Reality bites 2014

Vorgestern lief im Fernsehen „Reality bites“, also dieser Film, von dem man uns 1992 gesagt hat, er spiegele unsere (also meine) Generation wider wie kein anderer. Ich hatte den damals zwar gesehen, aber keinerlei Erinnerung daran, ich wusste nur noch, dass Winona Ryder die Hauptattraktion darin gewesen sein soll. Habe ich mir den Film also nochmal angesehen, 2014. Mir war nichts mehr von der Handlung präsent, nur Winona Ryder, damals die Schauspielerin, die ich „gut“ fand. „Scharf“ oder „Sexy“ oder „total geil“ gehörte damals schon nicht zu meinem Wortschatz in Bezug auf das andere Geschlecht. Die Formulierung lautete „gut finden“ und ich war (und bin wahrscheinlich immer noch) genau so verklemmt, wie sich das anhört.

Die Handlung war mir ziemlich egal, damals, es ging um irgendwas mit „was aus seinem Leben machen“, aber das lag damals in zu weiter Ferne für mich, das hatte noch Zeit. Dieses „was werden“, „ich möchte es vor meinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr zu etwas gebracht haben“ fand nicht statt bei mir. Vorgestern hab ich gesehen, dass es in dem Film auch darum geht, sich selbst treu zu bleiben, die Dinge so zu machen, wie man es für gut hält. Und bin ich mir treu geblieben? Keine Ahnung. Damals hab ich nur Winona geguckt. Ich hoffe, dass ich mich seit damals vielleicht etwas entwickelt habe. Ich hoffe zumindest stark, dass mein Genderbild sich seit damals gewandelt hat, denn das, was in diesem Film diesbezüglich transportiert wird ist ja grauenhaftestes Mittelalter (die zwei Streithähne kämpfen um das Rehäuglein und der Aufrechte kriegt es dann am Ende auch, während Rehäuglein selbst den ganzen Film über hin- und hergerissen ist, wem sie sich denn letztlich hingeben soll, während das, was sie schafft, völlig nebensächlich bleibt). Ich fürchte, ich muss leider bekennen, dass ich damals, in den frühen Neuzigern und wahrscheinlich auch noch darüber hinaus, wohl auch so ähnlich getickt habe was die Geschlechterrollen angeht. Ich gelobe Besserung!

Was aber hat mir an dem Film 2014 gefallen?

Vielleicht dieser gewisse Grad an Scheißegalness*), der Teilen meiner sog. Generation X hoffentlich bis heute anhaftet. Eine vermeintliche Ziellosigkeit, ohne dabei prinzipienlos zu sein. Es muss sich erstmal richtig anfühlen, das ist wichtiger als das Erfüllen von extern vorgegebenen KPIs. Lieber wird Winonas Film nicht zu ihrer Existenzgrundlage als dass eine kaputtgeschnittene Promo-Version selbige bildet. Ein gewisses Urvertrauen (das sicher dem Privileg eines in gesicherten Verhältnissen Aufgewachsenen entspringt), dass meine Familie und ich schon nicht verhungern werden, auch wenn ich das Jobangebot XY ablehne, weil dieser Job es nicht ermöglicht hätte, dass ich 50% meiner Zeit für die Familie da bin.

Und was mache ich denn so, heute, mit knapp 40? Ich twittere SPD-Sachen, obwohl mich das womöglich dauernd tausende Follower kostet. Ich schreibe alberne Humano Menetekel Blogbeiträge, obwohl die meinem beinharten Profil des Politprofis zuwider laufen. Hampel ich halt unter der Vorgabe „mal gucken, wie’s wird“ in der SPD Beuel rum, obwohl mich der @wasalski jedes halbe Jahr fragt, was das Gewurschtel denn da soll, welches Ziel ich denn da verfolge. Ich weiß es auch nicht so recht, aber es fühlt sich richtig an. Try to do things right ohne Angst zu haben, vielleicht gerade alles falsch zu machen. Und wenn sich herausstellt, dass doch alles falsch war, dann machen wir’s eben anders. Wir wissen dabei noch, warum wir’s mal für richtig gehalten haben und wir wissen jetzt, warum es dennoch falsch war.

Und es ist mir immer noch nicht so recht wichtig, mal „was zu werden“, auch wenn die Möglichkeit dazu natürlich immer noch als Option offen bleiben soll. Das ist geblieben. Und was bin ich seit damals geworden? Nicht sonderlich erfolgreich, was die KPIs angeht. Aber neulich, als wir 20 Jahre Abi ’94 gefeiert haben, konnte ich sagen: Ich bin glücklich soweit. Aber genau genommen das ist nichts besonderes, denn glücklich war ich eigentlich immer. Klingt nach simplem Gemüt, irgendwie, wie soll ich denn so jemals Bundeskanzler werden? Werd ich halt kein Bundeskanzler, wenn keiner so einen Bundeskanzler haben will.

(Kann man das alles so schreiben? Haltet Ihr mich jetzt für einen selfish Arsch? Ach egal, raus damit, schreib ich vielleicht demnächst was nicht-selfishes.)

*) Am treffendsten trifft ja die Musik von Mudhoney diese Scheißegalness. Nicht professionell gespielt, nicht professionell gemischt, nur hingespielt als Entwurf großartiger Musik. Musik, der es reicht zu sagen: „Wisster schon wie das gemeint ist, das jetzt gerade einzuspielen ist uns im Moment zu anstrengend.“ Feels right, sounds ausreichend. Save energy für anderes Zeugs. It’s good enough.

Veröffentlicht von

Maxim Loick

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