Muss ich jetzt auch noch was sagen?

Heute ist der 100. Geburtstag von Willy Brandt und alle alle schreiben über den Übervater und seine herausragende Rolle für eigentlich alles, Nico Lumma erinnert sich seiner sozialdemokratischen Herkunft und auch sonst findet da einiges an Verklärung statt. Ich mag ja diese Sozi-Folklore und ich bin der letzte, der sich nicht hemmungslos den Tränen der Ergriffenheit hingibt (obwohl ich ja landauf landab als eiskalter Entscheider bekannt bin). Aber ich muss ehrlich sein. Ich habe keine generationenalte sozialdemokratische Prägung. Ich kann verstandesgemäß zu erfassen suchen, was die Annäherungspolitik Brandts für uns alle bewirkt hat. Ich kann Berichte lesen, wie Heerscharen von Menschen wegen Willy in die SPD eintraten, ich bin zutiefst beeindruckt, wenn wir in der SPD Beuel die „Willy-wählen“ Mitglieder für zweihundert Jahre Parteizugehörigkeit ehren und wenn die mir von ihrer damaligen Wahrnehmung des großen Willy erzählen.

Andererseits bin ich bei einem solchen Personenkult in den Reihen der SPD auch wieder ein wenig verwirrt. Die Sozis, die sind doch immer kritisch – außer bei Willy. Aber keine Soziveranstaltung, die was auf sich hält, kommt mit weniger als vierzehnhundert Willy-Zitaten aus. Ich fänd eigentlich ganz schön, wenn die sonst so kritischen Sozis mal darauf hinweisen würden, dass Herrn Brandt damals vielleicht auch ein wenig Skepsis aus den eigenen Reihen entgegengeschlagen sein könnte (oder war das wirklich nicht der Fall!?). Ich finde, die Sozis, die sich auskennen und diese seligen Zeiten selbst miterlebt haben, könnten uns heutigen Sozis doch mal sagen, dass wir damals einen Kanzlerkandidaten hatten, der es nicht im ersten Anlauf geschafft hat und der dann trotzdem Kandidat geblieben ist und es dann geschafft hat. Ich finde, man könnte uns heutige Sozis mal etwas ermutigen, dass Glanz und Gloria von Willy Brandt möglicherweise in seiner Zeit weniger groß waren als heute in der Rückschau wahrgenommen. Mir macht das Angst so. Das klingt so, als könnten wir™ (also die Sozis) nie wieder diese alte Stärke erreichen. Ich habe Angst, dass das die jungen Genoss*innen entmutigen könnte, weil wir nie aus dem Schatten Brandts herauszutreten wagen dürfen.

Andererseits: Willy Brandt ist tatsächlich einer, der auch heute noch die Menschen dazu bringt, sich für Visionen und für nichts weniger als die Verbesserung der Welt einzusetzen. Auch wenn ich mich selbst eher aus den Möglichkeiten heraus, die meine Privilegien mir eröffnen, dafür entschieden habe, mich zu engagieren, so bin ich doch um jede*n froh, die/der sich durch Willy Brandt aufgefordert/inspiriert/verpflichtet/inBockVersetzt fühlt, mitzumachen. Und dieses unbestreitbar gut sein Willy Brandts ist inzwischen auch mir ein Ansporn.

Veröffentlicht von

Maxim Loick

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