250kg Sand

Heute morgen las ich in der Timeline von den ekeligen Übergriffen in #Heidenau auf die dortige Flüchtlingsunterkunft. Zwischen all den Tweets dann einer von @Medididi:

In der Ermekeilkaserne sind in Bonn die Flüchtlinge untergebracht, @Medididi organisiert dort vor Ort die Spenden und das ganze überhaupt irgendwie. Ich denke kurz nach (liege noch im Bett und bin ernstlich aufgebracht ob der Ereignisse in #Heidenau in der letzten Nacht), der Caddy steht da und fasst locker acht bis zehn Säcke Spielsand – also den Spielsand, den ich jedes Jahr für die Kommunenkinder im Baumarkt kaufe. Ich denk: „Hier, mach ich! Nehmt das, Nazis von Heidenau! Ich will sie willkommen heißen, die Flüchtlinge in meiner Stadt!“. Auf den Tweet geantwortet.

Sand gekauft, zehn Säcke, also 250 kg (was nicht wirklich viel ist, wenn man die mal auskippt, aber immerhin). Zur Ermekeilkaserne gefahren. An der Pforte dort eine Frau und ein Mann, die mich erst ein wenig argwöhnisch angucken. Dann erzähle ich ihnen, dass ich Sand für die Flüchtlingskinder bringe. Sie haben etwas Angst, dass ich möglicherweise Schüttgut im Kofferraum habe und ihnen auf den Hof kippen will. „In Säcken?“, fragt die Kollegin. „Ja“, sage ich, „Ich habe mit Frau… äh… also der von Twitter gespro… also getwittert… Sie sagt, sie habe Sie informiert.“ „In Säcken, warten Sie mal, fahren Sie mal hier vor, wir laden das auf diesen Wagen hier.“

Wir laden aus. Zehn Säcke mit dem Aufdruck „wehrt Hunde und Katzen ab“ oder so ähnlich. Die Kollegin fragt, wie das denn gehe. Ich sage: „Keine Ahnung, das steht da halt so drauf auf so Säcken aus dem Baumarkt.“ „Sie haben die aus dem Baumarkt?“ „Ja klar“, sage ich. Sie lobt mich und sagt, das wäre nicht selbstverständlich und macht einen Diener. Mir ist das einerseits etwas unangenehm, denn schließlich resultiert die ganze Aktion ja daraus, dass ich mich wegen der Lektüre meiner TL am Morgen schlecht gefühlt habe und mich besser fühlen wollte und deswegen Sand gekauft habe. Gleichzeitig, denke ich, wenn jemand dankbar ist, dann muss man diese Dankbarkeit anerkennen und nicht kleinreden. Und die Kollegin und auch der Kollege sind so aufrichtig dankbar waren, dass ich dachte, dass ich vielleicht das Richtige getan habe.

Als ich mit dem Auto bereits wieder auf der Reuterstraße auf dem Rückweg bin, rufe ich @Medididi noch mal an, um ihr zu sagen, dass ich den Sand und etwas Spielzeug abgeben habe. Sie ist anscheinend gerade dabei, irgendwas zu organisieren und ich möchte nicht lange stören. Sie bedankt sich und ich denke: Ich habe nur ein paar Säcke Sand mit dem Auto vorbeigebracht, Du organisierst und machst und tust den ganzen Tag und morgen wieder. Ich bin eigentlich Dir dankbar, dafür, dass der Hashtag #Bonn mit allem möglichen verbunden wird, aber nicht mit Hass, Gewalt oder Rassismus, dass #Bonn nicht #Freital und nicht #Heidenau ist.

Epilog I

Wenn ich das hier verblogge, dann klingt das möglicherweise wie „Ach, der selbsternannte Held, schön mal fishing for compliments“ und es fühlt sich tatsächlich komisch an, über eine eigene gute Tat zu schreiben. Der Iss-doch-klar-jede*r-andere-an-meiner-Stelle-hätte-genauso-gehandelt-Rudi-Völler in mir winkt ab. Aber ich habe zuletzt auch viele Artikel und Blogbeiträge gelesen, die uns, die Normalos, die schweigende Mehrheit, dazu auffordern, uns zu äußern. Deswegen schreibe ich das hier mal hin, damit Ihr das lesen könnt, damit die Flüchtlinge das lesen können, damit irgendwo steht, dass Deutschland nicht nur aus Nazis, Rassist*innen und Arschlöchern besteht.

Epilog II

Suchbild: Finde das Flugzeug und das Schiff, mit besten Grüßen vom Großen Sohn und vom Kleinen Sohn, die als Babys damit gespielt haben!

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Veröffentlicht von

Pausanias

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4 Gedanken zu „250kg Sand“

  1. Ich finde es gut, darüber zu berichten. Denn es ist wichtig, etwas zu tun, die Flüchtlinge willkommen zu heißen und andere wissen zu lassen, das man auch mit Kleinigkeiten schon helfen kann…wenn jeder ein paar Schritte täte, wäre es doch ein großartiger Anfang.
    Und das verwunderte Gesicht der beiden an der Pforte auf „hatten sie die Säcke noch zuhause? Nein, wir waren kurz im Baumarkt“ wird mir auch noch im Gedächtnis bleiben. Und unser Großer hat sich riesig gefreut zu sehen, dass sein Krankenwagen angekommen ist und dass damit gespielt wird. Daher danke auch für das Veröffentlichen des Fotos.

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