In dieser Küche

In dieser Küche stehe ich abermals und sperre den Mund auf. In Paris haben zwei Terroristen einen Anschlag auf die Redaktion des Satireblatts Charlie Hebdo verübt. Wieder schwirren undefinierte Bilder durch meinen Kopf, während ich in dieser Küche stehe. In diesem direkten Moment, in dem ich gar nicht weiß, was ich denken soll, in dem ich ziemlich emotional bin.

Und plötzlich habe ich Erinnerungen daran, wie ich in dieser Küche stand, als in Fukushima das Atomkraftwerk in die Luft flog und mich an meine Kindheit erinnerte, als Tschernobyl in die Luft flog, und wie ich in meinem zu Hause Unsicherheit fühlte.

Und wie ich in dieser Küche stand, als der arabische Frühling umging und mit offenem Mund da stand und nicht glauben konnte, was geschieht, in Nordafrika und Arabien, so weit weg, und ich konnte sie sehen und hören, in dem Moment, in dem es geschah.

Wie sich die Zeiten geändert haben. Noch vor ein paar Jahren hätte ich jeweils einen 2min Beitrag abends in der Tagesschau gesehen und danach den Spielfilm oder Fußball geguckt. Heute springt mir das alles aus dem Smartphone direkt ins Gesicht und ich muss, nach dem joggen noch ungeduscht, erstmal was ins Internet schreiben, weil es mir ein Bedürfnis ist.

Gleich muss ich die Kinder aus dem Kindergarten abholen. Die Pressefreiheit geht mit duschen.

Alte Männer, remote

Gestern Heiligabend. Da saß ich nun, mit einem tauben Daumen nach zwei Stunden Playmobil und Lego Aufbauen mit der angebrochenen Flasche Sekt. Ich stimmte die Sonos auf die Jammerplaylist ein und hing so ein bisschen meinen Gedanken nach, bis ich dessen überdrüssig wurde und auf „Freitags Fabrik“ umschaltete.

Und siehe da, die Stunde war fortgeschritten genug, dass sich @botnautzki und @ion_tichy remote in ihren hunderte Kilometer entfernten Domizilen dazu schalteten. Und es war ein bisschen so, als wären sie hier.

Weihnachtspost aus dem Internet

Post aus dem Internet: Überwindung des Digital Divide in umgekehrter Richtung.
Post aus dem Internet: Überwindung des Digital Divide in umgekehrter Richtung.

Soeben erreicht mich Post von der Universität der Künste Berlin. Zunächst dachte ich: „Ach ja, wie nett, eine Weihnachtskarte von der Internetbotschafterin der Bundesregierung.“ Aber dann fiel mir wieder ein, dass @GescheJoost ja auch Vorsitzende im Beirat von D64, also eine hochdekorierte Prominente, ist! Da dachte ich bei mir: „Hast Du’s also wieder mal richtig gemacht.“ Es lohnt sich also doch, sich peinlich zum Affen zu machen, denn am Ende hat man dann nichts geringeres als EINE WEIHNACHTSKARTE! Hurra!

Aber nicht verschweigen darf ich natürlich die Karte von @klappstulli, die uns hier in unserer friedlichen kleinen Bundesstadt bereits vor einigen Tagen erreicht hat.

Und mal alle Ironie und Flachsdings beiseite: Wir, @frau_ratte und die KommuneZwoNull und ich, kriegen hier Post von Menschen, die wir ohne Internet nie kennengelernt hätten. Da materialisiert sich das Digitale gleichsam auf unserem Küchentisch. Und ist völlig ungefährlich, hehehe…

 

 

Deutschlandreise mit Internet

Am 14. November fing sie an, meine Deutschlandreise mit Internet. Alle Hotels, alle Reiseverbindungen alle Vorabverabredungen online gebucht, die Bahntickets auf Papier ausgedruckt, denn Zugbegleiter*innen sind die einzigen Menschen, die QR-Codes scannen, und das exzessiv. Ausserdem brauche ich auf dem Bahnsteig alle zehn Sekunden die Rückversicherung, in welchem Wagen ich nochmal sitze und auf welchem Platz. Wagen 12, Platz 29. Zwölfneunundzwanzig, zwölfneunundzwanzig. Wann kommt der Zug? Nochmal nachgucken, ah, 8:29. Achtuhrneunundzwanzig. Gleis zwei, war doch richtig, oder? Zwei, Gleis zwei. Welcher Wagen nochmal? Dafür brauche ich das Papier in diesen digitalen Zeiten.

Als der Zug kommt, steige ich ein und setze mich. Handy im Anschlag. Die Jammerplaylist bei Spotify sicherheitshalber offline verfügbar gemacht, denn das mit dem Internet im Zug, das weiß man ja, ist immer so eine Sache. Es gibt einen Hotspot von T-Online, kostet fünf Tacken, soll ich? Ach komm, ist eine lange Fahrt von Bonn nach Berlin, das Abenteuer wartet, soll heute mal nicht drauf ankommen, raus mit der Kohle, rein mit der Welt in mein Handy und damit in meinen Kopf. Middelhoff und Manuela Schwesig sind am diesem Tag die Themen, der BVB grüßt in die TL und wird aus Brasilien, Saudi Arabien, und Malaysia zurückgegrüßt, und überhaupt aus der ganzen Welt. Ich lese was über die miese Lage der Twitteraktie und haue einen schnellen Tweet raus, der mir eigentlich immer noch gefällt. Die Jammerplaylist kommt bei den White Stripes an und geht über zu Jimi Hendrix:

Als ich in Berlin ankomme, bin ich mit @Rheinwaerts lose verabredet. Erstmal ins Hotel, die Sachen abwerfen, dann eine Message an ihn. In der Zwischenzeit Frage von @horax, ob wir vor der D64-Mitgliederversammlung schon mal ein Bier in der Tschechischen Bierbar im KaDeWe nehmen sollen. Ich sage hocherfreut zu. Ich warte noch ein wenig, ob @Rheinwaerts sich noch mal meldet, aber er hat an diesem Tag im Ministerium zu tun, also einen schnellen Burger in irgendeinem Laden gegen den Hunger. Ist nur so mittel, der Burger, macht aber nichts. Ich befrage Allryder, wie ich am besten zum KaDeWe komme und baldowere eine Route aus.

Im KaDeWe bin ich zu früh, also schlendere ich durch die Luxusabteilungen, mir ist etwas zu warm mit Jacke, Hoodie und T-Shirt drunter. Ich sehe ganz tolle Ittala-Sachen und überlege, ob ich was davon kaufen soll und in völliger Umnachtung und unter dem Einfluss des abwegigen Gedankens, dass ich sicher noch mal wieder her komme in den nächsten Tagen, kaufe ich nichts. Im sechsten Stock muss ich leider alle Gänge vollsabbern, weil es dort alle meine primären Dingse angesprochen werden: Wurst! Fisch! Bier! Porco Iberico! Whisky! Wein! Ich checke, wo genau hier jetzt die Tschechische Bierbar ist und gucke, ob @horax vielleicht auch schon früher da ist. Ein Taptalk von ihm erreicht mich in diesem Moment, es zeigt ein Foto vom KaDeWe von draußen – er ist also gleich da.

Wir bestellen Biere, er Budvar, ich Pilsener Urquell, und reden gleich mal los. Über die Post, die uns ja beide gewissermaßen ernährt und über das Tragen von Anzügen mit Krawatten. Wir sprechen über das Fressen von sauguten Dingen und beweinen, wie @frau_ratte als Vegetarierin mit dem Bio-Grünkohl, den ich unzubereitet zu Hause hatte zurücklassen müssen, umgesprungen ist („Kein Schweineschmalz! Keine Bregenwürste, nicht mal Mettenden! Ach, Bruder im Leid, lass uns trinken!“).

Wir brechen auf zur Mitgliederversammlung von D64. Dort gibt es noch einmal etwas zu essen und die Kollegin von der FES (wo das ganze stattfindet) stellt Flaschenbiere hin. Ich nehme pflichtbewusst erstmal ein Wasser. Alle sind pünktlich, als @EskenSaskia den Raum betritt, brandet etwas Jubel auf ob der zwei Millionen Euro, die sie im Bundeshaushalt für OER verankern konnte@Nico fasst dann schnell die Errungenschaften von 2013 zusammen. Vor meinem inneren Auge steigen die Bilder der Superklausurtagung 2013 auf und ich denke: Wir machen uns. Wir sind mehr. Wir haben mehr Frauen dabei. Unsere Geschlechterquote ist aber immer noch völlig in Missbalance. @valentinakerst bezeichnet @horax und mich, wie wir da so sitzen, ganz hinten am Ende des Tisches, als „Alterspräsidenten“, weil wir es uns ein wenig zu bequem gemacht haben, @Rheinwaerts kommt direkt aus dem Ministerium dazu und trägt noch eine Krawatte. @Nico verliest die Kandidat*innen für den neuen Vorstand und @holadiho schickt uns via Twitter die Aufforderung, ihm eine Flasche Bier durchzureichen. Am Ende ist @kettenritzel_cc froh, dass er den Job des Kassierers an @lutzmache losgeworden ist und ich meine, ich hätte einen verhaltenen Besenrührtanz von ihm gesehen – aber ich kann mich auch täuschen. Nach einer kleinen Anpassung der Beitragsordnung von D64  und der Wahl unseres neuen Vorstands gehen wir rüber in eine Tacobar, um wegen des großen Hungers etwas zu essen und ein paar Biere zu trinken. Wir lernen uns da alle besser kennen, es herrscht eine angenehme Stimmung. Wir sprechen da schon über digitale Themen, über Bildung, über Smartwatches und dürfen alle mal die coolen Dinger von @lutzmache und @domlen (oder war’s die Uhr von @schoemi?!) anlegen. Mit @Rheinwaerts bin ich mir einig, dass man nicht für das bis heute nicht enteignete Schmierblatt schreiben darf und wir finden, dass wir vielleicht besser Kontakt zum WDR knüpfen sollten, damit dieser in Kooperation mit D64 sowas wie den 7. Sinn digital dreht und abends vor der Tagesschau bundesweit ausstrahlt. Und wir fragen uns, ob es eigentlich so netzpolitische Vereine auch anderswo in Europa gibt oder nur in Deutschland und ob wir uns nicht mit denen mal zusammentun könnten. Ich mache Bekanntschaft mit @EskenSaskia und wir beide freuen uns, dass wir uns mal in Echt treffen und ich fühle mich ein wenig gebauchpinselt, dass sie mich aus der TL kennt. Sie sagt mir, dass sie gern, wenn es dazu käme, in einer Arbeitsgruppe „Bildung“ mitmachen würde.

Später, als die Runde sich auflöst, fahren @Rheinwaerts und ich mit dem Taxi in unser Hotel und klemmen uns auf einen Scheidebecher nochmal an die Hotelbar. Da wird’s bei mir nun zugegebenermaßen etwas nebulös mit der Erinnerung, aber ganz fest habe ich mir gemerkt, dass wir uns für den nächsten Morgen um 9:30 in der Lobby verabredet haben, um pünktlich um 10:00 Uhr bei der Superklausurtagung da zu sein.

Pünktlich um 10:00 Uhr sind wir da. Organisiert hat das ganze @kettenritzel_cc, der auch seine beiden Kinder dabei hat und ich denke: Wie schön! Hier sind nicht nur so bekloppte Digital-Nerds, sondern so bekloppte Digitial-Nerds mit Kindern. Die Superklausurtagung beginnt und ich sitze neben @leonidobusch, den ich sowieso schon immer völlig super fand, der mir aber auch ständig Freundlichkeiten entgegenbringt, die mich jeden seiner Beiträge im Netz mit allen mir zur Verfügung stehenden Accounts retweeten lässt.

Wir reden über das Verhältnis von D64 zur SPD. Bei der Frage, wer denn zusätzlich noch SPD-Mitglied ist, zeigen fast alle auf. Wir reden darüber, dass wir aber keinesfalls als SPD-Gliederung verstanden werden wollen. Wir wollen aber durchaus, dass wir als Verein wahrgenommen werden, der sozialdemokratische Werte vertritt. Wir wollen klar haben, dass wir finanziell und organisatorisch völlig unabhängig sind, sowohl von der SPD als auch von irgendwelchen Wirtschaftsunternehmen. Unser neues Vorstandsmitglied @ReichelS haut mal schnell den Spruch raus, dass es viel mehr so ist, dass die SPD den politischen Arm von D64 darstellt. Heiterkeit im Plenum. Aber wir stellen fest, dass es schon ganz gut und richtig ist, dass wir eine gesunde Distanz zur SPD haben und uns immer rausnehmen werden, diese zu kritisieren, wenn das nötig ist (genauso wie ich mir rausnehme, diese zu loben, wenn das nötig ist).

Wir bilden Gruppen, um Themen zu bearbeiten. @kettenritzel_cc gerät ob seiner Kinder, die so langsam etwas gelangweilt sind und sich selbst Beschäftigung suchen, ein wenig ins Schwitzen. Ich bin ganz hingerissen davon, dass sich niemand (ausser @kettenritzel_cc) davon aus der Ruhe bringen lässt und denke: Heja D64, mein Verein! Wir reden über interne organisatorische Dinge, Mitgliederbetreuung, Neumitgliedergewinnung und sowas und ruckedizuckedi ist Mittagspause. Wir gehen zu McDonald’s am Checkpoint Charlie und ich denke bei dem großen Touristenaufkommen dort, wie geil das ist, dass hier heute ein Mäckes ist und dieser Checkpoint nur noch eine Touristenattraktion. @Nico fragt mich ironisch, ob ich mich nicht mit diesen Grenzerstatisten fotografieren lassen will und kurz bin ich versucht, das wirklich zu tun, um @frau_ratte und den Kindern zu Hause ein schönes Taptalk schicken zu können. Aber dann ist mir das ein wenig zu unhip und das hätte auch nicht zu dem supercoolen Tonfall, den ich in dem Moment angeschlagen hatte, gepasst.

Nach dem Mittagessen teilen wir uns abermals in Arbeitsgruppen auf, ich begebe mich in die Gruppe „Bildung“, die ich selbst (neben anderen) vorgeschlagen habe. Wir machen ein Brainstorming. Wir finden ganz viele Aspekte und Themen und was alles so falsch läuft. Und @leonidobusch dängelängt und von den ausgetretenen Pfaden und ich denke daran, dass @EskenSaskia gerne in einer festen Arbeitsgruppe „Bildung“ mitmachen will. Am Ende haben wir vier wesentliche Blöcke da stehen, die wir in den nächsten Wochen und Monaten ausarbeiten wollen. Ich sage in der Gruppe, dass ich gern hätte, wenn wir uns noch heute als Arbeitsgruppe offiziell konstituieren.

Wir kommen wieder alle zusammen und jede Gruppe berichtet, was sie so erarbeitet hat. Ich präsentiere uns. Ich lege Wert darauf, dass wir neben den vielen Aspekten und besprochenen Diskussionsfeldern uns vor allem auch darauf geeinigt haben, dass wir uns mit persönlicher Unterschrift darauf committen, eine echte und institutionalisierte AG Bildung zu gründen. Ich schlage mich als Leiter vor und ich habe den Eindruck, dass alle ganz froh sind, dass ich das tue. Nicht, weil ich so ein Superbildungchecker wäre, sondern nur weil sich überhaupt jemand dazu bereit erklärt, sich den Hut aufzusetzen (um mal etwas Beraterdeutsch einfließen zu lassen). @valentinakerst notiert: Leiter D64 Bildung: Maxim Loick. Ich bin froh und freue mich seit dieser Sekunde darüber, bis heute! Ich kabelte die Neuigkeit gleich nach Bonn an @frau_ratte und per E-Mail bat ich Kommunardin @katharinchen um Unterstützung in ihrer Funktion als Lehrerin. Sie sagte mir alles in ihrer Macht stehende zu.

Um 18:00 Uhr war die Superklausurtagung zu Ende. Ich hatte mich vorher per DM mit @kommandomutti und @moellus verabredet, denn ich wollte den beiden und ihren Kindern ganz dringend meine Aufwartung machen. Sie empfingen mich auf’s allerherzlichste und wir schmierten uns zum Abendbrot herrliche Stullen mit Salami und @moellus riet seinem Sohn, er solle viel davon essen, so gute Wurst gäbe es nur bei Westbesuch. Ich durfte mit @moellus sein erstes Bier seit seinem Unfall trinken und danach mit ihnen allen zusammen Schlag den Raab gucken. Mit @kommandomutti geriet ich gleich wieder ins Politische über Kinderbetreuungsplätze und das Selbstverständnis von Westfrauen als gute Mutter. Im Nachhinein dachte ich, das war vielleicht etwas blöd, denn immerhin hatte @moellus einen ziemlich schweren Unfall gehabt und ich frage nicht nach seinem Wohlbefinden, sondern nach sowas. Mir war aber durch den Kopf gegangen, dass die beiden vielleicht gar keine Lust haben, immer nur über den Unfall zu reden, der ja im Moment, so meine Annahme, auch so schon ziemlich viel Platz in ihrem Leben einnimmt. Darum laberte ich irgendwas politisches und irgendwas anderes daher, ich hoffe, dass die beiden mir das nachsehen. Ich würde sowas gern richtig machen, aber weiß nicht so genau, was da richtig ist. Jedenfalls gehören @moellus und @kommandomutti seit Anbeginn meiner Twitterzeit zu meiner liebsten Twitteria und obschon ich sie eigentlich nur aus der TL kenne sind sie irgendwie ganz wichtig für mich geworden und ich habe viele Sprachelemente von ihnen in meinen aktiven Wortschatz übernommen. Ich möchte gerne für sie da sein, aber ich kann trotzdem nur das Internet für sie sein, aber das zumindest soll warm und gut sein.

Am Ende dieses Tages saß ich wieder mit @Rheinwaerts in der Hotelbar und wir ließen den Tag Revue passieren, während einer der Klitschkos einen anderen Boxer vertrimmt hat. Es wurde sehr spät und am Sonntag morgen ging es mir nicht sehr gut.

Ich hatte, na klar, viel zu viel Alkohol getrunken, aber auch seit Tagen nicht an zu Hause gedacht. Ich hatte @frau_ratte mit den Kindern zurückgelassen, mich wichtig gemacht und nur an mich gedacht, viel zu viel Alkohol getrunken und keine Vorstellung davon, wie es wohl zu Hause ausgesehen haben mag. Ich kam mir ein wenig selbstsüchtig vor und hoffte, dass ich wenigstens genug zu erzählen haben würde, wenn ich nach Hause kam. Aber es lag ja noch die Freiburg-Reise vor mir und dieser idle Sonntag in Berlin war ein Luxus, den ich mir einfach herausgenommen hatte. Hätte ich vielleicht doch zwischendurch zurück nach Bonn fahren sollen? Ich zögerte den Anruf nach Hause ein wenig hinaus, ich wollte, dass meine Stimme wenigstens ein bisschen normal klänge, aber es war nicht viel zu machen. @frau_ratte hörte wahrscheinlich gleich, wie mein Abend zuvor geendet war, aber sie gab sich Mühe, sich das nicht anmerken zu lassen, was ich aber gleich wieder merkte und allein dafür hätte ich zurück nach Bonn fahren wollen. Dieser Sonntag, der so vertan war, machte mir zu schaffen. Ich hatte keine Lust auf Brandenburger Tor und Berliner Postkarten-Sehenswürdigkeiten und ich hatte einen Kater.

Zum Glück gibt’s @klappstulli und ihre aus 100% großartigen Menschen zusammengesetzte Familie, @horax hatte mir schon am Freitag berichtet, um was für eine tolle Person es sich bei @klappstulli handelt. So schrieb ich sie per DM an und tatsächlich konnte ich sie und ihre Familie besuchen. Und wie wunderbar wurde ich empfangen, mit Tee und Keksen, und ich versprach gleich beim Betreten ihrer Wohnung, mich nicht in Politik zu verlieren. Die Kinder spielten und wir tranken Tee und ich durfte dem kleinsten Kind immer die selbstgebackenen Kekse reichen. Wir tauschten unsere TL-Bekanntschaften aus und dann redeten wir doch ein wenig über Politik und machten Pläne für Twitteria-Treffen im Rheinland und in Berlin und an jährlich wechselnden Orten. @klappstulli machte uns, also den Kommunarden in Bonn, Komplimente über die KommuneZwoNull und ich erfuhr, dass @moellus sie zum Twittern gebracht hatte und die Namen ihrer Kinder. Wir redeten über @rudelbildung  und ihr Blog und am Ende fuhr ich mit geweitetem Herzen ins Hotel zurück.

Dort angekommen musste ich mich mal langsam auf meinen Termin in Freiburg vorbereiten. Ich sollte dort auf einem Podium zum Thema „Digitale Realitäten an unseren Schulen“ diskutieren. Der Moderator hatte mich vorher per E-Mail kontaktiert und um ein paar Positionen gebeten. Ich hatte ihm ein paar Zeilen geschrieben und versprochen, ihn später noch mal anzurufen. Im Hotel angelangt, tat ich das nun und sprach fast eine Stunde mit ihm. Er fragte mich Dinge und ich antwortete ausschweifend. Dass ich die angstgetriebene Diskussion in der Schule-Digital-Debatte für schädlich halte. Dass ich der Meinung bin, dass das Internet wegen seiner großen Errungenschaften wie Kollaboration, Kopieren und Verändern und Empowerment so erfolgreich geworden ist. Dass die Gefahren nicht zu leugnen seien, aber dass sie einen erheblich zu großen Anteil im Diskurs einnähmen. Dass ich gern auf die positiven Aspekte eingehen würde, dass ich glaube, dass meine Kinder enorm vom Internet profitieren werden und dass wir politische Veränderung dafür brauchen. Ich kabelte abermals nach Bonn und sprach mit @frau_ratte darüber und sie gab mir viele hilfreiche Hinweise und den Rat, das klassische Lehrpersonal nicht zu überfordern.

Am nächsten Morgen checkte ich aus dem Berliner Hotel aus und lief zum Bahnhof. Allryder hatte mir gesagt, dass ich zu Fuß schnell dort sein würde. Erst als ich in den Zug einstieg, die ausgedruckte Fahrkarte mit Sitzplatzreservierung ständig zu Rate ziehend, bemerkte ich, dass die Bundeszentrale für Politische Bildung, die das Panel in Freiburg organisiert hatte, sich nicht lumpen ließ und erster Klasse für mich gebucht hatte. Aber der Zug hatte kein WLAN, so dass ich auf die Versorgung von O2 über die Luft angewiesen war. Es ging so gerade eben mit der Datenverbindung. Hatte ich auf der Hinfahrt nach Berlin noch frei von der Leber weg getwittert und gelesen und mich des Internets gefreut, war ich nun ganz eingeschüchtert von meiner neuen Aufgabe als Bildungsnussi von D64 und der zu erwartenden Diskussion in Freiburg. Immer wieder wälzte ich meine Argumente hin und her und versuchte mir, den Namen von Antje Bostelmann zu merken. Ich legte mir Pläne zurecht und wie das mit der Wagen. und Sitzplatznummer vergass ich jede Sekunde, was ich zuvor noch gedacht hatte. Der Zug schnurrte durch Nebel, der von oben von der Sonne beschienen wurde und es sah ganz wunderbar aus, aber ich guckte nicht so richtig raus, sondern baute mir Eselsbrücken von Bosseln über Bosteln zu Bostelmann, damit ich mich auf sie würde berufen können am Abend, wenn die Kulturpessimisten auch mich einstürzen würden. Hinter Frankfurt blieb der Zug stehen, es gäbe ein Weichenproblem. Ich guckte auf mein ausgedrucktes Ticket. Keine Zugbindung. Ich guckte in mein allwissendes Smartphone, nächste Verbindung von Mannheim nach Freiburg einfach eine Stunde später. Ich vertiefte mich wieder in Argumentationsketten und Eselsbrücken.

In Freiburg angekommen, lief ich zum Hotel, das man für mich reserviert hatte. Ein kurzer Weg. Frau Reuter vom Veranstalter rief mich kurz nach halb fünf an, ob alles ok sei, ob ich um fünf da sein würde und so weiter und so. Ich sagte alles ok.

Um fünf war ich am Veranstaltungsort. Ich traf die anderen Podiumsteilnehmer und wir fingen schon mal ein bisschen an mit der Diskussion, so als Übung. Meinrad, der Moderator kam und er machte ein paar verbale Lockerungsübungen mit uns. Frau Reuter teilte uns dann mit, dass nur wenige Besucher*innen gekommen waren, daher stellten wir Stühle zu uns auf die Bühne, so dass alle Besucher*innen mit uns auf dem Podium saßen. Wir wollten eine angenehme Atmosphäre und alle gleich behandeln. @HiBenni, der Schüler*innenvertreter auf dem Podium, war ziemlich jung, aber sehr versiert und reflektiert, ein guter Typ. Ich hatte gleich den Impuls, ihn zu fragen, ob er nicht Interesse hätte, bei D64 mitzumachen und uns in der Bildungsgruppe aus Schüler*innensicht zu unterstützen. Mal gucken, vielleicht hat er ja Lust.

Die Debatte verlief wie befürchtet: Bedenken, Cybermobbing und Kinder, die nicht mehr rückwärts laufen können waren diskussionsbestimmend. Ein Ruf nach der Politik wurde als „zu einfacher Ausweg“ angesehen, man traute mir wohl nicht zu, dass ich nicht mit dem Ruf nach der Politik zu stoppen, sondern ernsthaft die Politik in die Pflicht zu nehmen gedachte. Dass ich mich zu organisieren gedachte. Es wurde auf die Eltern verwiesen, die ihre Kinder mit Smartphones ruhig stellen, damit sie sich nicht um sie zu kümmern brauchen. Mein Einwand, dass wir doch hier über die Schule und deswegen über die Möglichkeiten der Schule diskutierten, wurde als zu einfach beiseite geschoben. Meine Positivbeispiele wurden als Einzelfälle abgetan, weil meine Kinder halt gerade Glück hätten, dass sie engagierte Eltern haben. Mein Einwand, dass aber doch genau das das Gebot der Gerechtigkeit sei, dass die Bildungseinrichtungen, seien es KiTas, Kindergärten oder Schulen, genau dort einspringen müssten, wo minderprivilegierte Kinder abgehängt werden, wurde beiseite gewischt, denn schließlich verabredeten sich Schüler*innen in geschlossenen WhatsApp-Gruppen, um sich gegenseitig zu mobben, ob ich davon schon mal gehört habe. Der Schüler*innenvertreter wandte völlig zu recht ein, das sei doch ein uraltes Phänomen, früher habe man die armen Würstchen halt hinter der Hausmeistergarage verprügelt, heute mobbe man sie in WhatsApp-Gruppen, das sei doch eine pädagogische Herausforderung jenseits jeglicher technischer Entwicklung. „Ja, aber was soll ein Lehrer denn da machen?“

Es war die Rede von Zügen, die sich in voller Fahrt befänden, auf die das Lehrpersonal nicht mehr aufspringen könne und ich wand ein, man solle ganz am Anfang, in der KiTa, selber den Zug anfahren und dabei die Kontrolle behalten, aber das ließ man nicht gelten, denn in der KiTa würde man die Kinder gleichsam anfixen mit der Verderbnis Internet und man habe ja keine Handhabe.

Ich wollte gerade „Empowerment der Minderprivilegierten!“ rufen, da war die Zeit um. Auf einem Beistelltisch lag das Machwerk von Manfred Spitzer. Wir hatten wieder die ganze Zeit über Hirnforscher und das Verderben gesprochen. Ich war einigermaßen frustriert und wollte die Diskussion nicht aufhören und flüsterte in die gelichteten Reihen etwas von „Vernetzung, es ist die Vernetzung, die uns empowert“, da mussten wir an die Theke gehen. Ich trank ein Bier und traf @DejanFreiburg. Er ist Lehrer. Und er sagte mir gute Sachen und bestärkte mich. Er hatte zugehört und sagte, dass er die Dinge ähnlich sehe wie ich.

Der Veranstalter hatte uns, die wir als Podiumsteilnehmer eingeladen waren, auch noch zu einem Theaterstück eingeladen, das unmittelbar nach unserer Diskussion stattfand. Ein tolles Stück, es hieß „Past and Present“, glaube ich. Wenn Ihr in Freiburg seid, seht Euch das an, es hat mich sehr beeindruckt, sowohl intellektuell als auch emotional. Es ging um einen Filmemacher aus Bangladesch, der einen Dokumentarfilm über sich und seine über den Globus verteilte Familie macht. Über Distanz und Nähe, über Kameras und Gespräche, über Konflikte zwischen den Generationen und die Horizonte der Menschen.

Nach dem Stück ging ich etwas essen und kabelte nach Bonn. Ich hatte nicht einmal Geschenke für die Kinder gekauft, weder in Berlin noch in Freiburg. Dieses Brauhaus, in dem ich aß, verschenkte Lebkuchenherzen. Ich bat um drei, der Mann hinter der Theke gab mir fünf. Ich ging ins Hotel um zu schlafen. Im Smartphone sah ich, dass noch eine Terminempfehlung in den D64-Ticker sollte, die ich kurzerhand einfügte. Ich wollte nach Hause.

Um 9:57 oder so stieg ich in den ICE nach Bonn. Ich wollte nach Hause. In Bonn/Siegburg stieg ich in die Linie 66. Als ich über dem Rhein war, war ich ziemlich erledigt. @frau_ratte war auf der Arbeit, ich holte den Hund und das Auto bei ihr ab. Dann fuhr ich zum Kindergarten, den Kleinen Sohn abzuholen. Dann holte ich den Großen Sohn aus der OGS ab, er hatte einen Freund dabei und sie spielten den ganzen Tag Lego. Abends brachte ich die Söhne ins Bett und habe ihnen Lieder gesungen und der Große Sohn hat gefragt: „Papa, was heißt Gute Nacht auf Französisch?“.

Datengefahr

Heute Abend, vor dem schönen D64-Stammtisch in Köln, war ich ja auch noch bei dieser Veranstaltung „Staaten machtlos – Bürger schutzlos?“ der Friedrich Ebert Stiftung im Rahmen der Internetwoche Köln. Die Veranstaltung war gut besucht, es gab eine angeregte Diskussion, an der mich folgendes gestört hat: Wieder und wieder sprechen wir von Datenschutz und den Gefährdungspotenzialen, die entstehen, wenn unsere Datensignaturen, die wir im Netz hinterlassen – sei es willentlich in den Social Media Kanälen, sei es nicht willentlich durch Devicebenutzung, die durch Geheimdienste getrackt wird. Immer reden wir auf solchen Veranstaltungen davon, dass man mit diesen vielen Daten sicher viel böses anrichten könnte. Also Konjunktiv.

Dabei ist die Existenz dieser Daten für sich nicht verwerflich. Die Frage, die wirklich nie konkret beantwortet wird, ist aber: Was machen die, die diese Daten haben, damit? Und nie wird gefragt, welche der potenziellen Handlungen, die die, die diese Daten haben, ausführen, zu verurteilen sind. Das ist nämlich ein weites Feld, das noch niemand überblicken kann.

  • Jemand erhebt Daten von mir und leitet daraus ab, dass ich ein erhöhtes Krebsrisiko habe. Das verkauft dieser jemand an meine Krankenkasse. Die erhöht daraufhin meine monatliche Versicherungsprämie. Darf die Krankenkasse das?
  • Jemand checkt die sozialen Daten der Personen in meiner geografischen Nachbarschaft ab und erstellt daraus ein soziales Profil meiner Straße. Das Ergebnis verkauft dieser jemand an meine Haftpflicht/Einbruchs-/KeineAhnungWasVersicherung. Meine Versicherung erhöht daraufhin meine monatliche Prämie.
  • Jemand checkt meine Profile bei Twitter, Facebook und Instagram aus und beurteilt mich deswegen als kommunistischen Hardliner. Diese Information verkauft dieser jemand an meinen Arbeitgeber. Mein Arbeitgeber hat Angst, dass ich in der Belegschaft zu agitieren anfange und entlässt mich unter fadenscheinigen Vorwänden.

So oder so ähnlich werden die Bedrohungen sikzziert, die von den Datensignaturen ausgehen, die ich im Netz hinterlasse. Ich frage mich aber dabei immer: Dürfen so Versicherungen auf Basis solcher Daten die Prämien erhöhen? Ist nicht diese Frage der eigentliche Knackpunkt der ganzen Diskussion? Und dämonisieren wir nicht die Daten, die wir hinterlassen und die natürlich erhoben werden, eher aus der Bequemlichkeit heraus, weil wir uns scheuen, das riesige Fass aufzumachen, alle diese Milliarden Einzelfälle beurteilen und in „legitim“ oder „nicht legitim, deswegen verboten“ einordnen zu müssen? Die Daten an sich sind m. E. ja gar nicht das Problem, sondern immer nur das, was irgendwelche Player damit anstellen. Und weil wir – Stichwort Neuland! – nicht einmal überblicken können, wie viele dieser Probleme konkret auftreten können, schieben wir dem ganzen pauschal den Riegel vor und behaupten, dass Datenerhebung per se zu verurteilen ist. Dabei bin ich davon überzeugt, dass viele Innovationen, die wir heute wie selbstverständlich nutzen, nie entstanden wären, wenn Kreative nicht eine zunächst undefinierte, aber große Datenbasis gehabt hätten.

Der Begriff „Daten“ selbst ist ja auch höchst pauschalisierend und vereinfachend. Wenn wir von Daten im Allgemeinen sprechen, wird nie gesagt, welche Daten das in Detail sind, in welchen Zusammenhang sie erhoben wurden und vor allem in welchem Zusammenhang sie verwendet werden. Ich glaube, wir sind langsam an dem Punkt, wo wir uns die Bequemlichkeit dieser Pauschalisierung nicht mehr leisten können, weil sich unsere Diskussionen darüber im Kreis drehen.

Das sind so Gedanken, die mir durch den Kopf schwirren nach dieser Diskussion heute abend. Sie sind unfertig, vielleicht kann jemand einen Impetus daraus ableiten. Vielleicht ist das auch alles Unsinn.

Für mehr Freundlichkeit

Ich habe gerade die Blogposts von @dasnuf (guckstu hier) und von @holadiho (guckstu hier) gelesen, die sich beide damit beschäftigen, wie Hater/Trolle/ShicePack/youNameIt sich das Internet und die Sozialen Medien aneignen.

Nun beschäftigt mich so ganz nebenbei und unstruktiert das Thema Freundlichkeit schon länger (also meist unter der Dusche oder abends kurz vor dem Einschlafen oder morgens um 4:02, wenn ich versehentlich zu früh aufgewacht bin – ich bin also alles andere als belesen oder beschlagen bei dem Thema).

Das Wesen der Freundlichkeit ist unübergriffig, scheint mir, also von einer gewissen Empathie getrieben und sie wird denen, die in Ruhe gelassen werden wollen, nicht aufgezwungen. Im Gegensatz dazu ist Stalkerei völlig übergriffig, die Übergriffigkeit ist ja gerade der wichtigste Wesenzug des Hatens. Vielleicht liegt darin mit begründet, warum sich, um auf @holadihos Frage einzugehen, Gehate und Stalking massiver im Netz ausbreiten als Freundlichkeit.

Dazu kommt noch, dass Freundlichkeit oft als „der ist doch ein bisschen bekloppt“ wahrgenommen wird. Wer freundlich ist, dem wird oft unterstellt, er/sie blende negative Aspekte aus – oder schlimmer, sehe diese gar nicht erst. Wer „die unangenehmen Fragen“ stellt gilt als der/die Schlaue, wer das Haar in der Suppe findet, ist der rastlose Geist, der kraft seiner schier unendlichen intellektuellen Fähigkeiten den Sozialromantiker*innen und Blümchenverdufter*innen den verträumten Eierkopf gerade rückt.

Oder, wer freundlich ist, kann diese Freundlichkeit ja unmöglich ernst meinen. Es wird also ein Arg hinter der Freundlichkeit gewittert. Ich bin, wenn ich freundlich bin, also entweder bescheuert oder falsch.

Dabei ist Freundlichkeit meines Erachtens etwas sehr kraftvolles. Ich habe ja neulich schon mal über den freundlichen Bonner Busfahrer geschrieben, der mich mit seiner Art zu einem gutgelaunten Kollegen für meine Kolleg*innen auf der Arbeit gemacht hat. In dieser kleinen Geschichte musste ich selbst ja auch erst einzwei Stadien durchlaufen, ehe ich die Freundlichkeit als echt und als stärkendes Moment annehmen konnte. Und ich glaube, dass freundlich sein im Vergleich zum destruktiv sein sehr viel mehr Energie erfordert, ohne dass man sich darauf verlassen kann, dass der gewünschte Effekt auch tatsächlich eintritt. Nur weil ich freundlich bin, heißt das noch lange nicht, dass mein Gegenüber sich dadurch besser fühlt oder gar freundlich zurück ist. Im Sinne dessen, was ich mal in der Hundeschule gelernt habe – irgendsowas mit positiver Bestärkung – finde ich, dass wir vielleicht im Netz damit anfangen sollten, Freundlichkeit mehr zu honorieren.

Und manchmal habe ich den Eindruck, dass ich mich selbst viel zu fröhlich darstelle. Bei der SPD Beuel – immer alles super, D64 – die reine Weltrettungsmaschine, meine Familie und meine Kinder – wie aus dem Schmonzettenroman kurz vor dem Autounfall. Ist das blöd? Soll ich mehr davon berichten, wie die Kinder… äh… (mir fällt nichts ein, was ich „kritisch“ von den Kindern berichten könnte) – also wie die SPD Beuel ein mieses Kommunalwahlergebnis eingefahren hat? Oder wie D64 für mich erst seit der Superklausurtagung 2013 Fahrt aufgenommen hat und zu wenig Frauen unter den Mitgliedern hat? Oder soll ich berichten, wie wir versuchen, bei der SPD Beuel unser Profil zu schärfen und unsere Mitglieder besser einzubinden? Wie wir versuchen, D64 für Frauen interessanter zu machen?

Wie aber – und das ist ja nun die konkrete Frage von @dasnuf – begegnen wir Trollen/Hatern/destruktivenArschkrampen? Ein reines Ignorieren ist schwer bis unmöglich. Auf der diesjährigen FrOSCon habe ich einen Vortrag von Kristian Köhntopp gehört, der sich mit Flamewars aus Zeiten des Usenet beschäftigt hat. Er hat berichtet, dass Hater es umso schwerer hatten, je etablierter die „Marke“ bzw. der Name der/des Angegangenen war – es ist ungleich schwieriger, Sascha Lobo online ans Bein zu pinkeln als zum Beispiel mir. Vielleicht lässt sich daraus ableiten, dass wir – die sog. Unbeteiligten – dafür sorgen müssen, dass Angegangene ein stärkeres Standing haben. Das wäre ein klassisches „Schau hin! Greif ein!“. Aber das ist nicht so einfach, denn Hater schaffen es ja gerade, den/die Angegangene im Netz zu diskreditieren und somit uns sog. „Unbeteiligten“ das Bild der/des Angegangenen zu verfälschen und kaputt zu machen, so dass wir Schwierigkeiten haben, Gut und Böse zu unterscheiden. Erschwerend kommt hinzu, dass es Gut und Böse in Reinform nur in Amerika und in schlechter Literatur gibt.

Und da fällt mir noch was ein: In der TL beobachte ich immer wieder Szenen, in denen sich Leute gegenseitig zu stärken versuchen, wenn es mal jemandem schlecht geht. Ich glaube, dass das Netz und die Menschen darin heimlich ziemlich gut sind, aber eben – wegen des nichtübergriffigen Wesens der Freundlichkeit – nicht so stark wahrgenommen werden wie die krakeelenden Blackheads.

Das ist hier alles noch so wahnsinnig unvollständig, aber vielleicht sind ja ein paar Aspekte für Euch dabei, um das Thema weiter zu vertiefen, Ihr, die Ihr das freundliche Internet seid!

Ello

Lustig, mit Ello gibt’s endlich mal wieder einen neuen Versuch, eine Social Media Plattform zu starten. Und ich finde es spannend, weil es mich an meine ersten Schritte bei Twitter erinnert. Damals, vor sechs Millionen Jahren, betrat ich die Welt der sozialen Netzwerke und hörte zunächst einmal mehr zu als dass ich schrieb. Ich wusste nicht genau, wie das alles geht, was ein RT ist und was ein Fav (ok, das war aber schnell herausgefunden).

Jetzt bei Ello fühlt es sich so an, als seien ganz viele Bekannte aus einem Traum erwacht und würden nun, geblendet durch plötzliches Sonnenlicht, dort herumtapsen. Es gibt keine Favs. Es gibt keine RTs. Es gibt keine Replys. Es gibt nur Mentions. Alle sind unsicher. Das ganze Dingen ist beta, jeden Moment müsste der Failwhale wieder auftauchen (wann haben wir den eigentlich zuletzt bei Twitter gesehen?) Keine politischen Diskurse, keine politische Agitation, noch keine Shitstorms.

Wer einen Invite mag, melde sich irgendwie bei mir, ein paar hab ich noch.

Das Internet weiß alles und hat alles schon mal gehört

Gerade stolperte ich in der TL über den kleinen Tweet von @stecki:

Selbstverständlich muss es humm-nana humm-nana heißen, das ist ja völlig unstrittig. Aber nachdem ich mich versichert hatte, dass ich über die Sonos-Anlage nicht meinen, sondern @frau_rattes Spotify-Account versaue, hab ich mir den Song nochmal angehört. Während das also lief und ich weiter mit @stecki ein wenig hin und her twitterte, höre ich auf einmal „Schnitzelwagen“. Ich denk, wasdattenjetz, was sagt denn das Internet dazu, singt Herr Kaiser da Schnitzelwagen? Im Song konnte ich die Stelle so schnell nicht wieder finden, also mal quick reintippen bei Google und was kommt dabei heraus?

Das hier:

Ich lach mich kaputt. Ich kannte das echt vorher nicht. Und er singt echt Schnitzelwagen.

Follow Friday Empfehlungen

Heute ist ja #ff bei Twitter und ich finde, ich sollte mal wieder ein paar Twittererer*innenen lobhudeln. Folgt folgenden:

@huckhaas: Ganz oben auf der Liste, weil er so schön gebloggt hat zu die WM, die so schön hat geprickelt in unseren Bauchnäbeln (allesamt tiefliegend, aber sauber). Ein Mann mit Assoziationsfähigkeiten, die mir imponieren. Hab ihn sogar auf der letzten re:publica kennenlernen dürfen (keine Ahnung, ob er sich auch an mich erinnert, aber: ICH HAB DIE KOTELETTEN! SAG WAS ZU MEINER SCHUHMODE!)
Lest sein Blog!

@personaldebatte: Kenne ich nicht persönlich, verfügt aber wahrscheinlich über mehrererere Austauschgehirne, die durchgängig parallel arbeiten. Hat siebenzwanig Augen und neunhundert Ohren, die diese Gehirne speisen. Mixt das wie die 900 Watt Bosch in unserer Küche (rot und mit Chrom).

@leonidobusch: Der, der immer das schon gemacht hat, was ich hypothetisch vielleicht im nächsten Blogbeitrag mal andenken könnte, wenn ich gerade einen lichten Moment habe UND die Kinder schon im Bett sind. Hat außerdem mal gesagt, er möge meine D64-Ticker.

@placetogo: Heißt bürgerlich „Gelb wegen Meckern“, ist das nicht unglaublich? Hat öfter mal Haake Beck im Foto und hat vor Jahren mal was getwittert, was so sau cool gezeigt hat, dass Scheißegalness Superschlauness schon auf den ersten sechs Zentimetern alt aussehen lässt.

@ekelias: Hart. Hasst wahrscheinlich meine Partei, aber wer tut das nicht? Geht da hin, wo es weh tut, ich muss mir oft beim Lesen die Augen zu halten (aber dann kann ich nicht weiterlesen). Wenn der twittert, ertönen die Gerechtigkeitshymnen, aber in einer Version, die mich mit dem Fuß mitwippen lässt. Meistens finde ich seine Wortwahl nicht diplomatisch genug, aber Sozis hab ich ja genug um mich rum.

@tante: Eigentlich will ich seine Blogposts in jedem meiner D64-Ticker bringen, aber dann sind die immer schon von 1989. Scheint mir sowas wie ein Vordenker zu sein. Ist der einzige, dem ich zutraue, dass er bei „Bill und Ted“ in der Szene, wo der eine sagt „Wenn Du also mein böses Ich aus der Zukunft bist, dann müsstest Du ja auch sagen können, wie viele Finger ich jetzt gleich zeige“ und das böse andere Ich von dem dann sagt: „Drei“ und der zeigt dann drei Finger und ruft „Stimmt!“, sagt: „Mann, der hätte doch einfach was anderes als drei Finger zeigen müssen.“

@pickiHH: Nennt mich ganz oft „Prince of Twitter“ und „King of the web“ und wünscht mir einen guten Morgen. Hab ihr noch nie die Hand geschüttelt, ihr dafür aber die Daumen für was gedrückt, von dem ich nicht weiß, was es war und ob es sich am Ende ausgezahlt hat. Hat für mich Twitter seit ich dabei bin geprägt. Die große alte Dame des… äh… Twitterns.

@e13Kiki: Guckt immer so grimmig von ihrem Avatar und manchmal hab ich das Gefühl, dass sie mich, nähme sie mich ernst, der Sozialromantik und des Neoliberalismus gleichzeitig bezichtigen würde. Sieht sich gern als Korrektiv und hat, zumindest für mich, voll recht damit.

Abspann: Ihr wisst ja, dass Ihr darüber hinaus allen meinen anderen Lieblingen folgen müsst, also @frau_ratte, @katharinchen, @ion_tichy@mamamarischen, @holadiho, @horax, @_sibylle, @nico, @aetideopsis, @botnautzki, @kokolores70, @wasalski, @haetscher,  @ewakaludis@chilligonzales@queenblatifah, @pramesan, @stedtenh0pp1a, @zeilenkino, @rheinwaerts, @kommandomutti, @moellus, @maxheadroom, @alsowirklich, @claylob, @antonialoick UND! UND! natürlich dem @BVB. Wahrscheinlich habe ich ganz viele vergessen, seid nicht sauer, ich liebe ja eigentlich alle Menschen.

Das Zuckern von Gebratenem

Ist der Erfolg von Ketchup dem Umstand zu verdanken, dass das Zuckern von Gebratenem bis heute keine gesellschaftliche Anerkennung erfahren hat? Und hat umgekehrt der Erfolg des Ketchups den Anerkennungsprozess nicht entscheidend verlangsamt? Und wer – diese Frage muss an dieser Stelle erlaubt sein – profitiert eigentlich davon?

Beim Essen von Wurstbroten stellt sich ja die Frage, mit welcher Hand man das Brot und mit welcher das Smartphone hält. Eine erste Antwort lieferte mir meine Schwester (an dieser Stelle schnell ein #ff für @Aetideopsis):

https://twitter.com/Aetideopsis/status/473748567988129792

In dieser Form ist mir die Antwort jedoch zu pauschal, ich glaube, es kann keine einfache Antwort darauf geben, denn einfache Antworten werden den spezifischen Gegebenheiten eines jeden Brotes nicht gerecht. Was für ein Brot ist das, das ich da halte? Ist Ketchup drauf? Drohen Salat und Aufschnitt auf eben diesem Ketchup seitlich herauszurutschen? In welcher Situation ist das Ablegen des Brotes, in welcher das des Smartphones angemessen? Gibt es Brote, die gar mit Besteck zu essen sind (so wie es in der Generation meiner Eltern in Westfalen bis heute noch verbreitet ist)? Wohin mit dem Device in diesem Fall? Kein Wunder, dass es in der Generation meiner Eltern in Westfalen so viele Offliner gibt.

Zutaten: Tomatenmark, Rohrohrzucker, Branntweinessig, Meersalz
Zutaten: Tomatenmark, Rohrohrzucker, Branntweinessig, Meersalz

Aber wenden wir unseren Blick nun dem Spiegelei zu. Also dem Spiegelei auf Brot. Auch in meiner eigenen Generation – so lautet zumindest ein Ergebnis meiner empirischen Beobachtungen – werden derlei Brote nicht nur mit Ketchup, sondern vor allem auch vom Teller mit Messer und Gabel verspeist, das Device wird dabei neben dem Teller abgelegt und sporadisch mit dem abgespreizten kleinen Finger bedient. Schlimm ist dabei das ewige Sich-Abschalten des Bildschirms, was zu vielen Wachhalte-Stuppsen auf selbigen führt. Auch das Scrollen mit dem kleinen Finger, während man das Messer hält, kann noch nicht die finale Ausbaustufe des Always-On beim Spiegelei auf Brot essen bedeuten, ich verlange da einfach mehr von mir selbst und von der Gesellschaft.

Ich wage daher die Prognose: Der nächste Hice Shice wird die Portierung der Fähigkeiten von Smartphones auf handlos zu bedienende Devices und somit der Auflösung des Smartphones sein. Nur Ketchup, der bleibt, zumindest sehe ich keinerlei Anzeichen, dass das Zuckern von Gebratenem in absehbarer Zeit salonfähig würde.