Die Konjunktive unserer Zeit

Ich hatte heute auf dem Heimweg einen kurzen Blitz von Sehnsucht: Was wäre es schön, wenn dort, wo ich hinfahre, ein großes Feuer brennen würde, wenn dort ein Bühne mit einer Bluesband wäre, ein Grill mit gutem Fleisch, kein überkandideltes Connaisseurs-Zeug, aber auch kein Aldi-aus-dem-Plastik-Dreck, wenn dort Bier wie es sein sollte wäre, also in Mengen, wenn dort @horax und @wasalski wären, wenn wir den einfachen Tunes der Bluesband zuhörten und äßen und tränken, wenn die Zehennägel unserer Barfüße grün vom Rasen wären, wenn wir uns ein paar einfacher Weisheiten durch Arm auf die Schultern legen vergewisserten und wenn eine*r sagte: „True, true“.

Und morgen äßen wir die Reste und eine*r, um zehn Uhr, zapfte sich ein erstes Stützbier und die durchgeweichten Salate schmeichelten unseren Katern und eine*r sagte: „Ach Quatsch, zwischen Leber und Milz passt noch immer’n Pils“ und keine*r lacht so recht, aber mit dem Fass, da nähmen wir es doch locker auf! Und aus der Nachbarschaft kämen ein paar, die nur mal gucken wollten, auf deren Schultern lägen alsbald unsere Arme, die ersten sagen schon wieder: „True, true“. Und sollte am zweiten Tag die Dunkelheit hereinbrechen, wir merkten es kaum, weil wir das Feuer und den Grill neu entfacht und das Fass ausgetauscht hätten und weil unsere einfachen Weisheiten unser Sehen übernommen hätten und ehe wir’s recht bemerkten schliefen wir wieder auf dem Rasen, bis uns der Tau die Kälte in unsere Rücken geschoben haben wird, und da treffen wir uns auch schon wieder in der Küche zwischen Flaschen und Flaschen und Flaschen und durch und durch gezogenen Salaten und wärmen uns an überbackenen Käsetoasts.

Und am dritten Tag fiele uns auf, dass dort Autos stehen, mit denen die meisten gekommen sind und wir räumten zerbrochene Betten und beschlammte Decken in Kofferräume und die Kinder kletterten über die Dächer, während wir die Säcke mit Müll füllen und uns versichern, dass wir bald wieder fahren können, uns gegenseitig die Arme um die Schultern gelegt.

Und dann wärt Ihr weg, aber für lange noch da, mit der Bluesband im Hintergrund und dem Essen und den grünen Zehen und dem Geruch und dem Bier und Jahre später sitzen wir irgendwo auf der Welt und prosten uns abermals zu zur Musik der Bluesband.

Grenzgang

Im Jahr 2009 erschien der Debütroman „Grenzgang“ von Stephan Thome. Damals war mein IBM Think Pad drei Jahre alt, es lief Windows XP darauf. Der Roman und die darin beschriebenen Lebensbögen, über die alle sieben Jahre reflektiert wird, haben mich damals sehr beeindruckt. Die veränderte Wahrnehmung, die Veränderung und Entwicklung der direkten und der weiteren Umwelt, die im Gegensatz zur täglichen Selbstwahrnehmung stehen: Ich bin doch immer noch derselbe! Dachte ich, aber das ist ja gar nicht so. 2009 war S anderthalb Jahre alt, s noch eine abstrakte Möglichkeit kommender Tage.

2012 habe ich das IBM Thinkpad durch dieses MacBook Pro, auf dem ich gerade schreibe, ersetzt. Ich dachte, dass sechs Jahre für ein Laptop methusalemisch genug seien, Booten hat da unter XP irgendwas zwischen 15 und 35 Minuten gedauert. Die Bildschirmauflösung hatte 1024×768 Pixel betragen.

Heute habe ich ein neues MacBook bestellt. Wir schreiben das Jahr 2021. 13“ Retina hat mich damals aus den Socken gehauen, der alte Bildschirm kam mir vor, als guckte ich durch einen Maschendrahtzaun. Die Kinder freuen sich, dass ich einen neuen Rechner bekomme, denn sie werden dieses MacBook nun bekommen. Es ist ein wenig runtergerockert, hier links, wo ich immer den Handballen der linken Hand auflege, ist das Gehäuse porös geworden, wahrscheinlich von dem vielen Angstschweiß der letzten neun Jahre. Ein neuer Rechner ist wie ein Lebensbogen.

2006, als das Thinkpad neu war, war Sommermärchen in Deutschland. Was neu war: Frauen in Fußballstadien und England war irgendwie sympathisch, nachdem es in den Jahrzehnten davor sowas wie ein Erzfeind war. Ich habe mit meinem schönen neuen Thinkpad gearbeitet und Geld verdient, ab 18:00 Uhr mit den Kollegen (nicht gegendert, erstens weil ich das damals noch nicht kannte und zweitens, weil das Team, in dem ich gearbeitet habe, tatsächlich zu 100% aus Männern bestand) zum Fuppes gucken in den Biergarten.

2007 – S geboren. @frau_ratte und ich die ersten weit und breit, die dieses Kinderdings gemacht haben. Mit 50/50-Aufteilung.

2009 – Einzug in die Kommune ZwoNull an Karneval. Ich immer noch auf ThinkPad und wir hatten wilde Fahrzeugtauschkonstruktionen zur Verbringung der Kommunardenkinder in die täglichen Betreuungsanstalten und unserer selbst zu den diversen Arbeitsstätten mit Wechsel der Fahrer*in in der Tiefgarage des BonnCenters, das ja am 19. März 2017 gesprengt wurde.

2010 – s geboren, starke Hitze rund um die Geburt. Später bin ich mit s im Tragetuch im Regen von Schwarzrheindorf um die Häuser gelaufen und habe dabei telefoniert auf der Suche nach neuen Projekten. Freelancer mit Thinkpad.

2011 – Eintritt in die SPD und Beginn eines aufregenden Lebens, weil Bekanntschaften aus dem Internet dazu kamen. D64-Beitritt und SPD-Parteitag im Dezember. Ich durfte was bloggen und @horax hat mir gezeigt, wo Peter Struck die Schnittchen holt. Ich immer noch auf ThinkPad.

2012 – Wahlkampf für Hannelore Kraft und zusammen mit dem Double des BVB und dem Wahlsieg quasi ein Triple für mich. Anschaffung meines ersten Apple-Geräts, nämlich dieses MacBooks hier. Da kam mir das noch nicht so besonders vor, den Rechner auszuwechseln.

2013, Wahlkampf Peer Steinbrück und rege Bloggingtätigkeit auf meinem schicken MacBook. Irgendwo da muss ich auch mit dem D64-Ticker-Schreiben angefangen haben. War nicht auch 2012 die erste D64-Superklausurtagung in Hamburg? 22 Männer und Valentina Kerst? Und wir so: das geht so nicht. Im Dezember ist einer meiner Kompagnons auf dem Fahrrad von einer Autofahrerin im Straßenverkehr getötet worden.

2014 war glaub ich nichts. Kann mich an nichts Herausragendes erinnern. An Weihnachten haben wir bei @holadiho getrunken und trackle für eine gute Idee befunden. Wir haben über das Wort „Rückholvorrichtung“ gegiggelt wie die Pennäler*innen.

2015 – @frau_ratte ersinnt Businesspläne für trackle, ich freelance mich mit MacBook durch die Projekte.

2016 – Calliope auf dem IT-Gipfel in Saarbrücken mit Kanzlerinnenbesuch. @holadiho mit Schlips. Bei trackle hat meine Schwester Antonia unser erstes Corporate Design zerschmettert: Das sieht ja aus wie’n Spermium, bei so einem Produkt sollten keine Männer in der Mitte stehen.

2017 – vorbei die Zeit der unbeschwerten Ideenphase, Zertifizierung als Medizinprodukt steht an! Ich in Freelanceprojekten am telefonieren mit der benannten Stelle: Ja, wir sind IIa. Welche Norm? Dreizehn-vier-wieviel? Im Herbst Bezug des Büros am Bertha, kleines Einweihungsbierchen. @holadiho fragt, ob dieses Zertifizierungsthema im Griff ist, ich zucke die Schultern und sage „Joa“. Es folgt der härteste Zertifizierungswinter meines Lebens. Im Hängeschrank hat der Vormieter des Büros eine Flasche Essigessenz stehen lassen, die nicht vollständig verschlossen war. Der lange Zertifizierungswinter 17/18 riecht sauer, ich kaufe abends im Netto auf der Oxfordstraße Hasseröder Pilsener, die Nullfümwer Pfandflasche für 49 Cent. Nudelsnack mit Wasserkocher. Auf meinem MacBook schreibe ich letztlich rd. 1800 Seiten QM-System und technische Dokumentation.

2018 – Erstaudit. Erst Jahre später begreife ich, dass unser damaliger Auditor gar kein Arsch war, sondern uns im Gegenteil äußerst wohlgesonnen – ohne ihn und seine konstruktive Art (im Rahmen der Möglichkeiten, die so Auditor*innen haben) wäre das alles nichts geworden. Ausstellung des Zertifikats am 14.06.2018. Silikonbestellung, die dann von Wacker-Chemie kommentarlos abgekündigt wird und wir quasi vor dem Nichts. @frau_ratte mit einem Telefon und hundert Nummern in Europa, Silikon wird nach Protesten von hundert Einkaufsabteilungen mittelständischer Unternehmen in der Wacker-Hotline doch noch geliefert. Im Juli haben wir unseren ersten Sensor verschickt. Die kaputte Charge, Max im Support, der Kundinnen beschwichtigt, die im Crowdfunding 2017 schon bestellt hatten. Im Oktober das Manual on Borderline: Wir dürfen auf keinen Fall Verhütung sagen! Im Winter, zu Weihnachten, klebe ich Versandkartons auf Vorrat und telefoniere mit meiner Schwester.

2019 – die Absatzzahl tritt in unser Leben. Investor*innen sind rar, ich öffne morgens die Augen und blicke in 13“ Retina, abends schließe ich die Augen. Eines der Kinder geht zur weiterführenden Schule und ist Vegetarier.

2020 – Umzug nach Vilich-Müldorf nach Eigenbedarfskündigung, die Kommune ZwoNull eröffnet zwei neue Flagshipstores. Wir übertreffen ab März jeden Monat die Sollzahlen. Corona, Homeoffice. Mein MacBook wird langsam langsam.

2021 – ich nehme meine Koteletten ab, die ich seit meinem Rom-Aufenthalt 1999 aus finanziellen Gründen getragen habe. Unter FFP2-Masken sollte man besser rasiert sein. Am Weltfrauentag 2021 sitze ich zu Hause. Die Kolleginnen halten ein Webinar ab und erklären im Internet den Zyklus, Zervixschleim und trackle. Keine hat Blumen bekommen. Wir machen irgendwie gar keine Werbung am Weltfrauentag. In Social Media kursieren SharePics mit Sträußen und Herzchen, im trackle Webinar stellen Frauen Fragen zur lutealen Phase und unsere Kolleginnen beantworten diese. Ich bin ein bisschen stolz. Wenn die Kolleginnen mir anböten, ob ich zur Anerkennung einen Strauß Blumen oder lieber diesen schönen Stift hätte, ich würde glaube ich den Stift nehmen, weil davon hab ich ja länger was.

Am 9. März bestelle ich ein neues MacBook. Es ist mein dritter Computer (ok, den Atari ST, den ich als Teenager hatte, zähle ich nicht mit). Ein Lebensbogen endet, ein neuer beginnt. Meine Kinder wollen das alte MacBook. Sie sind so groß, dass sie damit umgehen können.

Afteraudit mit Sonne und Sufjan Stevens

Gerade bin ich über @MoDeutschmann auf 1001albumsgenerator.com gestoßen. Ich habe mir das nur halbherzig angeguckt und irgendwie wurde mir dann ein Album vorgeschlagen, das ich tatsächlich gleich beim ersten Takt bemerkenswert fand und von meinem Frühstückstoast aufblicken musste. Es ist von Sufjan Stevens und heißt „Come on and feel the Illinoise“. Das Coverartwork ist so bescheiden, dass ich dabei von Absicht ausgehen muss. Die Musik hat aber einen Effekt auf mich, den ich schon lange nicht mehr verspürt habe: So was habe ich noch nie gehört!

In Kombination mit dem hellen Sonnenschein, der heute draußen scheint, und dem erfolgreich abgeschlossenen Audit diese Woche erscheint mir die Welt plötzlich wieder voller Möglichkeiten! Vielleicht muss ich @frau_ratte gleich einen Blumenkranz flechten, die Kinder unter „Vivat!“-Rufen in die Luft werfen und eine neue Firma gründen!

Bösartigkeiten

Komm, lass mal bisschen abschweifen. Ich fang mal mit was schönem an: Frau Gebauer von der FDP hat heute was lustiges gemacht, sie hat 2,6 Mio Euro ausgegeben für eine landesweite Brockhaus-Lizenz. Das ist natürlich eher nicht so klug, weil das viel Geld für ziemlichen Unsinn ist, aber ich bin eigentlich schon froh, mal was ohne Bösartigkeit zu lesen. Gegen Karl Lauterbach zum Beispiel hetzen die Wichser ohne Scheu. Ich kann gar nicht sagen, wie stark ich Karl Lauterbach gerade finde! Nicht nur, weil er alle Szenarien von Corona korrekt vorhergesagt hat, nicht nur, weil er entgegen aller Anfeidungen unermüdlich weiter in fabelhaft sachlich argumentiert, sondern weil er auch wirklich verantwortungsvoll seine eigene Rolle reflektiert. Und weil er es irgendwie trotzdem schafft, nicht zu grollen und nicht frustriert scheint. Wie so’n Sozi, ey! Und nebenbei ist er frei von jeder Bösartigkeit, erstaunlich.

Bösartig hingegen der rassistische Anschlag von Hanau, der sich heut jährt. Die Namen der Ermordeten sind:

  • Ferhat Unvar
  • Mercedes Kierpacz
  • Sedat Gürbüz
  • Gökhan Gültekin
  • Hamza Kurtović
  • Kaloyan Velkov
  • Vili Viorel Păun
  • Said Nesar Hashemi
  • Fatih Saraçoğlu

Ich habe diese Namen gerade per copy&paste in diesen unbedeutenden kleinen Text eingefügt, weil diesen Namen – Asche auf mein Haupt! – weder kenne, noch schreiben noch aussprechen kann. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt beim Thema Bösartigkeiten: Ich meine das ja nicht böse. Aber shice ist es dennoch von mir. Die Morde von Hanau treffen nämlich eben nicht „uns alle“, wie es immer mit bestem Willen in den Minuten und Stunden nach der Tat allenthalben widerhallt. Sie treffen nicht mich. Die Rassist*innen greifen nicht mich, cis-white-male from the very german countryside, an. Natürlich soll das „uns alle“ Solidarität ausdrücken, aber das täuscht nur allzu leicht darüber hinweg, dass dem gar nicht so ist. Ich mach jetzt erstmal folgendes: Ich tippe die neun Namen nun der Reihe nach selbst noch einmal hier hin, Buchstabe für Buchstabe:

  • Ferhat Unvar
  • Mercedes Kierpacz
  • Sedat Gürbüz
  • Gökhan Gültekin
  • Hamza Kurtović
  • Kaloyan Velkov
  • Vili Viorel Păun
  • Said Nesar Hashemi
  • Fatih Saraçoğlu

Das hat mich sechs Minuten dreiundreißig gekostet und ich musste die Zeichen ă und ğ dann doch kopieren, weil ich nicht die geringste Ahnung habe, wie ich die tippen soll auf meiner Tastatur. Und wie diese Namen korrekt ausgesprochen werden, weiß ich immer noch nicht. Es ist eine Schande, obwohl ich nun wirklich alles andere als bösartig sein will. Ich kann nur mutmaßen, dass gerade dieses Unsichtbarsein bei den Betroffenen eine Ohnmacht auslösen muss: Das sind doch wir und dieser weißdeutsche bricht sich ewig einen ab und kann unsere Namen noch immer nicht richtig aussprechen. Die Erkenntnis des Tages ist: es bedarf keiner bösartigen Absicht, um bösartig zu handeln. Das ist rein wissenschaftlich natürlich ein alter Hut, Sender und Empfänger und so, jajaja… Aber mir wird gerade noch mal klar, dass es erstens nicht ausreicht, die Namen der Opfer von Hanau zu copy&pasten (was natürlich aber immer noch besser ist, als die Namen nicht zu verbreiten!), dass dieses Sender/Empfänger-Dings unmittelbar schmerzhafte Effekte hat, die es aus dem wissenschaftlich-theoretischen sehr unverblümt ins real spürbare verlagern. Ach Mann, ey! Ich möchte mehr Köpfe, Hände und Zeit haben! Ich möchte türkische Laute können! Ich würde so gern sagen: I’m on it! Ich komme zu Euch! Aber morgen muss ich wieder aus Logineo den Stundenplan für die Kinder zusammensuchen, die Wäsche machen, ein Zwei-Tage-Audit nachbereiten und der Dienstleisterin Elektronik einen alternativen Oszillator freigeben, weil die Weltmärkte für Elektronikbauteile gerade etwas angespannt sind.

Ich würde mir so gern wenigstens die Namen merken können, aber ich fürchte, ich kann mich nur ein wenig kleiner machen und um Nachsicht bitten. Ich möchte wirklich nicht bösartig sein und wenn ich bösartig aussehe, mich bösartig anhöre oder meine Handlungen bösartig sind: Bitte sagt mir, wie es bei Euch ankommt.

Nicht sterben und nicht aufhören

Wenn andere mich als „Unternehmer“ bezeichnen, fühlt sich das für mich immer komisch an, denn ich fühle mich gar nicht so. Dann fällt mir wieder ein, dass ich drei Unternehmen mitgegründet habe, die alle drei bis heute den Zweck erfüllen, zu dem wir sie gegründet haben. Aber ich wollte nie zu diesen Flatterhemden gehören, die sich gemeinhin Unternehmer (nicht gegendert) nennen.

Wenn andere mich als „Blogger“ bezeichnen, fühlt sich das so ähnlich komisch an. Gerade habe ich geguckt, nächsten Frühling wird das Blog unter loick.de zehn Jahre alt und ich habe some 300-400 Beiträge geschrieben, die ich glaube ich bis heute alle ganz ok finde. Aber ich habe nie den Anspruch erheben können, irgendwie eine wichtige Stimme zu sein, deren Wirkung über die des Pressrats in der BILD-Redaktion hinausgeht. Manchmal haben Einzelne mal einen Spruch ganz witzig gefunden und ich war dann erleuchtet ob dieser Wirkung.

So what are you doing here, Loick? Warum gründest Du Unternehmen, wenn Du keine Unternehmerin sein willst? Warum bloggst Du, wenn Du keine Bloggerin sein willst? Warum hast Du Schlagzeug gespielt, wenn Du Dich nie als Musikerin gefühlt hast? Warum bist Du im Slimfit-Hemd im Konzern herumgelaufen, obwohl Du nie vorhattest, ein Arsch zu werden?

Ich glaube, ich wollte nur mal gucken. Mal ausprobieren.

Aber das mit der SPD, das hat ziemlich lange gedauert. Ich meine, mich zu erinnern, dass ich die ersten Überlegungen dazu gemacht hab, als ich noch mit @botnautzki in einer WG gewohnt habe (und das ist so lange her, da haben wir noch Rudi Carrell beschworen, dass wir mal trockene Sommer bekommen mögen). Und wie ich dann hier sehe, hat’s noch bis 2011 gedauert, bis ich mich für die Sozis und nicht für die Grünen entschieden habe. Also dieses „Sozi“-Dingen, das fühlt sich für mich viel bewusster entschieden an als das „Unternehmerin“- oder „Bloggerin“-Dingen.

Und just dieser Tage mache ich im Internet Wahlkampf für @katjadoerner von den Grünen und es fühlt sich gut, richtig und frei an – insbesondere weil unsere große Zukunftshoffnung Franziska Giffey gerade wieder mediokren Shice gesagt hat. Und dennoch, 2011 hab ich geschrieben:

Vielleicht gehen wir langsamer in die saubere, goldene Zukunft, aber wir gehen alle.

Das gilt. Und das ist Fluch und Segen zugleich, denn irgendwie ist jenes Geleiere, nicht nur von Franziska Giffey, sondern von allen anderen leading Sozis, wohl genau diesem Anspruch geschuldet: Wir machen das so, dass alle mitkommen. Andererseits resultiert daraus eine Lahmarschigkeit, die nichtmal mein lahmarschiges Westfalengemüt noch aushalten kann. Aber wie langsam ist denn die Gesellschaft? Und wer bestimmt das Tempo, also das Tempo, bei dem alle noch mitkommen? Was ist schon Zeit gegen den Atem der Welt (stammt glaube ich aus „Der Tiger von Eschnapur“)? Ist das auch der Grund, warum Sigmar Gabriel mit Rechten reden wollte? War das der ebenso unbeholfene wie untaugliche Versuch, die mitnehmen zu wollen, die die Welt nicht mehr verstehen, weil diese sich – ACH DU SCHRECK!- seit dem Wimbledon Sieg von Boris Becker weitergedreht hat?

Als ich Unternehmen gegründet habe, da hab ich das eben so gemacht, wie ich dachte, dass ich das tun sollte. Und als ich am bloggen fing, da hab ich das auch so gemacht, wie ich dachte, dass ich das tun sollte. Und jetzt bin ich in der SPD, seit fast 10 Jahren, und mach das auch so, wie ich denke, dass ich das tun sollte. Und allen diesen Engagements ist gemeinsam: Ich finde, dass ich das irgendwie richtig machen muss. Keines meiner Unternehmen ist ein disruptiver Weltkonzern geworden. Mein Blog lesen @Wasalski und @frau_ratte (mit mir sind wir also zu dritt!). Seit ich Mitglied der SPD bin, geht’s nur bergab mit dem Laden. Aber ich kann doch deswegen jetzt kein Arsch werden. Erfolg ist doch kein Indikator für „richtig“ (jaja, is joot: „Ein Geisterfahrer? Hunderte, hunderte!“). Ich kann doch nicht wegen Erfolglosigkeit aufhören. Ich muss doch irgendwie zusehen, dass ich irgendwoher Kräfte sammle und die Shice dann abwende. Als Unternehmerin habe ich mit @frau_ratte herausgefunden: Nicht sterben und nicht aufhören, daraus folgt folgerichtig ergo: Erfolg. Also Erfolg in Sinne von: Klappt. Irgendwann.

Wahlaufruf für Katja Dörner

Die Sherlocks unter Euch finden ja schnell raus, dass ich allen Umfragewerten zum Trotz in der SPD bin. Heute jedoch möchte ich die Bonner*innen bitten, am Sonntag (27.09.2020) mal nicht meine Partei, sondern Katja Dörner von den Grünen zu wählen. Ich glaube, dass das einige Knoten in der Stadt lösen würde. Mir geht zunehmend auf den Sack, wie der amtierende OB mit gekämmten Haaren und den Händen im Schoß so tut, als wäre Bonn immer noch die beschauliche kleine Boomtown am Fuße des Siebengebirges.

Aber dem ist seit langem nicht mehr so. Da steht ein weißhaariger OB-Darsteller an der Spitze der Verwaltung und glaubt, mit einer Grassode auf einer Bushaltestelle den ökologischen Wechsel simulieren zu können, während seine CDU-Hoschis hinter dem Schild namens „die Verwaltung“ federführend alles blockieren, was positive Entwicklung verspricht.

Wie war das noch in Paris? Dort hat Anne Hidalgo mit einem radikalen Wechsel in der städtischen Verkehrspolitik ihr Amt souverän verteidigen konnte – und wir sehen Fahrräder und Menschen auf Straßen, die zuvor von Autos und Abgasen dominiert wurden. Und weitere Städte zeigen, wie’s geht: Barcelona, Stockholm, Amsterdam, Oslo. Steht man in Bonn als Fußgänger*in auf der Straße, fühlt man sich zwischen all den Autos fehl am Platz. In jenen Städten fährt man mit dem Auto in Bezirke, an denen es eine*r peinlich ist, dass man die Karre nicht vor den Toren der Stadt abgestellt hat.

Kennedybrücke – Foto: Sir James – Own work, CC BY 3.0

Das will ich für Bonn auch. Wir leben hier in einer enorm schönen Lage: Rhein, Siebengebirge, vorzeigbare Bausubstanz. Und dann zerschneiden Autos  auf dem Bertha-von-Suttner-Platz die Stadt in Stücke. Die Kennedybrücke, eigentlich ein zentraler Ort in der Stadt, der das Zentrum Bonns mit dem Zentrum Beuels verbindet, ist nahezu unbenutzbar, weil dort Autos die höchste Priorität eingeräumt wird. Und wo meiner eigenen Partei so oft der Mut fehlt, den großen Wurf zu wagen, da steht die amtierende CDU für misanthrope Rückwärtsgewandtheit – und da hege ich die Hoffnung, dass mit einer grünen OB und einer rot-rot-grünen Ratsmehrheit (inkl. einer zusätzlichen grünen OB-Stimme) Dinge möglich werden könnten, die wir uns sonst nur verträumt am Lagerfeuer zu erzählen wagen.

Wählt bitte am Sonntag alle Katja Dörner.

Punk

Nun, da die KommuneZwoNull seit Februar in zwei Flagshipstores aufgeteilt wurde, kämpfe ich vermehrt damit, dass Punk zwar not dead ist, sich aber irgendwie die Haare anders macht. Wir haben jetzt eine Hecke vor dem Haus and the Gesellschaftsdruck makes me schneid it regularly unter Abspielung von Protestmusik, aber nur auf meinen Noise-Cancellation-OnEars. Mit einer elektrischen Heckenschere (die sich wiederum in den eigenen Händen punkiger anfühlt als sie in den Händen anderer aussieht).

Ich habe neulich die Kellertreppe und den Abstellraum im Keller mit dem Staubsauger gesaugt, mit „Anarchy in the UK“ auf den Noise-Cancellation-OnEars. Ich hänge die Buntwäsche draußen auf der fest installierten Wäschespinne auf – auf links, aber nicht das politische links, sondern like in mit den Nähten nach außen, damit die Sachen in der Mittagssonne nicht ausbleichen.

Und gerade heute Abend fiel mir ein, wie wir damals, vor 500 Jahren, eine Band gründen wollten und bei Musik Senft in Borken (Westf) zu viert eine E-Gitarre ausprobiert haben. Mit voller Distortion bei Zimmerlautstärke. Wir waren so begeistert! <3 Von dem Moment an hatte unsere Band vier ungeschulte Gitarristen und wir wollten uns gleich auf die Suche nach einem Bassisten und einem Schlagzeuger machen. In jener Zeit hatten wir sehr sehr gute Ideen für Songs, eine der besten bestand in den Zeilen:

„Scheißsystem, weg mit dem,
Scheißsystem, weg mit dem!“

Wir hatten dann also vier Gitarristen, keinen Bandnamen und diese Zeilen, die, wenn man’s genau betrachtet, eigentlich nur eine Zeile ist. Viel später, also so ungefähr drei Wochen später, haben Joscha und ich dann die Gitarren aufgegeben und sind an Bass (Joscha) und Schlagzeug (ich) gewechselt. Damit hatten wir immerhin alle Instrumente besetzt, jetzt mussten wir nur noch irgendwie lernen, damit umzugehen. Tobi, der weiter Gitarre spielen durfte, hat sich ein Buch gekauft. Ich hab mir ein Schlagzeug für 400 Mark (es war blau) gekauft, ich musste es mit Strohbändern zusammenbinden, damit es nicht auseinander fiel. Proberaum war bei uns zu Hause im Keller in Rhade. Meine Mutter war Grundschullehrerin und hat sechs Kinder und kann daher auch bei starker akustischer Einwirkung ihren Mittagsschlaf halten, was das ganze sehr konfliktfrei gemacht hat.

Ich war ehrlich gesagt gar nicht so ein wahnsinniger Punk, vielmehr bin ich mit einem T-Shirt von Krupp in die Schule gegangen, weil mein Onkel das mal mitgebracht hat und damals bei Krupp in irgendwelchen Führungsetagen unterwegs war. Krupp-T-Shirt hatte keine*r. Joscha hat mich kritisch darauf angesprochen und dass das ja wohl mal gar nicht geht, Großkapital und Umweltverschmutzung und so und ich habe anscheinend geantwortet „Umweltverschmutzung FIND ICH GAI-EL!“ Obwohl, das war schon ziemlich punk. Bin bisschen stolz auf mich :) Fünf Jahre später wurde ich dann auch schon neunzehn.

Als wir dann alle bisschen geübt hatten mit unseren neuen Instrumenten, haben wir Quia Chayenne gegründet, hier, die Demoaufnahmen kennt Ihr ja sicher. Was mich etwas erstaunt, ist, dass ich damals vielleicht anarchischer, aber keineswegs linker als heute unterwegs war. Tempo halten, so eine Shice haben Studiomusiker*innen gemacht. Nur weil ich Schlagzeug gespielt hab, hieß das JAWOHL NOCH LANGE NICHT, dass ich mich an irgendwas halten muss, KEA!

Oui. C’est moi. On drums.

Gleichzeitig war ich ein quasi-burgeoiser Arsch: wir hatten sogar ein Bidet im Bad. Und einen Tennisplatz (den mein Vater selbst gebaut hatte) und einen Pool (den auch mein Vater selbst gebaut hatte). Und wir hatten den Bauernhof und die Weiden und die Felder – die mein Vater nach allen Regeln der Kunst runtergewirtschaftet hat, weil er für die Führung eines Betriebs kein Talent hatte und vielleicht lieber Musiker geworden wäre. Jedenfalls hat er die Beethoven-Platten geliebt, war begeisterter Sänger im MGV Cäcilia Rhade und hat das verstimmte Klavier in unserem Keller manchmal malträtiert. Er hat auch irgendwie Trompete gespielt, aber das habe ich nie gehört. Wenn ich als Kind bei ihm auf dem Trecker mitgefahren bin, da war ich schon etwas älter, vielleicht so alt wie S jetzt oder so, da hat er mit mir über Jimi Hendrix gesprochen und ich wusste gar nicht, wer das ist. Er mochte auch Jennifer Rush und ich dachte immer nur „die Quarkstimme“ und hatte etwas Angst, dass er die nur wegen ihrer Brüste mögen könnte. Die Quarkstimme fand ich wirklich nicht so gut (ihre Brüste aber heimlich schon – das konnte ich mir aber erst letzte Woche wirklich selber eingestehen). Was macht Jennifer Rush eigentlich heute? War die Punk?

War mein Vater ein Punk? Ein Punk mit Hof? Einer, der auf Zaunkonventionen schiss? Die Rinder sind jedenfalls ständig ausgebrochen und der Strom des Elektrozauns ist immer irgendwo über ungemähtes Gras weggelaufen, weshalb ja eben die Rinder ständig ausgebrochen sind. Später ist er dann gestorben, da war ich 16 und auf dem Weg, 17 zu werden. Meine Bandkarriere hat er leider nicht mehr miterlebt und ich weiß gar nicht, wie er das wohl gefunden hätte.

Meine Mutter hat gesagt: Wenn ihr mit der Band total reich werdet, ich hätte gern die Uhr bei Dingsibumsi im Schaufenster auf dem Prinzipalmarkt in Münster, die mit den kleinen Diamanten, ob das wohl klarginge? Wäre natürlich easy klargegangen, wenn das mit mit dem Beherrschen der Instrumente der Karriere geklappt hätte. Meine Mutter hat später, als mein Vater schon gestorben war, im Auto immer Guns’n Roses hören müssen, weil meine Schwester Jule eine Cassette ins Autoradio eingelegt hatte, die auf beiden Seiten Use Your Illusion drauf hatte – und das völlig moderne Autoradio hatte ein Cassettengerät mit Autoreverse. Meine Mutter wusste nicht, wie man so ein Tape aus dem Radio entfernt, also ist sie über Jahre mit Axl zum Einkaufen gefahren. Sehr sehr viel später (so ungefähr 30 Jahre oder so) waren wir dann auf der Hochzeit meines Cousins in Oldenburg und meine Mutter, meine Schwestern und ich hatten leicht einen im Tee, da haben wir meine Mutter überredet, dass sie sich bei diesem Hochzeitstanzalleinunterhalter „November Rain“ für ihre Kinder gewünscht hat. Wir haben da sehr gelacht, zumal meine Tante, eine der zahlreichen Schwestern meines Vaters, sich an der Wand entlang zum Klo tasten musste, während meine eigenen Schwestern und ich „and it’s hard to hold a candle in the cold november rain“ intonierten.

Ist meine Mutter ein Punk? Eine Grundschullehrerin? Mit 23 im Jahre neunzehnhundertpaarnsechzig mit roten Haaren nach Rhade kommen? Während des Schützenfestes in fremde Küchen einbrechen (also „einbrechen“ mit Anführungsstrichefingerzeichen, die Türen standen damals immer 24/7 alle offen in Rhade), um sich dort mit Herrn H. zusammen in aller Ruhe ein paar Spiegeleier zu braten? Beim lokalen Molkereimagnaten in den Swimmingpool zu springen (sehr züchtig in Klamotten), um danach mangels trockener Kleidung mit nichts unter dem Pelzmantel in die Dorfkneipe zu gehen? Und dann von Manfred V. gefragt zu werden, warum sie in der Affenhitze einen Pelz trage und dann zu antworten „Weil ich nichts drunter hab, willste sehen?“ Und uns sechs Kindern zu sagen: „Mann Mann Mann, nach dem Sekt bei Schwiderek ist der Schrank an die Decke geflogen, aber in die Schule musste ich am nächsten Tag trotzdem gehen“? Ist das Punk?

Soll der Punk on ragen? Wie ist denn das heute? Heckenschere oder ausschweifende Nächte mit Drogen und Alkohol? EN ISO 13485 oder Headbanger’s Ball? Patentrecht oder Rinderzaun? Und dann Klinkerfassade? Und mit der Wasserpumpe zu den Rindern fahren, um dort Sonntag morgens die Tränke aufzufüllen? Und dabei Jennifer Rush, Beethoven und Hendrix hören?

Was machen wir denn hier gerade? Während ich diese Zeilen tippe, habe ich einen Sensor in der Unterhose, um Testdaten für ein Himmelfahrtskommando namens trackle zu sammeln. Das große Kind schreibt morgen Mathe und kennt das Kommutativgesetz nicht so richtig. Das kleine Kind hat jetzt einen Crush und eine beste Freundin, um mit ihr über seinen Crush zu reden.

Auf geht’t!

Lebt denn der alte Conny Cra-me-her noch, Cra-ha-mer noch?

Nun, da in der Stichwahl zur Bonner Oberbürgermeisterin (männliche Mitbewerberinnen sind selbstverständlich mitgemeint) Katja Dörner zur Wahl steht (und hoffentlich auch gewinnt), muss ich in Anlehnung an diese assoziativen Winkelzüge meines Gehirns, die ich bereits im November 2018 einmal zu beschreiben versucht habe, folgende Verkettung darlegen:

Katja Dörner –> Dixie Dörner (ehemaliger Ossi-Fußballer) –> Song „The night they drove old Dixie down“ –> die deutsche Adaption davon ist „Am Tag als Conny Cramer starb“ von Juliane Werding –> ZACK! Neuer Eintrag in den #ohrwurmCharts

Fahre ich also an einem Wahlplakat vorbei, Conny Cramer Ohrwurm. In ganz Bonn. Gile dabei übrigens, wie Frau Werding bei „zerbrach“ in „weil in mir eine Welt zerbrach“ so runtergeht mit der Stimme. <3

Hab heute gleichmal meinen D64-Ticker deswegen mit dieser Überschrift versehen.

Willst Du etwa alle aufnehmen?

TL; DR: Ja. Ohne wenn und aber. Organize! Be prepared!

Im Jahr 2015 waren die Grenzen offen wie seit eh und je. Im September oder so gab es dann sehr sehr viele Flüchtende und Angela Merkel hat gesagt, dass wir das schaffen. Das kleine Detail, wie, das hat sie nicht mitgeliefert, aber die Haltung war und ist immer noch richtig. Eine Million oder so kamen, es gab Trains of Hope und viele Menschen haben tonnenweise Hilfsgüter an den Bahnhöfen abgeladen. Ich fand: That’s the spirit! Aber die Freiwilligen wurden allein gelassen. Die großen leistungsfähigen Infrastrukturen, derer Aktivierung es politischen Willens bedarf, wurden nicht unter Strom gesetzt: Bundeswehr, Rotes Kreuz, von mir aus der Katastrophenschutz. Bei jedem mittelprächtigen Rheinhochwasser läuft das hier in der Rheinaustraße von Beuel aber sowas von wie geschmiert, da hat’s definierte Prozesse, vorbereitete Materiallager inkl. regelmäßiger Checks auf Vollständigkeit und Funktionalität. Sowas haben wir doch drauf, hier in Deutschland, in Mitteleuropa, wir halten Ressourcen vor für besondere Fälle – und wenn die eintreten, muss niemand lange überlegen, sondern nur die Hände dorthin tun, wo der Plan sagt. Ich bewundere sowas.

Als die sehr zahlreichen Flüchtenden dann da waren und als die ersten Arschlochstimmen aus der CSU Schließungen aller Art verlangt haben – Grenzen, Balkanroute – und Aufnahmelager und all diesen Shice, hat uns unser Bundestagsabgeordneter Uli Kelber Rede und Antwort gestanden. Ich hab ihn gefragt, was denn der Plan der Regierung sei, ob man denn Zeltstädte aufbauen würde oder überhaupt einen Plan und er konnte leider nichts anderes sagen als: Es gibt keinen Plan B. Es gibt nicht einmal einen Plan A. Das hat mich schockiert, damals im Jahr 2015.

Und heute, 2020? Machste die Timeline auf, Feuer allenthalben.  Man weiß schon gar nicht mehr: Ist das Moria? Die Taiga in Sibirien? Australien? Kalifornien oder der Regenwald? Das Eis an den Polen schmilzt, die Expert*innen sagen schockiert, dass leider ihre Worst-Case-Annahmen die aktuellen klimatischen Entwicklungen am besten getroffen haben. What do you think is going to happen? Werden sich die Leute auf buchstäblich verbrannter Erde einfach zum Sterben hinlegen oder werden sie ins mit plänenfürhochwasserinallendenkbareneskalationsstufenerprobte Rheinland kommen? Und können wir in diesem schönen Rheinland einfach sagen: „Nö! Sterbt!“ – das können wir nicht. Was zeichnet uns aus hier? Wir haben (noch) Zeit und Ressorucen. Wir müssen endlich die Pläne aufstellen, die ich mir schon 2015 gewünscht habe: Was ist zu tun wenn 1 Million, wenn 5 Millionen, wenn 15 Millionen nach Beuel kommen? Und ich meine das erstaunlicherweise weniger friedensbewegt und batikkumbajahisch als mir selber lieb ist (klaro, das auch!), ich verlange das tatsächlich aus vollkommen ökonomischen und ordnungspolitischen Gründen. Wir werden es uns nicht leisten können, unsere Energie und die Energie der Geflüchteten zu verschwenden, indem wir Mauern, Grenzen und künstliche Konflikte pflegen. Wir brauchen im Angesicht der klimatischen Umwälzungen alle Energie, um uns konstruktiv zu organisieren.

Now ein kurzer Blick into history: New York zum Beispiel. Millionenmetropole und Herzkammer der westlichen Welt. Selbst wenn die Biberfell-Trapper des 18. und 19. Jahrhunderts 24/7 durchgevögelt hätten, nie im fucking Leben hätten sie bis heute eine Stadt schaffen können wie New York. Da, wo’s richtig groß wird, wo Menschen was schaffen, da kommen ganz ganz viele verschiedene zusammen und machen was. Wie hat New York es zu dieser Bedeutung gebracht? Die haben alle aufgenommen. Einfach alle aufgenommen. Jetzt ist die Geschichte von New York alles andere als konflikt- und gewaltfrei. Aber der Kern ist: alle wurden aufgenommen und durften sich entfalten. Der American Dream (der, wie ich jüngst in einer arte-Doku lernen durfte, seine Wurzeln in Amsterdam hat, aber das müsst Ihr Euch selbst angucken…): Lasst die Leute kommen und lasst sie machen, was sie gut können.

„Willst Du etwa alle aufnehmen?!“, haben mich welche 2015 gefragt, auch aus meiner eigenen schönen Partei. Und ich ärgere mich, dass ich 2015 nur so ganz leise zu mir selbst gesagt habe: „Ja. Ich möchte alle aufnehmen.“ Und ich ärgere mich, dass „ja, ich möchte alle aufnehmen“ nur meine Meinung ist und nicht die meiner Partei. Ich ärgere mich, dass wir das natürlich schaffen würden – egal ob 1 Million, 5 Millionen oder 15 Millionen – aber niemand Pläne dafür schmiedet. Ich ärgere mich, dass das Schmieden solcher Pläne als linke Träumerei diskreditiert wird und dass die ökonomische, soziale und humane Notwendigkeit für genau diese Pläne beiseite gewischt wird. Die ganze Welt brennt literally, und wir schaffen das, aber keine*r macht sich an die Arbeit, das Wie zu definieren.

Deswegen sage ich jetzt hier und auf der Stelle: „NATÜRLICH WILL ICH ALLE AUFNEHMEN, DAS IST DAS GEBOT DER STUNDE UND NUR DIE COUNTRIES WERDEN SICH DURCHSETZEN, DIE ES DRAUF HABEN, ALLE AUFZUNEHMEN, IHR KONSERVATIVEN LOSER!“

Ich sitze im Garten des schönen großen Hauses, das wir seit Februar 2020 bezogen haben. Mein 10jähriges Kind sagt: „Ich finde, wir sollten Geflüchtete aufnehmen, aber ihr sagt, wir hätten keinen Platz, dabei haben wir Platz.“ Und mein 12jähriges Kind kommt in die Küche und macht das Licht aus (obwohl ich noch darin sitze), weil es Strom sparen will. Mein 12jähriges Kind ist Vegetarier, weil es Fleischkonsum den Klimawandel beschleunigt. Die haben Angst und ich kann sie ihnen nicht nehmen. Ich ärgere mich, weil diese großartige Fähigkeit der Menschheit – sich im Vorfeld der Katastrophe zu organisieren und sie damit zu meistern – an dem großen Manko der Menschheit – den Arsch erst hochzukriegen, wenn der eigene weiße Kiesweg vor dem Haus brennt – hängen bleibt. Wir sind doch Menschen, kea! Wir können alles!