wirklichkeit hat er ihn – romantische Vollenttäuschung – vergraben. Meh.

Und Mudhoney singen „Jesus take me to a higher place“ in „In and out of grace“. Und hartnäckig, wenn mich der Song während Müdigkeit anspringt, muss ich „Jesus take me to a Heia place“ verstehen. Ein blödes, bewusst von mir hergestelltes Wortspiel, geht aber nie mehr weg. Das ist übrigens ja ein Kniff, den man mutwillig ausweiten kann, wenn man will. „Parrot Ice City“ oder wahlweise „Para Dice City“ statt „Paradise City“ (You’re doomed! Geht nie mehr weg! Harrharr!).

Oder „Marcel“ (hatte ich auch schon mal verbloggt, glaub ich). Wenn Ihr in allen Songstellen, die Euch einfallen, statt „myself“ immer „Marcel“ einsetzt: „All by Marcel“, „Me, Marcel and I“, „Dancing with Marcel“ – und vor allem „I don’t know anybody else and when I think about you I touch Marcel“. Ich finde das sehr sehr witzig (aber vielleicht lässt sich das nun wieder nicht auf Euch übertragen).

Ich bin nicht sicher, ob diese Korrekturen der Realität etwas Gutes sind. Aber nach dem ersten Schmerz, der durch die Erkenntnis hervorgerufen wird, dass die Realität eine andere, viel banalere ist, stellt sich eine weitere, wieder versöhnende Erkenntnis ein: Das Bewusstsein darüber, dass es zwei, oder vielmehr unendlich viele, Realtitäten gibt. Und das ist wieder ganz schön, weil man je nach Bedürfnis und Situation, eine Wahl hat.

Am Montag geh ich auf das Mudhoney Konzert in Frankfurt (Köln war schon ausverkauft). Ich mach da mal einen neuen Abgleich.

 

*) Ab jetzt ohne, dass ich Bock darauf hätte, den Gedanken sozialpolitisch voll auszuweiten, das kann ja vielleicht eine*r von Euch bei Gelegenheit mal weiterspinnen.

Zauber

Ein Mangel an Spiritualität wird konstatiert, der digitale Alltag steigert die Sehnsucht nach Huschni-Buschni, heißt es. Ich habe neulich ein Radio-Feature über Schamanismus gehört und die nicht-alltägliche Wirklichkeit (NAW).

Da kriege ich ja nun leider wirklich Anfälle. So ein ausgemachter Humbug und Selbstbetrug, und alles nur, weil den Menschen angeblich der Zauber und die Sehnsüchte fehlten. Was ist los mit Euch, Menschen? Man kann Naturgesetze gelten lassen, man kann aufgeklärt sein und die sozialen Errungenschaften der letzten 150 Jahre gelten lassen, ohne auf so einen Schmu angewiesen zu sein. Man kann gendergerecht sprechen und ein Träumer sein, wenn Ihr das denn unbedingt so tief in Euch drinnen vermisst.

Guck ich meine Kinder an: Zauber! Wie groß die geworden sind und wie fabelhaft geraten, dabei mussten wir gar nicht viel an ihnen herumerziehen! Wie behutsam sie manchmal mit einander umgehen können, da bin ich voll des Zaubers!

Guck ich das erste Lächeln von @frau_ratte nach dem finsteren Zertifizierungswinter 17/18 an, die wiedererstarkende Zuversicht, da zaubert es aber, dass sich die Balken biegen, ganz ohne Jenseits und Transzendenz!

Da grillen wir in Rhade und die Pferde gucken uns dabei zu. Und @antonialoick erfindet lustiges: „Die reden nachher in ihrer Box über uns und sagen dann sicher so Sachen wie: Hast Du den einen da gesehen, wie der geschnaubt hat? Wenn man Menschen beobachtet, ist das faszinierend, besonders, wenn sie sich manchmal wie Pferde verhalten!“

Da höre ich dem leicht trunkenen Gesang an diesem lauen Abend in unserer Straße zu, wie die Nachbarn da hinten eine gute Zeit zusammen haben. Sie schmettern „We are sailing!“

Und ich habe auch kein Bedürfnis, auszusteigen. Kein Verlangen nach Alaska auszuwandern, weil mir dieses Zusammenleben zu anstrengend wird. Keine Flucht vor den Organisierungsquerelen, kein „Macht doch was Ihr wollt, ich bin raus“. Ich finde uns Menschen toll, weil wir das können, uns absprechen, uns organisieren, und Freiräume lassen und uns in die Pflicht nehmen. Ich finde uns toll, weil wir facettenreich sind wie keine andere Lebensform. Wir brauchen uns vielleicht nicht auf das hohe Roß namens „Krone der Schöpfung“ zu setzen, dafür sind wir zu menschlich, aber kraft unserer Gehirne und Empfindungen sind wir die spannendste Spezies unter der Sonne.

Menschen reichen für Zauber, ich für meinen Teil brauche nur Menschen für Zauber.

2000 Jahre Männlichkeit

Die sehr verehrte @habichthorn trägt in diesen sich in die Länge ziehenden, nahezu elend spahnenden, Tagen den Twitternamen „Seit 2000 Jahren mitgemeint“. Und wie ich heute morgen mit der #Pollykowskaja so über den Rheindeich schreite, denke ich erneut darüber nach, dass wir mit jetzt über 70 Jahren Frieden in Mitteleuropa einer geschichtlichen Singularität beiwohnen dürfen. Und ich denke so bei mir, dass 70 Jahre Frieden vielleicht nicht nur der wichtigste Wirtschaftsfaktor der mitteleuropäischen Geschichte sind, sondern vielleicht auch erstmals ganz neue Anforderungen an die Männlichkeit stellen. Zum ersten Mal überhaupt sind Männer davon entbunden, sich mit „auf die Fresse geben, danach totschießen“ herausreden zu können, wenn sie mal wieder nichts kapieren. Läuft’s zu Hause oder im Job gerade shice, war das früher immer spätestens nach zehn Jahren vorbei, denn da musste Mann ja in den Krieg und überhaupt ging alles über den Jordan, alles wurde kaputtgehauen und totgeschossen, danach Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft, traumatisiert, Rücksichtnahme erforderlich wegen appem Bein und dauerndem Zusammenbrechen bei Silvesterböllerei oder Fehlzündung des Mokicks der Kinder. Seit ungefähr 2000 Jahren geht das schon so (sage ich geschichtlich Ungebildeter mal auf meinem Weg den Rheindeich entlang).

Bis jetzt. Heute kommt erstmal kein Krieg, und das seit 70 Jahren. Ok, auch heute sehnen sich immer mal wieder welche nach einem totalen Reset, aber wir machen das zum Glück nicht. Wir machen weiter, trotz stärker werdender Sehnsucht nach dem dicken Knall und nach dem „alles nochmal von vorne, weil ich gar nichts mehr kapiere“. Und siehe da, nach 70 Jahren Frieden, da gibt es auf einmal ganz viele Männer, die keine Tumben mehr sein wollen (ich kenne mindestens acht!)

Und wie schön ist es, meinen Söhnen sowas vorleben und beibringen zu dürfen. Meine unglaubliche Mutter findet nun schon seit etwas länger als den rd. 70 Jahren Frieden, dass es total Spaß macht, den eigenen Kindern zuzusehen beim Erkennen, Sichentwickeln, Ausprobieren, Verstehen und Kreativsein. Meine Söhne kriegt Ihr nicht (sang schon Reinhard Mey), meine nicht und mich auch nicht! Wir machen nicht mit bei Eurer Logik des Krieges, wir machen lieber Erkennen, Sichentwickeln, Ausprobieren, Verstehen und Kreativsein.

Ich mache Genderwahnsinn und generisches Femininum und erfreue mich meines Penis, ohne tumb zu sein (hoffe ich zumindest). Zweitausend Jahre Männlichkeit heißt zweitausend Jahre allerschlimmste Verkümmerung durch immer wiederkehrendes sich Stürzen in Gewalt, Tod und Trauma. Wie perfide, dass die Logik des Krieges eine männliche Erfindung ist oder zumindest keine weibliche oder die eines anderen Geschlechts.

Und ist das jetzt so, dass die Herrn (außer jetzt jenen 8 oben genannten) nun davon überfordert sind, mal was anderes tun zu müssen als Gewalt auszuüben? Sehe ich das richtig? Oder fühlt sich das nur so an? Wollen die „dem Islam“ auf die Fresse hauen? Oder den Flüchtlingen? Oder den Feminazis? Ist linksgrünversifft nicht ein Ausdruck dessen, dass denen nach zweitausend Jahren „im Zweifel geh ich Militär!“ nichts anderes einfällt als sowas? Wie unkreativ.

Möglicherweise kommt an dieser Stelle der Firma Weber Grill eine entscheidende friedenssichernde Bedeutung zu. „Mach ich halt Feuer und BLUT auf Feuer!“ Immerhin nur aus dem Supermarkt.

Es wird noch ein langer steiniger Weg. Hoffentlich hält der Frieden, der soziale und der militärische, noch ein bisschen. Ich wäre gerne die erste Generation, die mit voller Absicht keine Kriegserfahrung macht. Also gar keine.

Wirkungen

1

Heute vor 11 Jahre wurde Anna Stepanowna Politkowskaja ermordet. Und was ist geblieben? Dass ich unseren Hund Polly so halb im Gedenken an sie „die #Pollykowskaja“ nenne. Naja. Ob das die Wirkung ist, die Anna Stepanowna Politkowskaja erzielen wollte?

2

Vor ein paar Tagen ist der Große Sohn 10 Jahre alt geworden, heute haben wir eine der in Frage kommenden weiterführenden Schulen besucht, weil dort Tag der offenen Tür war. Wie beurteilt man denn eigentlich eine weiterführende Schule? Die sehen doch irgendwie alle gleich aus, oder? Und die sehen so aus wie 1994, als ich Abitur gemacht habe. Da hing heute ein Schild im Pausenhof: „Programmiere Dein eigenes Rennspiel!“ und ich dachte daran, wie der Große Sohn damals im Coder Dojo genau das mit Scratch gemacht hat. Also sind wir mal zu Raum soundso gegangen. Kommen wir da rein, ist Calliope schon da! Das war eine freudige Überraschung, zumal dort gerade jemand von der Schule Calliope rundum erklärt und positiv angepriesen hat. Was für ein schönes Gefühl, an der Entwicklung mitgewirkt zu haben, über das mir unbekannte Menschen so enthusiastisch referieren! Das Ernst Moritz Arndt Gymnasium kommt also schon mal in die engere Auswahl, hehehe… <3

3

Im Jahr 2010 hat Stéphane Hessel seinen Essay „Empört Euch!“ (frz. Originaltitel „Indignez-vous!“) veröffentlicht. Ich habe den Text dann irgendwann im Zug gelesen und laut „Ja!“ durchs Abteil gerufen. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2017 empöre ich mich nicht mehr. Nicht, weil es nichts zum  darüber empören mehr gäbe, im Gegenteil!, aber ich kann im Moment einfach nicht mehr. Und ich habe das Gefühl, dass die Schraube zu hohl dreht und ich etwas anderes finden muss, um Wirkung zu erzielen, einen Tempowechsel vielleicht. Manchmal denke ich, dass so viele die SPD shice finden, weil sie solche wie mich shice finden. Die shice schreiben statt scheiße. Immerhin hat mein Lieblings-SPD-Beueler und -MdB Uli Kelber es wieder in den Bundestag geschafft. Und schon kommen aus allen Ecken und Enden gut gemeinte Tipps von Nicht-Sozis, was wir Sozis alles anders machen müssen. Alle Strukturen rasieren zum Beispiel. Das nun wieder ist glaube ich das einzige, was wir nicht tun müssen, wenn ich mir die Geschichte der strukturschwachen Piraten so angucke. Was ich ja gut finde, weil wir damit gute Erfahrungen gemacht haben: SPD++. Konkrete Anträge formulieren und beschließen lassen, von genau den Strukturen, die solchen Beschlüssen Wumms verleihen. Wie damals, als wir auf diese Art und Weise beinahe die VDS beim Parteikonvent gekippt hätten. Irgendwie will ich zurück nach Westerland*). Aber die Zeit ist knapp. Immerhin, vor ein paar Tagen ist der wahrscheinlich dienstälteste Kassierer der SPD bundesweit bei Facebook erschienen und ich freue mich außerordentlich darüber!

*) ins aktive Parteileben der fabelhaften SPD Beuel.

4

In unserem kleinen feministischen Start-up trackle steht das Zertifizierungsaudit nach ISO 13485 unmittelbar bevor. Seit Februar haben die Kolleginnen und ich ziemlich viel daran gearbeitet, dass wir uns danach zertifizierte Medizinprodukteherstellerin nennen dürfen. Wenn wir das geschafft haben werden – bald! – dann muss ich glaube ich mal zehn Minuten auf einer Treppe sitzen und etwas weinen.
Gerade habe ich mit unserem Anwalt die AGBs für unseren Shop abgestimmt. Weil ich selber nur wenig Ahnung von sowas habe, hatte ich ihm einen Text aus so einem Internet-AGB-Generator mit meinen persönlichen Anpassungen als Vorlage geschickt. Die erste Anmerkung von unserem wirklich tollen Anwalt zu „im folgenden Anbieter genannt“ war „oder lieber Anbieterin?“. Generisches Femininum wirkt, echt! Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich unsere Satzungstexte angepasst habe und seitdem dort wie selbstverständlich die Rede von „Investorinnen“ ist. Sprache wirkt.

5

Ich höre gerade Helge Schneider und bin inspiriert. Wie immer. Was für ein Mann, was für ein Geist!

6

Es war immer leichter mit den wirkungsvollen Gedanken, als ich leichter war im Kopf – getriebener bin ich geworden, schwieriger ist es geworden, weil ich so viele Dinge**) tun muss, die ich nicht einfach so kann, sondern mir beim Tun aneignen muss. Ich hoffe, die Kinder merken nichts und lachen immer noch über meine Witze. Und ich hoffe, dass ich bald wieder leichter werde im Kopf. Aber durch das weniger leicht sein im Kopf, so hoffe ich des weiteren, entfalten meine Taten vielleicht eine andere Wirkung – nicht so piratig (#scnr).

**) Zertifizierung nach ISO 13485 zum Beispiel, ächtz!

7

Zehn Jahre ist der Große Sohn nun alt, der Kleine Sohn sieben. Was für tolle Menschen sie sind! Jeden Tag bin ich stolz auf diese beiden. Hab ich das eigentlich je verbloggt, dass meine Kinder das einzige sind, wo ich das Wort „stolz“ verwenden mag? Weil es erstens unmittelbar etwas mit mir und meinem Handeln zu tun hat und weil es zweitens ein Bereich ist, wo „stolz sein“ mattert, weil es meinen Kindern hilft, wenn ich stolz auf sie bin? Glaube ich jedenfalls. Ich möchte sie jeden Tag bewundern***). Sie stellen jetzt so Fragen wie „Wie sieht es in Syrien aus?“ und „Wie sah es in Syrien vor dem Krieg aus?“ Sie fragen sich, warum jeder Mensch sterben muss. Wenn der Kleine Sohn mit „Papa, weißt Du was?“ eröffnet, dann sage ich oft: „Ja klar, eigentlich fast alles.“ Und dann sagt s: „Du weißt überhaupt nicht alles!“ und ich sage: „Ja klar doch, frag mich was!“ und s stellt dann so Fragen wie die da oben. Und ich sage dann: „Das weiß ich tatsächlich nicht.“ Ich weiß auch nicht, ob das so gut ist, wie ich das mache, aber ich bemühe mich, die Kinder im rechten Moment anzulügen, ihnen im rechten Moment die Wahrheit zu sagen und im rechten Moment einfach ratlos zu sein.

***) Außer jetzt bei: „Putz dir die Zähne!“; „Du musst eine Jacke anziehen, es regnet!“; „Probier wenigstens bevor du BÄH! schreist!“; „Jeder Mensch muss duschen!“; „JEDER SHICE MENSCH MUSS SICH MORGENS UND ABENDS DIE ZÄHNE PUTZEN UND WIR KÖNNTEN HIER LÄNGST FERTIG SEIN, WENN DU EINFACH DEINE SHICE ZAHNBÜRSTE NÄHMEST UND DIR DIE ZÄHNE PUTZTEST!“

8

Dieser ganze Post ist nichts als reines Fishing for Compliments, was einigermaßen uncool ist. Naja. Aber die meisten Sachen muss ich glaube ich so machen. Sekt?

Über die gute alte Zeit abgeschweift

Sitze in der Küche, lasse „Nirvana – MTV Unplugged In New York“ laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Großeltern in schwarzweiß stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzweiß gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen übersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.

„Was treibt Dich an?“ sollte ich vor ein paar Tagen beantworten für ein Video, das die gute Sarah vom Digitalhub Bonn gedreht hat. Ich weiß nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja über den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.

1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen haben müssen. Ein Stück, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht überzeugt. Kann natürlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach – vielleicht trügt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit…). Seit wir „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen und sogar einmal in einer Aufführung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem Stück nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er/sie vorhatte, scheitern. Und „letztlich daran zerbrechen“, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realität und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das überhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Gedächtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja über den Radweg gegangen bin, denke ich: Was für ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die Fähigkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu können. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie überhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht später nochmal nach).

Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fröhlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (ächtz, was für ein Satz!), dann macht mich das tiefglücklich. Und dann fühle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen müsste.

Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein schönes Gefühl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gefühl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Früher war alles besser, Wählscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was für eine Shice! „Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys“, so eine Shice, Mann! Ich hab ständig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzublättern oder weil was passiert ist? Muss ich mich über ihn ärgern oder muss ich ihm eher noch den Rücken stärken, weil ihm vom löchrigen ÖPNV im Westmünsterland übel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zurückspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zurückspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!

Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, „Die Opodeldoks“, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert wäre, wenn da nicht der Opadeldok wäre, der immer „Früher war alles schlechter!“ sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenwärtigen „Früher war alles besser“. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit über vierzig, ist mir aufgefallen, was für ein saucooler Hippie so ein Opa wäre, der ernsthaft „Früher war alles schlechter!“ zu seinem Mantra gemacht hat. Was für ein starker Charakter das wohl wäre.

Da fallen mir auch gerade die Vorwürfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder überall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockgeräten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, während wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich übrigens tatsächlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu können, während man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit „Heja BVB“, „Annes Schlaflied“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Das alles machen wir™mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier überall Plakate in der Stadt, auf denen stand: „Mehr Zeit für Kinder!“. Heute müssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder hätten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir müssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos überfahren lassen. Wir müssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung über 70 Jahre ermöglicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine Söhne müssen nicht mit Patronenhülsen in Kratern spielen, wir können ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.

Und doch: Meine Gefühle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged höre. Es macht ein gutes Gefühl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal gehört habe, sehr präsent ist. Es fühlte sich damals gut an, es fühlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt: Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass früher irgendwie doch alles schlechter war. Aber unsere Gefühle waren echt. Meine Gefühle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche – und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen Füßen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Geräusch der Mähdrescher oder Maishäcksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.

Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verstümmelten Seelen misshandelter Kinder große Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder überlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen könne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das Rüstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich Fähigkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerstörbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Blödheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele Überschüsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu können.

Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben können? Was ich übrig habe, das könnt Ihr haben! Wäre doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schlänge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) Heute habe ich von einer Studie gehört, dass Teilen glücklich macht. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in dreißig Jahren eines meiner Kinder sowas ähnliches bloggt, dann führe ich einen Besenrührtanz um meinen Rollator auf.

Ich beginne, @Nico zu verstehen

Komisch fand ich immer, wenn @Nico Bilder seiner Socken aus der Bahn oder so gepostet hat. Ich dachte: „Komische Selbstinszenierung, personal branding über Ringelstrümpfe, wie albern.“

Errungenschaft des Tages: ich hab jetzt Happy Socks! <3 (schön rot, wählt die SPD!)

Ein Beitrag geteilt von Maxim Loick (@pausanias09) am

Gestern habe ich mir vier Paar Happy Socks gekauft und gleich mal eins davon angezogen. Und wie überwältigend war der Effekt: Immer, wenn mein Blick zufällig auf meine Füße fiel, habe ich mich sehr gefreut, denn meine im nackten Zustand zugegebenermaßen eher verhalten fröhlichen Füße sehen mit einem Mal atemberaubend aus! Und jeder Blick darauf ist herzergreifend! Ich möchte Euch mit Fotos von meinen mit bunten Socken bekleideten Füßen vollposten, um diese Freude mit Euch zu teilen. Und ich beginne zu verstehen, dass es bei @Nico vielleicht nicht um personal branding geht, sondern um das jede*r Sozialdemokrat*in innewohnende Bedürfnis, Freude immer gleich mit der ganzen Welt teilen zu wollen.

Disclaimer: Mir hat keiner was dafür bezahlt, ich finde sowohl meine neuen Socken als auch @Nico auch ohne Bezahlung cool.

Charakterschwächensourcecodes initialisieren

Bei Twitter twittere ich viel dummes Zeug, so wie viele andere auch. Ein paar Bösartigkeiten sind vielleicht manchmal dabei. Wenn man alle die miesen Jokes, die im Konjunktiv verfassten Gemeinheiten zusammennimmt, könnte man Teile von Twitter auch als das Github der nickeligen fiesen Ideen ansehen, eine Sammlung von Charakterschwächensourcecodes.

Es ist denkbar, dass sich ein oder zwei überarbeitete Banker vielleicht eine Charakterschwäche erlaubt haben mögen wie „Ich piss von meinem Geldberg auf Euch da unten!“ Soweit so mies bis hier, aber im Rahmen von innergehirnlichen Vorgängen, die ich laienhaft für irgendwie noch normalpsychologisch erklärbar halte, nichts außergewöhnliches.

Aber jetzt gehen welche da hin und beauftragen eine*n Architekt*in, das hier zu entwerfen:

Das wird also entworfen, dann irgendeinem Gremium zur Abnahme vorgestellt. Die beraten über den Entwurf für sowas. In dem Moment initialisieren die ihre Charakterschwächensourcecodes, die führen das wirklich aus, die wollen das wirklich bauen. Die nehmen eine Handvoll Geld von dem Haufen, auf dem sie sitzen, und schreiben ihre Bösartigkeit in Aufträge. Das ist kein gedankenloser Tweet, was die da schreiben, die lassen Menschen und Material kommen, um einen Witz zu bauen. Die sind so weit weg, dass ihnen der Unterschieb wahrscheinlich nicht mehr auffällt. Die sind so weit weg, dass sie ihren letzten Rest Gewissen dadurch zu retten versuchen, dass sie irgendwas von „wenn Ihr da unten die Möglichkeit hättet, würdet Ihr das auch machen“ faseln, wegen „der schönen Aussicht“. Das mit dem „wir pissen auf Euch“ kommt doch von Euch, nicht von uns! Das spricht der Neid aus Euch, Ihr hattet diesen Gedanken, nicht wir!

Ich reg mich auf! Hoffentlich werden wir mit trackle unermesslich reich, nur zu dem Zweck, allen auf der Welt zu zeigen, dass man dann nicht so werden muss wie die!

Sich selber toll finden

Ich versuche das zu tun, was ich toll finde. Manchmal endet das in Situationen, in denen mir das irgendwie gelingt und ich mich selbst toll finde, was dann im Allgemeinen wieder nicht sehr populär ist: Sich selbst toll finden.

Heute wird Udo Lindenberg 70 und im WDR lief ein Song von ihm, in dem er irgendwas über sich selbst singt, irgendwas mit „ich ändere mich nicht“ und Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an. Das mit dem Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an finde ich saucool, das mit dem „ich ändere mich nicht“ nicht.

Ich versuche, mich kontinuierlich zu ändern. 2012 hatte ich eine Höllenangst davor, mein Gesicht im Internet zu zeigen. Heute nicht mehr. Als Teenager hatte ich Ansichten, für die ich heute ein PAV beantragen würde (mal davon abgesehen, dass ich damals keiner Partei angehört habe). Ich habe in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen wieder so viel gelernt, ich wäre ja völlig borniert, wenn ich mich da nicht ständig ändern würde. Veränderung ist toll und notwendig. Ich habe sogar meine Einstellung zu Musik verändert, seit der Kleine Sohn Songs mitsingt, die eigentlich inakzeptabel sind. Veränderung hat immer mit Erkenntnisgewinn zu tun und damit, Erkenntnisgewinn zuzulassen.

Und manchmal, da merke ich, wie ich eine alte Verstocktheit über Bord werfe, und da finde ich mich selber etwas toll. Sich selber toll finden ist ja – völlig zurecht! – nichts, womit man Sympathien erwirbt. Aber in kleinen Dosen hilft es mir, die Welt weiter umarmen zu wollen. Und zu küssen (was die Welt dann vielleicht wieder eher neutral findet).

Die Unendlichkeit befragen

Warum hat man eigentlich Kinder? Manchmal ist es ganz einfach:

Kleiner Sohn: „Papa, warum weiß das Internet alles?“

Ich: „Das Internet weiß glaube ich gar nicht alles.“

Kleiner Sohn: „Was weiß das Internet denn nicht?“

Ich: (muss überlegen) „Das Internet weiß zum Beispiel nicht, warum alles so ist, wie es ist.“

Kleiner Sohn: (muss nicht überlegen) „Die Unendlichkeit wüsste das wahrscheinlich. Aber die können wir ja nicht fragen.“

Später, viel später, kommt mir der Gedanke, dass wir vielleicht schon alles wissen, aber nicht zufrieden genug damit sind. Diese alberne Unendlichkeit, die haben wir doch auch nur erfunden, weil uns die Endlichkeit erheblich unvorstellbarer ist. Ich fordere hiermit, dass s die größte Zahl ist. s+1 ist eine genauso unzulässige Rechenoperation wie die Division durch Null. Fertig ist die Laube.

(Hat das echt noch nie jemand gefordert?)

Immer wollen alle stehenbleiben

Kaum hat man mal was erreicht, wollen immer alle stehenbleiben. Man habe sich das verdient, sich nicht mehr anstrengen zu müssen. Man habe ja schließlich was geleistet und nun sei ja auch mal gut. Erstmal setzen. Die Sehnsucht danach, irgendwo angekommen zu sein und endlich nur noch auf der Couch zu sitzen. Und lebten glücklich auf der Couch bis ans Ende ihrer Tage. Was für ein Irrsinn.

Setzt Euch zwischendurch mal hin, trinkt ein Bier (oder von mir aus einen ganzen Kasten), nehmt Euch drei Tage Zeit, um Euren Kater loszuwerden, aber dann stellt bitte Eure Nase wieder in den Wind. Ändert immer was. Macht es so, dass es Euch nicht überfordert, aber ändert immer was, bleibt nicht stehen. Glücklich am Ende Eurer Tage werdet Ihr nur sein, wenn Ihr immer etwas ändert, bis Ihr tot seid.