Wirkungen

1

Heute vor 11 Jahre wurde Anna Stepanowna Politkowskaja ermordet. Und was ist geblieben? Dass ich unseren Hund Polly so halb im Gedenken an sie „die #Pollykowskaja“ nenne. Naja. Ob das die Wirkung ist, die Anna Stepanowna Politkowskaja erzielen wollte?

2

Vor ein paar Tagen ist der Große Sohn 10 Jahre alt geworden, heute haben wir eine der in Frage kommenden weiterführenden Schulen besucht, weil dort Tag der offenen Tür war. Wie beurteilt man denn eigentlich eine weiterführende Schule? Die sehen doch irgendwie alle gleich aus, oder? Und die sehen so aus wie 1994, als ich Abitur gemacht habe. Da hing heute ein Schild im Pausenhof: „Programmiere Dein eigenes Rennspiel!“ und ich dachte daran, wie der Große Sohn damals im Coder Dojo genau das mit Scratch gemacht hat. Also sind wir mal zu Raum soundso gegangen. Kommen wir da rein, ist Calliope schon da! Das war eine freudige Überraschung, zumal dort gerade jemand von der Schule Calliope rundum erklärt und positiv angepriesen hat. Was für ein schönes Gefühl, an der Entwicklung mitgewirkt zu haben, über das mir unbekannte Menschen so enthusiastisch referieren! Das Ernst Moritz Arndt Gymnasium kommt also schon mal in die engere Auswahl, hehehe… <3

3

Im Jahr 2010 hat Stéphane Hessel seinen Essay „Empört Euch!“ (frz. Originaltitel „Indignez-vous!“) veröffentlicht. Ich habe den Text dann irgendwann im Zug gelesen und laut „Ja!“ durchs Abteil gerufen. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2017 empöre ich mich nicht mehr. Nicht, weil es nichts zum  darüber empören mehr gäbe, im Gegenteil!, aber ich kann im Moment einfach nicht mehr. Und ich habe das Gefühl, dass die Schraube zu hohl dreht und ich etwas anderes finden muss, um Wirkung zu erzielen, einen Tempowechsel vielleicht. Manchmal denke ich, dass so viele die SPD shice finden, weil sie solche wie mich shice finden. Die shice schreiben statt scheiße. Immerhin hat mein Lieblings-SPD-Beueler und -MdB Uli Kelber es wieder in den Bundestag geschafft. Und schon kommen aus allen Ecken und Enden gut gemeinte Tipps von Nicht-Sozis, was wir Sozis alles anders machen müssen. Alle Strukturen rasieren zum Beispiel. Das nun wieder ist glaube ich das einzige, was wir nicht tun müssen, wenn ich mir die Geschichte der strukturschwachen Piraten so angucke. Was ich ja gut finde, weil wir damit gute Erfahrungen gemacht haben: SPD++. Konkrete Anträge formulieren und beschließen lassen, von genau den Strukturen, die solchen Beschlüssen Wumms verleihen. Wie damals, als wir auf diese Art und Weise beinahe die VDS beim Parteikonvent gekippt hätten. Irgendwie will ich zurück nach Westerland*). Aber die Zeit ist knapp. Immerhin, vor ein paar Tagen ist der wahrscheinlich dienstälteste Kassierer der SPD bundesweit bei Facebook erschienen und ich freue mich außerordentlich darüber!

*) ins aktive Parteileben der fabelhaften SPD Beuel.

4

In unserem kleinen feministischen Start-up trackle steht das Zertifizierungsaudit nach ISO 13485 unmittelbar bevor. Seit Februar haben die Kolleginnen und ich ziemlich viel daran gearbeitet, dass wir uns danach zertifizierte Medizinprodukteherstellerin nennen dürfen. Wenn wir das geschafft haben werden – bald! – dann muss ich glaube ich mal zehn Minuten auf einer Treppe sitzen und etwas weinen.
Gerade habe ich mit unserem Anwalt die AGBs für unseren Shop abgestimmt. Weil ich selber nur wenig Ahnung von sowas habe, hatte ich ihm einen Text aus so einem Internet-AGB-Generator mit meinen persönlichen Anpassungen als Vorlage geschickt. Die erste Anmerkung von unserem wirklich tollen Anwalt zu „im folgenden Anbieter genannt“ war „oder lieber Anbieterin?“. Generisches Femininum wirkt, echt! Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich unsere Satzungstexte angepasst habe und seitdem dort wie selbstverständlich die Rede von „Investorinnen“ ist. Sprache wirkt.

5

Ich höre gerade Helge Schneider und bin inspiriert. Wie immer. Was für ein Mann, was für ein Geist!

6

Es war immer leichter mit den wirkungsvollen Gedanken, als ich leichter war im Kopf – getriebener bin ich geworden, schwieriger ist es geworden, weil ich so viele Dinge**) tun muss, die ich nicht einfach so kann, sondern mir beim Tun aneignen muss. Ich hoffe, die Kinder merken nichts und lachen immer noch über meine Witze. Und ich hoffe, dass ich bald wieder leichter werde im Kopf. Aber durch das weniger leicht sein im Kopf, so hoffe ich des weiteren, entfalten meine Taten vielleicht eine andere Wirkung – nicht so piratig (#scnr).

**) Zertifizierung nach ISO 13485 zum Beispiel, ächtz!

7

Zehn Jahre ist der Große Sohn nun alt, der Kleine Sohn sieben. Was für tolle Menschen sie sind! Jeden Tag bin ich stolz auf diese beiden. Hab ich das eigentlich je verbloggt, dass meine Kinder das einzige sind, wo ich das Wort „stolz“ verwenden mag? Weil es erstens unmittelbar etwas mit mir und meinem Handeln zu tun hat und weil es zweitens ein Bereich ist, wo „stolz sein“ mattert, weil es meinen Kindern hilft, wenn ich stolz auf sie bin? Glaube ich jedenfalls. Ich möchte sie jeden Tag bewundern***). Sie stellen jetzt so Fragen wie „Wie sieht es in Syrien aus?“ und „Wie sah es in Syrien vor dem Krieg aus?“ Sie fragen sich, warum jeder Mensch sterben muss. Wenn der Kleine Sohn mit „Papa, weißt Du was?“ eröffnet, dann sage ich oft: „Ja klar, eigentlich fast alles.“ Und dann sagt s: „Du weißt überhaupt nicht alles!“ und ich sage: „Ja klar doch, frag mich was!“ und s stellt dann so Fragen wie die da oben. Und ich sage dann: „Das weiß ich tatsächlich nicht.“ Ich weiß auch nicht, ob das so gut ist, wie ich das mache, aber ich bemühe mich, die Kinder im rechten Moment anzulügen, ihnen im rechten Moment die Wahrheit zu sagen und im rechten Moment einfach ratlos zu sein.

***) Außer jetzt bei: „Putz dir die Zähne!“; „Du musst eine Jacke anziehen, es regnet!“; „Probier wenigstens bevor du BÄH! schreist!“; „Jeder Mensch muss duschen!“; „JEDER SHICE MENSCH MUSS SICH MORGENS UND ABENDS DIE ZÄHNE PUTZEN UND WIR KÖNNTEN HIER LÄNGST FERTIG SEIN, WENN DU EINFACH DEINE SHICE ZAHNBÜRSTE NÄHMEST UND DIR DIE ZÄHNE PUTZTEST!“

8

Dieser ganze Post ist nichts als reines Fishing for Compliments, was einigermaßen uncool ist. Naja. Aber die meisten Sachen muss ich glaube ich so machen. Sekt?

Über die gute alte Zeit abgeschweift

Sitze in der Küche, lasse „Nirvana – MTV Unplugged In New York“ laufen und meine Gedanken laufen mit. 1994 erschien das Album, in dem Jahr hab ich Abitur gemacht. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alles aus der Zeit meiner Eltern und Großeltern in schwarzweiß stattgefunden haben muss, weil es nur Filme und Fotos in schwarzweiß gab. Wahrscheinlich denken meine Kinder, dass zu meiner Zeit alles in diesen übersteuerten Farben von VHS-Videocassetten stattgefunden hat.

„Was treibt Dich an?“ sollte ich vor ein paar Tagen beantworten für ein Video, das die gute Sarah vom Digitalhub Bonn gedreht hat. Ich weiß nicht mehr, was ich da gesagt habe, aber wie ich vorhin mit der Pollykowskaja über den Radweg gehe, denke ich: Ein guter Mensch sein zu wollen, das treibt mich an.

1994, Abitur gemacht, das bedeutet, dass wir in Deutsch in der Schule also noch vor 1994 „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen haben müssen. Ein Stück, das mich zumindest meiner Erinnerung nach nicht überzeugt. Kann natürlich sein, dass ich das alles immer falsch gelesen und falsch interpretiert habe, HEY!, ich war, als wir das gelesen haben, ein Teenager, also nur teilweise bei Sinnen (zumindest meiner Erinnerung nach – vielleicht trügt sie mich und ich war ein reflektierter und besonnener Junge? Mal meine Mutter fragen, bei Gelegenheit…). Seit wir „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen und sogar einmal in einer Aufführung in irgendeinem Theater (ich glaube Bochum?!) gesehen haben, bin ich mit dem Stück nicht einverstanden, denn Shen-Te scheitert (immer musste in allem, was wir in Deutsch gelesen haben, am Ende jemand mit was auch immer er/sie vorhatte, scheitern. Und „letztlich daran zerbrechen“, oh Mann!) in ihrem Versuch, ein guter Mensch sein zu wollen. Sie wird durch die Realität und die Menschen um sie herum korrumpiert und kann ihr Gutsein nicht aufrecht erhalten (Stimmt das überhaupt? Ich schreib hier mal voll aus meinem Gedächtnis, vielleicht stimmt das alles gar nicht?) Und wie ich gerade mit der Pollykowskaja über den Radweg gegangen bin, denke ich: Was für ein Quatsch, Shen-Te scheitern zu lassen. Ihr nicht die Fähigkeit verliehen zu haben, die Menschen in ihrem Menschsein erkennen zu lassen und ihr keine Mechanismen gegeben zu haben, sich darauf einstellen zu können. Das ist doch holzschnittartiger Quatsch, nur damit sie am Ende scheitert und letztlich daran zerbricht (zerbricht sie überhaupt am Ende? Keine Ahnung, ich lese den Wikipedia-Artikel vielleicht später nochmal nach).

Jedenfalls denke ich: Ich will weiter ein guter Mensch sein, das treibt mich an. Und manchmal sind meine Kinder so fröhlich und lustig und mir so lieb, dass ich, wenn ich mir zugestehen kann, dass sie vielleicht etwas von mir mitbekommen haben, annehmen kann, an einzelnen Stellen etwas richtig gemacht zu haben und deswegen zumindest ein teilweise guter Mensch zu sein (ächtz, was für ein Satz!), dann macht mich das tiefglücklich. Und dann fühle ich mich so stark, dass ich glaube, dass ich an Shen-Tes Stelle nicht scheitern und am Ende daran zerbrechen müsste.

Und so jammert Kurt Cobain nun gerade weiter und macht mich etwas melancholisch. Das ist ein schönes Gefühl. So ein wohliges die gute alte Zeit Gefühl. Und schon gerate ich in Harnisch! Die gute alte Zeit! Früher war alles besser, Wählscheibentelefone und Mixed-Cassetten, was für eine Shice! „Damals wusste man sich noch zu verabreden, da hatten wir keine Handys“, so eine Shice, Mann! Ich hab ständig nachmittags um 15:00 Uhr in Borken auf dem Marktplatz gestanden, gebacken in der Sonne und mein Freund, mit dem ich verabredet war, kam nicht, weil der verkackte Bus von Raesfeld nach Borken ausgefallen war. Ich wusste nicht: Kommt der nicht, weil der vielleicht doch keinen Bock hatte, zusammen mit mir die CDs bei Musik Senft durchzublättern oder weil was passiert ist? Muss ich mich über ihn ärgern oder muss ich ihm eher noch den Rücken stärken, weil ihm vom löchrigen ÖPNV im Westmünsterland übel mitgespielt wurde? Das war kacke und bestimmt keine gute alte Zeit. Heute sage ich Spotify: Spiel Nirvana unplugged, spielt Spotify das. Ich muss nicht erst die Cassette zurückspulen UND DAS WAR KEINE ZEIT IN DER ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HABE, das Zurückspulen war nichts als VERTANE ZEIT, FUCK!

Es gibt ja ein Kinderbuch von Paul Maar, „Die Opodeldoks“, das eigentlich gar nicht weiter der Rede wert wäre, wenn da nicht der Opadeldok wäre, der immer „Früher war alles schlechter!“ sagt. Als Kind war mir klar, dass das nur eine sprachliche Spielerei sein konnte, eben eine einfache Umkehrung des allgegenwärtigen „Früher war alles besser“. Erst in letzter Zeit, und ich bin ja nun weit über vierzig, ist mir aufgefallen, was für ein saucooler Hippie so ein Opa wäre, der ernsthaft „Früher war alles schlechter!“ zu seinem Mantra gemacht hat. Was für ein starker Charakter das wohl wäre.

Da fallen mir auch gerade die Vorwürfe ein, die uns als aktueller Elterngeneration gerade gemacht werden: Wir fahren unsere Kinder überall mit dem Auto hin, wir lassen sie an Zockgeräten zocken und Smartphones bereits im Alter von zwei Jahren benutzen, wir singen sie in den Schlaf, während wir gleichzeitig Twitter lesen. Mache ich übrigens tatsächlich. Ihr glaubt gar nicht, wie gut man ein Lied kennen muss, um es fehlerfrei singen zu können, während man andere Texte konsumiert, das kann ich nur mit „Heja BVB“, „Annes Schlaflied“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Das alles machen wir™mit unseren Kindern. Als ich anfing, in Bonn zu studieren, das muss so 1995 oder 1996 gewesen sein, hingen hier überall Plakate in der Stadt, auf denen stand: „Mehr Zeit für Kinder!“. Heute müssen wir uns permanent den Vorwurf gefallen lassen, wir seien Helikoptereltern. Unsere Kinder hätten nicht mehr den Aktionsradius von 95km, wie Kinder ihn noch um 1899 herum hatten. Wir müssen uns gefallen lassen, dass wir unsere Kinder nicht einfach von Autos überfahren lassen. Wir müssen uns gefallen lassen, dass unsere Kinder mit Sachen spielen, die entstehen konnten, weil unsere Eltern nicht alle drei Jahre die Welt in Schutt und Asche gebombt haben, sondern eine ununterbrochene Entwicklung über 70 Jahre ermöglicht haben, wirtschaftlich wie sozial wie technologisch. Meine Söhne müssen nicht mit Patronenhülsen in Kratern spielen, wir können ihnen Zelda kaufen. Das finde ich gut.

Und doch: Meine Gefühle sind echt, wenn ich Nirvana unplugged höre. Es macht ein gutes Gefühl, weil die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich Nirvana unplugged zum ersten Mal gehört habe, sehr präsent ist. Es fühlte sich damals gut an, es fühlt sich heute gut an. Enno Park hat neulich auch was dazu gebloggt: Wie die alten Idole so langsam wegbrechen, weil man einsehen muss, dass früher irgendwie doch alles schlechter war. Aber unsere Gefühle waren echt. Meine Gefühle sind echt, wenn ich das Stroh und den Sommer auf dem Hof meiner Eltern rieche – und schlagartig wird mir klar: Es waren nicht das Stroh, nicht die Sonne, das Wetter oder das Gras unter meinen Füßen, es waren nicht die Dieselabgase des Treckers meines Vaters oder das Geräusch der Mähdrescher oder Maishäcksler. Es waren meine Eltern, diese guten Menschen, die mich bestaunt haben.

Wie viele Geschichten muss man lesen, wo im vermeintlichen Idyll bukolischer Sommer die verstümmelten Seelen misshandelter Kinder große Schriftsteller hervorgebracht haben! Ich habe zwischendurch immer mal wieder überlegt, ob ich meinen Eltern den Vorwurf machen könne, wegen meiner fabelhaften Kindheit nie das Rüstzeug zu einem ernsten Schriftsteller erhalten zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Wegen meiner fabelhaften Kindheit habe ich Fähigkeiten, die viel besser sind, zum Beispiel einen nahezu unzerstörbaren Willen, ein guter Mensch sein zu wollen. Einen an Stumpfsinn und Blödheit grenzenden Optimismus, einen Emotionshaushalt, der so viele Überschüsse produziert, dass ich reichlich davon abgeben kann, sogar dann, wenn das Geld knapp wird. Meine Eltern haben einen aus mir gemacht, der glaubt, es besser als Shen-Te zu können.

Klingt jetzt nicht gerade bescheiden. Mist. Aber vielleicht bin ich ja einer der Hoschis, die dem einen oder der anderen von Euch was abgeben können? Was ich übrig habe, das könnt Ihr haben! Wäre doch schade, wenn ich diese zwanzig Meter langen Arme nur um mich selbst schlänge! (Wo sind Deine Selbstzweifel?) Heute habe ich von einer Studie gehört, dass Teilen glücklich macht. Ich glaube, das stimmt. Und wenn vielleicht in dreißig Jahren eines meiner Kinder sowas ähnliches bloggt, dann führe ich einen Besenrührtanz um meinen Rollator auf.

Ich beginne, @Nico zu verstehen

Komisch fand ich immer, wenn @Nico Bilder seiner Socken aus der Bahn oder so gepostet hat. Ich dachte: „Komische Selbstinszenierung, personal branding über Ringelstrümpfe, wie albern.“

Errungenschaft des Tages: ich hab jetzt Happy Socks! <3 (schön rot, wählt die SPD!)

Ein Beitrag geteilt von Maxim Loick (@pausanias09) am

Gestern habe ich mir vier Paar Happy Socks gekauft und gleich mal eins davon angezogen. Und wie überwältigend war der Effekt: Immer, wenn mein Blick zufällig auf meine Füße fiel, habe ich mich sehr gefreut, denn meine im nackten Zustand zugegebenermaßen eher verhalten fröhlichen Füße sehen mit einem Mal atemberaubend aus! Und jeder Blick darauf ist herzergreifend! Ich möchte Euch mit Fotos von meinen mit bunten Socken bekleideten Füßen vollposten, um diese Freude mit Euch zu teilen. Und ich beginne zu verstehen, dass es bei @Nico vielleicht nicht um personal branding geht, sondern um das jede*r Sozialdemokrat*in innewohnende Bedürfnis, Freude immer gleich mit der ganzen Welt teilen zu wollen.

Disclaimer: Mir hat keiner was dafür bezahlt, ich finde sowohl meine neuen Socken als auch @Nico auch ohne Bezahlung cool.

Charakterschwächensourcecodes initialisieren

Bei Twitter twittere ich viel dummes Zeug, so wie viele andere auch. Ein paar Bösartigkeiten sind vielleicht manchmal dabei. Wenn man alle die miesen Jokes, die im Konjunktiv verfassten Gemeinheiten zusammennimmt, könnte man Teile von Twitter auch als das Github der nickeligen fiesen Ideen ansehen, eine Sammlung von Charakterschwächensourcecodes.

Es ist denkbar, dass sich ein oder zwei überarbeitete Banker vielleicht eine Charakterschwäche erlaubt haben mögen wie „Ich piss von meinem Geldberg auf Euch da unten!“ Soweit so mies bis hier, aber im Rahmen von innergehirnlichen Vorgängen, die ich laienhaft für irgendwie noch normalpsychologisch erklärbar halte, nichts außergewöhnliches.

Aber jetzt gehen welche da hin und beauftragen eine*n Architekt*in, das hier zu entwerfen:

Das wird also entworfen, dann irgendeinem Gremium zur Abnahme vorgestellt. Die beraten über den Entwurf für sowas. In dem Moment initialisieren die ihre Charakterschwächensourcecodes, die führen das wirklich aus, die wollen das wirklich bauen. Die nehmen eine Handvoll Geld von dem Haufen, auf dem sie sitzen, und schreiben ihre Bösartigkeit in Aufträge. Das ist kein gedankenloser Tweet, was die da schreiben, die lassen Menschen und Material kommen, um einen Witz zu bauen. Die sind so weit weg, dass ihnen der Unterschieb wahrscheinlich nicht mehr auffällt. Die sind so weit weg, dass sie ihren letzten Rest Gewissen dadurch zu retten versuchen, dass sie irgendwas von „wenn Ihr da unten die Möglichkeit hättet, würdet Ihr das auch machen“ faseln, wegen „der schönen Aussicht“. Das mit dem „wir pissen auf Euch“ kommt doch von Euch, nicht von uns! Das spricht der Neid aus Euch, Ihr hattet diesen Gedanken, nicht wir!

Ich reg mich auf! Hoffentlich werden wir mit trackle unermesslich reich, nur zu dem Zweck, allen auf der Welt zu zeigen, dass man dann nicht so werden muss wie die!

Sich selber toll finden

Ich versuche das zu tun, was ich toll finde. Manchmal endet das in Situationen, in denen mir das irgendwie gelingt und ich mich selbst toll finde, was dann im Allgemeinen wieder nicht sehr populär ist: Sich selbst toll finden.

Heute wird Udo Lindenberg 70 und im WDR lief ein Song von ihm, in dem er irgendwas über sich selbst singt, irgendwas mit „ich ändere mich nicht“ und Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an. Das mit dem Dingsbums hat einen Namen und der fängt mit U an finde ich saucool, das mit dem „ich ändere mich nicht“ nicht.

Ich versuche, mich kontinuierlich zu ändern. 2012 hatte ich eine Höllenangst davor, mein Gesicht im Internet zu zeigen. Heute nicht mehr. Als Teenager hatte ich Ansichten, für die ich heute ein PAV beantragen würde (mal davon abgesehen, dass ich damals keiner Partei angehört habe). Ich habe in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen wieder so viel gelernt, ich wäre ja völlig borniert, wenn ich mich da nicht ständig ändern würde. Veränderung ist toll und notwendig. Ich habe sogar meine Einstellung zu Musik verändert, seit der Kleine Sohn Songs mitsingt, die eigentlich inakzeptabel sind. Veränderung hat immer mit Erkenntnisgewinn zu tun und damit, Erkenntnisgewinn zuzulassen.

Und manchmal, da merke ich, wie ich eine alte Verstocktheit über Bord werfe, und da finde ich mich selber etwas toll. Sich selber toll finden ist ja – völlig zurecht! – nichts, womit man Sympathien erwirbt. Aber in kleinen Dosen hilft es mir, die Welt weiter umarmen zu wollen. Und zu küssen (was die Welt dann vielleicht wieder eher neutral findet).

Die Unendlichkeit befragen

Warum hat man eigentlich Kinder? Manchmal ist es ganz einfach:

Kleiner Sohn: „Papa, warum weiß das Internet alles?“

Ich: „Das Internet weiß glaube ich gar nicht alles.“

Kleiner Sohn: „Was weiß das Internet denn nicht?“

Ich: (muss überlegen) „Das Internet weiß zum Beispiel nicht, warum alles so ist, wie es ist.“

Kleiner Sohn: (muss nicht überlegen) „Die Unendlichkeit wüsste das wahrscheinlich. Aber die können wir ja nicht fragen.“

Später, viel später, kommt mir der Gedanke, dass wir vielleicht schon alles wissen, aber nicht zufrieden genug damit sind. Diese alberne Unendlichkeit, die haben wir doch auch nur erfunden, weil uns die Endlichkeit erheblich unvorstellbarer ist. Ich fordere hiermit, dass s die größte Zahl ist. s+1 ist eine genauso unzulässige Rechenoperation wie die Division durch Null. Fertig ist die Laube.

(Hat das echt noch nie jemand gefordert?)

Immer wollen alle stehenbleiben

Kaum hat man mal was erreicht, wollen immer alle stehenbleiben. Man habe sich das verdient, sich nicht mehr anstrengen zu müssen. Man habe ja schließlich was geleistet und nun sei ja auch mal gut. Erstmal setzen. Die Sehnsucht danach, irgendwo angekommen zu sein und endlich nur noch auf der Couch zu sitzen. Und lebten glücklich auf der Couch bis ans Ende ihrer Tage. Was für ein Irrsinn.

Setzt Euch zwischendurch mal hin, trinkt ein Bier (oder von mir aus einen ganzen Kasten), nehmt Euch drei Tage Zeit, um Euren Kater loszuwerden, aber dann stellt bitte Eure Nase wieder in den Wind. Ändert immer was. Macht es so, dass es Euch nicht überfordert, aber ändert immer was, bleibt nicht stehen. Glücklich am Ende Eurer Tage werdet Ihr nur sein, wenn Ihr immer etwas ändert, bis Ihr tot seid.

Beschenkt

Gestern hatte ich Geburtstag, ich bin 41 geworden. Viele Menschen haben mir über Twitter und Facebook gratuliert – und ich find’s toll. So viele, die mir eine Freundlichkeit zukommen lassen und mir tolle Sachen wünschen und dass ich reich beschenkt werden möge.

Aber was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Ich bin doch schon so wunderbar beschenkt, gesund, glücklich, zwei gesunde glückliche Kinder und eine tolle Partnerin, mit der ich just heute ohne mit der Wimper zu zucken eine neue Firma gegründet habe. Und wir essen immer so gut! Wir trinken was wir mögen! Ich kann mich bei den Sozis so einbringen, dass die mich sogar manchmal um Rat fragen. Ich darf den D64-Ticker schreiben und ab und zu sagt einer: „Danke! Danke für die Haltung, Baby!“ Das alles macht mich sehr glücklich, nicht nur an meinem Geburtstag. Ich bin ein glücklicher Mensch (außer jetzt die Auswärtsniederlage des BVB beim HSV am Freitag, aber ok!).

 

Zwischenmenschliche Schulden abbauen

Diese Blume ist trotz ihrer offensichtlichen Unvollkommenheit schön.
Diese Blume ist trotz ihrer offensichtlichen Unvollkommenheit schön.

Heute morgen hab ich gedacht: Wir schieben seit Jahrtausenden etwas vor uns her, was ich mal arbeitstitelhaft als „zwischenmenschliche Schulden“ bezeichnen will. Damit meine ich, dass wir im Umgang miteinander noch längst nicht die Grenzen des Machbaren erreicht haben. Freundlichkeit ist eine willkommene, aber seltene Ausnahme vom Default Misstrauen. Über Jahrtausende haben wir uns angewöhnt, dass man besser immer erstmal vorsichtig sein muss, weil der/die andere uns by default erstmal was wegnehmen will. Unsere Grundhaltung ist: Sei nicht blauäugig, sei misstrauisch, selbst Schuld, wenn Du blauäugig und nicht misstrauisch bist. Misstrauen gebiert neues Misstrauen.

Wir haben das nur über die Jahrtausende ausgehalten, weil wir, wenn’s uns zu viel wurde, einfach weggehen konnten, in die Höhle, aufs Klo oder ins Bett.

Jetzt werden wir immer vernetzter. Wir entkommen dem dauernden Misstrauen, den Shitstorms und Hetzereien immer seltener, das Internet kommt inzwischen mit aufs Klo und ins Bett und das stresst uns. „Dann mach doch Dein dämliches Smartphone aus, Du Honk!“, sagt Ihr und das mache ich ja auch manchmal.

Aber das ist ja wie weglaufen und durch Weglaufen erhöhen sich die Schulden. Wir haben es uns über Jahrtausende geleistet, nicht in unsere Zwischenmenschlichkeit zu investieren. Durch Jahrhunderte des Mangels (an Nahrung, Wohnraum, Grundversorgung) entstanden, durch die Einfachheit des Sich-Entziehen-Könnens verfestigt, hat sich an der Grundhaltung „Misstrauen“ nie substanziell etwas geändert.

Jetzt erreichen wir ein Entwicklungsstadium auf technischer Ebene, dass uns vor die wichtigste Aufgabe seit Bändigung des Feuers stellt: Toleranz nicht als „aushalten, bis ich zu Hause bin“ misszuverstehen, sondern in unserem Inneren tolerant zu sein. Es wirklich ok finden, wenn jemand etwas anders macht als ich, nicht insgeheim die Augen rollen und der/dem anderen innerlich den Vogel zeigen. Meine eigene Wertung als meine subjektive Wertung erkennen und nicht als objektives Faktum missverstehen.

Wir müssen ans Eingemachte. Digitale Vernetzung macht das nicht nur evident, sondern notwendig. Die eiskalten Entscheidungen treffen Maschinen viel besser als unsere Manager*innen und Politiker*innen, Maschinen sind im „Tja! Kann man nichts machen!“ sagen viel besser als Menschen.

Es geht jetzt darum, dass wir uns um einander kümmern. Es geht darum, dass wir den Maschinen sagen: „Kann man wohl was machen, weil wir Menschen sind und ihr nicht!“ Ich klinge, als tanzte ich in Batikwallegewändern um ein Feuer, aber ich bin ganz ernst: die Ratio, seit Menschengedenken bejubelte Fähigkeit Nummer eins unserer Gehirne, verliert an Bedeutung, weil Maschinen das besser können. Was Maschinen nicht können ist „Mach ich aber trotzdem anders, einfach weil ich den/die andere*n mag!“ sagen. Weil ich mich gut fühle, wenn mein Gegenüber im Bus morgens nicht mehr grimmig schauen muss, weil der kleine Sohn ihm/ihr ein Kompliment gemacht hat. Weil „sich gut fühlen“ zu einem Wert werden muss, der nicht länger als selbstsüchtig gelten darf, sondern als Notwendigkeit begriffen werden muss. Weil „sich gut fühlen“ nicht länger auf Kosten anderer entstehen darf, sondern im gemeinsamen Erleben.

Wenn die Netzeffekte auf „sich shice fühlen“ treffen, entstehen Shitstorms (was ja noch vergleichsweise leicht auszuhalten wäre) oder, viel schlimmer, Pogrome. Wenn Netzeffekte auf „sich gut fühlen“ und „sich gut fühlen wollen“ treffen, stehen tausende an den Bahnhöfen und bringen Klopapier, Zahnpasta und Windeln.

Sicher findet Ihr ganz viele Abers und GehtNichte. Ich bin nur ein Duscher und kein Denker, der sich dank seiner bullerbühaften Kindheit im Stroh von Rhade erlauben kann, die Menschen zu mögen. Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht privilegiert bin, und Privilegien beinhalten auch immer eine Pflicht. Meine Pflicht ist, die Menschen zu mögen und das kann ich.

Fabuliere vom schönen rot ins tiefe blau

Soeben hat die SPD Hamburg die dortigen Bürgerschaftswahlen gewonnen, irgendwas mit 45,x% oder so. Fühlt sich richtig gut an, habe so lange rote Balken schon lange nicht mehr im Fernsehen gesehen. Was heißt’n das nun für die SPD insgesamt? Mehr Scholz, weniger links? Bin gespannt.

Und sogleich komme ich wieder auf die Frage, die @wasalski mir zuletzt immer wieder gestellt hat: Was soll die Rolle der SPD sein, jetzt, wo sich die klassischen Milieus allmählich aufgelöst haben? Dazu hat @wasalski mit ja extra dieses Buch von Franz Walter geschenkt, das ich pflichtschuldigst gelesen habe und das diese Frage auf rund 140 Seiten ziemlich drängend stellt. Und mir fällt nichts besseres ein als das Zitat von Andrea Nahles: Die Sozialdemokratie soll der Kitt sein, der die Gesellschaft zusammenhält (so oder so ähnlich habe ich es von ihr irgendwo gelesen, vllt. hat sie aber auch nur jemand anderen zitiert, egal, es kommt mir auf den Satz an!). Was die Sozialdemokratie leisten soll, und das ist zugleich der Grund dafür, warum ich mich für sie engagiere: Sie soll eine gesamtgesellschaftliche Solidarität herstellen, weil es für alle beteiligten schlauer, besser und einfacher ist, sich für einander einzusetzen. Die Starken für die Schwachen. Die Schwachen zu stärken, damit es mehr Starke gibt, die den Schwachen helfen können. Niemanden zurücklassen (wie Hannelore Kraft immer sagt). Ressourcen gerecht verteilen. Empowerment durch Bildung. Gleichberechtigung. Der ganze Katalog halt. Und wenn Franz Walter das Pferd von den Milieus her aufzäumt, dann will ich es von den politischen Zielen her aufzäumen. Do the right thing and let people know. Warum sollen die Starken uns wählen, wenn wir sie nur in die Pflicht nehmen wollen? Keine Ahnung. Aber es ist richtig, die Starken in die Pflicht zu nehmen. Und die Starken müssen einsehen, dass sie ohne die Schwächeren nicht stark geworden wären, dass sie aus solidarisch geschaffenen Infrastrukturen ihre Stärke gewonnen haben. Und sie müssen doch einsehen, dass es ihnen am Ende selber nützt, wenn sie die Schwächeren nicht mit Füßen treten. Und sie müssen doch einsehen, dass ein überkommenes Statusempfinden nicht mehr trägt, dass sie ja eigentlich selbst keine Lust mehr auf die Systeme haben, in denen sie die Starken sind. Sie müssen doch erkennen, dass Anerkennung mit anderen Kriterien zu erzielen ist als mit den flüchtigen Idealen vergangener Zeiten.

Ach, ich fabuliere ja ins Blaue. Aber ich lass das mal so ungefiltert stehen.