Kommentare aus

Jetzt auch hier bei mir: Irgendwer spammt mein Blog mit Scheinkommentaren zu, so dass ich zumindest vorübergehend alle Kommentarfunktionen ausgeschaltet habe.

Ist aber auch nicht schlimm, die überwältigende Zahl echter Kommentare, die ich hier sonst bekomme, beläuft sich ja im Schnitt eh nur auf ca. einen alle drei Monate.

 

Schnupperbingcropped

Es ist ja ganz schön, auf dem Dorf groß zu werden. Für die vielen Superlative, die im allgemeinen so bereitgehalten werden gibt es gar nicht genug Menschen dort, so dass man als junger Mann den einen oder anderen davon widerstandslos für sich beanspruchen kann. So war ich damals der Schlauste, der Unangepassteste und der Witzigste. Man wird auf dem Dorf darin immer mal wieder bestätigt durch den Besuch der ländlichen Fahrschule, die Eignungs- und Verwendungsprüfung, zu der man musste, weil man total unangepasst seine Kriegsdienstverweigerung zu spät eingereicht hatte, und durch die frühe Entdeckung eines gewissen Helge Schneider, für den man an der Schule so etwas wie eine Werbekampagne abgehalten hat und dessen steigender Erfolg zu einem Teil als der eigene gewertet wurde.

Dann sagte die Frau Mama: „Geh studieren!“ und ich verließ das Dorf. Ich kam mit anderen schlauen, unangepassten und witzigen Menschen in Kontakt und alle meine Superlative mussten zu Komparativen herabgestuft werden. An der Uni gibt es ja zum Glück noch genug weniger Schlaue, sehr viele Angepasste und Nichtwitzige, so dass ich meine Hybris dort auf etwas niedrigerem Niveau aufrechterhalten konnte.

Und dann kam das Internet. Die Songs meiner Jugend haben sich verändert, seit ich die Texte gegoogelt habe, Del Amitri singen gar nicht „while American business is schnupperbingcropped“. Andere Songs, die ich für krachende Revolution hielt, entpuppten sich als schnöde Liebeslieder. Ich musste Jahre später erkennen, dass die Bewunderung, mit der ich auf den Tanzflächen der westfälischen Provinz angestarrt wurde in Wirklichkeit Verständnislosigkeit gewesen ist. Wie borniert ich war, das ist schon wieder lustig, auch wenn der Weg aus ihr heraus mich schon manchmal ziemlich gezwickt hat.

Ich habe inzwischen aufgehört mit unsinnigen Vergleichen. Über Twitter flattern mir morgens um sieben unglaublich viele Gedanken von anderen ins Mobile Device, einer liegt im Krankenhaus und sinniert über den Nachtpfleger, eine andere war am Vorabend saufen, ein dritter macht Sprüche und ist dabei der Schauspieler von Commander Data. Die Unermesslichkeit menschlicher Gehirne!

Ich weiß jetzt übrigens, dass es „while American business men snap up Van Goghs for the price of a hospital wing“ heißt.

Manchmal finde ich einen Gedanken schlau oder witzig und manchmal fahre ich mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone.

Es ist an der Zeit, einem Ehre zu erweisen.

Der feine Twitterer @chilligonzales ist jemand, dem zu folgen ist. Er ist nicht laut, aber schlau. Und witzig. Einer, der alles verstanden hat, sich dessen aber nie ganz sicher und deswegen auch nie ganz damit fertig ist.  Ein Beobachter mit filigranem Gespür für die Aussagen einer Situation, einer der alles kann, der die erste Reihe aber den Lauten überlässt.

Vor diesem Hintergrund betrachte man folgenden kleinen Dialog und sei dankbar, dass es solche Menschen gibt:

Ohrwurm Charts

An die werten Coderinnen und Coder in meiner Followerschaft: Kann mal bitte einer die Ohrwurmcharts-Plattform aufsetzen? Dazu sollen bei Twitter alle Tweets mit dem Hashtag #ohrwurmCharts getrackt werden, am besten mit Timestamp und wenn verfügbar mit Geo-Daten.

Aus den Tweets mit dem #ohrwurmCharts Hashtag soll die schlaue Software Interpret und Titel herausparsen können, ohne dass der Twitterer sich dabei an bestimmte Konventionen halten muss. Vielleicht gibt es ja irgendwelche Datenbanken, gegen die man prüfen kann? Der Hashtag #ohrwurmCharts sollte SELBSTREDEND  für den Admin der Plattform leicht konfigurierbar sein.

Wenn dann eine annehmbare Zahl von #ohrwurmCharts Tweets erfasst wurde, sollen sich die Nutzer der Plattform Statistiken mit folgenden Stellschrauben anzeigen lassen können:

  • Welcher Song war im Zeitraum von [startZeitpunkt] bis [endZeitpunkt] im Bereich [geoBereich] der häufigste Ohrwurm?

Damit kann man sich schöne Charts auswerfen lassen, zum Beispiel: Was haben die mies gelaunten Twitterer Montag morgens auf dem Weg zur Arbeit im Ohr? Gibt es Übereinstimmungen zum dort ausgestrahlten Radioprogramm?

Ginge das bis Sonntag Abend, bitte?

Über die Emotion (von einem eiskalten Entscheider)

Was ich nach sechsacht Jahrhunderten auf Twitter plötzlich feststelle: Es ist (unter anderem) die Emotion, die Twitter so gut macht. Da hauen die Leute raus, was ihnen über die Leber gelaufen ist. Und das Gute an der Emotion scheint mir zu sein, dass sie unverstellt ist (weil sie kaum verstellbar ist) und daher dem Zwecke dienlich ist, die Identifikation mit den Gelesenen zu erhöhen.

Irgendwas passiert und eine schreibt was dazu. Rantet ab. Und schreibt danach weiteres dazu und wird friedlicher. Und ändert vielleicht ihre Meinung nach drei Tagen. Und das ist der gleiche Prozess, den ich vielleicht selbst zu diesem Thema durchlaufe. Und das ganze ist nicht rational und nicht begründet, sondern es passiert einfach so. Und das macht es so nachvollziehbar und… menschlich.

Man darf also nicht nur am Meinungsbildungsprozess anderer teilhaben, sondern man wird darüber hinaus noch ihrer ganzen Menschlichkeit während dieses Prozesses gewahr, eben jener Menschlichkeit, die man für sich selber gern einfordern würde (es aber z. B. im Berufsleben nicht tut), eben jener Menschlichkeit, die einem erst eine gewisse Gewissheit gibt, weil sie emotional ist.

Und ständig versuche ich, meine Emotionen nicht zu zeigen, sie zu unterdrücken oder mich zumindest nicht von ihr leiten zu lassen. Das ist völlig ok so, aber welche Funktion hat die Emotion denn, wenn sie mir eigentlich nur lästig ist? Sie könnte die Funktion haben, Glaubwürdigkeit zu transportieren. Und – das glaube ich an meinen Kindern feststellen zu können – wichtiges von weniger wichtigem zu trennen. Wenn ich meinem Sohn sage, er soll nicht mit den Kartoffeln rumspielen, dann hört er das und vergisst es im nächsten Moment. Wenn ich hingegen sehr emotional reagiere, weil er gerade an der Steckdose spielt, dann merkt er sich viel länger, dass es mir damit ziemlich ernst ist und dass da etwas dran ist, das über die Meinung, den Kopf, seines Vaters hinausgeht. Etwas, was noch nicht mal sein Vater (der Held) unter Kontrolle hat. Etwas Wahrhaftiges.

Emotion ist auch ein bisschen Zugeben von „Ich weiß jetzt nicht mehr weiter“, das Eingeständnis, dass eine Grenze erreicht ist, hinter die man nicht mehr zu blicken vermag. Und dadurch, dass ich diese vermeintliche Schwäche zulasse, lasse ich eine Gleichstellung zu zwischen mir und meinem Gegenüber. Ich weiß nicht, was Du weißt, aber ich weiß nicht mehr weiter. Da liefert man sich plötzlich aus, und der, dem man sich (unfreiwillig) ausliefert, hat nun alle Möglichkeiten, damit umzugehen.

Ach Leute, ich weiß es doch auch nicht!

Wo Pseudonyme funktionieren

In seinem Blogbeitrag „Pseudonyme sind nicht Anonyme“ vom 4. August 2011 hat sich @publictorsten dazu geäußert, dass sich Martin Heidingsfelder, der Gründer von VroniPlag, bei SPON selbst geoutet hat, bevor jemand anderes das tut. Dazu sagt @publictorsten:

„…nochmal ausdrücklich: Pseudonyme funktionieren nicht.“

Ich denke aber, dass gerade der von @publictorsten selbst angeführte Umstand, dass sich Herr Heidingsfelder erst kürzlich mit Andrea Nahles im Rahmen einer „Angela, nein danke“Aktion ablichten ließ, eher dafür spricht, dass Pseudonyme eben doch funktionieren und einen Sinn haben können.

Denn was wäre gewesen, wenn Herr Heidingsfelder VroniPlag unter seinem richtigen Namen gestartet hätte? Ihm wäre aufgrund o. g. Aktion eine Nähe zum politischen Gegner nachgesagt worden (die es meinetwegen ja auch gerne tatsächlich geben mag), was die Glaubwürdigkeit von VroniPlag von vorneherein angreifbar gemacht hätte. Durch die Verwendung eines Pseudonyms hingegen wurde die Person des Gründers völlig (und zu Recht!) aus dem Fokus genommen und es wurden einzig die durch VroniPlag ermittelten Ergebnisse – also die Sache selbst – diskutiert.

Die Ergebnisse von VroniPlag nun waren derart relevant, dass richtigerweise die Plattform selbst hinterfragt werden musste und es dazu kam, dass Herr Heidingsfelder sich selbst zu erkennen gab. Die Verwendung des Pseudonyms hat also die Funktion erfüllt, die Person des Gründers so lange aus dem Fokus zu halten, bis VroniPlag eine kritische Relevanz erreicht hat.

Ich denke, dass diese Relevanz wohl nicht erreicht worden wäre, wenn man von vorneherein Herrn Heidingsfelder als mutmaßlichen Sympathisanten des politischen Gegners der Durchleuchteten als Angriffsfläche geboten hätte. VroniPlag wäre nur als persönlicher Kreuzzug von Herrn Heidingsfelder wahrgenommen worden.

Ein soziales Netzwerk, viele Räume

Am 18. Juli habe ich auf Twitter behauptet, jeder von uns habe genau EIN soziales Netzwerk. Darauf hat der geschätzte @alsowirklich einen Blogpost verfasst, in dem er sagt, dass die Aussage irrelevant sei, weil sich die Menschen in verschiedenen Netzwerken unterschiedlich verhalten und unterschiedliches Verhalten der anderen erwarten.

Ich halte die Aussage immer noch für relevant.

Ich glaube, dass es sich lohnt, in diesem Zusammenhang möglichst präzise zu bleiben und die verschiedenen Begriffe nicht zu vermischen. Ich gebe @alsowirklich darin recht, dass die Personen meines Sozialen Netzwerks in unterschiedlichen Räumen unterschiedliche Rollen einnehmen. Bei XING etwa versuche ich, den seriösen Businessman in mir darzustellen, bei Twitter schreie ich dagegen alles raus, was mir gerade so durch den Kopf geht. Bei Facebook nun wieder bin ich selbst nicht so wahnsinnig aktiv, aber wie’s aussieht, sind die meisten dort eher als „Privatleute“ (keine Ahnung, was das eigentlich genau sein soll) unterwegs.

Das ist m. E. zu vergleichen mit den verschiedenen Rollen, die ich einnehme, wenn ich mich in unterschiedlichen physischen Räumen bewege. Im Meetingraum eines Konzerns mit meinem Kunden bin ich eher bemüht, die sogenannt seriösen Aspekte meiner Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, im Stadion bin der krakeelende BVB-Fan, auf der Couch der käsewürfelessende Conaisseur, der französische Literaturverfilmungen bei arte guckt. Oder der völlig überstresste Familienvater, der teilnahmslos auf den Bildschirm starrt und froh ist, dass die Kinder endlich schlafen. Oder der krakeelende BVB-Fan.

Warum nun diese Wortklauberei? Ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob ich von verschiedenen „Räumen“ spreche oder von verschiedenen „Netzwerken“. So kann ich zum Beispiel mit der wunderbaren @frau_ratte (die nebenbei meine Ehefrau – JETZT IST ES RAUS, JETZT IST ES RAUS!!! – ist) zum einen zusammen auf der Couch sitzen und eine der o. g. Rollen einnehmen, ich kann aber auch mit ihr in einem Meetingraum sitzen und der Seriöse sein.
Ich kann mit dem großartigen @wasalski im Brauhaus sitzen und über Geschäftliches reden oder bei uns auf der Terrasse und über Unsinn wie einen Gelehrtenbriefwechsel sprechen – ich kann mit ihm darüber hinaus auch in einem Projekt zusammenarbeiten, und mich dort wieder ganz anders verhalten.

Ich kann die Personen meines Sozialen Netzwerks in verschiedene Räume mitnehmen und ihnen dort meine anderen Rollen – oder andere Aspekte meiner Persönlichkeit – präsentieren und zugleich ihre anderen Rollen und weiteren Facetten ihrer Persönlichkeit kennenlernen. Das erweitert das Bild, das ich von diesen Personen habe, und das erschließt mir mein Soziales Netzwerk um weitere Aspekte, die genaugenommen schon die ganze Zeit da waren, die ich nur bisher nicht kannte. Es sind aber immer noch die selben (sic!) Personen, die ich in meinem Sozialen Netzwerk habe.

Wenn ich nun weiß, dass zum Beispiel @wasalski sich bei Facebook in einer bestimmten Art und Weise darstellt und bei Twitter in einer zweiten bestimmten Art und Weise und im Stadion wieder in einer dritten bestimmten Art und Weise, dann verknüpfe ich ja automatisch diese drei Rollen miteinander, weil ich ja immer weiß, dass es die selbe Person ist, und es entsteht ein zusammenhängendes Bild der Person @wasalski.

Wenn ich hingegen sage, dass Twitter das eine soziale Netzwerk sei und Google+ das andere, dann lasse ich diese Verknüpfungen, die ich für eine Person gemacht habe, quasi unter den Tisch fallen. Das aber tut ja in Wirklichkeit keiner.

Ebenso gibt es natürlich Personen in meinem Sozialen Netzwerk, die ich immer nur in ein und dem selben Raum treffe, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Den Barkeeper Marco aus dem Namenlos kenne ich nur als den Barkeeper, nicht aber als Familienvater, nicht als politisch handelnden Menschen, nicht als keine Ahnung was noch. Genauso gibt es Twitterer, die ich nur auf Twitter kenne und von denen ich ein vergleichsweise eindimensionales Bild habe. Plötzlich aber ist zum Beispiel einer wie @moellus auch bei Google+ und postet da unter seinem echten Namen. Und viel längere Texte als bei Twitter. Ich habe es hier aber nicht mit einer neuen Person zu tun, sondern lerne die selbe Person nur besser kennen.

Ich finde, das alles hätte man meinem Tweet durchaus entnehmen können ;-)