Auf dass wir niemals einer Rebellion bedürfen, die große Opfer verlangt

Habe dieser Tage ein wenig über Rebellion nachgedacht, dabei ist wieder viel verwirrendes Zeug herausgekommen, das ich mal versuche niederzuschreiben. Ich hab ja keine Ahnung und irgendwas mit klassischen und hellenistischen Statuen studiert…

Ich gehöre einer Generation an, die bisher – toitoitoi! – in keinen Krieg musste und sich – toitoitoi! – hoffentlich klug genug anstellt, auch nie in einen zu müssen. Wo unsere Großväter noch in Schützengräben lagen, lag ich auf der Couch, faul, nicht einmal genug Antrieb, alle hellenistischen Stauten namentlich auswendig zu lernen. Kriegsdienst verweigert, aus voller Überzeugung. Ich wollte lieber herumliegen und Bier trinken statt komischen Vorstellungen von Männlichkeit hinterherzujagen. Ich bin Teil einer Generation, die nicht einmal rebelliert hat. Die 68er, die haben noch den Muff von 1000 Jahren aus den Talaren gejagt und die sexuelle Berfreiung erkämpft. Ich habe das nicht, ich habe im gemachten Nest herumgelegen und Bier getrunken. Der krasseste Fall von Rebellion von meinesgleichen ist, sich endlich dazu zu bekennen, dass New Model Army durchschnittlicher Shice ist und in eine Partei einzutreten. Meinesgleichen will nichts einreißen, will nicht die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Meinesgleichen ist der Arsch, den wir jetzt gerade nicht hochkriegen, wo plötzlich wieder braune Strömungen einen stinkenden Sog entwickeln, meinesgleichen setzt Frieden und Demokratie als unumstößlich gegeben voraus.

Ich musste nicht gegen meine Eltern rebellieren, denn sie haben mangels Kriegeinsatz in den 50ern, 60ern, 70ern, 80ern, 90ern, den Nullerjahren und den Zweiotausendzehnern das wesentliche richtig gemacht. Rebellion ist bei meinesgleichen folkloristischer Tand.

Gleichzeitig hat man mir in der Schule beigebracht, was der Gedanke hinter einer 5%-Klausel ist. Was Auszählverfahren nach Hare/Niemeyer oder nach d’Hont sind. Was Erststimme und was Zweitstimme bei Bundestagswahlen bedeuten. Wir haben in Geschichte den Aufstieg des Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen bis zum Erbrechen gelernt – Gleichschaltung und Zentralisierung. Wir haben gelernt, warum der Föderalismus der Bundesrepublik ein Gewinnerkonzept ist. Wir haben gesehen, wo das alles funktioniert und warum. Wir waren uns sicher. Die bundesdeutsche Demokratie ist das sicherste und widerstandsfähigste System seit dem zweiten Weltkrieg, inkl. sozialer Sicherungssysteme und einer unabhängigen Presse.

Wir sind eine gute Generation. Wir wissen ganz viel von dem, was aus der Geschichte zu lernen ist. Wir stehen und unsere Münder öffnen sich ungläubig, wenn braune Kondensationspartikel sich plötzlich zu großen Schauern entwickeln. Und wir stehen da ohne Regenschirm, weil wir uns so verdammt sicher sind, immer noch. Unser größtes Manko ist unser Arsch auf der Couch.

In den Fußballmannschaften, in denen ich bisher mitgespielt habe, war es immer schwierig, wenn’s in der ersten Halbzeit gut gelaufen war und unser Käpt’n dann gesagt hat:“Gut so! Spielt genau so weiter!“ – dann haben wir meistens verloren, weil wir gar nicht wussten, wie wir gespielt hatten.

Wir brauchen Rebellion, aber sie sieht anders aus als 1968. Geht in die demokratischen Parteien. Helft denen. Macht etwas abgefahrenes und lasst Euch auf diese komischen Parteileute ein. Sagt Eure Meinung da. Sagt sie in den Parteien, von mir aus auch bei Facebook, aber vor allem in den Parteien. Bringt Bier mit, dann wird’s etwas erträglicher. Seid lustig und verständig, entwickelt Positionen und Meinungen, glaubt nicht, dass man eine Meinung schnell erlangen könnte. Hört zu, hört ganz viel zu. Fragt. Fragt ganz viel. Fragen sind Meinungsbildung. Bleibt beweglich im Kopf, haltet andere Meinungen aus. Vergesst Werbesprüche wie „Lass Dich nicht verbiegen.“ Der Spruch gilt erst, wenn Ihr eine feste Meinung habt, aber glaubt nicht, dass der erste Impuls nach Bekanntwerden von sagenwirmal #PanamaPapers Eure Meinung ist. Wägt ab. Hört zu. Stellt Fragen. Stellt Euch selbst immer wieder die gleichen Fragen.

Unsere Rebellion sieht anders aus. Wir müssen uns etwas trauen – wir müssen unsere Sofas und unsere schnellen Urteile verlassen. Wir müssen uns der immensen Gefahr aussetzen, dass jemand erfahren könnte, dass Ihr in einer Partei seid. Ihr müsst Eure Angst hinter Euch lassen, dass Euch das zum Nachteil gereichen könnte. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass Euch niemand den Job kündigen wird, wenn Ihr in einer Partei seid. Es braucht nicht viel mehr als diese Rebellion, die im Vergleich zur Rebellion anderer Generationen wirklich armselig ist – zum Glück! Noch bedarf es nicht viel mehr, als verwunderten Nachbar*innen zu erklären, warum Ihr in eine Partei eingetreten seid. Noch geht es mit wenig dieser armseligen Rebellion, und ich wünsche mir für meinesgleichen, dass wir niemals einer Rebellion bedürfen, die viel größere Opfer verlangt.

Die Unendlichkeit befragen

Warum hat man eigentlich Kinder? Manchmal ist es ganz einfach:

Kleiner Sohn: „Papa, warum weiß das Internet alles?“

Ich: „Das Internet weiß glaube ich gar nicht alles.“

Kleiner Sohn: „Was weiß das Internet denn nicht?“

Ich: (muss überlegen) „Das Internet weiß zum Beispiel nicht, warum alles so ist, wie es ist.“

Kleiner Sohn: (muss nicht überlegen) „Die Unendlichkeit wüsste das wahrscheinlich. Aber die können wir ja nicht fragen.“

Später, viel später, kommt mir der Gedanke, dass wir vielleicht schon alles wissen, aber nicht zufrieden genug damit sind. Diese alberne Unendlichkeit, die haben wir doch auch nur erfunden, weil uns die Endlichkeit erheblich unvorstellbarer ist. Ich fordere hiermit, dass s die größte Zahl ist. s+1 ist eine genauso unzulässige Rechenoperation wie die Division durch Null. Fertig ist die Laube.

(Hat das echt noch nie jemand gefordert?)

Wer traut sich noch zu den Nichtwähler*innen?

Eigentlich fühle ich mich zu schwach, um über die Wahlergebnisse in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zu bloggen. Wie schön, dass wenigstens noch eine überzeugende Politikerin wie Malu Dreyer es schafft, die Wähler*innen doch noch zu erreichen. Wie bitter aber sind die Ergebnisse in den beiden anderen Ländern. Andererseits: Unsere Kandidaten dort kenne nicht mal ich als Sozi so richtig: Nils Schmid in Baden-Württemberg und Katrin Budde in Sachsen-Anhalt, ok?

Bei Malu Dreyer wusste ich das, weil sie bei D64 im Beirat ist und ich sie auf der re:publica kennenlernen durfte – was für eine fantastische Person! Und wie schön, dass diese fantastische Politikerin sich gegen die Weinkönigin durchsetzen konnte, das rettet mein Vertrauen in die Menschheit.

Die/der Kandidat*in ist das A & O, will mir scheinen. Bei Peer Steinbrück 2013 hatten wir ein großartiges Programm, von dem ich mir gewünscht hätte, dass meine Filterbubble das damals genauso rauf- und runterzitiert hätte wie dieser Tage das der AfD. Aber man hat Peer dieses Programm nicht abgenommen. Zu viel Gestolper, zu viele Altlasten aus Zeiten der Deregulierung der Märkte, zu dünnhäutige Auftritte (dabei waren auch ein paar richtig starke dabei, aber Schwamm drüber…)

Bei Malu Dreyer passt alles, sehr gute Politik gemacht, sehr gute in Aussicht gestellt, das ganze mit Haltung und Rückgrat vertreten, dabei fröhlich geblieben. Wenn so jemand nicht gewonnen hätte, dann wäre es das wirklich gewesen mit der Demokratie. Allein, allzu viele von solchen Leuten kannste Dir auch nicht einfach backen.

Noch ein Wort zu den vielen Zitaten aus den diversen AfD-Wahlprogrammen in den letzten Tagen: Die sollten ja die Ekelhaftigkeit dieser Ansammlung von Demokratiefeind*innen entlarven, aber ich glaube, wir haben damit das Gegenteil dessen bewirkt, was wir erreichen wollten. Diese rechten Hetzer*innen haben das ja nun mal ganz offen in ihr Programm geschrieben, weil sie damit auf Stimmenfang gehen wollten. Und wir haben ihnen den riesigen Gefallen getan, das in epischer Breite publik zu machen. Viel zu wenig haben wir verbreitet, wofür die anderen Parteien stehen. Die haben auch seitenweise Programme geschrieben, die sind aber nicht für umme von uns geteilt worden. Das würde ich mir wünschen. Ich bin davon überzeugt, dass die Parteien ihren Job nämlich gar nicht so schlecht machen, wenn es darum geht, Positionen zu erarbeiten. Aber es interessiert sich niemand so recht dafür, wenn die Positionen ganz ok oder gut sind. Damit holste keinen Extraklick auf dein Blog.

Nicht falsch verstehen, ich finde es wichtig, dass alle wissen, was rechte Hetzer*innen da nun fordern, damit man sie darauf festnageln kann. Aber wir hätten das vielleicht besser in Beziehung setzen müssen zu den Positionen, die die anderen Parteien vertreten.

Und noch etwas: Wer bin eigentlich ich und wer hört mir zu? Jemand, der jeden Pfennig zweimal umdrehen muss, soll mir zuhören, der ich immer so fröhlich mit meinem Apple MacBook Pro für 1500,00 Euro nach Berlin reise und zurück? Mir, der ich Zeit und Ressourcen habe, ein Coder Dojo nebenbei zu veranstalten? Mir, der ich gerade ein Start-up gründe? Ich bin von denen, die sich abgehängt fühlen, so weit weg wie nur irgendwas, genau wie so viele andere Sozis, die zwar alle super sind und immer ganz viel recht haben und vieles richtig durchschauen – die aber auch allesamt als arriviert wahrgenommen werden. Diese coolen Mathias Richels, Nico Lummas und sagenwirmal Sebastian Reichels. Ich bin wirklich Fan von jedem einzelnen der aufgezählten, aber ich fürchte, dass die, die wir als Sozis einsammeln sollten, regelrecht Angst vor uns haben: Immer einen lockeren Spruch drauf, auf alles eine Antwort, jeden Gedanken schon zweimal gehabt, von drei Seiten beleuchtet und mit fester Meinung im besten Sinne ausgestattet. Ich glaube, was so ein*e sich als abgehängt Empfindende*r braucht, ist mehr Gemeinsamkeit.

Gerade hat Armin Nassehi einen Artikel darüber geschrieben, dass die Sozis diejenigen sein müssen, die alle unter einen Hut bringen. Wir Sozis müssen den rechten Parolen stimmige und glaubwürdige demokratische Konzepte entgegensetzen. Auch wenn Sigmar Gabriel wieder einmal den Ton nicht richtig getroffen hat und den Zeitpunkt eher blöd getroffen hat: Er hat natürlich recht damit, dass Investitionen in Wohnungsbau und Bildung getätigt werden müssen und dass diese natürlich gleichermaßen bereits hier lebenden wie neu ankommenden zugute kommen müssen. Bei den NRW Jusos hat das neulich Frederick Cordes ganz hübsch beschrieben, ich musste erst ein wenig lachen, aber am Ende bin ich doch etwas nachdenklich geworden, denn dieser Text bringt das Dilemma ganz gut auf den Punkt: Wo wir eine gute Idee umsetzen, reißen wir mit dem Hintern drei andere wieder ein.

Aber will ich im aktuellen politischen Klima eigentlich irgendwas gemeinsam haben mit solchen, die der AfD ihre Stimme geben oder auch nur im Verdacht stehen, das zu tun? Die Fronten sind bereits derart verhärtet, dass kaum noch gesprochen werden kann, Etiketten sind geklebt und können nicht so einfach wieder abgezogen werden, vielleicht über Jahre behutsam wieder abgeknibbelt. Wie finden wir eine Sprache, in der wir glaubhaft und authentisch darüber sprechen können? Ob man mit einer Blume mal jemanden besucht, der/die sich zu Hause verkrochen hat und sagt: „Hier ist eine Blume, die schenke ich Dir. Erzähl mir.“ Und sich erstmal den ganzen Sermon anhören, mit allen Ressentiments und Ungeheuerlichkeiten. Und sagen: „Ich höre Dich.“ Und dann: „Komm mit. Wir gehen hin zu den Geflüchteten. So wie ich Dir zugehört habe, so hören wir jetzt den Geflüchteten zu. Lass uns vielleicht eine Blume mitnehmen.“ Ob das klappen kann? Ob sich jemand findet, der sich das traut und wirklich probiert? Und der das nochmal probiert, wenn es nicht klappt? Der die Ruhe bewahren kann und dabei nicht aussieht wie ein Fähnchen im Wind? Der es schafft, zu sagen „ich höre dich“, ohne zu sagen „ich verachte dich“? Der es schafft, die Äußerungen von der Person zu trennen und den Mut hat, den Versuch zu wagen, diese Person nicht aufzugeben und ihr andere Positionen zu vermitteln? Der die Muße hat, das behutsam zu tun? (Ich klinge schon wie so ein Geistlicher, herrje!)

Ich gehe davon aus, dass ich mich auf einige heftige Kommentare gefasst machen kann, weil wahrscheinlich einige diesen Text als „AfD-Wähler-Verstehen“ deuten werden, und somit als Relativierung der ungeheuren Forderungen dieser Hetzer*innen.

Aber ich bin ganz im Gegenteil der Überzeugung, dass wir gerade den Hetzer*innen die vielen Nichtwähler*innen eben nicht überlassen dürfen, dass gerade wir Sozis zu den Nichtwähler*innen hingehen müssen. Ich weiß ganz sicher, dass wir hervorragende Ideen haben, denen sie viel lieber folgen würden als der plumpen Ausgrenzung und den brutalen Forderungen der AfD. Ich bin sogar sicher, dass sie unsere bestehenden Positionen bereits voll unterstützen würden, aber es kümmert sich niemand um sie, es spricht niemand ihre Sprache und es will sich niemand eine Blöße geben.

Wer soll das tun?

 

Das Ritual

Heute waren Kommunalwahlen in Hessen und nicht sonderlich überraschend, aber deswegen keineswegs weniger schockierend hat die AfD nahezu flächendeckend erschreckend hohe Ergebnisse erzielt – einhergehend mit abermals gesunkener Wahlbeteiligung.

Es ist schon zu einem Ritual geworden: Wahlkampf, miese Beteiligung, shice Ergebnisse. Das nervt mich. Die TL quillt über von Leuten, die alle „Tja!“ rufen – und dabei schön Tatort gucken und mit dem Finger auf die zeigen, die sich getraut haben, in eine der demokratischen Parteien einzutreten und dort zu bleiben. „Habt ihr nicht gut genug performt, Daumen runter, ceterum censeo Sigmar Gabriel ist doof.“ Da werden die, die sich ehrenamtlich den Arsch aufreißen, noch dafür gegeißelt, dass sie versuchen, sich solchen Tendenzen wie den jüngsten Ergebnissen aus Hessen entgegenzustellen. Und allein gelassen. Aus der Ferne werden Urteile über Parteiarbeit gefällt, mit unerträglich uninformierter Selbstverständlichkeit wird behauptet, das läge alles immer nur daran, dass alle in der SPD (oder welcher anderen Partei auch immer) einfach viel zu doof sind.

Und weil, das sieht man ja!, die alle so doof sind, kann man die natürlich auch nicht wählen. Das Nichtwählen wird sogar zum zivilen Ungehorsam hochstilisiert, als eine revolutionäre Handlung geheiligt, und wenn ich diesen Text gleich publiziere, werden sicher einige amüsiert darüber fliegen und bei einem guten Tröpfchen in sich hinein schmunzeln, wie dieser Sozi sich wieder einen abstrampelt, nur weil seine Partei wieder einmal Stimmen verloren hat.

Ich habe es schon öfter mal verbloggt, dennoch an dieser Stelle erneut der Hinweis: Es heißt Demokratie, das kommt von demos und kratein – also die Herrschaft derer, die das Wahlrecht genießen. Demos, das seid Ihr. Das anstrengende dabei ist: Alles muss man selber machen. Es gibt keine Dienstleister*innen, die Ihr beauftragen könnt. Ihr müsst alles selber machen. Ihr müsst selber in die Parteien eintreten.

Aber es hapert, will mir scheinen, schon viel früher: Ihr müsst Position beziehen und diese beibehalten. Das dauert. Allein das Beziehen einer eigenen Position dauert Wochen – also eine Position so zu beziehen, dass man sich fest genug darin fühlt, sie ernsthaft verteidigen zu können. Dazu muss man ziemlich lange diversen Diskursen zuhören und erstmal nichts sagen (da fliegen schon die ersten aus der Kurve). Dann muss man sich vorsichtig äußern und anfangen, mitzudiskutieren, ohne eine feste Position zu haben – denn die entsteht da nämlich gerade erst.

Und dann hab ich endlich meine Position, hurra! und dann gibt es in der Partei doch glatt welche, die haben eine ganz andere, ja shice! Gleich mal keinen Bock mehr! Abhauen, lieber Piratenpartei gründen und schön im Bällebad über Zeitreise-Anträge diskutieren (ok, ich werde unsachlich…).

Wenn wir hier einen Reboot wollen, dann müssen wir da anfangen, wo’s weh tut und wo die meiste Arbeit auf Euch wartet: Ihr müsst in die SPD eintreten (oder in eine andere der demokratischen sog. Altparteien). Lest das Hamburger Programm von 2007, legt es beiseite und kommt zu uns. Ihr haltet die SPD für unwählbar, also verändert sie, im Hamburger Programm steht, in welche Richtung (PDF). Ihr haltet das Personal der SPD für untragbar dämlich, kommt, und werdet selber das Personal! Jeder rechtsradikale Spinner kriegt sich aufgerafft, um seine Zeit bei der NPD, der AfD oder sonstwo zu verbrennen, und Ihr sitzt und sagt „Tja. Haben der Loick und seine Genoss*innen halt shice performt. Ist der doch selber Schuld, was ficht’s mich an?“

(Ist der eigenlich so bescheuert, merkt der das nicht? Was schreibt der denn da hin!? Das soll ich mir antun? Arbeitarbeitarbeit und dann dafür beschimpft werden? Da müsste ich ja malle sein, mich freiwillig in eine Partei zu begeben und dann ständig angefeindet zu werden. Von so Leuten wie… äh… mir. Und dann machste und tuste, und dann sagen alle immer nur „Tja!“, schreibt der doch selber! Nee, nee, das soll der Yrre mal schön alleine machen…)

Liebe Leute, et is ja nun auch so: Es ist bedeutsam, sich in einer Partei zu engagieren. Es ist wichtig. Und Ihr könnt dann mit Fug und Recht andere beschimpfen, die nur auf der Couch sitzen und „Tja!“ sagen. Ihr könnt zu Euren Kindern sagen: Ich habe mir den Arsch aufgerissen, ich habe auch nicht alles besser gewusst, aber ich habe gestrampelt und gerudert und ich habe versucht, Menschen in Position zu bringen, die zwar möglicherweise eine Vorratsdatenspeicherung für eine gute Idee gehalten haben, die aber eine klare Haltung gegen rechte und nationalistische Strömungen eingenommen haben.

Epilog

Teil des Rituals ist ja nun inzwischen auch, dass ich nach jeder Wahl so einen Text wie diesen hier schreibe. Das ist ja meinem eigentlichen Ziel nicht zuträglich, denn eigentlich macht es ja Spaß, in der SPD zu arbeiten. Aber ich bleibe dabei: Sich in der SPD zu engagieren ist bedeutsamer, als sie nicht zu wählen. So ein bisschen Sinnstiftung tut ziemlich gut!

 

 

Immer wollen alle stehenbleiben

Kaum hat man mal was erreicht, wollen immer alle stehenbleiben. Man habe sich das verdient, sich nicht mehr anstrengen zu müssen. Man habe ja schließlich was geleistet und nun sei ja auch mal gut. Erstmal setzen. Die Sehnsucht danach, irgendwo angekommen zu sein und endlich nur noch auf der Couch zu sitzen. Und lebten glücklich auf der Couch bis ans Ende ihrer Tage. Was für ein Irrsinn.

Setzt Euch zwischendurch mal hin, trinkt ein Bier (oder von mir aus einen ganzen Kasten), nehmt Euch drei Tage Zeit, um Euren Kater loszuwerden, aber dann stellt bitte Eure Nase wieder in den Wind. Ändert immer was. Macht es so, dass es Euch nicht überfordert, aber ändert immer was, bleibt nicht stehen. Glücklich am Ende Eurer Tage werdet Ihr nur sein, wenn Ihr immer etwas ändert, bis Ihr tot seid.

Denkdistanzen

Als mein Schwager mal von Bonn nach Düsseldorf gezogen ist, habe ich ihm beim Umzug geholfen. Wir haben in seiner neuen Wohnung auch die Spüle der Küche neu installiert. Dazu haben wir ein Loch in die Arbeitsplatte geschnitten, das Becken dort eingepasst und die Armatur darüber angebracht und angeschlossen. Das Abflussrohr aber noch nicht, wir haben einen Eimer unter das Becken gestellt – denn wir haben ja aufgepasst!

Test Wasserhahn, kalt läuft, warm läuft, alles super! Das Testwasser lief in den Eimer. Hurra, wir waren fertig für den Tag.

Es kam wie es kommen musste, so sicher wie die Forderungen nach Obergrenzen und nach dem Aussetzen des Mindestlohns. Wohin mit dem im Eimer aufgefangenen Wasser? Die Grenzen dicht! Den Eimer natürlich in die Spüle kippen!

Aber das ist ja lange her.

Heute morgen: Hektischer Aufbruch wie so oft. Und wie so oft „Wo zum Henker ist mein Handy?! Gerade habe ich es doch noch in der Hand gehabt?!“ Kinder scharren in ihren dicken Jacken mit den Hufen und wollen los, ihr konstruktiver Impuls droht sich jede Sekunde in „Ach, dann gehen wir halt so lange im Garten noch etwas spielen“ aufzulösen. „Wo zefack! ist das Handy!“ – „Warte, ich ruf Dich schnell an.“ Düdelüüü, Handy gefunden, Kinder nicht in den Garten, sondern ins Auto abgebogen. Eins in der Schule, eins im Kindergarten abgegeben. Entspannung. Alles erledigt. Kurz mal aufs Display gucken, „Oh, ein Anruf!“ Gleichmal zurückrufen, die Frau meldet sich. „Du hast mich angerufen? Ich hab Deine Nummer im Display.“

„Well, yes… Du hattest Dein Handy gesucht. Wir haben es offenbar gefunden.“

Blame die Beplemperten

Parteipolitik. Bäh. Sich Lieber projektorientiert einbringen. Hier mal was kluges sagen, da mal einen Hinweis geben. Ich bin ja politisch, aber ich habe ansonsten keine Zeit, mich beschimpfen zu lassen. Rein ins Gremium, Weisheit großzügig zur Verfügung stellen, und wieder raus, der Job ruft, denn so ein weißer Kiesweg vor dem Haus, den schenkt einem ja niemand.

Weisheit in Konjunktiven bewahrt die Weißheit der Weste. Ein bisschen den Pelz mitwaschen, aber sich nicht mal die Hände nass machen, geschweige denn den eigenen Pelz. Noch nicht mal den Pelz, den es zu waschen gilt, nur was zum Thema Waschmittel reinrufen. Und wenn die, die da waschen, sich beplempern und der Pelz total nass aber nicht sauber geworden ist, den Beplemperten sagen, sie hätten’s nicht richtig gemacht. Und sich vor allem ABWENDEN.

Mehr Alkohol! Für alle!

Humano Menetekel und der geheimnisvolle Mönch

Crémant aus dem Hause Ernst Hein. Mein MacBook Pro. Musik, die mich an meine Jugend erinnert, aus der Sonos. Zeit, mich einzureißen. Kein Kiesweg, kein Haus, kein Auto, hinfort damit! Mich von der Frau an die Hand nehmen lassen und mitgehen mit ihr. Und wenn sie stockt oder zweifelt, lachen und sagen: Na klar! Komm mit, nimm meine Hand, ich geh ein Stück!

Manchmal kriege ich etwas Angst, und dann sagt die Frau: Wir haben einen Plan, das wird! und guckt so bestimmt und ich kann sie dann nur anhimmeln, für den Moment, und schon sage ich zu den Kindern: „Rebelliert, aber bitte in der korrekten Orthografie!“. Dann singt der Kleine Sohn seine Lieder mit, und ich weine manchmal ein bisschen vor Begeisterung. Und der Große Sohn macht eine kleine Rebellion in seinen Hausaufgaben, auf die wir pflichtschuldigst reagieren, damit er weiß, dass er nicht alleine ist und seine Rebellion bemerkt wurde.

Und manchmal scheint mir, als habe die Frau auch etwas Angst, und dann sage ich: „Wir halten uns an den Plan. Da steht kein symmetrisches Haus mit Kiesweg drauf, sondern Aktion und Anerkennung, meine Liebste, Anerkennung!“ Ich weiß nicht, ob ihr das die Angst nehmen kann, aber etwas anderes fällt mir auch nicht ein. Wenn wir sterben müssen, dann in Aktion, wenn wir verhungern müssen, dann in Bewegung. Das tröstet mich und ich denke, dass es auch sie trösten muss, denn in Bewegung stirbt man ja nicht, zumindest nicht den Hungertod.

Wie albern das alles ist, denn wir fliehen nicht. Wir sind hier und die Welt steht uns offen, auch in unserem fortgeschrittenen Alter. Bewegung und mit den Kindern spielen, damit sie nicht Angst haben, wo sie keine haben müssen. Wir machen und wir machen zusammen und wie schön das ist, manchmal zusammen etwas Angst zu haben.

Endorsement

Was regen sie sich wieder alle auf: Malu Dreyer ducke sich weg! Hannelore Kraft scheue den Konflikt auf offener Bühne mit der AfD! Am lautesten rufen Armin Laschet und die seinen aus der Union.

Ich finde, dass Hannelore und Malu völlig richtig entschieden haben. Den hohlen Populismen inhaltlich Paroli zu bieten versteht sich von selbst. Es ist auch gar nicht schwer, in jedem Facebook-Thread und auf jeden dämlichen Tweet müssen hunderte Links und Kommentare folgen, die die Dünnbrettbohrigkeit der AfD entlarven.

Anders ist es mit Talkshows. Allein dass dort Personen wie Frauke Petry und Dingsdabumsda von Storch auftreten dürfen, ist ein Endorsement (also die Bestätigung einer Legitimierung dieser Personen). Was in der Zeitung steht, dem wird Bedeutung beigemessen. „Du glaubst es, weil es in der Zeitung steht“, ist eine ebenso billige, wie abgeschmackte wie richtige Aussage. Im Massenmedium Fernsehen potenziert sich diese Wirkung, weil die Reichweite ungleich höher ist. Bei Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch einmal mehr. Wer im SWR auftreten darf, einem Sender der ARD, der nach wie vor seriösesten Marke der deutschen Medienlandschaft (neben dem ZDF vielleicht noch), dessen Positionen erhalten implizit den Ritterschlag, dass sie vermeintlich genug Wahrheit enthalten, um vom Fernsehen gesendet zu werden – egal wie die Diskussion ausgeht.

Kommunikation – das ist ja nun weiß Gott ein alter Hut! – ist erheblich mehr als die Wörter, die fallen.

Und wenn man sich ansieht, wie eine Talkshow im Allgemeinen abläuft, dann finde ich, hat Daniela Harsch mit ihrer Einschätzung völlig recht:

Wie ging dieser lustige Vergleich noch mal? Wenn Du mit einer Taube Schach spielst, wird sie alle Figuren umwerfen, auf das Brett kacken und am Ende darüber stolzieren als hätte sie gewonnen. Und wenn das unter einem öffentlich-rechtlichen Label passiert – zusätzlich durch die Anwesenheit einer Ministerpräsidentin von RLP oder NRW mit Gewicht aka Endorsement legitimiert, dann haben wir erneut einen wesentlichen Teil verloren. Es geht einer Ansammlung von Menschenfeinden wie der AfD niemals um ein Ringen in der Sache, sondern um Vergiftung und Zerstörung demokratischer Grundlagen. Wer die Grundprinzipien demokratischer Diskurse bewusst schädigen will, kann immer nur als Gewinner aus Formaten wie politischen Talkshows hervorgehen.

Deswegen finde ich die Haltung von Hannelore Kraft und Malu Dreyer völlig richtig.

Und deswegen finde ich, dass wir zur breiten Entlarvung des Populismus der AfD anderer Formate bedürfen. Das eine, Social Media Kneipen, Kantinen, Straßenbahnen, Wartezimmer, können müssen wir selbst übernehmen, jede*r einzelne von uns. Holt Euch die Fakten dazu aus dem Internet und habt die Informationen parat, um sie jederzeit einsetzen zu können.

Das andere, die breitenwirksame Aufklärung, ist Aufgabe der Medien in Form von Dokumentationen, Reportagen und Berichten. Behauptungen, die spontan in einer Livesendung getroffen werden, können nur schwer innerhalb von Sekunden in der gebotenen Tiefe entkräftet werden. Hingegen kann jede Aussage der AfD in einem Faktencheck auch im Fernsehen pulverisiert werden – und das ist die Aufgabe von Journalist*innen, nicht von Ministerpräsident*innen.

Denn am Ende läuft es, egal wie eine Talkshow ausgeht, darauf hinaus, dass man den Rechten, den Hetzer*innen, zu einem Millionenpublikum verholfen haben wird. Ich finde, Hannelore Kraft hat mit diesem Satz völlig Recht:

Established

Da muss ich ja erstmal drauf kommen mit meinem langsamen Gehirn. Das ganze Problem ist ja, dass ich und meinesgleichen inzwischen zum Establishment gehören. Dafür hab ich deswegen so lange gebraucht, weil ich mit diesen ganzen Feminist*innen-Positionen, dem Low-Carbon-Footprint, dem Sozi-Sein, dem ganzen ehrenamtlichen Gedöns gegen Vorratsdatenspeicherung und für den Breitbandausbau und der Forderung nach der digitalen Revolution an unseren Schulen es nicht für möglich gehalten habe, dass das Positionen des Establishments sein könnten.

Aber wo das – vermeintliche! – Establishment solche Positionen vertritt, da muss man, wenn man das Establishment einreißen will, eben rechtspopulistische Positionen vertreten. Ist es wirklich so einfach? Geht’s diesen Reichsbürger*innen eigentlich darum, denen, von denen sie vermuten, dass sie arrivierte fette Quallen sind (also meinesgleichen), ans Bein pinkeln zu wollen?

Vielleicht stimmt das so nicht, die einfachen Erklärungen sind ja meist verkehrt. Aber immerhin eins nehme ich aus diesem Gedanken mit: Es gibt sicher nicht wenige, die mich für „established“ halten,  weil ich glücklich bin, weil ich privilegiert bin mit meinem weiß-sein, meinem Mann-sein, meinem wirtschaftlich einigermaßen gesichert sein, meinem Ressourcen übrig haben für politische Arbeit, für ehrenamtliche Arbeit.

Dabei bin ich voll nett.