Rockstar

Sandro Ficklein, Erstgeborener von Wilhelm und Berthe Ficklein, geborene Kramer, hatte zu Schulzeiten einiges durchzustehen. Auf dem Schulhof wurde sein Name von Grüppchen skandiert. Mit den Mädchen war es schwierig, weil sein Name selbst bei geringstem Blickkontakt als Absichtserklärung gedeutet wurde, was ja, wie wir alle wissen, auch der Wahrheit entsprach. Von durchschnittlicher Statur und einem Intellekt, den der Begriff Bauernschläue am treffendsten umschreibt, stand er abseits und war sich nicht sicher, ob er unglücklich war.

Später versuchte er, sein Leben mit diversen Kleinanstellungen zu finanzieren und lernte dabei den Laster zu lenken und die Bücher zu führen. So fuhr er im Alter von dreiundzwanzig Jahren das erste Mal allein nach Holland mit einem Mercedes 208 Transporter. Er fuhr nicht die Autobahn, sondern über die Grüne Grenze bei Oeding. Er hatte elektronische Unterhaltungsgeräte geladen, zurück fuhr er leer. Kurz vor der deutschen Grenze stand eine Anhalterin, die er bis Stadtlohn mitnahm und schließlich mit ihr zusammen blieb, ihr Name war Melissa. Sie war entspannt, denn sie konsumierte allerlei Drogen, die sich ohne den Einsatz von Spritzen einem menschlichen Körper zuführen ließen. Sie sagte zu ihm: „Du kannst fahren und du kannst die Bücher führen. Mach was eigenes, wirf dich nicht weg an so einen Chef.“

Sandro Ficklein kaufte einen eigenen Transporter und fuhr Blumen. Holland (wo alle Blumen herkommen), Ruhrgebiet (wo man viele Blumen benötigte) und Münsterland (wo man Blumen mochte). Er fuhr und führte die Bücher und abends küsste Melissa ihn und manchmal dachte er dabei an die Mädchen, die immer gerufen hatten: „Ich will küssen, ich will küssen, aber doch nicht Sandro Ficklein aus Niederzissen!“ Aber Melissa aus s‘-Hertogenbosch, die küsste ihn gerne, denn er verstand sich darauf.

Leider ist Melissa dann später gestorben, da war Sandro aber schon älter. Er hat da seinen Wagen verkauft und Hunde gehalten und Kohl gezogen. Und als er selbst zu sterben anfing, da fragte er sich, ob es denn glücklich war, sein Leben, und er wusste es nicht so genau. Manchmal war es ihm etwas langweilig gewesen.

Veröffentlicht von

Maxim Loick

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