Bericht vom Barcamp #DigitalLEBEN am 25. April 2015

Gestern hat das Barcamp #DigitalLEBEN der SPD in Berlin stattgefunden und ich bin extra dafür und wegen der Aussicht auf einen schönen Abend mit den D64er*innen nach Berlin gefahren.

Wie es sich für ein ordentliches Barcamp gehört, steht man erstmal mit denen rum, die man kennt und trinkt einen Kaffee auf Parteikosten und macht ein paar Sprüche, um locker zu werden. Schließlich hat Yasmin Fahimi, also die Generalsekretärin der SPD, ein paar eröffnende Worte an uns gerichtet. Ich musste ihr recht geben, als sie sagte, dass DigitalLEBEN mehr ist als nur Vorratsdatenspeicherung.

Dann wurde das Grid gefüllt, allein zur VDS waren glaub ich sechs Sessions eingereicht worden. Nach kurzer Vorstellung der jeweiligen Themen ist dann am Ende dieser Plan dabei rausgekommen: Barcamp #DigitalLEBEN, Sessionplanung, 25.04.2015.

Session 1: Digitale Bildung

Als erstes bin ich natürlich zu Josefine Geib und Niklas Konrad mit dem Thema „Digitale Bildung“ gegangen. Was ich angenehm und für die SPD nicht selbstverständlich fand: Das Wort „Digital Natives“ ist nicht ein einziges Mal gefallen, es gab keine Verweise auf irgendwelche Hirnforschung und die ganze Diskussion war von konstruktivem Gestaltungswillen geprägt. Weder standen Bedrohungs- noch Verblödungsszenarien im Vordergrund, sondern vor allem die Erkenntnis, dass die Digitalisierung das bestehende Bildungssystem nicht „unterstützen“ oder „erweitern“ kann, sondern fundamentalen Einfluss darauf nimmt.

Mein Beispiel in dieser Diskussion war: Wenn Schüler*innen in den Abiturprüfungen mit aller Macht vom Wissen der Welt ferngehalten werden, indem Smartphones verboten und Zugang zum Internet unterbunden und als „mogeln“, Betrug oder Verblödung sanktioniert werden, kann man einerseits die Polizeipräsenz auf Schulklos massiv erhöhen oder vielleicht Aufgaben stellen, die darauf ausgerichtet sind, dass Schüler*innen diese mit Hilfe des Internets und digitalen Technologien lösen.

Insgesamt war die Session ziemlich vollumfänglich, so dass wir sehr sehr viele Aspekte angesprochen, aber nicht diskutiert haben. Die Liste der Themen war diese hier, ich schreib sie einfach mal so ab und denke, dass wir in der D64-Bildungsgruppe öfter noch darauf zurückgreifen werden:

Frühkindliche Bildung:

  • zu hohe Kinderbetreuungskosten
  • zu wenige Lehr- und Betreuungskräfte
  • zu viele Kinder auf eine*n Erzieher*in
Schule:

  • 3gliedriges Schulsystem
  • individuelle Lehrpläne
  • veraltete starre Lehrpläne
  • viele Initiativen in den Bundesländern, dennoch stehen wir nicht gut da
  • 1:1 Austausch Schulbuch:iPad wird der Digitalisierung nicht gerecht
  • uneinheitliche Standards im Informatikunterricht
  • IT-Ausstattung an Schulen, Finanzierung Bund?
  • IT-Fachkräfte an Schulen
  • Transport von Schüler*innen auf dem Land
  • Kontrollverlust durch digitale Medien macht Angst, wie überwinden wir das?
  • Schulbücher oft noch unanschaulich oder unkritisch
  • dass Lehrer*innen nicht von Schüler*innen lernen wollen!
  • inklusive Schule für alle
  • Medienkonsum ≠ Drogenkonsum
Ausbildung:

  • zu viele Unterschiede

Hochschule:

  • Lehrer*innenausbildung
  • begrenzte Kapazitäten / Studienplätze
  • „Verschulte“ Hochschulausbildung
  • fehlende Flexibilität bei Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen
  • Unversal- vs. Spezialwissen, hohe Diversität von Studiengängen
  • Verschulung vom Bachelor

Weiterbildung / Lebenslanges Lernen:

  • lebenslanges Lernen als Grundrecht/-pflicht
  • „seriöse“ Bildungsmöglichkeiten im Netz schwer zu finden
  • Selbstfinanzierung der Weiterbildung
  • barrierefreier Besuch in der VHS
  • Anreize und Freiräume für berufsbegleitendes Lernen
Sideboard:

  • Inklusion oft noch nicht reflektiert umgesetzt
  • negaitv/„Bedrohung“-gesteuerte Debatte
  • verschiedenes Lernverhalten
  • sozial ungleiche Bildungschancen
  • unterschiedliche Standards trotz „gleichem“ Abschluss
  • Bildung bereitet nicht auf das vor, was man braucht
  • Kultushoheit der Länder! einheitliche Lehrpläne?
  • Leistungsdruck statt Persönlichkeitsentfaltung
  • Finanzierung
  • Lernen zum Vergessen
  • Was ist heute Allgemeinbildung?
  • Kindersicherung im Internet
  • Föderalismus
  • Definition der Kompetenzen für #Digital(unleserlich)
  • Bildung 4.0?

Session 2: Bessere Vernetzung

Die zweite Session, die ich besucht habe, hat @kaffeeringe aufs Tableau gehoben, hier ging es darum, wie wir innerhalb der SPD die digitalen Themen auf eine breitere Basis stellen. Wie der D64-Musterantrag gegen die VDS ja gezeigt hat, kommt ja erst so richtig Druck auf die Leitung, wenn in der SPD Anträge beschlossen werden. Das geschieht im Moment hauptsächlich über die Ortsvereine oder die Unterbezirke (so heißen diese Gliederungen bei uns in NRW, woanders haben die andere Bezeichnungen). Das hat jetzt für die VDS ja ganz gut geklappt, viele haben entsprechende Beschlüsse gefasst, aber, sind wir ehrlich, für die VDS kommt das drei Jahre zu spät. Das Problem ist, dass das Thema in der Partei so lange gebraucht hat, um prominent genug zu werden, dass sich die „Standardgliederungen“ einen Beschluss dazu zutrauen. Bei weiteren digitalen Themen werden wir aber nicht wieder jeweils drei Jahre warten können, bis das Parteibewusstsein sich zur Entscheidungsfähigkeit entwickelt hat.

Daher hat Steffen vorgeschlagen, dass wir uns innerhalb der SPD stärker organisieren müssen. „Gründet Arbeitskreise auf UB-Ebene“, war der Tenor dieser Session und ich habe mir fest vorgenommen genau das zumindest erstmal in Bonn zu tun und darüberhinaus die Genoss*innen innerhalb des D64 darum zu bitten, das auch in ihren jeweiligen Gliederungen zu tun. Wenn wir uns schlaue Dinge bei D64 ausdenken, ist es ja umso schöner, wenn wir die dann auch gleich schlagkräftig in die Partei tragen können.

Steffen hat die Session auch gleich selbst noch einmal verbloggt, das könnt Ihr hier nachlesen: „Organisiert Euch!“

Nach der zweiten Session war erstmal Mittagessen, es gab Wurst, selbstverständlich nicht ohne den lieben @horax.

Session 3: Generation Gap in der Schule

Nach dem Mittagessen ging’s dann für mich im Hof weiter. Bei allerschönstem Wetter saßen wir mit @EskenSaskia und @lorenzotural in entspannter Runde und Lorenzo erzählte uns ein wenig aus seinem digitalen Schulalltag. Was mir besonders präsent geblieben ist:

  • Es werden Smartphoneverbote verhängt und die Kinder umgehen diese ebenso selbstverständlich wie mühelos.
  • Guter, interessanter Unterricht unterbindet ungewollten Smartphoneeinsatz ganz von selbst
  • Das Verhältnis Lehrer*in – Schüler*in ist von einem Machtgefälle geprägt, Lorenzo hat das so formuliert: „Die Lehrer haben kein Vertrauen zu den Kindern.“

Ich fand es einerseits sehr angenehm, diese Aspekte einmal von einem 14jährigen direkt ausgesprochen zu hören, auf der anderen Seite hatte ich ja heimlich die Hoffnung gehegt, dass der Schulalltag vielleicht weniger diesem Klischee entsprechen möge.

Aber es ist ja nicht alles schlecht, „Kohärentes Lernen“ (also quasi das, was sie da jetzt in Finnland im großen Stil aufziehen möchten) ist als Thema in der deutschen Bildungsdebatte angekommen – auch wenn wir weit davon entfernt sind, sowas konkret in Angriff zu nehmen.

Fazit

Ich fand das Barcamp eine sehr runde Sache, ich habe viele Bekannte getroffen und einige Netzbekanntschaften jetzt auch mit Gesicht versehen können. Ich finde aber, dass wir uns, zumindest in den Sessions, die ich besucht habe, häufig viel zu einig waren. Ich würde mir wünschen, dass mehr Genoss*innen an solchen Barcamps teilnehmen, die nicht unbedingt meiner Meinung sind und dass wir darüber tiefer gehende Diskussionen führen können. Der digital Divide geht quer durch unsere Partei und wenn digital dransteht, kommen die Alten nicht (um’s mal böse verkürzt darzustellen:)).

Andererseits ist es auch schön zu sehen, dass wir ganz viele digitale und ganz viele junge Genoss*innen in der Partei haben. Was mir immer wieder das Herz erwärmt ist dabei, dass die, die ich gesprochen habe, alle ganz tiefe Überzeugungen haben, die ich teile. Es wird selbstverständlich gegendert, es sind wie selbstverständlich Gebärdendolmetscher da,  alle Themen werden auf soziale Gerechtigkeit hin abgeklopft und es wird versucht, niemanden zu vergessen.

Abschluss mit @horax und @weyhmueller und D64

Nach dem Barcamp, einige haben’s vielleicht schon in der TL gesehen, gingen wir zum gemütlichen Teil über: @horax hat @weyhmueller und mir die schönsten Craft-Beer-Venues von Berlin gezeigt, wir sind dabei durch Gegenden gekommen, in denen ich spontan das Bedürfnis hatte, ein Fahrrad unabgeschlossen stehen zu lassen. Finally, in der StäV, aßen wir mit den D64er*innen etwas Himmel un Ääd, ein letztes Kölsch, und dann war ich um zehn brav in der Poofe.

 

Veröffentlicht von

Maxim Loick

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