Grenzgang

Im Jahr 2009 erschien der Debütroman „Grenzgang“ von Stephan Thome. Damals war mein IBM Think Pad drei Jahre alt, es lief Windows XP darauf. Der Roman und die darin beschriebenen Lebensbögen, über die alle sieben Jahre reflektiert wird, haben mich damals sehr beeindruckt. Die veränderte Wahrnehmung, die Veränderung und Entwicklung der direkten und der weiteren Umwelt, die im Gegensatz zur täglichen Selbstwahrnehmung stehen: Ich bin doch immer noch derselbe! Dachte ich, aber das ist ja gar nicht so. 2009 war S anderthalb Jahre alt, s noch eine abstrakte Möglichkeit kommender Tage.

2012 habe ich das IBM Thinkpad durch dieses MacBook Pro, auf dem ich gerade schreibe, ersetzt. Ich dachte, dass sechs Jahre für ein Laptop methusalemisch genug seien, Booten hat da unter XP irgendwas zwischen 15 und 35 Minuten gedauert. Die Bildschirmauflösung hatte 1024×768 Pixel betragen.

Heute habe ich ein neues MacBook bestellt. Wir schreiben das Jahr 2021. 13“ Retina hat mich damals aus den Socken gehauen, der alte Bildschirm kam mir vor, als guckte ich durch einen Maschendrahtzaun. Die Kinder freuen sich, dass ich einen neuen Rechner bekomme, denn sie werden dieses MacBook nun bekommen. Es ist ein wenig runtergerockert, hier links, wo ich immer den Handballen der linken Hand auflege, ist das Gehäuse porös geworden, wahrscheinlich von dem vielen Angstschweiß der letzten neun Jahre. Ein neuer Rechner ist wie ein Lebensbogen.

2006, als das Thinkpad neu war, war Sommermärchen in Deutschland. Was neu war: Frauen in Fußballstadien und England war irgendwie sympathisch, nachdem es in den Jahrzehnten davor sowas wie ein Erzfeind war. Ich habe mit meinem schönen neuen Thinkpad gearbeitet und Geld verdient, ab 18:00 Uhr mit den Kollegen (nicht gegendert, erstens weil ich das damals noch nicht kannte und zweitens, weil das Team, in dem ich gearbeitet habe, tatsächlich zu 100% aus Männern bestand) zum Fuppes gucken in den Biergarten.

2007 – S geboren. @frau_ratte und ich die ersten weit und breit, die dieses Kinderdings gemacht haben. Mit 50/50-Aufteilung.

2009 – Einzug in die Kommune ZwoNull an Karneval. Ich immer noch auf ThinkPad und wir hatten wilde Fahrzeugtauschkonstruktionen zur Verbringung der Kommunardenkinder in die täglichen Betreuungsanstalten und unserer selbst zu den diversen Arbeitsstätten mit Wechsel der Fahrer*in in der Tiefgarage des BonnCenters, das ja am 19. März 2017 gesprengt wurde.

2010 – s geboren, starke Hitze rund um die Geburt. Später bin ich mit s im Tragetuch im Regen von Schwarzrheindorf um die Häuser gelaufen und habe dabei telefoniert auf der Suche nach neuen Projekten. Freelancer mit Thinkpad.

2011 – Eintritt in die SPD und Beginn eines aufregenden Lebens, weil Bekanntschaften aus dem Internet dazu kamen. D64-Beitritt und SPD-Parteitag im Dezember. Ich durfte was bloggen und @horax hat mir gezeigt, wo Peter Struck die Schnittchen holt. Ich immer noch auf ThinkPad.

2012 – Wahlkampf für Hannelore Kraft und zusammen mit dem Double des BVB und dem Wahlsieg quasi ein Triple für mich. Anschaffung meines ersten Apple-Geräts, nämlich dieses MacBooks hier. Da kam mir das noch nicht so besonders vor, den Rechner auszuwechseln.

2013, Wahlkampf Peer Steinbrück und rege Bloggingtätigkeit auf meinem schicken MacBook. Irgendwo da muss ich auch mit dem D64-Ticker-Schreiben angefangen haben. War nicht auch 2012 die erste D64-Superklausurtagung in Hamburg? 22 Männer und Valentina Kerst? Und wir so: das geht so nicht. Im Dezember ist einer meiner Kompagnons auf dem Fahrrad von einer Autofahrerin im Straßenverkehr getötet worden.

2014 war glaub ich nichts. Kann mich an nichts Herausragendes erinnern. An Weihnachten haben wir bei @holadiho getrunken und trackle für eine gute Idee befunden. Wir haben über das Wort „Rückholvorrichtung“ gegiggelt wie die Pennäler*innen.

2015 – @frau_ratte ersinnt Businesspläne für trackle, ich freelance mich mit MacBook durch die Projekte.

2016 – Calliope auf dem IT-Gipfel in Saarbrücken mit Kanzlerinnenbesuch. @holadiho mit Schlips. Bei trackle hat meine Schwester Antonia unser erstes Corporate Design zerschmettert: Das sieht ja aus wie’n Spermium, bei so einem Produkt sollten keine Männer in der Mitte stehen.

2017 – vorbei die Zeit der unbeschwerten Ideenphase, Zertifizierung als Medizinprodukt steht an! Ich in Freelanceprojekten am telefonieren mit der benannten Stelle: Ja, wir sind IIa. Welche Norm? Dreizehn-vier-wieviel? Im Herbst Bezug des Büros am Bertha, kleines Einweihungsbierchen. @holadiho fragt, ob dieses Zertifizierungsthema im Griff ist, ich zucke die Schultern und sage „Joa“. Es folgt der härteste Zertifizierungswinter meines Lebens. Im Hängeschrank hat der Vormieter des Büros eine Flasche Essigessenz stehen lassen, die nicht vollständig verschlossen war. Der lange Zertifizierungswinter 17/18 riecht sauer, ich kaufe abends im Netto auf der Oxfordstraße Hasseröder Pilsener, die Nullfümwer Pfandflasche für 49 Cent. Nudelsnack mit Wasserkocher. Auf meinem MacBook schreibe ich letztlich rd. 1800 Seiten QM-System und technische Dokumentation.

2018 – Erstaudit. Erst Jahre später begreife ich, dass unser damaliger Auditor gar kein Arsch war, sondern uns im Gegenteil äußerst wohlgesonnen – ohne ihn und seine konstruktive Art (im Rahmen der Möglichkeiten, die so Auditor*innen haben) wäre das alles nichts geworden. Ausstellung des Zertifikats am 14.06.2018. Silikonbestellung, die dann von Wacker-Chemie kommentarlos abgekündigt wird und wir quasi vor dem Nichts. @frau_ratte mit einem Telefon und hundert Nummern in Europa, Silikon wird nach Protesten von hundert Einkaufsabteilungen mittelständischer Unternehmen in der Wacker-Hotline doch noch geliefert. Im Juli haben wir unseren ersten Sensor verschickt. Die kaputte Charge, Max im Support, der Kundinnen beschwichtigt, die im Crowdfunding 2017 schon bestellt hatten. Im Oktober das Manual on Borderline: Wir dürfen auf keinen Fall Verhütung sagen! Im Winter, zu Weihnachten, klebe ich Versandkartons auf Vorrat und telefoniere mit meiner Schwester.

2019 – die Absatzzahl tritt in unser Leben. Investor*innen sind rar, ich öffne morgens die Augen und blicke in 13“ Retina, abends schließe ich die Augen. Eines der Kinder geht zur weiterführenden Schule und ist Vegetarier.

2020 – Umzug nach Vilich-Müldorf nach Eigenbedarfskündigung, die Kommune ZwoNull eröffnet zwei neue Flagshipstores. Wir übertreffen ab März jeden Monat die Sollzahlen. Corona, Homeoffice. Mein MacBook wird langsam langsam.

2021 – ich nehme meine Koteletten ab, die ich seit meinem Rom-Aufenthalt 1999 aus finanziellen Gründen getragen habe. Unter FFP2-Masken sollte man besser rasiert sein. Am Weltfrauentag 2021 sitze ich zu Hause. Die Kolleginnen halten ein Webinar ab und erklären im Internet den Zyklus, Zervixschleim und trackle. Keine hat Blumen bekommen. Wir machen irgendwie gar keine Werbung am Weltfrauentag. In Social Media kursieren SharePics mit Sträußen und Herzchen, im trackle Webinar stellen Frauen Fragen zur lutealen Phase und unsere Kolleginnen beantworten diese. Ich bin ein bisschen stolz. Wenn die Kolleginnen mir anböten, ob ich zur Anerkennung einen Strauß Blumen oder lieber diesen schönen Stift hätte, ich würde glaube ich den Stift nehmen, weil davon hab ich ja länger was.

Am 9. März bestelle ich ein neues MacBook. Es ist mein dritter Computer (ok, den Atari ST, den ich als Teenager hatte, zähle ich nicht mit). Ein Lebensbogen endet, ein neuer beginnt. Meine Kinder wollen das alte MacBook. Sie sind so groß, dass sie damit umgehen können.

Von Maxim Loick

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